Sonntag, 29. April 2012

Wochenrückblick #17

Girls Day / Boys Day
Meine Frau war in der letzten Woche beim Friseur. Einmal im Jahr schnuppern Schüler in die Berufe des anderen Geschlechts hinein. So kam es, dass beim Friseur 12-13 jährige Schüler anwesend waren, um den Friseurberuf kennen zu lernen. Um die Schüler irgendwie zu beschäftigen, wurde meine Frau zum Versuchsobjekt: ein Schüler durfte meiner Frau die Haare waschen. Dabei hatte meine Frau einen Schüler erwischt, der sich selbst wohl weniger gründlich seine Haare gewaschen hatte. Jedenfalls musste die Friseuse ihn mehrfach korrigieren: „kräftig massieren und nicht die Kopfhaut streicheln … der Kopf hat auch eine Hinterseite … über den Ohren nicht vergessen … „ Dadurch dauerte das Haarewaschen etwa zehnmal länger wie sonst. Insgesamt stelle ich mir schwierig vor, die 12-13 jährigen Schüler den ganzen Tag beim Friseur zu beschäftigen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass man sie mit einer Schere an Haaren herum schneiden lassen kann.

Riester-Rente
In meinen Blogs vom 16. Januar und 25. Januar hatte ich berichtet, dass ich die Anlageform und den Anbieter bei der Riester-Rente gewechselt hatte. Dabei hatte ich festgestellt, dass das Konstrukt der Riester-Rente sehr komplex ist und dass die Anbieter sich alle Mühe geben, dass man die Angebote nicht miteinander vergleichen kann. In der Jahresfondsabrechnung für 2011 (bisheriger Anbieter) habe ich nun festgestellt, dass Zuschüsse für 2010 von 700 € zurückgefordert wurden. In der Bescheinigung für die Steuererklärung wurde dazu in einem Feld angekreuzt, dass für 2010 laut Mitteilung der ZfA kein Anspruch auf die Zulagengewährung besteht. Weitere Informationen habe ich darüber nicht erhalten. Ich weiss nicht, wer die ZfA ist. Ich weiss nicht, wer dieser ZfA das Recht gibt, die Zulagen zurückzufordern. Und dies sollte bitte nicht in einem solchen Ankreuzfeld geschehen, sondern dass man mich bitte mit einer ausführlichen Begründung darüber informiert, mal so eben 700 € zurückzufordern. Darüber habe ich meinen bisherigen Anbieter der Riester-Rente (Postbank) um Aufklärung gebeten.

Hänneschen-Theater
Ich scheue mich, bereits im Monat April für das kommende Weihnachtfest zu planen. Ernüchtert musste bei unserem Besuch des Hänneschen-Theaters feststellen, dass wir dies tun müssen. In der Übersicht, welche Stücke in 2012/2013 gespielt werden, hatte ich gesehen, dass der Vorverkauf für das Weihnachtsmärchen ab dem 1. April begonnen hatte. Im letzten Jahr hatte ich im Juli nach Karten nachgefragt und für 6 Personen lediglich Karten für den ersten Adventssonntag für die 17. Reihe bekommen. Das war die drittletzte Reihe, und unser kleines Mädchen und ihre zwei Jahre jüngere Cousine mussten sich auf die Bank stellen, damit sie noch etwas sehen konnten. In der Pause fragte ich nun an der Theaterkasse für dieses Jahr nach. Auch in diesem Jahr ist die Nachfrage für das Weihnachtsmärchen riesig. Beispielhaft fragte ich nach dem ersten Adventssonntag nach. Plätze waren diesmal in der 13. Reihe verfügbar. Da unser kleines Mädchen begeistert war, werden wir auf jeden Fall Karten für das Weihnachtsmärchen reservieren.

Tischmanager
Es ist schon erstaunlich, wie einfach man zum Manager aufsteigen kann und welcher Managerpositionen zu besetzen sind. Vor einigen Wochen hatte ich über einen Hausmeister geschrieben, der zum Facility Manager aufgestiegen war. In ihrer Schulklasse ist mittlerweile unser kleines Mädchen zum Tischmanager aufgestiegen. Einmal pro Woche wird in einer Gruppe von sechs Kindern gemalt. Die Gruppen sind gemischt, und die sechs Kinder setzen sich an den Tischen neu zusammen. Als Tischmanagerin muss sie Stifte und Malvorlagen einsammeln und an ihre Mitschüler verteilen. Dabei vergisst sie schon einmal, die Sachen vollständig einzusammeln. Nächste Woche ist sie froh, wenn sie nicht mehr als Tischmanagerin tätig ist, sondern wenn ein anderes Kind an der Reihe ist.

BIO-Klausur abends um 19 Uhr
Entsetzt hatte ich registriert, dass unser großes Mädchen in ihrem Medizin-Studium an der Universität Freiburg abends um 19 Uhr ihre BIO-Klausur geschrieben hat. Vormittags hatte sie noch Vorlesungen gehabt. Ich wäre gegen abends um 19 Uhr kaum noch zu einer vernünftigen Konzentration fähig. Jedenfalls nicht in dem Umfang, an einer Prüfung mit einer solchen Bedeutung teilzunehmen. Hat aber unser großes Mädchen mit Bravour geschafft !

