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Montag, 3. November 2014

Kaya Yanar - Live im E-Werk Köln

Raum, Ort, Zeit mussten stimmen. Es machte die Schaffenskraft von Orten aus, wo er gut drauf war, wo der Funke zum Publikum übersprang, wo sich eine magische Verbindung aufbaute, wo sich die Momente seiner Komik entluden und beim Publikum ankamen. Halle, Lichteffekte, die Anordnung von Stuhl- und Platzreihen, der Klang seiner Stimme, verstärkt im Widerhall zwischen Wänden und Decken, nacktes Zielgelmauerwerk, unromantische Stahlträger, die die Decke stützen. Das E-Werk in Köln-Mülheim, bis Mitte der 1980er Jahre befand sich dort das Umspannwerk des Elektro-Konzerns Felten & Guillaume, danach wurde die Fabrikhalle zur Veranstaltungshalle umgebaut. Genau an diesem Ort, an dem einst geschuftet, geackert und gearbeitet wurde, kam Kaya Yanar auf Touren. Seine Pointen saßen, und das Lachen des Publikums hörte nicht auf.

Kaya around the World, das war die Show, die uns letzten Samstag erfreute. Irgendwie hatte es sich auch in diesem Herbst ergeben, dass sich die Termine für die Comedy-Shows knubbelten. Am 24. August war es Bernd Stelter, am 4. Oktober Mario Barth, schließlich am 25. Oktober Kaya Yanar.

Und Kaya schwärmte davon, wenn sich die Gelegenheit ergab, dass ihm sein Fernsehsender RTL den einen oder anderen Drehtermin rund um den Globus besorgte. In seiner Rolle, in fremde Herren Länder mit fremden Sprachen verfrachtet zu werden, fühlte er sich als Türke sichtlich wohl. Es geschah in New York, wo er ganz zufällig in der Vorweihnachtszeit gelandet war. US-Amerikaner müssen sich zu wahren Neurotikern entwickeln, wenn es um Weihnachtseinkäufe geht. In der Drehtüre eines Warenhauses geriet er aneinander, zu zweit stand er mit einem jungen Herren zusammen, der mit seinen Ellbogen herum fuchtelte, pausenlos auf seinem Smartphone herum plärrte und sich nicht darum scherte, wo seine Beine standen. „You fucking american guy“ entglitt es schließlich Kaya, als ihm das Zusammengequetsche zu brenzlig wurde. Danach bäumte sich sein Gegenüber auf, er ballte seine Fäuste zusammen, sein drohender Blick durchbohrte ihn. Daraufhin zuckte Kaya seinen Kugelschreiber aus der Hosentasche, zeigte ihm diesen und der Amerikaner rannte weg, so weit er konnte. Womöglich hatte er James-Bond-Filme gesehen, in denen kleinste Technik in Kugelschreibern gewaltige Explosionen verursachen konnte.

Diese Leichtigkeit und Unbeteiligtheit, diese Neugierde in seinen Fernsehauftritten in „Was guckst Du“, das wirkte locker, leicht und gekonnt in all seinen sprachlichen Verwandlungen. Reiseangebote „All Inclusive“ in Anthalya an der türkischen Riviera. Russen waren ihm aufgefallen, wie sie, angeregt durch das ganztägige Speiseangebot, sich der Völlerei hingaben. Das inspirierte ihn, erst einmal mehrere Minuten pausenlos nur noch Russisch zu reden, mit solchen Wortschwallen, dass das Publikum sprachlos war. Und er brachte China unter in seiner Komik. Mit RTL hatte er einen Drehtermin, um mit Koala-Bären gefilmt zu werden. Abends im Hotel an der Bar sprach der Barkeeper ein paar Wortfetzen Deutsch, aber mit einem „L“ anstelle „R“, wie man es gemeinhin von Chinesen kennt. Dabei musste sich sein Verstand verbiegen, wenn er kein „Türke“, sondern ein „Tülke“ war. Zu seinem eigenen Erstaunen lernte schließlich der chinesische Barkeeper nach mehreren Tagen die korrekte Aussprache von „Türke“.

