Donnerstag, 31. Oktober 2013

SUVs

Quelle: Wikipedia
Die deutsche Sprache hat dieses englisch-sprachige Wort durcheinander gewirbelt. „Ess-Juh-Viii“ wäre die korrekte Aussprache, in Lautschrift [ ɛsjuːˈviː ]. Das steht für „sport utility vehicle“, was so viel wie sportlicher Geländewagen bedeutet. Ist das Wort aber Neutrum oder maskulin ? Heißt es „der“ SUV – wenn ein Geländewagen gemeint ist ? Oder „das“ SUV - wenn die Oberkategorie des Automobils gemeint ist ?

Egal. Weithin gelten SUVs als Angeber-Autos, als Sinnbild für die Dekadenz unserer Gesellschaft. Und dennoch erfreuen sie sich wachsender Beliebtheit. Dieses PKW-Segment hat Wachstumsraten von 17% pro Jahr, von denen die Automobilbauer anderswo nur träumen können. So strebt Audi zum Beispiel an, dass bis zum Jahr 2020 der Anteil der verkauften SUVs an allen PKWs 30% erreichen soll.

Bei seinem Auftritt in der Kölner Lanxess-Arena waren SUVs ein dankbares Thema für den Komiker Michael Mittermeier. Seine Grundsatzfrage war: Braucht man wirklich einen Geländewagen ? Seine Antwort: „Du brauchst mindestens einen Audi Q7, da der Eingangsbereich bei EDEKA zu unübersichtlich ist. Dann spürst Du beim Einparken nicht, wo Du drüber fährst. Ist da was ? Ein Eichhörnchen ? Hat jemand die Oma gesehen ? Wartet mal, wenn das Thema Sicherheit richtig entdeckt wird. Wenn der halbe Supermarkt mit Geländewagen voll geparkt ist, dann gibt es nur noch eine Wahl: ein Leopard2-Panzer. Ich habe im Katalog von Krauss-Maffei herum geblättert…“

Die Steigerungsform des Panzers hatte ins Schwarze getroffen. Die Häufigkeit, mit einem Panzer im Supermarkt einzukaufen, weicht nur minimal von der Häufigkeit ab, über ein Gelände zu fahren, für das die Fahrtechnik von SUVs ursprünglich konzipiert war. Wann fährt man denn einen SUV durch unwegsames Gelände ? Über kniehohe Baumwurzeln auf Waldwegen ? Durch tiefen Matsch ? Über Dünen ? Oder durch die Wüste ? Die Situationen gehen freilich gegen Null.
Quelle: Wikipedia

Es ist irrational, was SUV-Autofahrer antreibt. Das abgedrehte Snob-Image läßt sich bei manchen nicht verleugnen. Wer SUV fährt, gibt an, hat zu viel Geld auf der hohen Kante liegen, verhält sich wie ein Rambo im Straßenverkehr und schadet mit zu hohem Spritverbrauch der Umwelt.

Die Debatte ist in Internet-Foren längst entbrannt. So knüpft DOUNIAMOON auf www.faz.de mit der Überschrift „Hausfrauenautos“ nahtlos an Michael Mittermeier an. „Das sind die berühmten Eppendorfer Mummies, die kaum über den unteren Windschutzscheibenrand gucken können und die ihre Kinder mit dem Riesengefährt im 800 Meter entfernten Kindergarten fahren. Und weil sie grundsätzlich trotz Kameraführung und Signale Riesenprobleme haben, flott in mögliche Parkplätze einzuparken, stehen sie in zweiter Reihe.“

Meine Vermutung, dass nicht nur hoch bezahlte Manager solche Geländekisten fahren , stimmt nicht ganz. So gibt es zum Beispiel den Renault Koleos unter 30.000 € zu kaufen, während ein VW Tuareg nicht unter 50.000 € zu haben ist. Der Preis für einen Porsche Cayenne beginnt bei 60.000 €, ein Audi Q7 bei 83.000 €. Es wird sich nicht leugnen lassen, dass die Käufer zum Teil Top-Manager, Filmstars, Firmeninhaber, Fußball-Bundesliga-Spieler, Investment-Banker oder andere Top-Verdiener sind.

Die Käufer brauchen einen Fimmel, einen Hang zur technischen Faszination. Der SUV ist kein praktisches Auto, mit dem man von Ort A nach Ort B fährt, sondern alleine seine Erscheinung vor dem eigenen Haus sorgt für Aufsehen. Zu der Kaufentscheidung schreibt MEIER LANSKY auf www.derstandard.at:

„Die Diskussion, warum jemand einen SUV braucht oder nicht, ist unnötig wie ein Kropf. 
Man "braucht" keinen SUV, man "will" einen. 
Man "braucht" keinen Sportwagen, man "will" einen. 
Man "braucht" keinen Hund, man "will" einen. „

Auch (°) (°) steht auf demselben Forum zu seinen Irrationalismen: „Wie bei SUV gibt es kein vernünftiges Argument für grosse Brüste, trotzdem wollen viele welche in den Händen halten. 80% unserer Zivilisation findet ohne "vernünftige Argumente" statt. „

Ich fühle mich bestätigt, dass SUVs ein Sinnbild unserer dekadenten Gesellschaft sind. In dem Bestseller von Jörg Schindler sind SUVs ein Indiz unserer Rüpel-Republik, der die üblichen zwischenmenschlichen Umgangsformen abhanden gekommen sind. Unser heiliger Besitz soll bei Aufprallen und Zusammenstößen keinen einzigen Kratzer abbekommen, was bei gepanzerten Limousinen wie SUVs sichergestellt ist. Also Abschottung, Gegeneinander statt Miteinander, Egoismen als Selbsterhaltungstrieb. Auf solch eine Basis lässt sich in der Tat keine Gesellschaft aufbauen.

Quelle: Wikipedia
SUV-Besitzer winken ab. Einkommen haben auch etwas mit Selbstständigkeit und Unternehmertum und Risiko zu tun. Dazu äußert NO COMMENT: „Ich halte die SUV-Diskussion für 100% Neid-basierend. Keiner regt sich über Lieferwagen, hochbauende PKWs, Vans, LKWs auf, die einem die Sicht noch mehr versperren.“ GRETEWEISER setzt auf www.taz.de einen drauf: „Ist doch toll, dass Otto-Normal-Autofahrer die SUVs als Feindbild hat. Wer über andere schimpft, braucht sich nicht mit sich selbst und dem eigenen Verhalten beschäftigen.“

Die Debatte macht krank. Arm gegen Reich, Freiheit gegen Beschränkungen, Individualismus gegen Gemeinschaft. Besessen und Technik verliebt, sind die SUV-Autofahrer von einem Virus des bequemen und sicheren Autofahrens infiziert worden. Und niemand soll sie bitte dabei stören. Jedem das seine. Diese individuelle Freiheit ist sogar in Artikel 2 Bestandteil unseres Grundgesetzes geworden.