Musik
Verteilt auf mehrere Abende, wurden im Internet-Radio in der letzten Woche mehrere Stücke zum Thema Schule gespielt, die während meiner eigenen Schulzeit aktuell waren. Der erste Stück war „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd. „We don’t need no education … we don’t need no thought control“, das war damals eine Hymne, dass die Schulzeit zu wenig kritische Lebenshaltung vermittelt, dass sie eher den gesellschaftlich angepassten Menschen fördert. „School’s Out“ von Alice Cooper, hart und eingängig heißt es: „no more pencils … no m ore books …no more teachers … dirty looks …” Diese Verse hatte ich während meiner Schulzeit aus voller Brust aus mich herausgeschrien. Das dritte Stück “School” stammt von Supertramp, und zwar von ihrem ersten Album “Crime of the Century”. Das ganze Album höre ich bis heute sehr gerne, weil es den Einflüssen einer Kommerzialisierung widerstanden hat – im Gegensatz zu den folgenden Alben. Roger Hodgsons eindringliche Stimme und wabernden Keyboard-Klänge bestimmen die Musik von Supertramp.






Samstag, 28. April 2012

Kindergeburtstag im Hänneschen-Theater

Heute haben wir Kindergeburtstag gefeiert. Mit 10 Kindern sind wir mit Bus und Bahn nach Köln ins Hänneschen-Theater gefahren. Das Hänneschen-Theater ist ein Puppentheater (auf Stöcken), in dem Stücke auf Kölsch gespielt werden. Regelmäßig werden dort Stücke für Kinder gespielt. Hauptdarsteller sind die Kölner Originale Hänneschen, Bärbelchen, Tünnes, Schäl, Speumanes, … .


… Geschenke


 
… mit Bus und Straßenbahn nach Köln

  
… Eingang zum Hänneschen-Theater


… Millowitsch-Denkmal



… Puppenspiel

Donnerstag, 26. April 2012

der Selbstmord des Lieven Deflandre


Auf der Seite meines Blog-Freundes Pascaldigital aus Belgien habe ich gelesen, dass sein Facebook-Freund Lieven Deflandre gestorben ist.

Für Pascaldigital war es eine der Facebook-Freundschaften, was für mich Blog-Freundschaften sind: in der virtuellen Dimension des Netzes, ohne persönlichen Kontakt, man schreibt sich Posts hin und her. Im Netz ergeben sich Puzzle-Stücke der Persönlichkeit, doch letztlich versteckt man sich in der Anonymität.

Lieven Deflandre war nicht einmal sein richtiger Name, sondern sein Pseudonym. Der Tod eines Pseudonyms ? Lieven lebte alleine in einem Appartement in Gent. Da sein Appartement seit November 2011 renoviert wurde, musste er in eine Baracke mit schlechter Wohnqualität umziehen.

Lievens letzter Facebookeintrag datiert vom 13. Februar. Nachdem Posts von Facebookfreunden, die er danach erhielt, unbeantwortet blieben, meldete sich am 8. März erstmals eine Facebook-Freundin, was mit ihm los sei und dass er über Facebook ein Lebenszeichen von sich geben wollte. Am 2. April wurde er schließlich tot in seiner Ausweich-Baracke aufgefunden. Er hatte Selbstmord begangen.

Lieven Deflandre hieß eigentlich Lieven Vromman. Da er weitestgehend seine Kontakte über Facebook pflegte, luden seine Geschwister alle Facebook-Freunde zum Begräbnis mit anschließendem Umtrunk ein. Dort fanden sich eine Reihe von Facebook-Freunden zusammen (unter ihnen Pascaldigital), und im Nachgang, erst durch Lievens Tod, lernten sie sich in der Anonymität des Facebook-Daseins kennen. Seine Texte, die er geschrieben hatte, wurden vorgelesen. Seine gemalten Bilder wurden gezeigt. Musik, die er gerne gehört hatte, wurde gespielt. Darunter war jede Menge spanische Musik, denn er war leidenschaftlich gerne nach Spanien gereist. Einige Facebook-Einträge sind auch vollständig in Spanisch geschrieben.

Lievens Grundstimmung ist pessimistisch, und an mehreren Stellen dringt sein Hang zur Depression durch.