Sein Auftritt war wie eine Metamorphose, in der er sich dauernd selbst verwandelte. Er bedauerte, dass Französisch eine derjenigen Sprachen sei, die er nicht sprechen könne. Dabei überzeugte seine Selbstverwandlung. „Mon dieu“ oder „au revoir“, französischen Wortpassagen kamen kaum vor. Anstatt dessen schweifte er aus in dem französischen Akzent, er ahmte die Wortmelodie nach und vergaß beharrlich beim Buchstaben „H“ die Aussprache. Wenn er ins Schweizerdeutsch wechselte, konnte er von seiner Schweizer Freundin lernen. Mit der Türkei verband er sommerliche Temperaturen, er suchte die Wärme und mied die Kälte, so dass er mit Skifahren ganz und gar nichts anfangen konnte. Dennoch krempelte seine Freundin ihn um und brachte ihn auf die Ski-Piste. Er hakte sich daran fest, wieso er eine Skibrille für 150 Schweizer Franken kaufen müsse, während er die restliche Ausrüstung leihen konnte. Wozu eine Skibrille, wenn er ohnehin mit dem Skifahren nichts anfangen konnte ? Den Disput mit dem Verleiher erzählte er in Schweizerdeutsch – das war so viel Komik in Situation und Sprache, die man Live erlebt haben muss.

Kaya Yanar ließ nicht aus, die Verbindung zu seinen Wurzeln zu schlagen. Er sprach mir aus meinem eigenen Herzen, dass man mit Lateinisch nicht allzu viel anfangen könne im Leben – mit wenigen Ausnahmen von Medizinern oder Botanikern, denen die lateinischen Pflanzenbezeichnungen auf der Zunge zergingen. Er orientiere sich lieber daran, was man machen könne und bewegen könne. Er sei mehrfach verortet, in Deutschland und der Türkei. Er fühle sich sogar als Weltbürger – ein wenig im Sinne von Goethe – wobei seine Standbeine in Deutschland Frankfurt und Köln waren. In Frankfurt war er aufgewachsen und hatte Abitur gemacht – und an seinem Gymnasium hasste er Lateinisch wie die Pest. 1999 war er in Köln im Küppers-Biergarten entdeckt worden, der heute nicht mehr existiert. Seitdem führte ihn RTL regelmäßig nach Köln.

Als die Show vorbei war, gingen an diesem 25. Oktober die Lichter im Kölner E-Werk aus und dann, hell durchflutet, wieder an. Es war Tradition, dass ihn die letzten Live-Auftritte im Jahr nach Köln führten. Arbeiter und Fabriken gehörten für ihn zur Bodenständigkeit. Das durchdrang auch seine Komik, die nichts kompliziertes war. Und der sich jeder, ganz einfach und leicht, nähern konnte. Auf der ganzen Welt.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Andreas Etienne & Michael Müller, Michael Mittermaier und Mario Barth

Kurz nach acht. Die Hallenbeleuchtung war erloschen, die musikalische Untermalung war verstummt. Eine in sich gekehrte Ruhe ergriff die Zuschauerplätze, die den Halbkreis der Kölner Lanxess-Arena gut ausfüllten, aber nicht randvoll. Die Weite der riesigen Halle war spannungsgeladen, die Blicke waren auf die Bühne gefesselt.

„Black Out“: die schwarz-weißen Großbuchstaben hatten sich in der Bühnenmitte plaziert, verloren hing ein Metallgerüst im Nirgendwo, eine Skyline unterstrich im Hintergrund das Motto der Comedy-Show. Dann ohrenbetäubender Lärm. Hektische Klänge, viel zu laut, ohne Melodie, schrecken die Zuschauer auf und verstummen augenblicklich, als Michael Mittermaier die Bühne betrat. Seine Jeans schlabberten unter seiner schlacksigen Gestalt, die mit dem schwarzen Sakko aufgehübscht wurde. Der größte Stromausfall in der Geschichte der USA habe ihm die Idee geliefert. Er erzählte die Komik von Black-Out-Situationen; das war ein Griff in die Kiste von irrationalen Situationen und Verhaltensweisen.

Es hatte sich so ergeben, dass der Oktober zu einem Monat von Comedy, Spaß und Witz wurde, denn gleich für drei Veranstaltungen hatten wir Karten ergattert. Für den 3. Oktober hatten uns Freunde auf „Nachbarn Reloaded“ im Bonner Springmaus-Theater angesprochen. Der 15. Oktober war mit Michael Mittermaier noch ein Weihnachtsgeschenk an unseren Sohn. Schließlich rief uns der TV-Ticket-Service an, ob wir am 21. Oktober bei einer Fernsehproduktion von „Willkommen bei Mario Barth“ dabei sein wollten.

