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Freitag, 3. Juli 2015

Abrisswüste Niederkassel

Abrisswüste Niederkassel
Das Elend begann im Jahr 2008, als im drei Kilometer entfernten Stadtteil Ranzel ein Einkaufszentrum mit REWE, ALDI, LIDL, dm, Takko und Deichmann in die Landschaft gepflanzt wurde. Das Areal, in das drei bis vier Fußballplätze hineinpassen, zog nun Käuferscharen bis weit nach Porz oder Troisdorf an. „Negative Auswirkungen auf Versorgungsbereiche im Zentrum von Niederkassel sind nicht zu erwarten“ so urteilte vor Baubeginn eine Kölner Unternehmungsberatungsfirma, dessen Gutachten Bestandteil der Machbarkeitsstudie war.

Die Unternehmensberatungsfirma hatte sich mächtig geirrt, denn das Einkaufszentrum saugte wie ein Staubsauger die Einkaufsströme der Umgebung ab. Drei Kilometer weiter ereilte das Zentrum der Stadt Niederkassel nun ein bedrückendes Szenario, denn Geschäftsinhaber suchten das Weite, im Zentrum kehrte gähnende Leere ein. Eine Geisterzone mit verlassenen Ladenlokalen, heruntergelassenen Rolläden und einer zusammengebrochenen Grundversorgung breitete sich wie die Greifarme einer Krake im Herzen der Stadt aus. Metzger, Bäcker und all die kleinen Geschäfte verschwanden, nur ein EDEKA-Supermarkt überlebte.

Und es kam noch schlimmer. Die Idee reifte, im Stadtzentrum ein weiteres Einkaufszentrum zu bauen. Planung und Phantasie beflügelten die Größenordnung, die Stadtplaner taten sich mit einer Immobiliengruppe zusammen, die immer mehr Geschäftsinhaber mobilisierte, ihre Häuser zu verkaufen, die in sich zusammenhängend immerhin eine Fläche von ein bis zwei Fußballplätzen ergaben.

Perspektivlosigkeit in der Metzgerei
Nun klafft im Zentrum eine riesige Lücke, nachdem an die zehn bis zwölf Häuser abgerissen worden sind. Der Depression ist die Häßlichkeit gefolgt. Der Blick auf das Phantasiegebäude des Einkaufszentrums endet vor einem Bauzaun. In der Abrisswüste ist alles platt gemacht worden, Unkraut wuchert zwischen Sand und Kieselsteinen, an einer Häuserwand zeichnet nacktes Gemäuer den Umriss des abgerissenen Nachbarhauses.

Die Niederkasseler sehen das Einkaufszentrum gelassen. 8.000 Quadratmetern sollen bebaut werden, das ist rund ein Drittel der Fläche im drei Kilometer entfernten Einkaufszentrum in Ranzel. In drei Geschossen plus Staffelgeschoss soll der Gebäudekomplex in die Höhe wachsen. Ladenpassagen im Erdgeschoss, bestehend aus einem REWE-Markt, Drogeriemarkt, Reisebüro, Modeladen, Optiker, Apotheke, sollen Schluss machen mit dieser Geisterzone, die Geschosse darüber sollen vierzig Wohneinheiten und Büroräume beheimaten.

Wie gelassen die Niederkasseler das sehen, das belegen Reaktionen in Facebook. „Natürlich brauchen wir ein Einkaufszentrum in Niederkassel“, „sei doch froh, dass er (der Bürgermeister) endlich mal etwas gescheites hier aufbaut“, „sollen se das Ding einfach einfach da hin ballern und gut is“, dies sind einige der Reaktionen. Sprich: das Meinungsbild zweifelt nicht an der Notwendigkeit, zumal feststeht, dass der EDEKA-Supermarkt schließen wird und danach Totenstille einkehren wird, was die Einkaufsmöglichkeiten betrifft. 

Bauzaun
Der Blick auf die Abrisswüste Niederkassel wird allerdings noch eine Weile lang so bleiben, denn die Planungsverantwortlichen haben sich mit ihren Planungshorizonten verschätzt und ihnen scheint auch die Zeit davon zu rennen. Zuerst schoß ein Mieter quer, der in einem der abzureißenden Gebäude wohnte. Als ihm wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde, weigerte er sich auszuziehen. Schier endlos dauerte es, ihn heraus zu klagen. Da stellt sich zusätzlich die Frage, ob unser Rechtsstaat nur Handlanger ist, um letztlich Geschäftsinteressen zu dienen.

Ursprünglich sollte das baurechtliche Bebauungsplanverfahren im März 2014 angestoßen werden. Nun sind endlich vor einer Woche die Verträge unterschrieben worden – das war der Kaufvertrag des 8.000 Quadratmeter großen Areals und der städtebauliche Vertrag. Im Herbst diesen Jahres, also mit anderthalbjähriger Verzögerung, kann nun das Bebauungsplanverfahren eingetütet werden. Anfang 2016 sollen dann endlich Bagger aufmarschieren und mit ihren Bauarbeiten beginnen. Im Frühjahr 2017, wenn alles gut läuft,  könnte in der schönen neuen Einkaufswelt eingekauft werden.

Ich bin skeptisch. Die Stadt und die Investorengruppe waren sich bis kurz vor Toresschluss uneinig, ob die Verträge überhaupt unterschrieben werden sollten. Verhandelt wurde streng geheim hinter verschlossenen Türen. Man munkelt, dass es Differenzen über die Verkaufspreise einzelner Grundstücksinhaber gegeben habe. Ich kann mir auch vorstellen, dass Banken kritisch nachgefragt haben, denn die 12 Millionen Euro, die das Einkaufszentrum kosten soll, sind kein Pappenstiel. Dazu kommt der Kaufpreis für die 8.000 Quadratmeter Grundstücke, und von irgendwo her muss der zweistellige Millionenbetrag ja kommen.

Vor allem der REWE-Koloss im Einkaufszentrum muss die Kurve kriegen. Es gibt bereits einen REWE in dem anderen Einkaufszentrum, und wie der Zufall es will, haben die beiden REWE-Märkte denselben Besitzer. Dabei haben die Betreiber des neuen Einkaufszentrums die Herausforderung zu bewältigen, dass die Einkaufsströme – auch aus dem drei Kilometer entfernten Einkaufszentrum -  wieder in das Zentrum zurück gelenkt werden müssen.

ungastlicher Marktplatz
Delikat wird die Konstellation für REWE. Der Inhaber der beiden REWE-Märkte muss nämlich darauf achten, dass sich seine beiden Filialen nicht gegenseitig kannibalisieren. Sprich: die Käuferströme dürfen nicht alleine umgelenkt werden von dem einen REWE-Markt auf den anderen REWE-Markt. Schlimmstenfalls verteilt sich derselbe Umsatz nun auf zwei REWE-Märkte, während REWE auf den Kosten für den zweiten Supermarkt hängen bleibt. Sollte sich irgendwann REWE mit der größten Verkaufsfläche wieder zurückziehen, wäre dies fatal. Leerstände könnten den Businessplan kaputt rechnen. Und Leerstände gibt es auch an deren Ecken von Niederkassel genug. Wegen Leerständen wurden sogar Ladenlokale wieder zurück gebaut.

Ich bin skeptisch, weil das ganze Umfeld – trotz der Vision eines Einkaufszentrums – einfach unattraktiv ist. In der Stadtentwicklung hat sich Niederkassel rund um die Kirche St. Matthäus entwickelt, dessen romanischer Turm noch aus dem Mittelalter stammt. Gesiedelt wurde in Rheinnähe, und dort befinden sich auch die Wohlfühlzonen in dieser Stadt. Nicht am Marktplatz, der in seiner heutigen Lage erst später dran geflanscht wurde, vielleicht in der Wilhelminischen Epoche. Niemand hat sich Mühe gegeben, auf dem Marktplatz Wohlfühlzonen oder Verweilzonen zu etablieren. Der Marktplatz ist lieblos dahin geklatscht, nüchtern, kalt, abweisend, ungastlich und letztlich zum Parkraum verkommen. Entspannung kommt am Eiscafé auf dem Marktplatz kaum auf, wenn man auf parkende Autos schaut, karge Mauerwände und Poller, die die Durchfahrt von Verkehr zum Rathaus verhindern sollen.

Ich mutmaße, dass sich in diesem Umfeld das Einkaufszentrum schwer tun wird, aufzublühen. Aber möglicherweise haben die Verantwortlichen der Stadt noch einen Trick in der Hosentasche: sie schieben das Risiko von Leerständen auf den Steuerzahler ab. „Die städtebaulichen Fördermittel sind alle schon bewilligt“, das berichtete der Rhein-Sieg-Anzeiger am 23. Januar 2014. Also ist zu erwarten, dass der Steuerzahler solch ein Einkaufszentrum zu einem gewissen Teil subventioniert. Damit tue ich mich sehr schwer, zumal die Stadt Niederkassel an einer anderen Ecke unter ihrer Ausgabenlast stöhnt. Mit einer dreißigprozentigen Erhöhung der Grundsteuer hat sie die Hausbesitzer zuletzt ordentlich zur Kasse gebeten.