Grenzenlose Freiheit. DL8WAA summiert diese Freiheit bei www.faz.net unter der Überschrift "In gewissen Kreisen gehört der sportliche Geländewagen einfach zum hedonistischen Lebensstil". Er selbst blieb lieber mit beiden Füßen auf dem Boden: „Ach wie bin ich froh, dass ich nicht zu den "gewissen Kreisen" gehöre und dass ich erst bei Wikipedia nachschauen musste um zu lernen, was "hedonistisch" bedeutet. Mein Geld investiere ich lieber in bleibende Werte, mache mir und meiner Familie das Leben dadurch viel bunter und tue noch etwas für meine Altersversorgung.“

Das denke ich mir auch.


Mittwoch, 30. Oktober 2013

Petersberger Bittweg


Man kennt ihn als Symbol der Verschwendung. 1978 hatte bereits der Ankauf von Grundstück und Gebäuden auf dem Petersberg 17,5 Millionen DM verschlungen. In den Folgejahren wurden die ausufernden Umbaukosten des Gästehauses zum Horror-Erlebnis der Bundesregierung. Man kennt ihn auch, weil er in die Geschichtsschreibung eingegangen ist. Das war das Petersberger Abkommen, mit dem 1949 die Alliierten grünes Licht gaben für das Staatengebilde der Bundesrepublik Deutschland. Obschon Berlin längst Bundeshauptstadt ist, schreibt auch heute noch der Petersberg mit dem Weltklimagipfel oder der Afghanistan-Konferenz Geschichte.

Weniger kennt man ihn als Prozessionsweg. In meiner seltenen Rolle als Wanderer bin ich den Petersberger Bittweg bis zum Gipfel des Petersberges hoch gelaufen. Die exzellenten Tippeltouren von Peter Squentz stehen schon Jahrzehnte in meinem Bücherregal, und nun ist es das erste Mal, dass ich Live eine Tippeltour getestet habe.

Für das Leben in Meditation und Gebet suchten die Klosterorden des Mittelalters Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Augustiner hatten 1131 die Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Siebengebirges gesucht und auf dem Petersberg ein Kloster gegründet. 1189 übernahm der Orden der Zisterzienser das Kloster, allerdings nur für ganze drei Jahre, denn danach gründeten sie ein paar Kilometer weiter den Klosterneubau des Klosters Heisterbach. Das Kloster auf dem Petersberg verfiel, die Steine wurden baulich zweckentfremdet und abgetragen, so dass heute nahezu nichts von der Klosteranlage übriggeblieben ist. 1980 wurden die Fundamente der Klosterkirche freigelegt.

Es sollte vier Jahrhunderte dauern, bis dem Petersberg neues Leben eingehaucht wurde: als Wallfahrtsort. Hoch über dem Rhein gelegen, war die Stelle exponiert wie heute. Bereits 1312 erwähnen Urkunden eine Wallfahrtskirche, die nach dem Apostel Petrus benannt war und ein Vorläufer der heutigen Kapelle sein kann. 1763 wurde sie vom Abt des Klosters Heisterbach im Stil des Barock umgestaltet, wodurch sie ihr heutiges Aussehen erhielt. 

Wallfahrer pilgerten zur Kapelle auf dem Petersberg. Vier Pilgerwege aus vier Richtungen gelangten zum Wallfahrtsort, wobei der Petersberger Bittweg kurz, steil und atemlos zum Ziel führt. Steinkreuze und Prozessionsaltäre beeindrucken und lohnen die Mühe des Aufstiegs, denn auf 1,4 Kilometer sind 230 Meter Höhendifferenz zu schaffen. Mit vierzehn Wegekreuzen und Altären ist dies der einzige Prozessionsweg auf den Petersberg, auf dem sich eine solche imponierende Anzahl erhalten hat.

Es fanden nicht nur Prozessionen statt, wie wir sie heutzutage an Christi Himmelfahrt oder Fronleichnam kennen. Die Kirche veranstaltete sogar eine Art von Ablasshandel, wenn gegen einen entsprechenden Obulus bei Teilnahme an einer Prozession Schuld und Sünden erlassen wurden. Die Menschen sammelten sich verzweifelt in Prozessionen, um der Geißel der Menschheit – der Pest – zu begegnen. Dürren und Plagen waren ebenso Anlässe für Prozessionen.

1842 kam es sogar zum Streit. Es herrschte große Dürre und die Prozession zeigte sogar Wirkung: im Spätsommer regnete es wochenlang. Dies war aber den Winzern in Oberdollendorf überhaupt nicht Recht, denn für die Weinlese konnten sie keinen Regen gebrauchen. Die Teilnehmer der Prozession und die Winzer gingen aufeinander los. So mancher musste Prügel einstecken. Damals haben die Streithähne im Dialekt gerufen: „Mer schloch üch duhd, un schibbele üch, ed boversch End für gekihrd dä Pittersch-Berg erav!"

Wie gut, dass ich nichts mit Pest, Plagen und Streithähnen zu tun habe. Anstatt dessen muss ich mich über querliegende Bäume quälen, die das gestrige Orkantief Christian entwurzelt hat. Schönheit und Anstrengung prägen den Aufstieg zum Petersberg. Eine Prozession so hoch hinauf muss eine regelrechte Knochenarbeit gewesen sein.



Kreuze und Prozessionsaltäre stecken voller Mystik. Geheimnisumwittert, schart sich das Herbstlaub um deren Sockel. Herzen und Buchstaben stechen aus glatten Baumstämmen heraus. Knorriges Wurzelwerk überragt das Erdreich.

Oben angekommen, parken schwere Limousinen. Die deutsche Flagge hängt schlapp neben dem Eingang des Steigenberger Hotels herunter. Das Gelände ist so weitläufig, dass ich an den freigelegten Umrissen des Zisterzienser-Klosters vorbei gelaufen bin. Ich stoße zum Mittelpunkt des Petersberges. Das ist die besagte Kapelle des Heiligen Petrus, die dem 330 Meter hohen Berg ihren Namen gegeben hat. In der Tat ein romantischer, verträumter Fleck.

Die Queen von England, der Schah von Persien, Leonid Breschnew oder Michail Gorbatschow: über Jahrzehnte hatte der Petersberg hoch dotierte Staatsgäste beherbergt; und ich begegne sogar dem Namen eines amerikanischen Präsidenten. Abseits des Gästehauses in tiefem Mischwald hatte Bill Clinton sich bewegt und Sport getrieben. Auf einem Bill-Clinton-Jogging-Pfad kann Otto Normalverbraucher nun den Sportsgeist eines amerikanischen Präsidenten nach empfinden.

Um die Wanderung abzurunden, folge  ich der Empfehlung meines geistigen Wanderführers Peter Squentz. Ich umrunde das Gästehaus und schlendere zu den Rheinterrassen, wo mich eine überwältigende Aussicht auf den Rhein belohnt. Die Sonne ist schräg über die andere Rheinseite gesunken. Der Buckel des Drachenfelses sticht in weiße Wolkentupfer hinein. Als einsames Band zieht sich der Rhein zäh durch den Talkessel.