Wir sagten zu. Mario Barth fiel bei diesen drei Comedy-Veranstaltungen aus der Reihe, da es eine Fernsehsendung war. Bei den Fernsehaufnahmen in den MMC-Studios in Köln-Ossendorf zeigte er nicht ganz, was er drauf hatte. Meine Erwartungshaltung war ohnehin gedämpft, da ich Mario Barth mit frauenfeindlichem Klischeedenken verband. Dieser Fernsehdreh, der für uns kostenlos war, lieferte nun die Antithese, dass diesmal die Frauen austeilten und die Männer einstecken mussten. Mann und Frau zockten am Computer das Spiel „FIFA World Cup“ Deutschland gegen Italien, wobei Frau gewann. Mit Sprüchen wie „Ich hol mir mal’n Bier“ griff er fleißig in den Kühlschrank. Danach saßen sich beim Speed-Dating Frau und Mann gegenüber, wobei Mario Barth über einen Ohrhörer der Frau zuflüsterte, was sie sagen sollte, um den Mann von einer peinlichen Situationen in die nächste zu befördern.

Mario Barths Komik war einfach gestrickt, platt, schnell, spontan, schlagfertig. Seine flotten Sprüche kamen stets in der Zuschauermenge an. Michael Mittermaier war demgegenüber durchdacht, er ordnete seine Show einem Motto unter, arbeitete sauber die Pointen heraus. Beiden war gemeinsam, dass sie viel mit Gestik und Mimik arbeiteten, was ihren Witzen ein breites Profil verlieh.

Beiden – Michael Mittermaier und Mario Barth – hatte ich im Fernsehen wenig Aufmerksamkeit geschenkt, da ich heimische Komiker vor denjenigen aus Berlin oder dem tiefsten Bayern bevorzugte. Ich war hingerissen. Wortgewandt, Luft holend und klar stellend, zog mich Michael Mittermaier in seinen Bann. Er erzählte so manches aus seinem Heimatdorf.

Wie er erzählte, beschrieb er selbst:„Was man heutzutage erlebt, wird direkt ins Netz gepostet. Live können alle das nachlesen. Und früher ? Bilder und Filme stehen nicht im Netz. Wir hatten unsere Erlebnisse im Herzen … „ Selten habe ich so gelacht. Er erzählte, dass wir in unserem Land so viel Erklärungsbedarf haben, dass wir für alles und jedes Aufkleber brauchen. Er machte sich über Autofahrer von SUV (das sind diese Angeber-Geländewagen) lustig und verfrachtete sie geistig in einen Panzer. Weil die Hallen in Basel nebeneinander lagen, vermischte er eine Erotik-Messe mit seiner Comedy-Show. Beim einzigen Atomkraftwerk in Österreich, das nie ans Netz ging, wird bis heute ein Atomkraftwerk-Einschalter beschäftigt, der nie auf den Knopf gedrückt hat.

Ein Bayer in Köln ? Ich sog seine deftig inszenierte Komik in mich hinein, lachte mich bisweilen krumm. „Sau-Preuß“ stichelte er mit seinen Witzen gegen das Berliner Hauptstadt-Denken. Im Westen der Republik verortete er sich über den Fußball. Er war kein FC-Bayern-Fan, und bei seinem morgigen Auftritt in Dortmund sah er sich schon vor leeren Rängen, denn als Anhänger des FC Schalke 04 wollte  er das blaue Trikot anziehen, das sich mit der gelben Farbe des BVB spinnefeind war.

Weniger bekannt dürften die Komiker Andreas Etienne und Michael Müller sein, wenngleich Andreas Etienne als Kellner Dauergast in der Comedy-Sendung mit Ludger Stratmann  ist („Stratmanns“). Das Springmaus-Theater im Bonner Vorort Endenich ist klein, übersichtlich, familiär. An viereckigen Sechsertischen aßen wir Käsewürfel, während wir Etienne und Müller zusahen. In „Nachbarn Reloaded“ spielte sich das Geschehen der beiden Nachbarn rund um den Wendehammer ab. 