Samstag, 4. April 2015

Hochhaussprengung

Kaiserbau Troisdorf 1999, Quelle Wikipedia
Ungelenk, abgestumpft, leidenschaftslos war es sechzehn Jahre lang so etwas wie das Wahrzeichen von Troisdorf. In historischen Altstädten sind es oft Türme , Zinnen und Stadttore, die zu einem inneren Kern einer Stadt hinführen. Wenn man sich Troisdorf über die Flughafenautobahn A59 näherte, dann schraubte sich sechzehn Jahre lang ein Denkmal der ganz besonderen Art in die Höhe. Spröde und beiläufig, fiel der Blick über die Lärmschutzwand auf den Rohbau eines achtzehnstöckigen Hochhauses. Fertigbauteile, die sich wie Streichholzschalten aufeinander stapelten, wuchsen zu einem Denkmal in die Höhe, so prägnant wie ein Turm mit Zinnen vor den Toren von Troisdorf und einer nicht-mittelalterlichen Stadt.

Die Pläne klangen hoch trabend. Ein Airport-Luxus-Hotel in nie dagewesenen Dimensionen sollte entstehen, komplett verglast,  Restaurantbetrieb rund um die Uhr, eine Bar mit Tanzfläche, Kosmetik-, Friseur-, Juwelier-, Drogerie-, Mode-, Tabak- und Zeitungsläden, Tennisplätze, Minigolfanlage, Joggingpfade, ein Swimmingpool auf dem Dach – mit eintausendzweihundert Betten hätte das zweitgrößte Hotel in der damaligen Republik gebaut werden sollen.

34.000 Quadratmeter, das sind sechs Fußballplätze, solch ein Grundstück, direkt an der Autobahn A59 gelegen, kaufte der Kölner Bauunternehmer Franz Kaiser. Das war 1970. Danach vergingen vier Jahre, bis die Baugenehmigung erteilt wurde, danach legten sich Planer und Bauarbeiter mächtig ins Zeug. In dreizehn Monaten stand der Rohbau. Doch dann war Schluß, als die Stadt Troisdorf an der Reihe war, Leistungen zu erbringen. Die Zufahrtsstraße sollte ausgebaut werden, das Hotel sollte an das Kanalnetz angeschlossen werden, ein nahegelegener Baggersee sollte renaturiert werden. Nachdem sich nichts tat und Zusagen der Stadt Troisdorf nicht eingehalten wurden, kündigten die Planer und die Baufirma den Vertrag. Nichts ging mehr, die Parteien stritten sich ohne Ende, so dass sich die Gerichte mit dem Fall befassten. Seitdem klammerte sich die Ruine des achtzehnstöckigen Hochhauses zwischen Getreidefeldern und wurde, benannt nach ihrem Bauunternehmer, als „Kaiserbau“ im gesamten Rheinland bekannt.

Erst 1992, als der Bundesgerichtshof die Streitigkeiten für beendet erklärte, konnte die Fläche wieder genutzt werden. Dort sollte ein Gewerbegebiet entstehen. Da die Bausubstanz der Hochhausruine verwittert war, sollte diese gesprengt werden.

Bis zum Jahr 2001 sollte es dauern, bis die Sprengung durchgeführt wurde. Die Schaulustigen, zu denen ich mich gesellte, drängelten sich bis zum rot-weißen Absperrband. Die äußeren Bedingungen waren optimal, denn in den Vormittagsstunden eines sonnigen Maitages regte sich kaum Wind. Die Anspannung auf diesen einzigen Moment, auf den sich alles konzentrierte, war enorm. Die Sprengung umfasste nicht einmal eine Minute, und wie auf einem Uhrwerk setzte Zündstufe auf Zündstufe mechanisch aufeinander auf. Spontaner Beifall wurde geklatscht, nachdem Berge von Beton punktgenau in sich zusammen gesackt waren. Wie ein feuerspeiender Drachen, wälzte sich im Anschluss eine Staubwolke vorwärts und hüllte all diejenigen ein, die der Absperrung zu nahe gekommen waren.


Die Chancen stehen gut, dass sich die Ereignisse vom Mai 2001 aus Troisdorf in Bonn wiederholen werden, wenngleich der Fall anders gelagert ist. Dort ist die Adresse des Bonn-Centers „Am Bundeskanzlerplatz“ nobel. Der Ort ist geschichtsträchtig. Nach seiner Eröffnung am 25. November 1969 beherbergte das Bonn-Center ein Hotel mit 300 Betten, in dem diverse Staatsgäste übernachteten. Vier Botschaften waren während der Bonner Hauptstadtzeit untergebracht, Fernsehstudios, internationale Nachrichtenagenturen. Ab Mitte der 1980er bis Ende der 1990er Jahre hatte sich dort das Informationsbüro des Europäischen Parlaments eingenistet. Der Niedergang kam nicht mit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin, sondern mit dem Auszug der Deutschen Post. Dies geschah 2011, und seitdem stehen drei Viertel des Gebäudes leer.

Was tun ? Der Leerstand klingt etwas merkwürdig, da Büroraum ansonsten hängeringend gesucht wird. Anders wie bei Wohnraum, ist die Bereitstellung von Büroraum ein seltsames Gemisch aus einer Bausubstanz, die wie aus dem Nichts schnellst möglichst aus dem Boden gestampft werden soll, aus Nutzern, die ihre Vorstellungen, wie der Büroraum auszusehen hat, präzise und genau formulieren, aus  Architekten, die sich profilieren wollen und nach höheren Segnungen von Architekturpreisen streben, und der unabhängigen Position der Verantwortlichen der Stadt, die sich aber nur herum gezerrt fühlen von den übrigen Beteiligten.

Bonn-Center
Je höher die Bürotürme wachsen, um so mehr erschreckt, wie kurzlebig die Bausubstanz ist. All die Bauten aus den 1970er Jahren kommen nun in die Zeit, dass saniert werden muss. „Das Objekt befindet sich in keinem nachhaltigen Zustand – von diversen Brandschutzaspekten bis zu baulichen Mängeln“, so urteilten Gutachter über das Bonn-Center. Die Bausubstanz ist anscheinend so schlecht, dass es sich nicht lohnt, über all die sechzehn Stockwerke hinweg zu entkernen und von Grund auf zu sanieren.

Weg zu sprengen und neu zu bauen, das sieht gar nicht einmal abwegig aus. In der vorletzten Woche wuchsen Ideen, ein neues Hochhaus zu bauen mit einer Bürofläche von 60.000 Quadratmetern, die fast doppelt so hoch wie das Bonn-Center ist. Das könnte sich rechnen. Die Lebenszyklen verkürzen sich enorm bei Büroflächen. Dass langlebig und ökologisch gebaut wird, daran denkt offensichtlich niemand. Auch anderenorts wird weggesprengt. 2004 wurde das Sparkassengebäude in Hagen, gerade einmal 29 Jahre alt und 98 Meter hoch, weggesprengt. Den Uni-Turm in Frankfurt, 116 Meter hoch, 42 Jahre alt, ereilte 2004 dasselbe Schicksal. Das Iduna-Hochhaus in Hamburg am Millerntor, Asbest-verseucht, 1995 weggesprengt, schaffte es auf 30 Jahre. Weggesprengt wurde auch das Agfa-Hochhaus in München 2008, es wurde immerhin 49 Jahre alt, was schon etwas traurig stimmt, wenn dies das Maß aller Dinge sein soll, was die Nutzungsdauer von Büroimmobilien betrifft.

Troisdorf läßt grüßen. Noch wird über das Bonn-Center diskutiert, wobei die Konzepte von Abriss und Hochhausneubau gerade drei Wochen alt sind. Die Sprengung wird aber nicht mit Troisdorf vergleichbar sein. Troisdorf lag im freien Feld, während Wohngebiete und die Bahnlinie nach Koblenz am Bonn-Center viel näher dran liegen. Es kursierte ein Abrisstermin im Juni 2016. In Troisdorf habe ich die Präzision bewundert, wie zielgenau die Gebäudeteile zusammen stürzten. Wenn es so kommt, wird in Bonn das Können der verantwortlichen Sprengmeister extrem gefordert sein. Dieses Event wird im Bonner Raum sicherlich Kreise ziehen.

Und es bleiben Fragen offen, die die Gemüter der Stadt erregen: Was wird aus dem Pantheon, dem Kabarett, das im Keller gastiert ? Was wird aus dem Mercedes-Stern, der, sich unablässig drehend, ein Zeichen weit über den Bundeskanzlerplatz hinaus setzt ? Lösungen werden sich bestimmt finden ….