Trotzig, zynisch, treffsicher, intelligent und stilistisch anspruchsvoll sind seine Einträge in Facebook. Hier ist eine Auswahl:

„Lieven geht in die schlafende, zerfallende, im Koma liegende Stadt auf der Suche nach einer Lackiererei, die offen ist auf diesem elenden Tag, auf der Suche nach schwarzer Farbe um seinen dunkelsten Albträumen Gestalt zu geben …“

„Kein Mensch ist intelligent genug, um seiner eigenen Dummheit zu entkommen …“

„Vergebung ist eine richtige Tugend für das christliche Volk. Nihilisten verziehennie und vergessen nichts. Sie sind glühend heiß vor ihrem ewigen Feinde… „

„Die Welt ist hübsch, das Leben ist schön, aber alles ist schade wegen all den langweiligen Menschen, die einem über den Weg laufen … „

Ab und zu ging Lieven in einem Eck-Café ein Bier trinken. Dort hatte er sich darüber beklagt, dass es „überlief von Schamanen, die ihre Seele in der Toilette verloren und nach fünf Stunden ein bewusstseinserweiterndes Gift – genannt Jupiler (belgische Biersorte) – ausgekotzt hatten, um sich selbst und ihre schwache Seele zu reinigen.“

Einer seiner letzten Facebook-Einträge war, dass Dichter eine der schwersten Berufe der Welt ist und ein ständiges Gefecht mit der Sprache, einer Pistole und einer Flasche Bier. Ein wenig denke ich dabei an Hemingway, der depressiv war und vor lauter Angst vor Einfallslosigkeit und Erfolgslosigkeit schließlich Selbstmord beging.

Am 2. April wurde Lieven tot in seiner Baracke aufgefunden.

Ruhe in Frieden !

Mittwoch, 25. April 2012

Frühling - der Höhepunkt ist erreicht


Der Frühling ? Bis in den März hinein hatte ich die vielen Veränderungen in der Natur sorgfältig registriert, wie die Natur aus ihrem Winterschlaf erwachte, wie sie zu neuem Leben erweckt wurde, wie die Menschen mit zunehmenden Temperaturen hinaus getrieben wurden. Triebe und Knospen verhielten sich anfangs zaghaft, sie fieberten dem Frühling entgegen, bis sie in voller Blüte erstrahlten.

Das Farbenspiel, das Tag für Tag neue Blüten erschaffen hat, hat nun seinen Höhepunkt überschritten. Die Narzissen sind verblüht, die Tulpen lassen ihre Stängel hängen. Herabgefallene Blüten von Zierkirschen sammeln sich an Straßenrändern und bedecken mit ihrem Violett Autos und Bürgersteige. Das Gelb der Forsythien ist verschwunden.

Das Farbenspiel ist nicht vorbei, denn die Natur sprießt und blüht ungebremst weiter. In den nächsten Monaten konzentriert sich so manches auf die Vorgärten. Flieder, Jasmin, Rosen, Lavendel, Hybiscus, die Varianten neuer Blütenpracht werden sich erst zum Winterbeginn erschöpfen.

Das Grün hat in diesen Tagen die Oberhand gewonnen. Es sind vor allem die Laubbäume, an denen sich erste zarte Sprieße von Blättern geöffnet hatten. Mittlerweile stehen sie in sattem Grün, haben sich auf die Äste ausgedehnt und sind bis in die Baumkronen hoch gewandert. Ob Buche, Eiche, Linde, Ulme: blätterumrankt, spannt sich nun das Astwerk wie ein schützendes Dach auf, vor allem die Wälder werden in diesen zarten Grüntönen zum unverwechselbaren Erlebnis.

Dazu gesellt sich das Licht, das ständig an Intensität gewinnt. Schon Morgens, wenn ich mit dem Fahrrad ins Büro fahre, leuchtet über den Feldern der Raps. Die Sonne steht steil, leuchtet mit voller Kraft in das Gelb hinein, das sich funkelnd von dem grauen Teerweg abhebt. Später schillert die Sonne zwischen den Baumkronen hindurch, spiegelt sich auf dem Wasserarm der Sieg, auf dem das Wasser still steht, bis sie zwischen dem dichter werdenden Astwerk zerlegt wird. Wieder später blendet mich die Sonne, wenn sich in der Rheinaue großzügige Rasenflächen öffnen, die nass und voller Morgentau sind.

Mittlerweile habe ich einen Punkt erreicht, da ist meine Wahrnehmung vor so viel Natur überfordert. Die Überfülle der Natur beginnt, mich zu zerdrücken. Meine Eindrücke muss ich filtern. Im Winter, da hatte sich wenig in der Natur verändert, da hatte sich bisweilen eine Mangelsituation eingestellt, dass sich Eindrücke zu sehr wiederholt hatten. Nun ist es genau umgekehrt: ich habe eine Defizitsituation erreicht, manches rauscht an mir vorbei, und bei alledem, was sich täglich in der Natur verändert, muss ich noch genauer hinsehen.

Schön werden die warmen Tage sein, an denen es nicht zu heiß ist. Oft schlägt dann die Natur in einem Takt, so wie die Menschen sind. An warmen Tagen aalen sie sich in der Sonne, sie zelebrieren das Nichtstun, sie lassen sich einfach nur von der Sonne bescheinen. An solchen Tagen gelingt es mir, meine Wahrnehmung auf ein handhabbares Maß zu filtern.