Argwöhnisch beäugelten sie das Treiben des anderen. Stets mit einer Gartenschere bewaffnet, schnitt der eine Nachbar alles weg, was ihm in den Weg kam. Der andere Nachbar tüftelte und werkelte in seinem Keller herum und ließ niemanden hineinsehen, was er trieb.

Der Humor von Etienne und Müller war knochentrocken, solange sich die beiden auf Distanz schoben. Erst spät, sehr spät setzten die Knalleffekte um so heftiger ein, wenn offensichtlich war, was die beiden trieben. So hatte der eine Nachbar im Keller Unmassen von Glühbirnen gehortet, die er mit einem Mal testete, worauf das Stromnetz zusammenbrach. Andreas Etienne und Michael Müller waren eine eigene Kategorie, die auf ihre Weise genial war.

Andreas Etienne & Michael Müller, Michael Mittermaier und Mario Barth : wenn ich sie in eine Reihenfolge bringen sollte, wären es zuerst Mittermaier, dann Etienne/Müller, schließlich Barth. Ordentlich gelacht habe ich bei allen. Ich freue mich auf weitere Comedy-Veranstaltungen. Noch haben wir die nächste Show nicht im Visier. In den Programmen von diversen Theatern und Komikern blättern wir derzeit herum. 

Freitag, 26. April 2013

Cantz schön clever


Die Begrüßung von Hugo Egon Balder war aus dem Lautsprecher verklungen. Zehn Jahre kannten sie sich über das Comedy-Quiz „Genial daneben“. Direkt alberte er herum: Balder, bald, der Name passe nicht, von Balder sei bald im Fernsehen nichts mehr zu sehen, er, Guido Cantz, er sei bald und balder und lege sofort auf der Bühne los.

Er hatte sofort die Lacher auf seiner Seite. Es war ja auch ein Heimspiel für ihn. Der Eltzhof in Porz-Wahn, ein altes Gehöft, zu einer Veranstaltungshalle umgebaut, ein langgestreckter Raum, offenes Gebälk zur Dachspitze, in diesen Räumlichkeiten war Guido Cantz’ Bühne. Dem Kölner Karneval entsprungen, ist er nicht eindeutig wie die anderen Rheinländer Dieter Nuhr, Wlfried Schmickler oder Jürgen Becker in die Kategorie des Kabaretts einzuordnen. Seine Show begann er mit der Frage:
„Wo kommt ihr her ?“
„Aus Junkersdorf“ antwortete jemand in der ersten Reihe.
„Das ist ganz weit weg. Am Ende der Welt, aber noch in den Stadtgrenzen von Köln.“
Später, nach der Pause, lästerte er: „Junkersdorf, das ist in die Länge gezogen wie ein Schlauch. Einmal rein und dann wieder raus.“

Guido Cantz ist mit Köln bodenständig verbunden. Er machte kein Geheimnis daraus, dass er in Köln-Porz-Lind kurz vor dem Ortsausgangsschild nach Spich – das zu Troisdorf gehört – wohnt. Mit Junkersdorf polarisierte er die Gegensätze – die äußerste Westecke gegen seine Heimat in der äußersten Südostecke von Köln. Ob Wahn, Libur, Langel oder Gremberghoven, so manche Stadtteile von Köln-Porz baute er in seine Comedy-Show ein. Genauso tauchte das Maximlian-Kolbe-Gymnasium mehrfach auf. 1989 hatte er dort Abitur gemacht. Zu seinem Heimspiel hatte er jede Menge alte Schulfreunde und andere Weggefährten eingeladen. Alte Lehrer sparte er bei seinen Witzen nicht aus und seine alten Schulfreunde applaudierten wohlwollend.

Anders als bei Dieter Nuhr, Wilfried Schmickler oder Jürgen Becker, nahm der Humor bei Guido Cantz mehr die Form eines rheinischen Witzes an. Mit seiner Gestik, seinem aufschraubten Lächeln, mit seinem manchmal sezierenden Blick, war seine Erscheinung bereits komisch. Charmant, stets nett, konnte er auch bissige Pointen formulieren. Die Pointen ergaben sich bisweilen nach langen Spannungsbögen, um sich danach in einem Knalleffekt des Lachens zu entladen. Seine Witze waren oft so gestrickt wie im Karneval: aus Situationen des Alltags, einfach, deftig, ohne großartig Nachdenken zu müssen, deutlich und effektiv. Er hatte es geschafft, bodenständig zu bleiben, obschon er immerhin ein abgeschlossenes Studium der Betriebwirtschaftslehre vorweisen konnte.