Dienstag, 31. März 2015

Troisdorf - Neubau der Umgehungsstraßen K29n und EL332

Baustellenschild K29n
Der Ortseingang von Eschmar dämpft die Geschwindigkeit, in einer satten Kurve links vorbei am Bauernhof „Himmel und Erde“, dann 30er-Zone. Der Fahrradweg, aufgemalt als gestrichelte Linie auf der Fahrbahn, dann blockieren Linksabbieger zum Krankenhaus die Weiterfahrt.  Aral-Tankstelle, dann abbiegende Vorfahrt, einmal links, einmal rechts, die Ampel an der Apotheke an der Ecke ist der nächst potenzielle Wartepunkt. Dann der Kreisverkehr an der RSVG, der einen in ein regelrechtes Schleudertrauma versetzen kann, der Friedhof an der Ecke, die nächste Ampel, Feuerwache, Hilton-Hotel, ab der Autobahnauffahrt auf die A59 geht es nun etwas flüssiger nach Troisdorf, ohne störende Ampeln, auf dem gut ausgebauten Innenstadtzubringer.

Wer über die Stadtteile Eschmar und Sieglar nach Troisdorf hinein gelangen möchte, der muss Geduld mitbringen. Auto reiht sich an Auto, Stoßstange an Stoßstange, die einzige Durchgangsstraße leidet an Dauerverstopfung. Seit rund 40 Jahren begehrt eine Bürgerinitative auf gegen Verkehrslärm, Autoabgase und Dauerstau. Seit rund 40 Jahren gibt es ein Konzept zum Bau einer Umgehungsstraße und seit rund 40 Jahren beweist die gute deutsche Bürokratie, dass kaum jemand all das Planungschaos überblickt. Seitdem sind die Wortführer der Bürgerinitiative alt geworden, man fühlt sich verschaukelt, belogen, betrogen in Troisdorf-Eschmar und Sieglar. Es muss um 1975 gewesen sein, als die Planungen einer Umgehungsstraße aufgenommen wurden. Bei Umgehungsstraßen, genauso bei Bahnlinien, Flughäfen, Kraftwerken oder Binnenhäfen ist ein sogenanntes Planfeststellungsverfahren durchzuführen, in dem die Belange der betroffenen Bürger unter die juristische Lupe genommen werden.

Anfang der 1980er Jahre wurde ein solches Planfeststellungsverfahren beschlossen, es wurde aber 1988 wieder aufgehoben, da die Trasse zu dicht an Wohngebieten vorbei führte. Also durfte erneut geplant werden. In einem zweiten Planungsfeststellungsverfahren wurde die Trasse von den Wohngebieten weiter weg geschoben. Dabei gingen die Planungsschritte ungefähr im Zehnjahresrhythmus weiter. Für die Prüfung von sieben Varianten des Straßenverkaufs brauchten die Planungsverantwortlichen sieben Jahre. Das eigentliche Planfeststellungsverfahren, in dem das öffentliche Interesse der Umgehungsstraße festgestellt wurde, in dem Grundstückeigentümer angehört wurden, in dem eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt wurde, und in dem schlussendlich Felder von Bauern enteignet werden konnten, beanspruchte weitere dreizehn Jahre, so dass 2008 das zweite Planfeststellungsverfahren beendet war.

Landkarte: K29n (blau) und EL332 (grün)
Es ist nur ein kleiner Schritt, aber nun hat sich nach 40 Planungsjahren sichtlich etwas bewegt. Eher zufällig, spulte ich auf meiner Rennradtour die letzten Kilometer durch Wohngebiete in Troisdorf-Sieglar herunter. Eine Baustelle zwang mich dazu, rechts abzubiegen, erste Blütenteppiche aus Krokussen, Narzissen und Hyzinthen sammelten sich in den Vorgärten, Einfamilienhäuser mit Grün und umliegenden Gärten atmeten Freiheit. Schüchtern schob sich das eine oder andere Auto durch die menschenleere Straße. Dann wieder links, ruckelte ich über den Bürgersteig, der gerade Strich des Fahrradwegs endete im Nichts der nächsten Baustelle. Vor Troisdorf-Kriegsdorf hatte das Straßenband einer Umgehungsstraße konkrete Gestalt angenommen.

Ich stieß auf einen halbfertigen Kreisverkehr, der noch in den Stadtteil Kriegsdorf hineinführte, aber bald einen Bogen um diesen Stadtteil schlagen sollte. Ich las auf dem Baustellenschild „Neubau der Umgehungsstraße K29n, Bauzeit 110 Werktage“. Es ging also doch, dachte ich vor mir her. Der Asphalt schimmerte in der Frühlingssonne, rot-weiße Warnbaken sperrten die gelbe Straßenmarkierung ab. Arbeiter verirrten sich zwischen einem Dixi-Klo und grünen Baustellencontainern. Wie die Beine von Insekten, staksten die Masten der Straßenbeleuchtung, noch ohne Licht, in die Höhe. Obschon nun ganz offensichtlich ist, dass gebaut wird, haben sich dennoch die Gemüter erregt. Die Planungsverantwortlichen haben die Baumaßnahme nämlich in zwei Abschnitte aufgeteilt: die Umgehungsstraße von Kriegsdorf, das ist die K29n im ersten Bauabschnitt, und der Umgehungsstraße EL332 von Troisdorf-Eschmar und Sieglar im zweiten Bauabschnitt. Die Umgehungsstraßen machen nur Sinn, wenn sie beide gebaut werden, denn sonst verstopft all der Autoverkehr wie gehabt die Troisdorfer Stadtteile Sieglar und Eschmar.

Wenn die Bewohner Glück haben, könnte sich auch in Richtung Sieglar und Eschmar etwas tun. Denn dort, wo der Fahrradweg durch die Felder gesperrt ist, schieben sich nun Baukräne und Erdhaufen ins Blickfeld. Wird dort die Umgehungsstraße weiter gebaut ? So richtig weiß es niemand. Zu oft ist die Landesregierung mit einer Ja-Aber-Strategie ins Feld gezogen. Einerseits befürwortet sie den Bau, andererseits hält sie sich mit nebulösen Floskeln bedeckt.

Baukräne über den Feldern: wird dort weiter an der EL332 gebaut ?
Nach dem Planfeststellungsbeschluss von 2008 ist die Lage zum absurden Theater geworden. Obschon verfassungsrechtliche Fragen in dreizehn Jahren Planfeststellungsverfahren eigentlich hätten entschieden werden müssen, wurde fleißig weiter geklagt. Erst vor dem Kölner Verwaltungsgericht, dann vor dem Landesverfassungsgericht in Münster. Und wie so oft bei öffentlichen Vorhaben, haperte es am Geld.

Dieses ökonomische Verteilungsproblem knapper Finanzen ist für die Verkehrsplaner das Kernproblem, wobei dies nicht immer nachvollziehbar ist, wenn man etwa darauf schaut, wieviel Mineralölsteuer der Staat beim Tanken einkassiert. Dabei muss nicht nur das Straßennetz, sondern auch das Schienennetz, das Wasserstraßennetz oder auch das Radwegnetz geplant werden. Marode Rheinbrücken, der Ausbau der S-Bahn-Linie 13 nach Bonn-Oberkassel, die Lärmbelästigung durch den Güterverkehr auf der Rheinschiene: zu viele Themen mit einer hohen Dringlichkeitsstufe schießen quer, so dass die Verteilung des Verkehrsetats einem Jonglieren auf einem Drahtseil mit unendlich vielen Keulen gleicht.

Speziell, was Umgehungsstraßen betrifft, war die Entscheidung der rot-grünen Landesregierung in NRW fatal, Gelder von Neubaumaßnahmen zur Sanierung des vorhandenen Straßennetzes umzuschichten. Dies macht hochgradig Sinn, denn niemand will an anderer Stelle über Rumpelpisten von Schlaglöchern fahren.