Dienstag, 24. April 2012

mit dem Rennrad nach Ahrweiler

Entfernung: 70 km
Dauer: 4 Stunden (davon 30 Minuten Pause + Fahrt mit der Fähre über den Rhein)
Durchschnittsgeschwindigkeit: 22-23 km/h
 

Letztes Jahr war es Anfang Mai, als der Frost zugeschlagen hatte. Bei bis zu zwei Grad unter Null vervielfachte der Wind die Kälte – und in den folgenden Wochen wurden die winzigen Früchte an den Apfelbäumen weich wie Gummi, sie färbten sich braun und fielen zu Boden. Zwischen Rheinbach, Meckenheim und Grafschaft waren etwa 70 Prozent der Obstbauern betroffen.

An ein solches Szenario dachte ich auf meinem Rennrad nicht. In der Grafschaft genoss ich die Apfelblüte. Auf Wirtschaftswegen fernab der Hauptstraßen kurvte ich zwischen den Plantagen herum – diese ruhige Fahrt jenseits jeglichen Autoverkehrs war ein seltenes Erlebnis. Zwischen Rheinbach, Meckenheim und Grafschaft, hier erstreckte sich nach dem Alten Land und dem Bodensee ungefähr das drittgrößte Obstanbaugebiet in Deutschland. Nachdem ich am 17. März dieselbe Tour gefahren war, war nun die Höhe auf der Königsstraße in ein weißes Blütenmeer eingetaucht. Ungestört, begleitete mich die Apfelblüte, so weit das Auge reichte. Eine tolle Abfahrt ins Ahrtal folgte, nachdem der Obstanbau durch Felder abgewechselt worden war..

Ahrweiler: als ich durch das Stadttor schritt, war ich eingefangen von soviel Harmonie und soviel Fachwerk. Ahrweiler, in dieser Beschaulichkeit drängelten sich üblicherweise am Wochenende die Touristen. Nun, am frühen Nachmittag, schlummerten die Touristen-Ströme noch in der Ferne. Fachwerkhaus kuschelte sich an Fachwerkhaus. Von der Idylle ließ ich mich berieseln. Schön, dass ich solche aufgehübschten Flecken auf meinen Rennradtouren erleben durfte. Mit der Leichtigkeit des Seins schob ich mein Rennrad durch die Fußgängerzone. Wie reizvoll deutsche Kleinstädte sein können, dachte ich vor mich hin. Gerne hätte ich diese Harmonie an zerrissene Orte transportiert. Gerne würde ich soviel Harmonie nach Hause schaffen – vierundzwanzig Stunden rund um die Uhr.

Ein Weizenbier. Draußen vor dem Café hockte ich mich in die Sonne. Auf meinem Plastikstuhl lehnte ich mich zurück, ich streckte meine Beine aus. Die Weite des Marktplatzes überragte die St. Laurentius-Kirche mit ihrem weiß gestrichenen Mauerwerk, dessen Mauerkanten zartgelbe Farbtupfer auflockerten. Von Gelb bis Rot bis Violett schillerte ein Teppich von Stiefmütterchen, der auf einem Beet vor der Kirche farblich genau dazu passte. Augenblicklich verschwand die Sonne, ein ruppiger Wind kam auf. Ich zog meine Beine zusammen und fröstelte. Einige Augenblicke später, als der graue Wolkenklecks abgezogen war, schien die Sonne weiter. Ich nahm einen langen Schluck aus meinem Weizenbier. Die Gäste am Nachbartisch kamen eindeutig aus Belgien. Häppchenweise hörte ich Niederländisch heraus, doch die Sprache war langgezogen, dumpf, hohl und mit weichen Lauten dazwischen, die untypisch für die Niederlande waren. Kaum ein Wort verstand ich. Wo die herkamen, musste irgendwo in Flandern an der Sprachgrenze liegen – Leuven, Kortrijk oder vielleicht Ieper.

Durch die Enge der Ortsdurchfahrt schlüpfte ich hindurch, in Walporzheim lief das Ahrtal in einem schmalen Talkessel zusammen und bauschte sich am Ortsende zu einer senkrechten Wand auf, an der sich Weinberge fest krallten. Terrassen, aufgesetzt auf dicken Schichten von Schieferplatten, ermöglichten es, dass die Weinberge bewirtschaftet werden konnten. Schicht für Schicht, kletterten die Weinberge behutsam die steilen Hänge hinauf. Jedesmal war die Fahrt durchs Ahrtal ein sorgsam inszeniertes Erlebnis. Tief eingeschnitten in die auslaufenden Bergketten der Eifel war das Ahrtal so rassig, so temperamentvoll wie wohl kaum ein anderes Tal. In Mäandern zog die Ahr ihre Schleifen durchs Tal. Die Straße folgte in Kurven, deren Krümmungen bisweilen in Haarnadelkurven ausarteten. Ruinenhaft senkte sich der griffige Körper des Klosters Marienthal in ein Seitental. Allenthalben Restaurants, Fremdenzimmer, Weinlokale, und manche Lokalitäten hießen „Biker herzlich willkommen“.