Seine Show war nicht wie eine Büttenrede konzipiert. Den roten Faden hatte er in seinem Buch „Cantz schön clever“ beschrieben - Untertitel: mit Klugscheißergarantie. Wissensdurst hatte ihn umgetrieben. Die Wundermaschine Google hatte für den Durchblick gesorgt. Daran sollte das Publikum teilhaben. Mit einem Ratespiel, das bis zum Schluss nicht gelöst werden konnte, begann er seine Show: wie man mit einer Banane eine Bierflasche öffnet.

Schnell vertiefte er sich in das massive Problem, welches er mit Abkürzungen hatte. ASAP tauchte in einer Mail auf. Guido Cantz kannte dieses Kürzel für „as soon  as possible“ nicht. Dies testete er sogleich beim nächsten Pizza-Service. Seiner nächsten Pizza-Bestellung über das Internet fügte er „ASAP“ hinzu. Als der Pizza-Bote ihm die Pizza ins Haus lieferte, befanden sich Berge von Sardellen und Pepperoni auf der Pizza. „Anche sardelle anche pepperoni“ bedeutete diese Abkürzung für Italiener. Seine Mutter missverstand Abkürzungen, als ihr Sohn das Sprechen lernte. Als Guido elf Monate alt war, rannte sie durch die Nachbarschaft und teilte allen mit, dass Guidos erstes Wort „Auswärtiges Amt“ gewesen wäre. Die Nachbarn waren bei solch einem komplizierten Wort verwundert. Tatsächlich hatte Guido „AA“ gesagt, und Guidos Mutter hatte aus diesem Kürzel „Auswärtiges Amt“ interpretiert. Sie hätte genauso interpretieren können „Assistenzarzt“, „American Airlines“ oder „anonyme Alkoholiker“. Natürlich konnte sich Guido an all die Ereignisse im Alter von elf Monaten nicht mehr erinnern.

Plötzlich hielt er eine Bibel in der Hand. Messdiener sei er gewesen. Nicht nur beim Messdienen, sondern auch aus der Bibel habe er Nützliches und Kurioses gelernt. Zum Beispiel das Hohelied aus dem Alten Testament. Ein Zuschauer durfte auf die Bühne kommen und einige Passagen – mit erotischem Zungenschlag – vorlesen:

Deine Zähne gleichen der Herde von frisch geschorenen Schafen
Deine zwei Brüste sind wie die Zwillinge einer Gazelle
Der Duft deiner Kleider gleicht dem Dufte des Libanon …

Das war ganz weit ausgeholt. Danach holte alle wieder der Abkürzungswahn ein, der auch vor der Bibel nicht halt machte. Sein Nachbar war Sachse aus Leipzig. Ich krümmte mich vor Lachen, wie Guido Cantz sein Sächsich nachmachte. Er war entsetzt wegen der Graffitis der Heiligen Drei Könige. Die Buchstaben C+M+B hatten die verkleideten Könige über sein Haus geschmiert. Er konnte den Leipziger beruhigen. Nebenher erklärte er, was niemand wusste, dass C+M+B nicht für die Heiligen Drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar steht. Sondern dafür, dass das Haus gesegnet wird – christus mansionem benedicat auf Lateinisch.

Grönemeyer mit „Flugzeuge im Bauch“ ahmte er nach. Nach den Tagesthemen präsentierte er eine Sondersendung aus dem Bahnhof von Hannover, weil ein ICE entgegen dem Qualitätsmanagement bei der Deutschen Bahn pünktlich eingetroffen war. Gans, Lanz, Conte – er macht sich darüber lustig, welche falschen Nachnamen in seiner Schulzeit kursierten.

Im Flug waren die drei Stunden seiner Comedy-Show vorbei. Den freundlichen Nachbarn, der auf Augenhöhe mit dem Publikum steht, hatte er mit rheinischem Witz exzellent gespielt. Guido Cantz glänzt nicht nur  bei „Verstehen Sie Spaß“. Gerne besuchen wir seine Comedy-Shows wieder.