Spätestens seit dieser Entscheidung, das war 2010, wurde die Brechstange ausgepackt. Manche Bürger protestierten vor dem Troisdorfer Rathaus, andere Bürger klagten vor dem Verwaltungsgericht auf Anordnung der sofortigen Vollziehbarkeit des Planfeststellungsbeschlusses aus dem Jahr 2008. Alle, die etwas zu sagen hatten, schrieben sich die Hände wund. Die Bürgerinitiative an den Regionalrat der Bezirksregierung, der SPD-Bürgermeister an die Verkehrskommission der Kölner Regierungspräsidenten, die CDU des Stadtrats Troisdorf an den Fraktionsvorsitzenden der CDU in der Landesregierung NRW, der Bürgermeister an Hannelore Kraft, die Bürgerinitiative an den Verkehrsminister des Landes NRW, die Grünen richteten einen Dringlichkeitsappell an das Land NRW. Es wurde auch persönlich miteinander gesprochen: der Troisdorfer Bürgermeister schaffte es, beim parlamentarischen Staatssekretär im Verkehrsministerium des Landes NRW vorzusprechen. Derweil dürfte sich dieser Papierberg bei Hannelore Kraft & Co in Düsseldorf turmhoch stapeln. Ob dieser Papierberg jemals gelesen wird, erscheint fraglich, da den Verantwortlichen wegen des ökonomischen Verteilungsproblems ohnehin die Hände gebunden sind.

neue Verkehrstrasse der K29n
Immerhin haben all diese Schreiben insofern geholfen, dass 2,6 Millionen Euro für die Umgehungsstraße K29n bereitgestellt wurden. Anscheinend sind 1,5 Millionen Euro für die Fortführung der EL332 eingeplant, die dann nach mehr als 40 Planungsjahren die Sieglarer und Eschmarer Bürger von Verkehrslärm, Abgasen und Dauerstau befreien könnten. Weitergehende Fragen lässt die Landesregierung in NRW aber offen: einerseits ist die EL332 in den Landesstraßenausbauplan mit der Dringlichkeitsstufe 1 eingeplant, andererseits werden die dazugehörigen Straßenbauvorhaben je nach Verfügbarkeit von Haushaltsmitteln in den Folgejahren abgearbeitet. Überspitzt formuliert, stellt sich die Frage, in wieviel Jahrzehnten denn die Umgehungsstraße EL332 kommen wird. Die Planungszyklen nähern sich dem Bau von Kathedralen, mit einem Straßenbauwerk als Endergebnis, dessen Form und Gestalt niemals an eine Kathedrale heran reichen kann.

Jedesmal, wenn ich ungefähr im Schritttempo durch Troisdorf-Eschmar und Sieglar tuckere, im Stop-and-go-Rhythmus vorwärts komme und schön darauf achte, dass ich in der 30er-Zone die Geschwindigkeit nicht überschreite, denke ich an die heimischen Verkehrskonzepte, die nur Stückwerk sind und in dessen Nirwana alle den Überblick verloren haben.

Wenn ich an ein bestimmtes Vorhaben denke, zwanzig Kilometer weiter südlich am Rande des Siebengebirges gelegen, dann steigt in mir die Wut hoch. Dort liegt der Fall genau umgekehrt wie bei der EL332 in Troisdorf: den Ennertaufstieg, der quer durch das Siebengebirge führt, wollen ein paar Autofahrer, während die Umweltschützer Sturm laufen gegen die Verlängerung der Autobahn A562. Im Bundesverkehrswegeplan scheint es kein ökonomisches Verteilungsproblem zu geben. Gelder sind eingestellt. Im Ennertaufstieg sammelt sich all die Schizophrenie unserer Verkehrsplanung. 

Sonntag, 25. Januar 2015

Zivilcourage

Burkan Ilhan; Quelle Facebook
Als Burkan Ilhan zum Fenster hinaus schaute, konnte er die Hilferufe lokalisieren. Der 22-jährige half seinem Vater gerade beim Renovieren der Mietwohnung in Köln-Bocklemünd. Es war ein Familienvater mit Sohn, der mehreren Schlägertypen gegenüberstand und mit seinen Rufen um Hilfe rang. Burkan sah auf dem Rasen vor seinem Wohnblock die Horde von Typen, dunkel gekleidet, die die beiden umzingelt hatten. Ihre grimmigen Gesichter verhießen nichts Gutes. Auf den Straßen spazierte niemand, und selbst wenn sich jemand nach draußen getraut hätte, hätte er einen weiten Bogen um die gruselige Szene gemacht. Die Hilferufe erstarrten zwischen viergeschossigen Wohnblocks. Der Himmel war so stumpf wie die Flachdächer, die auf den Wohnblocks lasteten. Die Kante vom Rasen zum Bürgersteig war so messerscharf wie die bedrohliche Szene.

Bruder, Vater und er, sie eilten nach draußen, um diesen Pulk von Schlägertypen zu verjagen, was ihnen auch gelang. Aber Burkan war einen Tick zu selbstsicher, was ihm beinahe das Leben kostete. Eine Nachbarin bot an, die Polizei zu holen, doch er lehnte ab. Schließlich kamen die zehn bis fünfzehn Schlägertypen zurück. Mit Messern und Böllern bis an die Zähne bewaffnet, droschen sie auf ihn ein. Ein Metallpfosten traf seinen Kopf, Burkan wurde bewußtlos. Die Schlägertypen verschwanden, als Passanten vorbei kamen, und im Krankenhaus wachte Burkan wieder auf.

Schwer verletzt hatte Burkan überlebt, nachdem die Ärzte um sein Leben gerungen hatten. Der Metallpfosten hatte seinen Schädel zertrümmert, und die Ärzte hatten die inneren Blutungen stoppen können, indem sie mit einer Stahlplatte die Schädeldecke fixiert hatten. Nach einer Woche war Burkans Gesundheitszustand stabil und er war außer Lebensgefahr.

Die Situation dürfte uns alle erschrecken. Können wir uns in Stadtteilen wie Köln-Bocklemünd noch ungefährdet auf die Straße wagen ? Regiert dort, angestachelt durch die Gewalt und Exzesse anderenorts, das Faustrecht und der Mob von Schlägern am helllichten Tag ? Da die Mietwohnungen in Köln-Bocklemünd denjenigen ähneln in Köln-Porz, Köln-Deutz oder Köln-Gremberghoven, wo ich mich oberflächlich auskenne, hätte ich Bocklemünd niemals für ein Problemviertel gehalten. Derartige Situationen sind nicht mehr einschätzbar. So auch geschehen im Jahr 2007, als vier Jugendliche im Alter von 18 und 19 Jahren einen Familienvater im Beisein seiner vier Kinder krankenhausreif schlugen, nachdem dieser an Weiberfastnacht von einer Karnevalssitzung in Köln-Ostheim zurückkehrte.

Solche Situationen sind mir erspart geblieben, glücklicherweise, dass ich entscheiden musste zwischen Zivilcourage und Wegschauen. Vor Menschen wie Burkan ziehe ich meinen Hut und ich schulde ihm meine Hochachtung. Ich muss zugeben, wahrscheinlich hätte ich weggeschaut, indem ich mir auf einer logischen Ebene zurecht konstruiert hätte, dass alles gut wird, dass keinerlei Gefahr besteht, dass die Situation nicht so schlimm ist oder dass andere höhere Zufälle alles richten werden. Und damit hätte ich wahrscheinlich auch nicht alleine gestanden, denn mit der Anonymität unserer Gesellschaft schwindet auch die Verantwortung oder die Fähigkeit zur Empathie. Das ist das Einfühlungsvermögen, sich in einen anderen Menschen hinein versetzen zu können. Diese Defizite wurden in Experimenten mehrfach bewiesen. In Fußgängerzonen wurden Belästigungen und Übergriffen simuliert, die wie echt aussahen. Sehr viele Passanten gingen vorbei und schauten weg, bis endlich jemand den Mut fasste und dem entgegentrat. Zivilcourage ist selten und edel. Leider gibt es auch Beispiele von Menschen, die Zivilcourage bewiesen haben und dafür ihr Leben lassen mussten. So Dominik Brunner, als er sich 2009 in einer Münchener S-Bahn drei Jugendlichen entgegenstellte und später mit 22 Schlägen und Fußtritten zu Tode getreten wurde.

Als Burkans Gesundheitszustand stabil war, durfte er sich als Held fühlen. Zurecht. Er lächelte zuversichtlich. Sein schwarzer Vollbart kontrastierte mit dem weißen Verband auf seinem Kopf, der seinen Schädel überragte. Unaufhörlich sprach er in die Fernsehkameras, als stecke er voller Botschaften. Sein Verhalten habe Sinn gemacht, weil es einem guten Zweck gedient habe. Er würde immer wieder so handeln. Sein Handeln sei richtig und ein kleiner Schritt für die Menschheit. Und er hätte auch keine Angst gehabt. Sein Bruder bescheinigte ihm Fröhlichkeit und Härte. Allesamt waren sie glücklich, dass er überlebt hatte.

Ganz, ganz viele Burkan Ilhans braucht unser Land.