Dernau: eingequetscht ins Tal, verließ ich an diesem Punkt das Ahrtal – dem ich auf der Bundesstraße Richtung Altenahr hätte folgen können. Ab hier musste ich mich einen vehementen Anstieg hoch arbeiten – es waren gefühlte 8-10% Anstieg, hinauf von etwa 100 Meter auf 280 Meter Höhe. Da diese Route zu meinen Lieblingsstrecken gehörte und da ich durch „Rund um Köln“ schon geübt war, kam mir der gewaltige Anstieg schon wie Routine vor. Ich wusste, wie viel ich hinauf zu treten hatte, ich wusste, wie niedrig ich die Gänge schalten musste. Die Kreuzung mit dem Rotweinwanderweg kannte ich, ebenso, an welcher Stelle sich der Wanderparkplatz versteckte.

Der Anstieg legte den Blick frei auf ein gewaltiges Panorama, wie sich das Tal in Schlangenlinien daher zog. Weinbau hatte sich an den Berghängen festgesetzt. Wie so oft, knubbelten sich auf dem Aussichtsparkplatz Autos und Motorräder. Nun konnte ich mit meinem Blick abmessen , wie gewaltig der zurückgelegte Höhenunterschied war. Ein letzter sehnsüchtiger Blick ins Ahrtal, dann drehte die Straße – immer noch mit gefühlten 8-10% Anstieg – in die Grafschaft.

Ab Esch ging es bergabwärts. Vettelhofen, Gelsdorf, auf der Bundesstraße nach Meckenheim begegnete ich wieder den Plantagen von Apfelbäumen, die mit ihren Blüten schneeweiß über den Feldern flimmerten, und flächendeckende Blütenteppiche reichten bis zu den Hängen des Kottenforstes.

Ich hatte Glück. Sonnenschein und ein strammer Rückenwind trieben mich vorwärts. In der nunmehr flachen Ebene befand ich mich locker auf dem Nachhauseweg. Umgekehrt – einen solchen strammen Gegenwind – das hätte ich überhaupt nicht gebrauchen können.

Montag, 23. April 2012

Wochenrückblick #16


Aprilwetter
Letztes und vorletztes Jahr waren wir im April ins Phantasialand (Brühl) gefahren, weil man bei einem Busch innerhalb des Monats April eine Freikarte für einen zweiten Besuch erhält. Zunächst hatten wir dies für diesen Sonntag geplant, aufgrund der Wettervorhersage hatten wir diesen Plan aber verworfen. Bereits der Samstag gestaltete sich mit Blitz, Donner und Hagel ungemütlich. Auch am Sonntag zogen Gewitter vorüber, wobei das schauerartige Aprilwetter vor dem Sonnenschein überwog. Daher haben wir den Sonntag zur Abarbeitung von Hausarbeit genutzt (waschen, bügeln, nähen). Ich habe versucht, beim Papierkrieg gegen das Finanzamt (Einkommensteuererklärung) ein Stückchen weiter zu kommen. In einer Heftmappe haben sich die Belege angesammelt – und längst ist noch nicht alles vollständig.

Ärger mit den Nachbarn
Bei der Cousine von meiner Frau sind Nachbarschaftsstreitigkeiten ein Dauerthema. Beide Parteien hatten ungefähr zu derselben Zeit neu gebaut. Der Auslöser war eventuell, dass sich der Mann der Cousine meiner Frau geweigert hatte, die Baugrube der Nachbarn auszuheben (er ist Inhaber einer Landschaftsbau-Firma; bei einer anderen Gelegenheit hatte er schlechte Erfahrungen mit dem Architekten der Nachbarn gemacht). Der Streit eskalierte, als der Mann der Cousine eine Mauer zum Nachbargrundstück setzte. Dies geschah innerhalb des baurechtlich zulässigen Rahmens (1,80 m Höhe auf eigenem Baugrundstück). Bereits während des Mauerbaus beobachtete die Nachbarsfrau mit Argusaugen, wie jeder einzelne Stein gesetzt wurde. Als die Mauer fertig war, kam der Streit vor Gericht. Da die Rechtslage eindeutig war, erscheint rätselhaft, wieso dieser Streit eskaliert wurde. Gefreut hat sich sicherlich der Rechtsanwalt, der trotz des Umstandes, dass der Prozess nicht zu gewinnen war, sein Honorar einkassieren durfte. Der Richter ist sich möglicherweise blöd vorgekommen: dass er für einen solchen Fall, dass erwachsene Menschen nicht vernünftig miteinander reden können, ein Gerichtsurteil herhalten muss.

Tagebuch
In meinem Blog vom 21. März  haben sich interessante Diskussionen zum Tagebuch-Schreiben ergeben. Bevor ich mit dem Blog-Schreiben begonnen habe, habe ich alles – nach Rubriken unterteilt – in ein Tagebuch geschrieben. Je nach Rubrik, waren es entweder ausführliche Text – so wie in meinem Blog – oder auch Notizen, Eindrücke, Einsichten, Gedächtnisprotokolle oder andere Texte in kurzer, geraffter Form. Mit zunehmendem Umfang meiner Blogs schreibe ich seit etwa drei Monaten kein Tagebuch mehr, da mir dafür effektiv keine Zeit mehr verbleibt. Umgekehrt findet sich aber nicht alles, was ich früher in mein Tagebuch hinein geschrieben habe, in meinen Blog wieder. Vor allem ist dies die persönliche Sphäre, die mich selbst oder den Rest meiner Familie betrifft, die im Internet niemanden etwas angeht. Notizenhaft und fragmentarisch, führe ich mittlerweile wieder dieses (persönliche) Tagebuch, da ich dieses vorher zum Reflektieren und zum Bewerten von Alltagssituationen (bezogen auf die persönliche Ebene) gebraucht habe. Ganz auf ein solches Tagebuch verzichten, dürfte nicht möglich sein.