Der kurze und heftige Anstieg hat es in sich gehabt. Beim Abstieg den Berg hinab lasse ich gemütlich meine Schritte ausklingen.


Montag, 28. Oktober 2013

Laubbläser

Der Herbststurm pustet und in den nächsten Tagen werden sie alle Hände voll zu tun bekommen. Das Laub wirbelt, sammelt sich auf Wegen, Bürgersteigen und Plätzen. Ich stapfe in die tiefe Masse von Blättern hinein, die sich meinen Schritten und Tritten in den Weg stellt.

Eines ist sicher: wenn sich denn in den nächsten Tagen der Sturm beruhigt hat, wird dieses zermürbende Geknarre und Geknattere der Laubbläser losgehen. Eigentlich hasse ich Lärm jeder Art. Von dem ich in den meisten Alltagssituationen – glücklicherweise - verschont bleibe. Es liegt jenseits meines Vorstellungsvermögens, wie das Leben in Autobahnnähe, entlang eines Bahndamms oder unter der Einflugschneise eines Flughafens aussieht. Längst wäre mein Schlaf-Wach-Rhythmus vollends aus den Fugen geraten. Ich würde den ganzen Tag mit Ohropax herum rennen. Ich wäre ein nervliches Wrack, das bei jedem Pieps-Ton zusammen schaudern würde.

Man sollte Laubbläser verbieten. Anders als der Lärm von PKW’s, Güterzügen oder Flugzeugen, dröhnt das Auf und Ab des Motorgeräuschs in den Ohren, das hohle Knattern unterdrückt alles. Messungen haben übrigens ergeben, dass Laubbläser mit über 100 Dezibel lauter als Preßlufthammer sein können.

Während ich Werkzeugen wie Sägen, Fräsen, Bohrmaschinen, Schleifmaschinen, Trennscheiben oder Preßlufthammern objektiv einen Sinn beimessen kann, vermag ich diese Sinngebung bei Laubbläsern nicht zu entdecken. Wenn alles klappt, sind Sägen, Fräsen, Bohrmaschinen, Schleifmaschinen, Trennscheiben, Preßlufthammer für einen Handwerker unverzichtbar, denn für einen Handwerker hat das, was er mit seinen Händen macht, von vornherein einen Sinn.

Bei Laubbläsern stimmt hingegen die Input-Output-Relation nicht mehr. Der natürliche Gang der Dinge soll weg-automatisiert werden. Maschine gegen Herbstlaub. Der Input ist ganz viel Lärm und ganz viel Herum-Geblase. Der Output ist ein bißchen mehr Schnelligkeit, um das Laub zusammen zu harken. Ich bedaure die Gartenarbeiter, die mit Ohrenschützern und so einem Ding in der Hand den ganzen Tag herum laufen müssen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie keinen Dachschaden abbekommen.

Dem Gesetzgeber kann man keinen Vorwurf machen, denn er hat auf solche heiklen Themen reagiert. Das Dickicht von gesetzlichen Vorschriften zum Lärm ist aber enorm. Das Bundes-Immissionsschutzgesetz benennt Fälle, für die Grenzen der Lärmbelästigung gelten. Die Geräte- und Maschinen-Lärmschutzverordnung gilt für bestimmte Gerätearten, die von Städten und Kommunen betrieben werden. Die Freizeit-Lärmrichtlinie betrifft Feiern in Nachbarschaften, in Vereinen oder auf Sportanlagen. Bei Musikveranstaltungen oder Open-Air-Konzerten gelten die Landes-Immissionsschutz-Gesetze.

Und der Laubbläser ? Er wird nicht aussterben. Die Menschheit wird sich wohl oder übel weiterhin mit ihm herum schlagen müssen. Dies besagt die Geräte- und Maschinen-Lärmschutzverordnung, die die Zeiten in Wohngebieten allerdings zwischen 9 und 13 Uhr sowie 15 und 17 Uhr begrenzt. Außer Laubbläsern gilt sie auch für Heckenscheren, Motorkettensägen, Rasenmäher oder Schredder. Das eine oder andere nervliche Wrack zur Herbstzeit wird in diesen Wohngebieten also unvermeidbar sein.

Dass der Laubbläser nicht aussterben wird, ist zudem zum Tummelplatz von Juristen geworden. Nicht zu Unrecht. Wenn Menschen in diese wabbelige Masse von Blättern, die nass werden kann, hinein stapfen, kann diese zu einem tückischen Gemisch werden. Sachbearbeiter in Städten und Kommunen dürften an Wahnvorstellungen leiden, falls Bürger auf öffentlichen Wegen auf nassem Herbstlaub ausrutschen und Regreßansprüche stellen. Ob Harke oder Rechen oder Laubbläser, ist den Juristen schlichtweg egal. Lärm, der manchen in die Irrenanstalt treiben kann, ist das geringere Übel als ein Sturz mit ungeahnten Folgen.

Immerhin: im Gegensatz zum Lärm von Autobahnen, Güterzügen oder Flugzeugen findet eine Dauerberieselung rund um die Uhr nicht statt. In aller Herrgottsfrühe wird man nicht aufgeschreckt. Abends kann man in Ruhe einschlafen.

Ich verfluche die schwäbischen Tüftler aus Metzingen bei Stuttgart, die 1975 den Laubbläser erfunden haben. So etwas wird zur guten deutsche Wertarbeit erklärt, bei denen die Firma ECHO-Motorgeräte Marktführer ist. Ich stutze, dass es die mir ansonsten sympathischen Schwaben sind, die solch einem Horror-Produkt auf die Beine geholfen haben.

Wie ich es mit den Laubbläsern in den nächsten Tagen und Wochen aushalten werde, weiß ich noch nicht. Ich werde mich verkriechen oder einsperren. Hoffen, dass die zeitlichen Begrenzungen eingehalten werden. Irgendwann sind auch die Schattenseiten des Herbstes vorbei.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Joey & Alia (2)

Wie schnell die Zeit vergeht ! Ein halbes Jahr lang sind wir nun stolze Katzen-Besitzer. In diesen sechs Monaten haben sie sich gut eingelebt. Schlafplatz und Katzenklo haben wir vom Wintergarten in die Garage verlegt. Morgens und abends gibt es Nassfutter von Kitekat in der Garage zu fressen, als Zwischenmahlzeit Trockenfutter und „Leckerlis“. Morgens öffne ich die Garage und es geht ab in unseren Garten, wo sie sich ganzen Tag herum lümmeln (wenn es nicht total verregnet ist). Dort haben wir sogar kulinarische Genüsse zu bieten, denn im Komposthaufen und im Erdreich treiben Mäuse ihr Unwesen. Zum Abendessen kehren unsere Vierbeiner in die Garage zurück. Danach leisten sie uns im Wohnzimmer Gesellschaft.  Sie sind so neugierig, dass sie, wenn ich abends an meinem Laptop sitze, aufspringen, auf den Bildschirm schauen und mit ihren Tatzen mit der Tastatur spielen wollen. Ich kann erst dann ungestört auf meinem Laptop schreiben, wenn sie ihre Streicheleinheiten bekommen haben.