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Lohnprellerei in Köln-Ehrenfeld ... und das Weihnachtsfest steht für sechs portugiesische Bauarbeiter auf der Kippe

Sa Ferreiro e Sousa, der Bauarbeiter aus Portugal, verzieht grimmig sein Gesicht. Er ist sprachlos, senkt seinen Kopf zur Erde, die pechschwarze Farbe seiner Schirmmütze passt zu seiner Stimmung. Dann ringt er um Fassung, dreht seinen Kopf weg, sein braungebranntes Gesicht fällt in sich zusammen, während seine silberumrandete Brille einen Rest von Stolz behauptet und aufrecht sitzt auf seiner sauber rasierten Gesichtspartie. Schließlich kocht er vor Wut, als er auf seinem Smartphone Fotos von seiner Frau und seinem kleinen Sohn zeigt, die ihm eng umarmt entgegen lächeln.

Heraus aus Portugal, mit seinen 16% Arbeitslosigkeit und 40% Jugendarbeitslosigkeit, hatte er eine Perspektive gesucht. So war er als Zimmermann mit anderen Bauarbeitern aus Portugal auf dieser Baustelle in Köln-Ehrenfeld gelandet, wo auf dem Gelände eines Möbelhauses, das abgerissen worden war, nun 179 Mietwohnungen gebaut werden, dazu 13 Mehrfamilienhäuser und 158 Tiefgaragenstellplätze. Sa Ferreiro e Sousa erzählt, dass er seine Ehefrau und seine beiden Kinder zurückgelassen hat, um eine Perspektive in Deutschland zu finden. Zwei Monatsmieten konnte er inzwischen in Portugal nicht bezahlen.

Und dann diese Katastrophe.

Die Konstruktion über Sub-sub-Unternehmer, im Baugewerbe nicht ungewöhnlich, wurde ihm zum Verhängnis. Die Baufirma Depenbrock in Westfalen hatte als Generalunternehmer den Zuschlag für dieses Großbauvorhaben bekommen. Als Generalunternehmer teilte sie nun alle nötigen Arbeiten in Gewerke auf, die sie entweder selbst übernahm oder andere Auftragnehmer suchte. Der Auftragnehmer aus Düsseldorf, der dann die Zimmerarbeiten übernahm, bediente sich einer Leiharbeitsfirma. Dabei ist es im Rahmen der EU-Gesetzgebung prinzipiell egal, in welchem EU-Land der Sitz der Leiharbeiterfirma ist.

„Virominho II – Construcao e Reabilitacao de Edificios“ so heißt die Leiharbeitsfirma aus Portugal, bei der die Arbeiter aus Portugal einen Arbeitsvertrag unterschrieben hatten. Diese Leiharbeitsfirma mit Firmensitz in Porto hatte die sechs Portugiesen auf die Baustelle nach Köln-Ehrenfeld vermittelt, wo sie für den Auftragnehmer aus Düsseldorf arbeiteten. Nun trotten sie an der Baustelle vorbei. Der Rohbau wächst, Baugerüste türmen sich in die Höhe, Baukräne beobachten aus luftiger Höhe das Geschehen.  „Wohnen im Venator-Park – Ein Projekt der AVI GmbH“ – viel verheißend lockt die Fotomontage einer durch Baumreihen aufgelockerten Fassade Mietinteressenten und potenzielle Hausbesitzer.

Seit Oktober haben die sechs Portugiesen keinen Arbeitslohn mehr erhalten.

Sa Ferreiro e Sousa hatte die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt über diesen Mißstand informiert. Die ausstehenden Lohnzahlungen beziffern die portugiesischen Bauarbeiter auf mehrere Tausend Euro je Arbeiter. Die „Virominho II – Construcao e Reabilitacao de Edificios“ hat sich in ein Nichts aufgelöst und ist in Portugal nicht mehr erreichbar, Ansprechpartner stehen nicht mehr zur Verfügung. Die portugiesischen Bauarbeiter graben ihre Hände in ihre Hosentaschen ein und blicken ungläubig durch das viereckige Drahtgeflecht des Bauzauns hindurch. Ihre Arbeiten mussten sie zwangsläufig einstellen.

Der Auftragnehmer aus Düsseldorf hat die Zusammenarbeit mit der portugiesischen Leiharbeitsfirma gekündigt. Doch damit ist den betroffenen Arbeitern nicht geholfen, denn weder der Auftragnehmer aus Düsseldorf, noch der Generalunternehmer aus Westfalen sind vertraglich verpflichtet, den ausstehenden Lohn zu zahlen. Gleichwohl prüfen sie, diesen aus ihrer eigenen Kasse zu zahlen. Den Lohn müsste eigentlich die Leiharbeitsfirma aus Portugal zahlen.

Moderne Sklaverei, so nennt dies der Verantwortliche der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt. In Zeiten boomender Wirtschaft zieht die Baubranche Wanderarbeiter aus aller Herren Länder an, nicht nur aus den strukturschwachen Gegenden Europas, sondern sogar aus aller Welt. Von außen aus betrachtet, mag es auf solch einer Großbaustelle wie in einem Taubenschlag zugehen, wobei es an ein Wunder zu grenzen scheint, dass alle Arbeiten koordiniert werden und irgendwann ein fertiges Gesamtwerk entsteht. Ausgeliehen und wie eine Sache behandelt, ausgegrenzt von den Bauarbeitern der Stammfirma, gefeuert mit dem Ende des Bauvorhabens, in einer Abwärtsspirale des Lohnniveaus, hat diese Form des Menschenhandels einen Hauch von Sklaverei.

Um ihren Lohn geprellt, steht nun das Weihnachtsfest auf der Kippe. Um zu ihren Familien nach Portugal zu fahren, fehlt ihnen das Geld. Nachdem das WDR-Fernsehen über die portugiesischen Bauarbeiter berichtet hat, hat eine wahre Spendenwelle eingesetzt, um ihnen das Weihnachtsfest bei ihren Familien in ihrer Heimat zu ermöglichen. Schließlich ist es ein Spender aus Eitorf an der Sieg gewesen, der das Weihnachtsfest mit seiner Spende gerettet hat.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Umweltkatastrophe in Köln-Godorf


Bram Steenks, der Leiter der Ölraffinerie Köln-Godorf, zückte sich seine orange-rot gemusterte Krawatte zurecht. Sein anthrazitfarbenes Sakko schmiegte sich seicht über seinen Oberkörper. Fast schon unterwürfig und mit leicht niederländischem Akzent hatte er sich entschuldigt. Für den Störfall, den seine Shell-Raffinerie verursacht hatte. Die Fragen von 250 Bürgern hatte er abgearbeitet. Diese verließen den Sitzungssaal, um in die trübe Masse des Januartages nach draußen zu streben, wo der rote Kran des Rheinforums zu einem Denkmal erstarrt schien.

War es seine Entschuldigung, die die Bürger besänftigte ? Oder die Ansage, dass sein Shell-Konzern alles Menschen mögliche tat, um den Schaden zu begrenzen ? Oder überhaupt, dass er sich den Fragen der Bürger stellte ?

Ein  Glas Mineralwasser in der Hand, blickte er in die Runde. An dem Stehpult schien er wie festgefroren. Journalisten näherten sich, die es vorzogen, die eine oder andere Frage bilateral zu stellen. Es hätte schlimmer kommen können. Schließlich gab es seit März 2012 gleich mehrere Lecks in den Rohrsystemen. Auslaufende Ölrückstände aus dem Raffinierprozess hatten sich zu einer Umweltkatastrophe summiert, wie sie das Rheinland kaum jemals erlebt hatte. Das Unheil hatte in unterirdischen Rohrleitungen seinen Lauf genommen: die Ölrückstände hatten sich auf 42.000 Quadratmeter oder sechs Fußballfelder angesammelt. Mit Mühe und Not hatte Shell es geschafft, die Löcher in den Ölleitungen abzudichten. Nun sickerte die gefährliche Brühe fleißig ins Erdreich hinein.

Wut und Zorn der betroffenen Bürger waren nicht übergeschäumt. Die Diskussion konnte auf einer sachlichen Ebene gehalten werden. Er war nicht mit Eiern oder faulen Tomaten beworfen worden. Auf verbale Attacken konnte er dem Sachstand entsprechend antworten. Hasstiraden waren ausgeblieben.

Für die Bevölkerung besteht keine Gefahr, das war die Grundbotschaft. Gefahr für die Trinkwasserversorgung ? Keine, denn das Wasserwerk in Urfeld liegt meilenweit entfernt. Gefahr für den Rhein ? Die Ölmasse versickert vertikal und nicht horizontal. Gefahr bei Hochwasser ? Die Ölrückstände sind ausreichend weit vom Rhein entfernt. Was tut Shell ? Es wird abgepumpt, so weit es funktioniert. Alles Menschen mögliche wird getan, Tag und Nacht.

Keine Gefahr ? Egal, ob Chemie-Unfall, Großbrand, Explosion, Erdbeben oder andere Katastrophen; die Szenarien lassen sich gerne auf die Kernbotschaft reduzieren, dass für die Bevölkerung keine Gefahr besteht. Das hatten selbst die Manager von Tepco bei der Reaktorkatastrophe in Fukushima behauptet. Sie hätten alles im Griff.

