Donnerstag, 31. Januar 2013

Umweltkatastrophe in Köln-Godorf


Bram Steenks, der Leiter der Ölraffinerie Köln-Godorf, zückte sich seine orange-rot gemusterte Krawatte zurecht. Sein anthrazitfarbenes Sakko schmiegte sich seicht über seinen Oberkörper. Fast schon unterwürfig und mit leicht niederländischem Akzent hatte er sich entschuldigt. Für den Störfall, den seine Shell-Raffinerie verursacht hatte. Die Fragen von 250 Bürgern hatte er abgearbeitet. Diese verließen den Sitzungssaal, um in die trübe Masse des Januartages nach draußen zu streben, wo der rote Kran des Rheinforums zu einem Denkmal erstarrt schien.

War es seine Entschuldigung, die die Bürger besänftigte ? Oder die Ansage, dass sein Shell-Konzern alles Menschen mögliche tat, um den Schaden zu begrenzen ? Oder überhaupt, dass er sich den Fragen der Bürger stellte ?

Ein  Glas Mineralwasser in der Hand, blickte er in die Runde. An dem Stehpult schien er wie festgefroren. Journalisten näherten sich, die es vorzogen, die eine oder andere Frage bilateral zu stellen. Es hätte schlimmer kommen können. Schließlich gab es seit März 2012 gleich mehrere Lecks in den Rohrsystemen. Auslaufende Ölrückstände aus dem Raffinierprozess hatten sich zu einer Umweltkatastrophe summiert, wie sie das Rheinland kaum jemals erlebt hatte. Das Unheil hatte in unterirdischen Rohrleitungen seinen Lauf genommen: die Ölrückstände hatten sich auf 42.000 Quadratmeter oder sechs Fußballfelder angesammelt. Mit Mühe und Not hatte Shell es geschafft, die Löcher in den Ölleitungen abzudichten. Nun sickerte die gefährliche Brühe fleißig ins Erdreich hinein.

Wut und Zorn der betroffenen Bürger waren nicht übergeschäumt. Die Diskussion konnte auf einer sachlichen Ebene gehalten werden. Er war nicht mit Eiern oder faulen Tomaten beworfen worden. Auf verbale Attacken konnte er dem Sachstand entsprechend antworten. Hasstiraden waren ausgeblieben.

Für die Bevölkerung besteht keine Gefahr, das war die Grundbotschaft. Gefahr für die Trinkwasserversorgung ? Keine, denn das Wasserwerk in Urfeld liegt meilenweit entfernt. Gefahr für den Rhein ? Die Ölmasse versickert vertikal und nicht horizontal. Gefahr bei Hochwasser ? Die Ölrückstände sind ausreichend weit vom Rhein entfernt. Was tut Shell ? Es wird abgepumpt, so weit es funktioniert. Alles Menschen mögliche wird getan, Tag und Nacht.

Keine Gefahr ? Egal, ob Chemie-Unfall, Großbrand, Explosion, Erdbeben oder andere Katastrophen; die Szenarien lassen sich gerne auf die Kernbotschaft reduzieren, dass für die Bevölkerung keine Gefahr besteht. Das hatten selbst die Manager von Tepco bei der Reaktorkatastrophe in Fukushima behauptet. Sie hätten alles im Griff.

Neben der Stellwand plauderten der Sachverständige des TÜV und der Vertreter der Stadt Köln, die ihren Teil der Fragen beantwortet hatten. Die Stuhlreihen mit den gepolsterten Sitzen waren bereits verlassen. Die Deckenstrahler, die zwischen der weiß gemaserten Holzdecke montiert waren, spendeten ein kräftiges, entschlossenes Licht, das auf das dezente Punktemuster des Teppichbodens fiel.

Wieso geht hier niemand auf die Barrikaden ? Die 42.000 Quadratmeter unterirdischer Ölrückstände entsprachen eine Million Liter Öl. Zwischen März und Dezember 2012 waren gleich mehrere Lecks aufgetreten. Das Öl enthielt auch Xylol, eine giftige Substanz. Rund zehn Jahre würde es dauern, das Öl aus dem Erdreich wieder heraus zu saugen. Das war kein Kleinkram und kein Kavaliersdelikt, sondern eine Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmasses .

Wieso geht niemand auf die Barrikaden ? Wenn ich als Bürger einen Ölwechsel mache und das Altöl in der Botanik entsorge, habe ich es gleich mit der Kriminalpolizei zu tun. Umweltdelikt, Straftatbestand, eine saftige Geldstrafe muss ich zahlen. Und eine Ölraffinerie ? Eine Geldstrafe oder Schadensersatzzahlungen, davon ist nichts bekannt. Der Regierungspräsident in Köln scheint im Tiefschlaf versunken zu sein.