Das ist Joey, unser Kater, von dem ich wenige Fotos gemacht habe, da er vor der Digital-Kamera zurück schreckt.









Dafür habe ich Alia, unsere Katze, in verschiedensten Positionen erwischt.

Samstag, 26. Oktober 2013

Albtraum

Die Gäste waren gegangen, das Haus war leer, ein wüster Berg von weggeräumtem Geschirr stapelte sich auf der Spüle. Wir standen vor den Resten dieses rundum schönen Abends, denn der Zwiebelkuchen hatte allen lecker geschmeckt. Zwei Glas Federweißer und ein Glas Rotwein hatte ich verkostet. Das sollte passen, denn verteilt über den ganzen Abend war die Alkoholmenge nicht ausgeufert. Der Zeiger unserer Küchenuhr wanderte auf Mitternacht zu. Um halb sechs würde der Wecker wieder los bimmeln, um mich ins Büro zu scheuchen, und fünfeinhalb Stunden Schlaf sollten reichen.

Nachdem ich alles in die Spülmaschine befördert hatte, ging es ab ins Bett. Die Müdigkeit stürzte auf mich los. Im Bett kuschelte ich meinen Kopf in mein Kissen, zog die Bettdecke unter meine Ohren, meine Gedanken schlummerten dahin, zerflossen, dösten, standen still, bis sie in einem Loch verschwanden.

In diesem Loch kam lange Zeit nichts. Körper, Seele und Geist schwebten in der Dunkelheit dahin. Traumbilder flackerten über mich hinweg, blitzten auf und verschwanden dann wieder. Dann tauchte ein Traumbild wieder auf, verdichtete sich. Klar wie ein Gespenst in der Nacht schälten sich die Umrisse eines Menschen heraus. Es war so, als träfe mich ein Schlag ins Gesicht. Dann war alles wie weggewischt. Verzweifelt krallten meine Finger die Bettdecke. Benommen und vernebelt vom Schlaf, fand ich mich in einer blassen Dunkelheit wieder.

Ich blätterte in meinen Träumen zurück und das Traumbild stand wieder vor mir. Rosa war seine Erscheinung: über seinem rosanen Umhang hing sein Bischofskreuz, seine Hände waren in sich gefaltet, ehrwürdig und fromm war sein Blick durch seine rahmenlose Brille. Mit seinen feinen Gesichtszügen wirkte er jünger, als er war. Fast hätte man ihn für einen Messdiener halten können. Als Kopfbedeckung trug er sein rosanes Zucchetto. Auge in Auge sahen wir uns an. Kein Zweifel: es war der Limburger Bischof Tebartz-van Elst.

In diesem Augenblick stand ich senkrecht in meinem Bett. Obschon ich hellwach war, rieb ich meine Augen. Mein Blick schlich zäh durch das Zimmer. In der Nacht war alles unterschiedslos grau bis schwarz. Der Schleier der Gardine war der einzige hellere Fixpunkt, der mir im Dunkeln Orientierung verlieh.

Wieso kam gerade dieser Bischof dazu, sich in meine Träume zu mischen ? Die Schlagzeilen hatten wild auf ihn eingedroschen. Zu Recht. Dass Meineid und Geldgier kein Kavaliersdelikt waren, da gab es nichts weg zu diskutieren. Ich hatte Tebartz-van Elst aber geistig beiseite geschoben. Sollten doch all die Journalisten, Kolumnisten, Kabarettisten oder Karnevalisten ihn ausschlachten. Er lieferte jede Masse Stoff für Komik, Widersprüche, Parodien oder Zynismus.

Federweißer und Rotwein drückten auf meine Blase und mich auf die Toilette. Danach zirkulierten meine Gedanken bestechend scharf. Angestachelt, wusste ich nicht, wie ich mich im Bett drehen und wenden sollte. Wieso Tebartz-van Elst ? Mein Verhältnis zu Religion und Kirche war entspannt. In den Messen war ich seltener Gast, unseren Pastor grüßte ich freundlich in unserem Ort. In der Bibel hatte ich sehr lange nicht mehr gelesen. Ihre Inhalte betrachtete ich als wichtig, da Ethik und Werte unserer Gesellschaft abhanden gekommen waren. Ich hatte eine Vorliebe für Dome und Kathedralen. Kritische Themen wie Zölibat, das Verhältnis der Kirche zu Geld, Exkommunikation bei Scheidung oder die Wachset-und-mehret-Euch-Ideologie in der Dritten Welt waren mir bekannt. Ich hatte aber keine Lust, mich an all diesen Debatten zu beteiligen.

Mein Kopf kam auf Hochtouren. Mitten in der Nacht um drei Uhr. Ich hatte Tebartz-van Elst nichts getan. Und die anderen sollten sich um die Kostenexplosion seines Bischofssitzes kümmern. War er ein Phantom ? War er eine Art „Darth Vader“ aus den Starwars-Filmen, der der dunklen Seite der Macht verfallen war ?

Ich drehte mich, ich wendete mich unter der Bettdecke, ich öffnete die Türe zum Balkon, um bei frischer Luft einschlafen zu können. Ich dachte über hoch schwierige Fragestellungen nach, um einschlafen zu können: ich versuchte, die mathematische Lagrange-Methode auf die Reihe zu bekommen; ich versuchte, die Erbfolge Karls des Großen über einen möglichst langen Zeitraum in mein Gedächtnis zurück zu rufen; ich versuchte, alle Bände von Harry Potter aufzuzählen. Nichts half. Meine Gedanken drehten sich und wendeten sich und kreisten hilflos um Kirche und Religion und Tebartz-von Elst.

Die Verzweiflung, mit der ich auf meinen Radiowecker starrte, stieg. Es wurde vier Uhr. Danach fehlten nur noch wenige Ziffern, bis fünf Uhr erreicht wurden. Doch die fünf als Anfangsziffer bemerkte ich nicht mehr, denn nach endlosen Anläufen schlief ich ein. Es sollte nicht lange dauern, dann bimmelte pünktlich um halb sechs mein Wecker und die Musik auf WDR2 plärrte in die Nacht hinein.

Tebartz van-Elst samt Wecker hätte ich an die Wand werfen können. Nicht fünfeinhalb Stunden, sondern gerade dreieinhalb Stunden Schlaf hatte ich gehabt. Das sollte mir den kompletten Tag vermiesen. Ich war wie gerädert. Ich verrammelte mich in meinem Büro und schaffte nur einfache Tätigkeiten. Die Formeln in Excel verschwammen. Word-Dokumente, die mehr als 20 Zeilen enthielten, legte ich beiseite. Zu brauchbaren Präsentationen war ich gar nicht fähig. Viel mehr als Aufräumen und meine archivierten Dateien in Ordnung zu bringen, war nicht drin.