Neben der Stellwand plauderten der Sachverständige des TÜV und der Vertreter der Stadt Köln, die ihren Teil der Fragen beantwortet hatten. Die Stuhlreihen mit den gepolsterten Sitzen waren bereits verlassen. Die Deckenstrahler, die zwischen der weiß gemaserten Holzdecke montiert waren, spendeten ein kräftiges, entschlossenes Licht, das auf das dezente Punktemuster des Teppichbodens fiel.

Wieso geht hier niemand auf die Barrikaden ? Die 42.000 Quadratmeter unterirdischer Ölrückstände entsprachen eine Million Liter Öl. Zwischen März und Dezember 2012 waren gleich mehrere Lecks aufgetreten. Das Öl enthielt auch Xylol, eine giftige Substanz. Rund zehn Jahre würde es dauern, das Öl aus dem Erdreich wieder heraus zu saugen. Das war kein Kleinkram und kein Kavaliersdelikt, sondern eine Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmasses .

Wieso geht niemand auf die Barrikaden ? Wenn ich als Bürger einen Ölwechsel mache und das Altöl in der Botanik entsorge, habe ich es gleich mit der Kriminalpolizei zu tun. Umweltdelikt, Straftatbestand, eine saftige Geldstrafe muss ich zahlen. Und eine Ölraffinerie ? Eine Geldstrafe oder Schadensersatzzahlungen, davon ist nichts bekannt. Der Regierungspräsident in Köln scheint im Tiefschlaf versunken zu sein.

Auch hier das umgekehrte Beispiel: wenn ich ein Haus bauen will, werde ich mit Bauvorschriften nur so gegängelt: Grundstückseingrenzungen, Abstand zum Nachbargrundstück, Dachneigung, Treppenhäuser, Brandschutz, wie Dachgaupen auszusehen haben und so weiter. Genau damit argumentiert der Regierungspräsident: die alten Rohrleitungen genießen Bestandsschutz, so dass keine Notwendigkeit besteht, diese baulich zu verändern. Gängelungen und Bevormundungen durch Vorschriften, wie jeder Häusle-Bauer sie kennt, gelten für Ölraffinierien nicht.

Wieso geht hier niemand auf die Barrikaden ? Als in den 80er Jahren aus den Chemieanlagen der Firma Höchst giftige Chemikalien ins Erdreich drangen, besetzte und blockierte die grüne Bewegung deren Anlagen in Frankfurt, was zu Produktionsausfällen führte. Gorleben, Occupy, Stuttgart 21: anderenorts protestieren die Menschen, sie lehnen sich gegen Autoritäten auf, sie haben eine Vision von einer besseren Welt, sie wollen Missstände verändern, sie ziehen andere Menschen an, die dasselbe wollen. Wieso nicht hier ?

Rund zwanzig Kilometer weiter östlich, haben Menschen es vor einer Woche geschafft zu protestieren. Dadurch haben sie ein Chaos angerichtet, an das sich manche Fluggäste noch lange zurückerinnern werden. Am Flughafen Köln/Bonn hatten Beschäftigte des Sicherheitsdienstes ihre Arbeit nieder gelegt, um damit gegen ihre zu schlechte Bezahlung zu protestieren. Unangekündigt, fiel ein Großteil der Flüge aus.

Es geht um die persönliche Betroffenheit. Mehr Geld auf der Gehaltsabrechnung, das ist für alle griffig, konkret und eine Wohltat. Von den 250 anwesenden Bürgern arbeiten viele in der umliegenden chemischen Industrie von Wesseling und Köln-Godorf. Würden sie die Produktionsanlagen blockieren oder zu einem Shell-Boykott aufrufen, würde sie sich in ihr eigenes Fleisch schneiden. Ihr Geld auf der Gehaltsabrechnung könnte dann gefährdet sein.

Alles aussitzen, das dürfte sich wahrscheinlich auch Bram Steenks gedacht haben. Journalisten waren ungefähr die einzigen, die nervten. Die Presse war penetrant und ließ nicht locker. Als er die Fragen beantwortet hatte, schritt er die Treppenstufe zu seinem Stehpult zurück. Er überflog den Handzettel, auf dem er sich Notizen gemacht hatte. Er stieß einen Seufzer aus, dass er diese heikle Mission hinter sich gebracht hatte.

„Wir müssen anders leben. Anders essen. Anders produzieren. Wir leben in einer blockierten Gesellschaft“ so hatte die Grünen-Politikerin Renate Künast in einer Rede 2010 gesagt. Damit hatte sich vielleicht den Kern der Wahrheit getroffen.

Sonntag, 20. Januar 2013

Tod eines 2-jährigen

Eine Zeit lang hatte ich überlegt, ob ich diesen Post überhaupt schreiben sollte. Die Schlagzeile war mir zu aufreisserisch, das Geschehene emotional zu aufwühlend.

Auf der verkehrsberuhigten Hauptstraße belieferte ein Kleintransporter eine Apotheke und stand quer auf dem Gehweg. Dies geschah nachmittags, als der Gehweg von Fußgängern stark frequentiert war. Als die Be- und Entladearbeiten beendet waren, setzte der Fahrer seinen Transporter zurück, um auf die Hauptstraße zurück zu drehen. Zeitgleich hatte sich ein 2 ½ jähriger Junge von seinem Vater losgerissen, er stolperte, blieb vor dem Transporter liegen und wurde überfahren.

Nachdem eine zufällig vorbeikommende Ärztin die Wiederbelebung versuchte, verstarb der 2 ½ jährige im Krankenhaus.


Viele Menschen haben an der Treppe zur Apotheke, ganz in der Nähe, wo der Unfall geschehen war, ein Licht angezündet.






In der Mittagspause passiere ich häufig den Ort des Geschehens. Jedesmal bin ich bedrückt, deprimiert, fassungslos und trauere mit den anderen Passanten.