Fahrrad fahren und Inline-Skaters
So leidenschaftlich gerne ich Fahrrad fahre und so, wie geübt unser kleines Mädchen Fahrrad fahren kann, dazwischen liegt leider eine große Diskrepanz. Fahrradfahren kann sie zwar grundsätzlich, aber anfahren und stoppen klappt noch nicht richtig, den Berg runter fahren (richtig bremsen) ist auch noch kritisch. Wir haben zuletzt wieder mit ihr geübt, doch beim Anhalten steigt sie nicht richtig ab, wir müssen sie festhalten  oder sie fällt sogar auf den Boden. Parallel dazu üben wir Inline-Skaters, da sie zu ihrem Geburtstag auch Inline-Skaters geschenkt bekommen hat. Die Fortschritte mit den Inline-Skaters sind so, dass sie sich in einem langsamen Tempo bereits vorwärts bewegt.

Praktische Zwischenprüfung
Eine erste Einschätzung unseres Sohnes ist nicht schlecht, denn zu ca. 90% hat er seine Aufgabe bewältigt (Zusammenbauen eines Schraubstocks). Tagsüber waren wir alle zu Hause sehr nervös, als er geprüft wurde. Etwa 6-8 Wochen müssen wir uns noch gedulden, da sich die Handwerkskammer und die Berufsschule Zeit lassen bei der Auswertung der Prüfungsergebnisse. Bis dahin: Daumen drücken !

Nähen
Mit Stoff, Reissverschlüssen usw., die wir uns auf dem Stoffmarkt in Venlo gekauft haben, hat meine Frau Einkaufstaschen genäht. Diese möchten wir euch gerne zeigen:


 Genäht hat meine Frau auch noch eine Hello-Kitty-Einkaufstasche.

Freitag, 20. April 2012

Skulpturen


Zu moderner Kunst habe ich tendenziell ein gestörtes Verhältnis. Ich möchte gerne sehen und erkennen, was in welcher Form körperlich dargestellt ist. In Bonn sind mir viele Skulpturen aufgefallen, die mir überhaupt nichts sagen. Um Zugang zu dieser Form von Kunst zu bekommen, brauche ich Erklärungen. Die Skulpturen sind ausnahmslos aus Eisen oder Metall, und ich vermute, dass diese Gebilde, in denen Metallteile zu einer sinnlosen Struktur zusammengefügt sind, den meisten Bürgern ebenso nichts sagen. Leider habe ich im Internet nicht recherchieren können, was Skulpturen kosten. Bei den chronisch leeren Kassen der öffentlichen Haushalte wäre der Verzicht auf solche Skulpturen eine derjenigen Ansatzpunkte, um Kosten zu sparen.


… Skulpturen, mit denen ich nicht allzu viel anfangen kann …


… mit Container zur Entsorgung des Eisenschrotts …

… sogar mit Erklärung: IKARUS …


… im Gegensatz zum Rest gefällt mir diese Skulptur … vielleicht, weil sie mich entfernt an den Hammer-Mann in Frankfurt auf Christas Blog erinnert ….

Dienstag, 17. April 2012

Zwischenprüfung


Nur ein Stück an den Straßenrand, um zu halten und auszusteigen.

Unversehens standen wir im Niemandsland eines Industriegebietes. Die Hauptstraße war beinahe ausgebaut wie ein amerikanischer Highway, die vier Fahrspuren zogen eine großzügige Schneise. Unterbrochen von einer Ampelanlage, stieß die Straße danach geradewegs in eine unendliche Weite. Wie riesige Klötze reihten sich dort Werkshallen aneinander, unterbrochen von den Werkstätten kleinerer Firmen, flankiert von den Büros von Webdesignern oder Abrechnungsdiensten.

Vor der Shell-Tankstelle, an dessen Zufahrt zwei LKW’s glatt nebeneinander gepasst hätten, rollte unser Auto aus. Knapp neben der Bordsteinkante, hinter der buschiges Gras zögerte zu wuchern, parkte ich.

7.10 Uhr. An der Peripherie von Köln-Ossendorf wachte das Industriegebiet langsam auf und Arbeiter trotteten zu ihren Arbeitsplätzen. Schräg schien die Sonne in ein Waldstück hinein, vor dem die Hauptstraße abrupt in einer Baustelle endete.