Einen solchen Albtraum hatte ich seit den 80er Jahren nicht mehr geträumt. Damals war ich von explodierenden Atomraketen im Schlaf aufgeschreckt worden.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Andreas Etienne & Michael Müller, Michael Mittermaier und Mario Barth

Kurz nach acht. Die Hallenbeleuchtung war erloschen, die musikalische Untermalung war verstummt. Eine in sich gekehrte Ruhe ergriff die Zuschauerplätze, die den Halbkreis der Kölner Lanxess-Arena gut ausfüllten, aber nicht randvoll. Die Weite der riesigen Halle war spannungsgeladen, die Blicke waren auf die Bühne gefesselt.

„Black Out“: die schwarz-weißen Großbuchstaben hatten sich in der Bühnenmitte plaziert, verloren hing ein Metallgerüst im Nirgendwo, eine Skyline unterstrich im Hintergrund das Motto der Comedy-Show. Dann ohrenbetäubender Lärm. Hektische Klänge, viel zu laut, ohne Melodie, schrecken die Zuschauer auf und verstummen augenblicklich, als Michael Mittermaier die Bühne betrat. Seine Jeans schlabberten unter seiner schlacksigen Gestalt, die mit dem schwarzen Sakko aufgehübscht wurde. Der größte Stromausfall in der Geschichte der USA habe ihm die Idee geliefert. Er erzählte die Komik von Black-Out-Situationen; das war ein Griff in die Kiste von irrationalen Situationen und Verhaltensweisen.

Es hatte sich so ergeben, dass der Oktober zu einem Monat von Comedy, Spaß und Witz wurde, denn gleich für drei Veranstaltungen hatten wir Karten ergattert. Für den 3. Oktober hatten uns Freunde auf „Nachbarn Reloaded“ im Bonner Springmaus-Theater angesprochen. Der 15. Oktober war mit Michael Mittermaier noch ein Weihnachtsgeschenk an unseren Sohn. Schließlich rief uns der TV-Ticket-Service an, ob wir am 21. Oktober bei einer Fernsehproduktion von „Willkommen bei Mario Barth“ dabei sein wollten.

Wir sagten zu. Mario Barth fiel bei diesen drei Comedy-Veranstaltungen aus der Reihe, da es eine Fernsehsendung war. Bei den Fernsehaufnahmen in den MMC-Studios in Köln-Ossendorf zeigte er nicht ganz, was er drauf hatte. Meine Erwartungshaltung war ohnehin gedämpft, da ich Mario Barth mit frauenfeindlichem Klischeedenken verband. Dieser Fernsehdreh, der für uns kostenlos war, lieferte nun die Antithese, dass diesmal die Frauen austeilten und die Männer einstecken mussten. Mann und Frau zockten am Computer das Spiel „FIFA World Cup“ Deutschland gegen Italien, wobei Frau gewann. Mit Sprüchen wie „Ich hol mir mal’n Bier“ griff er fleißig in den Kühlschrank. Danach saßen sich beim Speed-Dating Frau und Mann gegenüber, wobei Mario Barth über einen Ohrhörer der Frau zuflüsterte, was sie sagen sollte, um den Mann von einer peinlichen Situationen in die nächste zu befördern.

Mario Barths Komik war einfach gestrickt, platt, schnell, spontan, schlagfertig. Seine flotten Sprüche kamen stets in der Zuschauermenge an. Michael Mittermaier war demgegenüber durchdacht, er ordnete seine Show einem Motto unter, arbeitete sauber die Pointen heraus. Beiden war gemeinsam, dass sie viel mit Gestik und Mimik arbeiteten, was ihren Witzen ein breites Profil verlieh.

Beiden – Michael Mittermaier und Mario Barth – hatte ich im Fernsehen wenig Aufmerksamkeit geschenkt, da ich heimische Komiker vor denjenigen aus Berlin oder dem tiefsten Bayern bevorzugte. Ich war hingerissen. Wortgewandt, Luft holend und klar stellend, zog mich Michael Mittermaier in seinen Bann. Er erzählte so manches aus seinem Heimatdorf.

Wie er erzählte, beschrieb er selbst:„Was man heutzutage erlebt, wird direkt ins Netz gepostet. Live können alle das nachlesen. Und früher ? Bilder und Filme stehen nicht im Netz. Wir hatten unsere Erlebnisse im Herzen … „ Selten habe ich so gelacht. Er erzählte, dass wir in unserem Land so viel Erklärungsbedarf haben, dass wir für alles und jedes Aufkleber brauchen. Er machte sich über Autofahrer von SUV (das sind diese Angeber-Geländewagen) lustig und verfrachtete sie geistig in einen Panzer. Weil die Hallen in Basel nebeneinander lagen, vermischte er eine Erotik-Messe mit seiner Comedy-Show. Beim einzigen Atomkraftwerk in Österreich, das nie ans Netz ging, wird bis heute ein Atomkraftwerk-Einschalter beschäftigt, der nie auf den Knopf gedrückt hat.

Ein Bayer in Köln ? Ich sog seine deftig inszenierte Komik in mich hinein, lachte mich bisweilen krumm. „Sau-Preuß“ stichelte er mit seinen Witzen gegen das Berliner Hauptstadt-Denken. Im Westen der Republik verortete er sich über den Fußball. Er war kein FC-Bayern-Fan, und bei seinem morgigen Auftritt in Dortmund sah er sich schon vor leeren Rängen, denn als Anhänger des FC Schalke 04 wollte  er das blaue Trikot anziehen, das sich mit der gelben Farbe des BVB spinnefeind war.

Weniger bekannt dürften die Komiker Andreas Etienne und Michael Müller sein, wenngleich Andreas Etienne als Kellner Dauergast in der Comedy-Sendung mit Ludger Stratmann  ist („Stratmanns“). Das Springmaus-Theater im Bonner Vorort Endenich ist klein, übersichtlich, familiär. An viereckigen Sechsertischen aßen wir Käsewürfel, während wir Etienne und Müller zusahen. In „Nachbarn Reloaded“ spielte sich das Geschehen der beiden Nachbarn rund um den Wendehammer ab. 

Argwöhnisch beäugelten sie das Treiben des anderen. Stets mit einer Gartenschere bewaffnet, schnitt der eine Nachbar alles weg, was ihm in den Weg kam. Der andere Nachbar tüftelte und werkelte in seinem Keller herum und ließ niemanden hineinsehen, was er trieb.

Der Humor von Etienne und Müller war knochentrocken, solange sich die beiden auf Distanz schoben. Erst spät, sehr spät setzten die Knalleffekte um so heftiger ein, wenn offensichtlich war, was die beiden trieben. So hatte der eine Nachbar im Keller Unmassen von Glühbirnen gehortet, die er mit einem Mal testete, worauf das Stromnetz zusammenbrach. Andreas Etienne und Michael Müller waren eine eigene Kategorie, die auf ihre Weise genial war.