Dienstag, 26. Juni 2012

Karl-May-Festspiele

Um eine Handvoll Marshmallows hatten sich die beiden Männer gezankt. Rücken an Rücken, belauerten sie sich nun vor dem Saloon der Westernstadt. Beide wollten Satisfaktion – durch ein Duell. Der eine zückte seine schwarze Weste zurecht. Der andere, der wie ein Ganove aussah, blickte grimmig und entschlossen unter seinem braunen Schlapphut. „Düll“ – ein „ü“ anstelle des „ue“, mit dieser eigenwilligen Wortschöpfung war zuvor die umstehende Menge zum Lachen gebracht worden. Alles wartete, Hochspannung, und um das Geschehen auf die Spitze zu treiben, war der Leichenwagen war bereits vorgefahren. Doch jedes Mal, wenn man meinte, das Duell käme zur Ausführung, brachen die beiden ab. Zunächst wurde aus dem Publikum eine Leichen-Vermesserin gebraucht. Viviane, eine hochgewachsene Frau, übernahm diesen Job, und mit Messlatte vermaß sie den Mann, der wie einen Ganove aussah und der offensichtlich als Verlierer feststand: er passte genau in den Leichenwagen hinein. Dann musste eine Zeugin aus der umstehenden Menge rekrutiert werden, die sofort beruhigt wurde, denn eigentlich bräuchte sie gar nichts zu machen. Das änderte sich schlagartig, denn dem Duellierenden mit der schwarzen West fiel ein, dass er an einem wichtigen Geschäftstermin teilnehmen musste und verschwand auf der Stelle. An seiner Stelle durfte nun die Zeugin stellvertretend an dem Duell teilnehmen. Zehn Schritte abzählen, umdrehen, und die Zeugin zeigte prompt Nerven und rang mit sich, den Abzug zu finden. Es machte Peng, ein Schuß, und der Ganove fiel geradlinig in den Sarg hinein.
Karl-May-Festspiele in Elspe im Sauerland. Wenn man nach Ritualen in unserer Familie sucht, die ein gewisse Feierlichkeit ausstrahlen und voller Spannung sind, dann sind es diese Karl-May-Festspiele. Sie nennen sich auch Elspe Festival: diese Beschreibung ist umfassender, denn neben Karl May werden auch Country Festivals veranstaltet oder zur Weihnachtszeit kann man bei einem ausgiebigen Dinner schlemmern.
Karl May – komplett mit 30 Bänden findet sich sein Werk in unserem Wohnzimmerschrank wieder, und komplett mit 30 Bänden hat meine Frau dieses Werk gelesen. Im Gegensatz zu mir, denn ich habe eher spärlich herumgeblättert, nur „Der Schatz im Silbersee“ habe ich gelesen. Ich erinnere mich noch an die Figur des Colonel, ein mit allen Wassern gewaschener Verbrecher, der alle gegeneinander ausspielt und bei dem Geld und Schatz und Reichtum das Ziel allen Strebens sind.
Von den Ursprüngen im Roman, wie sich Geschehen, Handlung und Personen aufbauen, ist man hier in Elspe ungefähr so weit entfernt wie das Rheinland vom Südpol – genauso wie in der Verfilmungen mit Lex Barker, Stewart Granger oder Pierre Brice, die mich als Jugendlicher ganz tief berührt haben. Winnetou I wurde in diesem Jahr aufgeführt – wenn man die Handlung betrachtet, hätte es genauso „Der Schatz im Silbersee“ oder „Der Ölprinz“ sein können. Der rote Faden der Handlung ähnelt sich von Jahr zu Jahr: der weiße Mann ist der böse Kapitalist, der eine Eisenbahnlinie durch das Gelände der Indianer bauen will. Der böse Kapitalist giert nach Geld und Schatz und Reichtum – und tötet in seiner Rücksichtslosigkeit Indianer. Der gute Winnetou und der gute Old Shatterhand versuchen, den Konflikt zwischen Weißen und Indianern zu schlichten und geraten zwischen die Fronten: die Indianer glauben, dass sie Partei für die Weißen ergreifen, und eine Art Gottesurteil – ein Kampf zwischen Winnetou und dem Ober-Indianer-Häuptling – entscheidet. Natürlich gewinnt der gute Winnetou diesen Kampf und nun werden die weißen Verbrecher verfolgt. Sie werden gefunden – mit ganz viel Rauch und Feuer und Explosion stürzen sie in eine Schlucht, in die sich ein Wasserfall ergießt.
Wenn nur die Handlung einfallslos kopiert würde, wären wir sicherlich nicht Jahr für Jahr über einen solch langen Zeitraum wiedergekehrt. Das besondere Erlebnis ist die Freilichtbühne. Im Freien ist Platz, die Handlung kann sich ausdehnen. Tische und Stühle geben ein gemütliches Plätzchen ab vor der Westernstadt. Die Beine lang auf den Tisch ausgebreitet, lassen sich die Bewohner der Westernstadt von der Sonne bescheinen, bis die Banditen aufkreuzen, die dann nach einer wilden Schießerei wieder verjagt werden. Zelte und Tipis beherbergen Indianer, jung und alt, große und kleine Kinder, Mamas und Papas, Omas und Opas. Der senkrechte Felsen, der sich heldenhaft aufbäumt, ist der Ort der Explosionen, der die Verbrecher vernichtet. Wie bei einem Urknall schießt das Feuer in die Höhe, begleitet von Rauchsäulen, die dunkel und schwarz sind wie die Nacht. Hinter dem steilen Hang kommen zuvor die Verbrecher aus dem Hinterhalt angerückt, um hinterrücks an all das Geld und den Schatz und den Reichtum heran zu kommen. Mitten hindurch rückt auf Schienen die Eisenbahn heran, qualmend, schwerfällig, keuchend, pechschwarz wie die Kohlen im Tender. Pfeilschnell, sind da noch all die Pferde, die hin und her quer über die Bühne huschen, Indianer verfolgen Verbrecher – oder umgekehrt. Dabei gerieten wir immer wieder ins Schmunzeln: wenn die spanische Senorita mit ihrer Bratpfanne entscheidend in die Schlägerei eingriff und die Feinde niederstreckte; als der Sheriff eine Ladung Dynamit ins Haus zurücktransportierte, weil er glaubte, sie sei neben den Einsenbahnschienen vergessen worden – dabei übersah er die brennende Zündschnur; das Lachen von Sam Hawkins:“ wenn ich mich nicht irre … hihihihi“, das in Phasen des Schweigens oder bei Sätzen, die zusammenhanglos daher schwebten, einen Humor der absonderlichen Art erzeugte.


Überall sahen wir Familien mit Kindern – die über ihre Erlebnisse in den Jahren und Vorvorjahren erzählten. Familien mit Anhang drängten sich auf dem engen Gelände zusammen, das in der Topografie des Sauerlands mittelgebirgshaft anstieg und an den flachen Stellen mit Imbissen und der Westernstadt einlud. Far West, mit seinen Häusern aus derbem Holz war der Wilde Westen originalgetreu verpackt, und im Saloon in der Westernstadt trat man ein in dieses dicht gestaffelte Holz: mit den blanken Holztischen, der hölzernen Wandverkleidung und den Leuchtern aus schwerem Eichenholz wurde man geradezu durchdrungen von einer Cowboystimmung.
                                    
Wie im Fernsehen, konnten Familien mit Kindern durch das Rahmenprogramm zappen. Bespaßung – ab ging es in die Pferdeshow. In diesem Jahr wurde so eine Art Pferderennen veranstaltet. Rote Tonnen mit dem Werbeschriftzug von Coca-Cola hatten ein Dreieck abgesteckt, in dem geritten werden musste, wobei einmal die Tonnen umkreist werden mussten. In möglichst kurzer Zeit und fehlerfrei musste dies geschehen – ohne dass die Tonne umfiel und ohne dass der Cowboyhut fliegen ging. Die Mannschaften der Ukulalas und der Cannons spielten gegeneinander – dabei war die Anspielung auf Fußball-Mannschaften eindeutig. Zwei Männer und eine Frau mussten jeweils nacheinander diesen Geschicklichkeitsritt bewältigen, dies in einer Hin- und Rückrunde und in einem Finale. Zum Schluß konnten sich die Sieger von den stehenden Ovationen der Besucher bejubeln lassen. Im Lauf der Jahre hatten sich die Veranstalter bei dieser Pferdeshow immer etwas Neues einfallen gelassen – Pferde wurden auf Szenen im Feuer dressiert, Pferde ritten in Action-Szenen mit jede Menge Schlägereien, Pferde vollzogen mit der Eleganz von Balletttänzern Dressur-ähnliche Ritte, Pferde ließen sich auf ihren Rücken mit artistischen Kunststücken ihrer Reiter verzaubern. Bespaßung – zum Rahmenprogramm gehörte noch eine Musik-Show. Ordentlich zur Sache ging es in einer Action-Show, in der ein Dorf-Sheriff und sein Deputy gegen Banditen zu kämpfen hatte.

Für unseren Sohn war es in diesem Jahr wahrscheinlich das letzte Mal, denn er nörgelte herum und verfolgte desinteressiert das Geschehen. Lustlos trottete er hinterher. Am liebsten wäre er wahrscheinlich gleich wieder umgekehrt und nach Hause zurück gefahren. Wir hätten sicherlich nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn er sich anstatt dessen im Vergnügungspark auf Achterbahnen ausgetobt hätte oder sich im Kino mit Action-Szenen hätte berieseln lassen.
Die Schauspieler standen noch auf der Bühne und ließen sich vom Publikum feiern, da zog es die ersten Besucher zum Ausgang hinaus. Die Verabschiedung dauerte schier endlos, als Winnetou, Old Shatterhand, Sam Hawkins und andere Schauspieler jeweils einzeln nach vorne traten, sich auf ihrem Pferd verbeugten, ins Publikum lächelten, zuwinkten und zurücktraten, bis der nächste an der Reihe war. Der Beifall bauschte sich auf, Wellen der Begeisterung strömten den Schauspielern entgegen, die bunt kostümiert in Reih und Glied standen. Dann flaute der Beifall ab, bis der nächste Darsteller sich mit seinem Pferd dem Publikum zuwandte.
Unser Sohn drängte zum Ausgang. Er hatte Recht, denn die Autoschlange war dabei sich zu formieren. Etwas später würden wir im Stau stecken und auf den Parkplätzen fest hängen bleiben. Danach lagen noch zwei Stunden Autofahrt vor uns. Und unser kleines Mädchen musste am nächsten Tag in die Schule.

Mittwoch, 14. März 2012

NRW-Duell mit Bernd Stelter

Sie hatten einen speziellen Platzanweiser. Leger mit einem dunklen Sakko und einer ausgefransten Jeanshose gekleidet, führte er jeweils einzeln die Besucher auf ihre Plätze.
Zwei alte Damen scherzten miteinander:
„Wie die wohl ausgesucht werden …“
„Nach Schönheit ?“
„Irgendwo werden sie noch ein Plätzchen für uns übrig haben …“
Ja, so war es auch. Doch in der Mitte der Zuschauertribüne, wo die Kameras im Blickfeld waren, wurde sorgfältig ausgewählt. Junge, attraktive Frauen fanden dort ihren Platz, und es waren auch einige gut aussehende Männer dabei. Wir waren nicht ganz so schön, denn auf der linken der drei Zuschauertribüne waren unsere beiden Plätze, und der Blick ins Fernsehstudio hinein war exzellent.