Zoobrücke, Innere Kanalstraße, Autobahn A57, Butzweilerstraße, ausreichend früh waren wir losgefahren, doch die Baustelle hatte uns 15 Minuten Zeit gekostet. Eigentlich hätten wir nur nach rechts abbiegen müssen, um ins Bildungszentrum Butzweilerhof zu gelangen, und genau dort verriegelte diese dämliche Baustelle den Weg. Nach Ossendorf hinein, wo ich mich in einem Wohngebiet mit lauter Einbahnstraßen verirrt hatte. In Ossendorf hatte ein Linienbus die Sicht versperrt und war im Schneckentempo vorwärts getuckert. Hinter Ossendorf  hatte ich mich ich mich im Zickzack-Kurs am Ortskern vorbei bewegt, bis ich mich zum Bildungszentrum Butzweiler von der anderen Seite des Industriegebietes heran getastet hatte.

Im Rahmen seiner Ausbildung musste unser Sohn heute den praktischen Teil seiner Zwischenprüfung absolvieren. Den theoretischen Teil hatte er in der Woche vor Ostern hinter sich gebracht. Um 7.30 Uhr sollte die Zwischenprüfung beginnen.

Als er aus dem Auto ausstieg, sah er geradezu professionell aus mit seinem blauen Arbeitsoverall und seinen klobigen Sicherheitsschuhen. Rucksack, Werkzeugkasten, zwei Stofftaschen mit Eisenteilen, eine Stofftasche mit Handtuch und Seife, außerdem hatte er ausreichend zu essen und zu trinken dabei, denn die Prüfung sollte fünf Stunden dauern. Mächtig beladen war er, und das Gewicht und das Volumen all dieser Gegenstände hatte mich veranlasst, ihn mit unserem Auto dorthin zu fahren.

„Ich drücke die Daumen“ verabschiedete ich ihn kurz. Wie ein Lastesel bepackt, schlenderte er den beinharten Metallzaun entlang, bis er hinter dem geöffneten Rolltor aus dem Blickfeld des Bildungszentrums entschwand.

Derweil reihten sich die nächsten Prüflinge hinter unser Auto ein, denn gleich aus zwei Autos stiegen Jugendliche im Alter unseres Sohnes aus, die aus den Kofferräumen Werkzeugkisten und andere Utensilien heraus angelten und anschließend zum Bildungszentrum strebten.

Ich machte mich wieder auf den Heimweg. Aus dem Gebäudekomplex hinter der strengen ALU-Fassade, zu dem man über eine Stichstraße gelangte, betrieb regen Handel mit Rindfleisch aus Argentinien und versorgte die Restaurants in der Kölner Umgebung. Langgezogen war die Werkshalle im Stil einer niedrigen Baracke, die sich hinter einem Maschendrahtzaun an der Straßenecke versteckte und wo Leitern produziert wurden. Niedrig und klein gedukct war hingegen das Flachdach des angrenzenden Getränkehandels, der auf zwei Pylonen die Logos gängiger Biersorten aufzählte. Kastenwagen und Transporter eines Kurierdienstes bevölkerten den Parkplatz auf Grundstück dahinter. Um nach Hause zu gelangen, fuhr ich weiter nach Köln-Bocklemünd.

Und ich drückte unserem Sohn fleißig die Daumen !

Montag, 16. April 2012

Hausputz

Ein Bodensatz war hängen geblieben. So wie der Rest aus einer ausgetrunkenen Flasche Rotwein, dunkel, abgestanden, dessen labbrige Flüssigkeit sich nicht vollständig aufgelöst hatte.

Der Rest an Gefühlen ließ sich nicht vollständig entsorgen. Der Rest überdauerte, ein gespenstisches Hin und Her zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter. Schnell lebte Misstrauen auf, Grabenkämpfe waren nicht vergessen, die Konstellation war unsicher. Ich neigte zur Verharmlosung, doch wenn meine Mutter zum Besuch nahte, brauchte ich geschätzte 1.000 Sinne, um diesen Rest an vergessenen Grabenkämpfen zwischen ihr und meiner Frau aufspüren zu können.

Meine Eltern wohnen etwa 100 Kilometer entfernt und ihr Gesundheitszustand wird nicht besser, daher halten sich solche Besuche in überschaubaren Grenzen. Meistens bewegen wir uns umgekehrt in deren Richtung.

Mitten in diesem Spannungsfeld, in dem ich selbst zum Akteur wurde, lag der Hausputz. Was weibliche Eitelkeit so alles anrichten konnte. Als ob es Bemerkungen geben könnte, wir hätten die Dinge nicht richtig organisiert und es wäre nicht alles blitzblank sauber.

Meine Eltern hatten aber auch so eine Art, sich auf der gefühlsmäßigen Ebene trampelig zu benehmen. Noch zu Weihnachten waren alle reich beschenkt worden – nur meiner Frau hatten sie Feigenpralinen und Pralinen in Limetten-Creme geschenkt, womit sie nichts anfangen konnte (Blog vom 30. Januar 2012). Auch jetzt – eine Woche nach Ostern – hatten sie allen etwas mitgebracht – mir beispielsweise ein Six-Pack belgisches Trappistenbier - *lechz“, meine Frau hatten sie aber vergessen. Einmal hatte unser Sohn im letzten Jahr vergessen, sie beim Besuch zu begrüßen – oder er tat es zu unauffällig – prompt bekam ich beim nächsten Telefonat wütende Äußerungen über unseren Sohn zu hören.