Andreas Etienne & Michael Müller, Michael Mittermaier und Mario Barth : wenn ich sie in eine Reihenfolge bringen sollte, wären es zuerst Mittermaier, dann Etienne/Müller, schließlich Barth. Ordentlich gelacht habe ich bei allen. Ich freue mich auf weitere Comedy-Veranstaltungen. Noch haben wir die nächste Show nicht im Visier. In den Programmen von diversen Theatern und Komikern blättern wir derzeit herum. 

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Stoffmarkt in Venlo (4)

Sie polterte daher.

 „In Deutschland wäre so etwas verboten … der ADAC kontrolliert so etwas … die 50 Cent sind eine Unverschämtheit … „

Sie meinte die Toiletten neben dem Aufzug des Parkhauses Nolensplein, die ihr zu verdreckt waren. Ihr hochroter Kopf ereiferte sich in Erregung. Die Toilette im Parkhaus war aber höchst praktisch, denn auch unsere Blase drückte. Also testeten wir allesamt die Toiletten. Darunter waren zwei Frauen und unsere Kleine, die nichts zu beanstanden hatten. Auch ich konnte nicht klagen: das Urinalbecken auf der Herrentoilette samt Waschbecken waren tadellos sauber.

Abgeschreckt durch den deutschen Wesenszug der Nörgler und Meckerer, schätzten wir uns glücklich, in dem Parkhaus Nolensplein einen der kostbaren Parkplätze ergattert zu haben. Das Parkhaus lag zentral, und am Ausgang fielen wir regelrecht in den Stoffmarkt hinein.


Es war unser vierter Stoffmarkt-Besuch in Venlo in den Niederlanden, so dass Venlo zu einer Art von Tradition geworden war. Gewohnheiten und Fixpunkte hatten sich bei den vorherigen drei Malen herauskristallisiert: Stoffmarkt – wobei der Umfang der eingekauften Stoffe im Zeitverlauf nachgelassen hatte -, Fritten essen, Einkaufsbummel, Zeitung kaufen, die 2 Brüder von Venlo und einiges mehr ...

Venlo war ein Kompromiß, aber ein guter. Ich bedauerte, dass Stoffmärkte uns in keine anderen sehenswerten niederländischen Städte führten: Maastricht oder s’Hertogenbosch kamen in der Stoffmarkt-Agenda nicht vor, der Stoffmarkt in Roermond fand gleichzeitig mit demjenigen in Hennef statt, Delft oder Alkmaar lagen unerreichbar weit im Kernbereich der Niederlande.

Also Venlo, das sich wahrscheinlich durchgesetzt hatte, weil der Einkaufstourismus aus dem nahen Rhein- und Ruhrgebiet blühte. WES, KR, MG, KLE, DU, BO, E: deutsche Autokennzeichen bevölkerten die Tiefgarage, und auch jenseits der Tiefgarage dominierte in Venlo die deutsche Sprache.

Das nahm ich als gegeben hin. Einkaufen dient der Völkerverständigung. Wenn der Kunde König ist, schauen die Einzelhändler nicht auf die Nation. Grenzstädte sind offen gegenüber fremdartigen kulturellen Einflüssen. Umgekehrt waren für mich die Einkaufsscharen von Belgiern und Holländern in Aachen selbstverständlich. Schweizer und Franzosen hatte ich bei unseren Besuchen in Freiburg als Bereicherung empfunden. Aber nirgendwo in den Grenzregionen in Deutschland waren mir Einkaufstouristen aus den Niederlanden, aus Belgien, Frankreich oder der Schweiz als Nörgler und Meckerer aufgefallen.

So hangelte uns unsere Neugierde durch die Fixpunkte der Fußgängerzone.

Die heutigen Fritten im Imbiß „Big Snack Parade“ waren lecker, aber steigerungsfähig. Der Geschmack nach frischen Kartoffeln drang durch, hätte aber intensiver sein können. Die Frittenbuden in Venlo waren denjenigen in Belgien hoffnungslos unterlegen. Die Ansammlung von Frittenbuden, die mit „friet uit verse aardappelen“ lockten, kam mir sogar unkontrolliert vor. Zweimal hatten wir bei unseren Stoffmarkbesuchen nach Restaurants gesucht, doch das Angebot war dürftig (wobei das Preis-/Leistungsverhältnis stimmte). Immerhin: zwischen der Qualität der Fritten in Venlo und in Deutschland lagen Lichtjahre; Loempia, Saté oder Kroket, die Imbisskulturen in Deutschland und den Niederlanden waren komplett anders geartet.

Meine Göttergattin kaufte eine hübschen Mantel mit geschwungenen, kreisförmigen Mustern. Ich kam mit der Tageszeitung „De Volkskrant“ auf meine Kosten und schmökerte in dem Buchladen  herum, während die Damen den einzigen Lego-Shop in den Niederlanden besuchten.

Normalerweise hätte ich Venlo als Konsum-Terror abgetan. In regelmäßiger Frequenz gibt es einmal monatlich in großen niederländischen Städten verkaufsoffene Sonntage. In Deutschland lockt mich kein einziger verkaufsoffener Sonntag hervor, wenn ich meine Rückstände der nicht gelesenen Tageszeitungen aufarbeite. Anders in den Niederlanden.

Wollt ihr den totalen Krieg ? Diese Rede von Josef Göbbels, die 1943 gehalten wurde, dröhnt in meinen Ohren. Wollt ihr den totalen Konsum ? So könnte man in Venlo formulieren. Die Ekstase der Einkaufsmassen ergießt sich im Warenhaus „2 Brüder von Venlo“. Die Kulturen von Deutschen und Niederländern definieren sich einheitlich über Prozentschilder und Rabattschlachten. Wir werden überrollt von Einkaufswagen. Kaffee und Zigaretten locken. Während in Deutschland Türken für überquellende Einkaufswage herhalten müssen, sind es in Venlo die Deutschen selbst. Konsumgewohnheiten verschieben sich. „Geiz ist Geil“ hat längst  in Venlo Einzug gehalten.



Die Niederländer profitieren auch von Gesetzgebungen und krummen Steuerregelungen, die der preisbewußte Konsument geistesgegenwärtig durchdringt. So das Dosenpfand. Wir deckten uns ein mit Paletten von Coladosen. 9,60 € für 24 Coladosen, das war unerreichbar. In den Niederlanden war die grüne Bewegung zwar stark, Regelungen über das Dosenpfand waren den Niederlanden erspart geblieben. Es darf fleißig Cola (oder Fanta oder Sprite) aus Dosen getrunken werden und ohne Pfand in Mülleimern entsorgt werden. Ein ungeheures Gefühl der Freiheit. Seitdem ich die Niederlanden in den 80er Jahren kennen gelernt habe, war es für mich ein Land ohne Schranken und voller Freiheit.