Wir waren Zuschauer für das NRW-Duell mit Bernd Stelter in Köln-Bocklemünd. Diese Sendung wird im WDR-Fernsehen jeden Mittwoch um 20:15 Uhr ausgestrahlt. Unsere Firma hatte dafür ein begrenztes Kontingent an Freikarten spendiert. Zwei Folgen des NRW-Duells sollten hintereinander gedreht werden. An einer Folge nehmen insgesamt vier Prominente teil. Im K.O.-System treten jeweils zwei Prominente gegeneinander an, indem sie Quizfragen zu NRW beantworten müssen - aus drei Antworten ist dann eine die richtige. In zwei Runden wird der Sieger ermittelt. Die zweite Folge des NRW-Duells war ein Novum, denn jeder Kandidat sollte seinen Hund mitbringen.

Bevor Bernd Stelter im Studio erscheinen sollte, führte uns Frank Jakob – so stellte er sich vor - in die Besonderheiten einer Live-Sendung ein. Wendig und flapsig huschte er mit seiner schlanken Gestalt über die Bühne, er übte mit uns, in welchen Situationen wir welchen Applaus zu klatschen hatten, dazwischen riss er einen Witz nach dem anderen, und glatt hätte ich mir ihn als Entertainer vorstellen können.

Der spannende Moment: nachdem wir auf alle Varianten des Beifalls getrimmt waren, erschein Bernd Stelter leibhaftig in seiner vollen Größe. So dicht, von Gesicht zu Gesicht, platzierte er sich vor die Zuschauerränge. Der Willkommensgruß, die Freude in seinem Gesicht, das sah echt aus. Souverän, gelassen, kein bisschen Nervosität strahlte er vor den rund 100 Zuschauern aus. Mit seinem anthrazitfarbenen Anzug sah er beinahe wie ein Geschäftsmann aus. Schnell kam er auf die Prominenten zu sprechen, wobei er große Namen ankündigte, aber noch keinen verriet.

Es ging auf Live-Sendung, der nächste spannende Moment folgte. Gemeinsam mit den vier Prominenten trat Bernd Stelter ein, und Live kam jede Menge an technischem Equipment zum Einsatz. Zwei Kameras versteckten sich hinter Stellwänden, während eine mobile Kamera, die mit einer Riesenschnalle rund um den Bauch des Kameramanns festgezurrt war, viel Geschicklichkeit erforderte. Diese Gerätschaft war ein wahres Monstrum, man sah einen Display so groß wie einen Computerbildschirm, darüber eine riesige Kamera, und wieselflink rannte der Kameramann an dem Publikum vorbei, um den tosenden Applaus einzufangen.

In anderweitigen Fernsehshows, an denen Prominente teilnehmen, tue ich mich grundsätzlich schwer, die Prominenten überhaupt zu kennen. Dabei habe ich mittlerweile gelernt, dass das in der Betriebswirtschaftslehre gängige Verfahren der ABC-Analyse bei der Materialwirtschaft auch auf Prominente übertragbar ist: es wird nämlich zwischen A-, B- und C-Prominenten unterschieden.

Glänzen konnte Bernd Stelter mit zwei A-Prominenten (Jürgen Drews, Sonja Kraus), drei B-Prominenten (Til Demtröder, Anja Kruse, Patrick Bach) und drei C-Prominenten (Maren Gilzer, Gianna Ina Zarelli, Thomas Kurscheid). Die B- und C-Prominenten sagten mir nichts: Til Demtröder spielt in der Fernsehserie „Der Landarzt“ – so etwas schauen wir uns zu Hause nicht an, Patrick Bach spielt momentan Theater und ist Synchronsprecher, Anja Kruse hat in den letzten Jahren Theater gespielt und Kinofilme gedreht.

Als Jürgen Drews die ersten Quizfragen beantworten sollte, gab er sich spontan und publikumsnah. Er schaute in die Gesichter hinein, wahrscheinlich war er in NRW nicht ganz fit und hoffte, aus dem Publikum eine Antwort zu erhalten. Da war schon so etwas wie Kommunikation: sein Blick wanderte von Zuschauer zu Zuschauer, heftete sich an dem einen oder anderen Gesicht fest und wanderte auch in die oberen Zuschauerränge. Jürgen Drews, normalerweise interessierte er mich überhaupt nicht, doch Live hatte er auch mich eingefangen.

Sonja Kraus schaffte es sogar, mir zu imponieren. Vor einiger Zeit hatte ich sie in einer Talk-Show gemeinsam mit Sandra Maischberger und Alice Schwarzer gesehen. Da hatte sie genau dieses Klischee einer blonden Schönheit bedient, die im Fernsehen durch erotische Ausstrahlung ihre Wirkung erzielt. Live war Sonja Kraus komplett anders: sie war eine gesunde Mischung aus Schlagfertigkeit, Selbstbewusstsein und auch Schlauheit. Bei einer der Fragen kam heraus, dass sie ihre Wurzeln in Hessen hat und sich mit Hessen weiterhin verbunden fühlt. Zumindest Live machte es mir Spaß, Sonja Kraus zuzusehen.

So wie gedreht wurde, das war Live ganz anders als in der Fernsehsendung – die im Endeffekt aus der heutigen Produktion zusammengeschnitten wurde. Wir sahen alles, auch das, was später bei der Fernsehsendung nicht gezeigt wird. Es gab Versprecher – Bernd Stelter war so sehr im Hundefieber, dass er anstelle „wackeln“ „dackeln“ sagte. Diese Szene wurde im Anschluss noch mal gedreht. In einer anderen Szene wurde nach Beantwortung der Frage diskutiert, ob der Punktestand richtig war: 4:3 oder 5:3 ? Die letzten Fragen wurde ins Gedächtnis gerufen, und 5:3 war der richtige Punktestand. Es brauchte nichts neu gedreht zu werden, aber die Diskussion musste herausgeschnitten werden. Ob, wann und wie lange gedreht wurde, dies dirigierte die unsichtbare Hand des Regisseurs im Hintergrund. Manchmal hörte man Bernd Stelter über sein Mikrophon, das irgendwo in der Höhe seines Hemdkragens versteckt war, leise mit dieser unsichtbaren Gestalt reden.

Bernd Stelters NRW-Duell lebte von seinen Fragen. Was ist ein Köln-Mindener ? (ein 15 Zentimeter langer Nagel; wurde ursprünglich bei den Eisenbahnschwellen der Bahnlinie Köln-Minden verwendet) Wie hieß die Sauerlandautobahn A45 bei dessen Eröffnung ? (Königsrennbahn) Wie teuer ist ein Hundehaufen auf der Düsseldorfer Köingsallee ? (75 €) In welchem sauerländischen Ort kann man sich 1x pro Jahr zum Esel machen ? (Bremen; dort verkleiden sich Menschen als Esel und veranstalten ein Rennen) Wer ist daran Schuld, dass Aachener Printen mit Zuckersirup gesüßt werden ? (Napoleon; auf den Import von Bienenhonig wurden Zölle eingeführt) Was ist ein Münsterländer Bettelmann ? (Pumpernickel mit Äpfeln und Haselnüssen gebacken) Was wurde in Mülheim an der Ruhr speziell für Hunde erfunden ? (Hundeeis) Wer trat Anfang der 70er Jahre in Düsseldorf bei der Formel 6 an ?(Go-Kart-Rennen für 6 jährige) Wo wurde in der Universität Duisburg/Essen eine Vorlesung gehalten ? (in einem Kino; wegen Raummangel)

Der Schlussakkord verblüffte, weil er alles auf den Kopf stellte. Die zweite Sendung war eigentlich vorbei und alles gedreht, da wurde entschieden, den Anfang nochmals zu drehen. Für die Hunde war das Mitmachen in einer Fernsehshow nämlich so aufregend, dass sie bei der Anfangsszene nicht unbedingt bei ihren Herrchen geblieben waren, sondern dass sie teilweise bis ins Publikum gelaufen waren. Ruhiger und disziplinierter waren die vier Hunde im Verlauf der Sendung geworden. Als die Anfangsszene neu gedreht wurde, folgten sie stramm ihren Herrchen, kein Hund scherte aus, und dies passte deutlich besser.

Es gewannen Maren Gilzer und Sonja Kraus. Schade, dass all die Promis anschließend seitwärts entschwanden. Gerne hätten wir mit Bernd Stelter und den anderen Prominenten einige Worte gewechselt. Doch auch so war es ein beeindruckender Abend. Wann die beiden Folgen Mittwochs um 20:15 Uhr im WDR-Fernsehen zu sehen sind, wird kurzfristig entschieden. In dieser und in der letzten Woche wurden insgesamt 12 Folgen gedreht. Über die Reihenfolge der Ausstrahlung entscheidet der WDR.

Das war bestimmt nicht das letzte Mal, dass wir uns im WDR Live eine Fernsehsendung angeschaut haben.