Auch hier das umgekehrte Beispiel: wenn ich ein Haus bauen will, werde ich mit Bauvorschriften nur so gegängelt: Grundstückseingrenzungen, Abstand zum Nachbargrundstück, Dachneigung, Treppenhäuser, Brandschutz, wie Dachgaupen auszusehen haben und so weiter. Genau damit argumentiert der Regierungspräsident: die alten Rohrleitungen genießen Bestandsschutz, so dass keine Notwendigkeit besteht, diese baulich zu verändern. Gängelungen und Bevormundungen durch Vorschriften, wie jeder Häusle-Bauer sie kennt, gelten für Ölraffinierien nicht.

Wieso geht hier niemand auf die Barrikaden ? Als in den 80er Jahren aus den Chemieanlagen der Firma Höchst giftige Chemikalien ins Erdreich drangen, besetzte und blockierte die grüne Bewegung deren Anlagen in Frankfurt, was zu Produktionsausfällen führte. Gorleben, Occupy, Stuttgart 21: anderenorts protestieren die Menschen, sie lehnen sich gegen Autoritäten auf, sie haben eine Vision von einer besseren Welt, sie wollen Missstände verändern, sie ziehen andere Menschen an, die dasselbe wollen. Wieso nicht hier ?

Rund zwanzig Kilometer weiter östlich, haben Menschen es vor einer Woche geschafft zu protestieren. Dadurch haben sie ein Chaos angerichtet, an das sich manche Fluggäste noch lange zurückerinnern werden. Am Flughafen Köln/Bonn hatten Beschäftigte des Sicherheitsdienstes ihre Arbeit nieder gelegt, um damit gegen ihre zu schlechte Bezahlung zu protestieren. Unangekündigt, fiel ein Großteil der Flüge aus.

Es geht um die persönliche Betroffenheit. Mehr Geld auf der Gehaltsabrechnung, das ist für alle griffig, konkret und eine Wohltat. Von den 250 anwesenden Bürgern arbeiten viele in der umliegenden chemischen Industrie von Wesseling und Köln-Godorf. Würden sie die Produktionsanlagen blockieren oder zu einem Shell-Boykott aufrufen, würde sie sich in ihr eigenes Fleisch schneiden. Ihr Geld auf der Gehaltsabrechnung könnte dann gefährdet sein.

Alles aussitzen, das dürfte sich wahrscheinlich auch Bram Steenks gedacht haben. Journalisten waren ungefähr die einzigen, die nervten. Die Presse war penetrant und ließ nicht locker. Als er die Fragen beantwortet hatte, schritt er die Treppenstufe zu seinem Stehpult zurück. Er überflog den Handzettel, auf dem er sich Notizen gemacht hatte. Er stieß einen Seufzer aus, dass er diese heikle Mission hinter sich gebracht hatte.

„Wir müssen anders leben. Anders essen. Anders produzieren. Wir leben in einer blockierten Gesellschaft“ so hatte die Grünen-Politikerin Renate Künast in einer Rede 2010 gesagt. Damit hatte sich vielleicht den Kern der Wahrheit getroffen.

Kommentare:

  1. Hallo Dieter, ich persönlich bin der Meinung das es eine Frechheit ist zu behaupten, es bestehe keine Gefahr. Shell hat doch gewußt das eine Leitung defekt ist und hat Umweltverschmutzung billig in Kauf genommen.

    Tcha warum gehen die Menschen nicht auf die Starsse, sie haben Angst vor Arbeitslosigkeit denke ich.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  2. wieder toll geschrieben. Ich dachte erst - da beginnt er jetzt ... dein erster Roman. Und dann schlug auch schon die Realität zu.
    Ja - die Realität ist oft nicht zu begreifen.
    Renate Künast hat mit ihrer Aussage bestimmt recht - aber geht die Realität nicht in eine ganz andere Richtung?

    lieber Wochenendgruß von Heidi-Trollspecht

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  3. Hej Dieter,

    es ist die alte Geschichte:"der Mensch muss mit dem Rücken an der Wand stehen", erst dann geschieht etwas. Das Fatale hier: "Man sieht es nicht", die Katastrophe geschieht unterirdisch. Dem Mensch als "Augentier" fehlt hier der Zugang zu den Gefühlen, weil er nichts sieht. Der Verstand genügt nicht.
    Das ist der Grund, warum Proteste ausbleiben.

    nachdenkliche Grüße
    Beate

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  4. Ich sehe das genauso wie Beate. Die Katastrophe ist nicht so wirklich greifbar. Vielleicht geht es im Moment auch vielen wie mir und sie sind sehr viel mit sich selbst und der eigenen Situation beschäftigt und vertrauen darauf, dass alles gut wird.

    Aber seltsam ist es schon, dass man viel zu selten von dem Thema auch in den Medien hört.

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