Bei Bezahlen an der Kasse beobachteten wir deutsche Kunden, die ins Leere liefen. Ein-und-zwei-Cent-Stücke hatten die Niederländer abgeschafft, während die Schwellenpreise erhalten blieben. 19,99 € kostete die Ware. Die deutschen Kunden bezahlten mit 20 € und bekamen keinen Cent zurück.

Die Erregung konnte ich nachvollziehen. Sie nörgelten und meckerten und  verwiesen darauf, dass nichts mehr Bestand hatte. Deutsche können bohren und nerven und ihren Standpunkt behalten.  Wahrscheinlich sehnten sie sich nach dem guten alten Kaiser Wilhelm zurück, auf den noch Verlass war.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Sonnenaufgang über dem Siebengebirge ... und der Blick auf das gegenüberliegende Rheinufer am Nachmittag

Schaurig hell, sattes blau, zartrosa oder feuerrot – Sonnenaufgänge über dem Siebengebirge liefern nachdrückliche Stimmungen, über die ich mehrere Posts geschrieben habe.

Einen solchen Sonnenaufgang habe ich in der letzten Woche festgehalten, wobei sich das Siebengebirge diesmal hinter den Wolkengebilden versteckt.


Nachmittags habe ich von der Autobahnbrücke aus die zur Innenstadt gewandte Seite des Rheins fotografiert. Sie ist weniger spektakulär und erzeugt bodenständige, klar strukturierte Stimmungen.


Angeberisch sich in die Höhe reckend, vermag ich dem Posttower keine besonderen Reize abzugewinnen.


Neben dem Posttower fällt der Blick auf den Sendemast des WDR auf dem Venusberg.


Graue Steine säumen das rechte Rheinufer.


Stadthaus, Münster und Kaiserkirche stechen hinter der Biegung des Rheins hervor.


Ein Lastschiff, das auf den Wellen des Rheins tuckert, rundet die ruhige Stimmung ab.

Samstag, 19. Oktober 2013

alte Wagenhalle

Gerne habe ich in meinem Blog angeklagt, dass historische Bausubstanz abgerissen worden ist, glanzlosen Neubauten weichen musste und dadurch unwiederbringlich verloren gegangen ist. Es gibt aber auch positive Gegenbeispiele. In der alten Wagenhalle aus dem Jahr 1907 haben die Stadtwerke bis in die 90er Jahre ihre Straßenbahnen gewartet. Die Instandhaltungsarbeiten sind danach auf die rechte Rheinseite verlagert worden. Die denkmalgeschützten Fassaden haben die Bauherren fein heraus geputzt, die alte Wagenhalle ist danach zu einem Bürogebäude umfunktioniert worden.


Von der Hauptstraße aus fällt der Blick auf die alte Wagenhalle über ein Stück der alten Straßenbahngleise.


Die geschwungenen Bögen über den alten Eingangstoren haben Form und Schönheit
.

Mit viereckigen Steinen ist der Verlauf der Straßenbahngleise markiert worden.



Stuckarbeiten und Ornamente schwingen sich um Giebel und Fenster.


Bizarr wirken die Spiegelungen in der Glasfassade des gegenüberliegenden Bürokomplexes.


Die Fassaden an der Rückseite der Wagenhalle sind genauso hübsch wie an der Vorderseite.


Der Rahmen für ein angenehmes Arbeiten ist in solchen Büroräumen optimal.


An der Seitenwand der Wagenhalle entsteht die Ornamentik durch das Muster der Ziegelsteine.

Dienstag, 15. Oktober 2013

ein Stück Renaissance in Euskirchen

St. Martin Euskirchen
Die Kirche St. Martin in Euskirchen hatte im letzten Jahrhundert Glück gehabt.

Nach der Jahrhundertwende sollte die Kirche abgerissen werden. Die Textilindustrie boomte, Euskirchen war Eisenbahnknotenpunkt nach Köln und Bonn, es herrschte Aufbruchstimmung in neuen Industriebranchen. Die Einwohnerzahl wuchs und wuchs, so dass die Gottesdienste überquollen. Zweihundert Meter weiter, sollte die Herz-Jesu-Kirche ein vielfaches größer gebaut werden und St. Martin abgerissen werden. Dem Architekten Aloys Schlösser ist es zu verdanken, dass beide Kirchen, St. Martin und die Herz-Jesu-Kirche erhalten blieben. Glück hatte St. Martin genauso im Zweiten Weltkrieg, als das komplette Euskirchen 1944 nach Dauer-Bombardements zerstört wurde – mit Ausnahme der Pfarrkirche St. Martin.

Praller Sonnenschein hatte mich im Oktober mit meinem Rennrad nach Euskirchen gelockt, ein Ziel, um das ich sonst wegen der flachen Strecke einen Bogen gemacht hatte.

Die Pfarrkirche St. Martin existierte bereits im Jahr 870, das beweisen Urkunden aus dem Vertrag von Meerssen, als das Reich Karls des Großen geteilt wurde. Dass sie einmal eine romanische Kirche war, davon ist heute gar nichts mehr zu sehen. Rund 500 Jahre später wurde jahrhundertelang an ihr herum gebaut, so dass sie durch und durch gotisch aussieht.

Wieso Euskirchen als Ziel für eine Radtour ? Die Verbindung von Antwerpen zum Rheinland  hatte mich neugierig gemacht. Es waren zwei Bewegungen, die zu Beginn der Neuzeit ganz Europa erfassten und ein neues Denken begründeten. Die Reformation nahm ihren Ursprung in Ostdeutschland und erreichte um 1600 sowohl Flandern wie das Rheinland. Nachdem protestantische Bilderstürmer in Antwerpen für Schrecken und Verwüstung der Kirchen gesorgt hatten, fand das Bürgertum einen Konsens, beide Religionen als gleichrangig zu betrachten, während in den übrigen spanischen Niederlanden Calvinisten und Katholiken mit blindem Fanatismus aufeinander einschlugen. Im Rheinland war die Entwicklung ähnlich wie in Antwerpen. Hier waren es Klöster wie Kamp-Lintfort oder auch Fürsten/Kurfürsten, die entweder eine gegenseitige Toleranz der Religionen durchsetzten oder eine Dominanz des katholischen Glaubens unter Duldung der Protestanten. 

Das Gedankengut beziehungsweise die Kunstepoche der Renaissance breitete sich über Italien nach Flandern aus. An der Scheldemündung gelegen, war Antwerpen eine der reichsten Handelsstädte Europas. Peter Paul Rubens, der als Kind in Köln aufwuchs, zog mit seiner Familie nach Antwerpen. Von dort aus reiste er nach Italien, um Tizian, Veronese und andere Maler kennen zu lernen und kehrte nach Antwerpen zurück.

Rubens, Der Fall des Pheaton; Quelle Wikipedia
Rubens‘ Malerei griff auf  Motive der Antike zurück. Prometheus, Herkules, Jupiter, Kallisto, Perseus oder Andromeda wurden im Geist der Renaissance in seinen Gemälden wiedergeboren. In der heutigen Begriffswelt würde man Antwerpen als „Think Tank“ bezeichnen: auf einer Insel der Ruhe inmitten der Reformation sammelten sich die geistigen Bewegungen. Die Schriften von Horaz, Homer, Ovid oder Seneca wurden wieder gelesen. Es entstanden neue Schriften von Humanisten wie Erasmus von Rotterdam oder Grotius. Auftraggeber für Gemälde, die in einer Art von Massenproduktion entstanden, waren Kirchen. In derselben großen Stückzahl entstanden ab 1500 in Werkstätten holzgeschnitzte Altäre.

Ich kettete mein Rennrad an die Eingangstafel, betrat in meiner Radfahreraufmachung die Pfarrkirche St. Martin in Euskirchen. Ich war irritiert, dass ich schüchterne Frauenstimmen hörte.

„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“

Eine Handvoll älterer Frauen betete in der rechten Stuhlreihe den Rosenkranz. Ich war unsicher, wie ich mich verhalten sollte, denn ich schritt mit kurzer Hose, Fahrradhelm auf dem Kopf und Fotoapparat in der Hand durch die Kirche, dessen gotische Fenster ungewohnt kurz in die Höhe strebten.

Der zentrale Blickfang, den ich gesucht hatte, lag mitten im Chorraum der Kirche. Es war ein Hochaltar, der 1510 in der Werkstatt von Adrian van Overbeck in Antwerpen entstand. Die holzgeschnitzten Motive entstammten aus der Bibel: die Heilige Sippe mit Maria, die Vermählung Josefs mit Maria, der Tempelgang Marias, die Almosenverteilung durch die Eltern Marias, der Heilige Jakobus der Ältere und der Evangelist Johannes. Die Werkstatt von Adrian van Overbeck, in der auch Tischler, Holzschnitzer, Bildhauer und Maler tätig waren, belieferte weitere Kirchen im Rheinland mit Altären, so Kempen und den Kölner Dom.



Dies war die Verbindung von Antwerpen nach Euskirchen. Weitere Altäre aus anderen Werkstätten in Antwerpen standen quer verteilt über das Rheinland – so in Rees, Kalkar, Xanten, Rheinberg, Dinslaken, Linnich und vieles mehr ….

Vorsichtig wie ich gekommen war, verließ ich dieses Stück Renaissance in Euskirchen. Die Rosenkranz-betenden Frauen nahmen keine Notiz von mir. Als ich nach draußen trat, wärmte die herrliche Herbstsonne.

Freitag, 11. Oktober 2013

Herbst


Der Herbst hatte gezögert. Über Wochen hinweg hatte er sich schwer getan, Fuß zu fassen inmitten der vom Sommer begrünten Landschaft. Der Altweibersommer wollte nicht weichen. Die Mittagssonne hatte soviel Wärme gespendet, als wäre ich in einer Wellness-Oase gelandet. Zaghaft hatten sich gelbliche und rötliche Verfärbungen in das Laub geschlichen. Silberweiden reckten ihr dichtes Blattwerk in die Höhe. Blasse Gelbtöne waren in Birken eine Randerscheinung.

Dann fiel der Herbst ein. Das war plötzlich, wie bei einem Motor, der durchstartet. Oder wie bei einer Rennradtour, wenn es nach einer Passhöhe steil bergabwärts geht. Eine zähe Wolkendecke hatte den Himmel verdunkelt. Leichtes Getröpfel hatte Donald Bäcker im ARD-Morgenmagazin vorhergesagt. Anfangs behielt seine Prognose Recht. Doch seine Prognose hatte den falschen Moment erwischt, als ich mich auf dem Trekking-Rad befand. Auf dem Nachhauseweg wurde aus dem leichten Getröpfel ein Netz. Die Regentropfen gewannen an Dichte, sie sponnen lange Fäden in diesem Netz und prasselten schließlich senkrecht und entschlossen herunter. Ohne Regenponcho, wurde aus dem leichten Getröpfel eine klatschnasse Angelegenheit.

Das war gemein. Verlegen blickte ich in den Trübsinn hinein, in den Regen, der die gelblich-rötlichen Farben des Herbstes verstärkte, in all diese Blässe, die die Baumgruppen über den Feldern verschwinden ließ. Der Regen hatte die Elstern auf den abgeernteten Maisfeldern vertrieben. Es sah so aus, als wäre der Sommer unwiederbringlich verloren gegangen.

Der Sommer war nur noch Rückblende, der Herbst schaute grimmig nach vorne. Nicht im Rheinland, sondern in der derben Schönheit Schleswig-Holsteins hatte Theodor Storm dazu gedichtet:

„Es rauscht, die gelben Blätter fliegen,
Am Himmel steht ein falber Schein;
Du schauerst leis und drückst Dich fester
In Deines Mannes Arm hinein.

Was nun von Halm zu Halme wandelt,
Was nach den letzten Blumen greift,
Hat heimlich im Vorübergehen
Auch Dein geliebtes Haupt gestreift.

Doch reißen auch die zarten Fäden
Die warme Nacht auf Wiesen spann –
Es ist der Sommer nur, der scheidet;
Was geht uns denn der Sommer an !“

Auch auf unseren Feldern rauschte er Wind. Stoßweise purzelten Blätter auf den Boden, wo sie sich sammelten und den Sommer abschoben in die Vergessenheit.

Klatschnasse Angelegenheit und reiches Farbenspektrum, das waren Gegensätze, die wunderbar miteinander harmonierten. Das bewunderte ich in den Vorgärten. Aufmärsche von Astern protzten in ihren lilanen Farbtönen. Reihen von Tagetes glänzten in purem Orange. Weniger prahlend, gesellte sich die gelb-orange Farbmischung der Anemonen dazu. Herbstfreuden besprenkelten die Vorgärten mit ihren rosanen Farbtupfern. Ich spürte die Regungen. Die Inspirationen des Herbstes waren geweckt worden. Die Melancholie war wie verflogen.

Der nächste Tag war mit Regenschauern durchsetzt. Donald Bäcker war im ARD-Morgenmagazin eigens in das Allgäu gereist, um den Wetterbericht bei Schneefall zu moderieren. Das war ihm hervorragend gelungen, denn auf 800 Metern Höhe schneite es tatsächlich. Nicht so bei uns. Es war stark abgekühlt, doch zwischen der Nässe von oben ließ sich auch die Sonne blicken.


Sie motivierte. Ich war im Herbst angekommen, der die Biergärten leer gefegt hatte. Spaziergänger hatten sich mit einem Regenschirm bewaffnet und trotteten an Pfützen vorbei, in denen sich die noch hängenden Blätter spiegelten. Es war eine seltene Erscheinung, dass der Posttower voller Romantik über dem Rhein von gold-gelb-grünen Blättern des Herbstes eingerahmt war. Selbst er inspirierte mich mit seiner nackten und klotzigen Erscheinung. So wie praktisch alle Farben des Herbstes.