Vor solchen Besuchen war der Hausputz längst zum Politikum geworden. So eine Art von Bühne oder Parkett, auf dem man entweder glänzen konnte oder schwer ausrutschen konnte.

„Die Tomaten müssen noch umgetopft werden, sonst sind sie hin …“
„Auf keinen Fall Bad und Toilette vergessen …„
„Was kochen wir zu Mittag ?“
„Du musst Getränke besorgen, wir haben nichts mehr zu trinken …“
„Das Schlafzimmer kriegen wir wieder nicht geschafft …“
„Du darfst nicht vergessen, die Türe zu Gästezimmer zuzumachen, damit niemand das Chaos sieht …
„Wenn das Kinderzimmer nicht aufgeräumt ist, verschließe ich das Zimmer und lasse ich die Cousine nicht mit unserem Mädchen dort spielen … „
„Fenster putzen muss ich dort auch, den Taubenkot auf dem Fenster hast du ja gesehen ?!?! …“
„Beim Kuchenbacken muss mir jemand helfen …“
….

Wenn ich die Menge betrachtete, die ab Samstag Vormittag eigentlich hätte erledigt müssen, war das Pensum bis zum Erscheinen des Besuchs Sonntag um 15 Uhr praktisch nicht zu schaffen. Alleine für das Aufräumen unseres Kinderzimmers musste ein ganzer Tag einkalkuliert werden. So lange hatten wir jedenfalls vor Weihnachten benötigt. Sie hatte zwar aufgeräumt, der Fußboden war größtenteils auch frei, aber all der Kleinkram, an die richtige Stelle, in die richtige Dose, in die richtige Ecke, und in den entlegenen Winkeln herrschte noch zuviel Chaos.

Es half nichts. Mit Staubsauger, Putzeimer und Lappen bewaffnet, kroch ich durch die Empfindlichkeiten, wohin das Augen von argwöhnischem Besuch so schauen konnte. Wohnzimmer, Badezimmer, Toilette, Küche, Wintergarten: in gebückter Haltung streckte ich mich von Zimmer zu Zimmer, und so angestrengt, wie mein Rücken war, kam mir „Rund um Köln“ geradezu wie eine Erholung vor. In diesen Stunden verfluchte ich, dass wir so arm waren, dass wir uns keine Putzfrau leisten konnten, dass wir eine solche unbequeme Arbeit nicht outsourcen konnten.

Wie sehr die Sichtweisen von Mann und Frau auseinander liefen, wurde mir eine halbe Stunde vorher klar, bevor der Besuch anrückte. Ich streckte meine Beine über den Sessel aus, doch meine Frau meckerte:

„Wann machen wir sauber ?“
„Die Badewanne ist nicht vernünftig sauber …“
„Die Ablage in der Toilette ist nicht vernünftig sauber …“
„Unser Schlafzimmer ist total verdreckt …“
„alles Putzen war nur Katzenwäsche …“

Ein Rest von Freude auf den Besuch hatte ich bewahren können. Eltern, Bruder, Schwägerin, Nichte, Schwiegervater, Schwager und der Taufpate unseres kleinen Mädchens nahten. Eigentlich eine bunte Mischung von Geburtstagsgästen für unser kleines Mädchen. Zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter spürte ich keinen Rest an vergessenen Grabenkämpfen auflodern. Mit Kaffee und Kuchen konnte der gemütliche Teil der Familienfeier beginnen.

Sonntag, 15. April 2012

Wochenrückblick #14/15

Dragonball
In seiner Zimmer verbarrikadiert sich gerne unser Sohn und genießt dort Computerspiele wie  Ratchet & Clank, Star Wars Battlefield, Assassine Creek usw.  Letzten Freitag war er stolz darauf, dass er von einem Freund einen Kinofilm als DVD ausgeliehen hatte und diesen Film wollte er uns geren auf unserem Fernseher zeigen. „Dragonball“ hieß dieser Kinofilm, und der Freitag Abend, der ansonsten Krimiabend war – der Alte, SOKO Leipzig oder Tatort – wurde nun zum Zeichentrick-Abend mit japanischen Mangas. Mangas waren wir durchaus bekannt– mit ihren Ecken und Kanten und den unverkennbar japanischen Augen, so wie die Figuren gezeichnet waren. Beim Betrachten des Films wurde mir entsetzlich klar, wie weit diese Zeichentrick-Welt von denjenigen Filmen entfernt war, die mich interessierten. Monster wollten die Erde erobern, Zombies drohten die Oberhand zu gewinnen.  Blitze schnellten auf, mit magischen Kräften kämpften Erdbewohner und Eindringlinge gegeneinander, Schutzschilde wurden aufgespannt. Ich hatte Probleme, das Spiel zwischen Gut und Böse mitzuverfolgen bzw. zu unterscheiden, wer beim Kampf der Gute war und wer der Böse war. Mir wurde klar, dass jede Generation ihre Mythen neu definiert. So etwas muss man akzeptieren, und dies bedeutet nicht, dass bestehende Weltbilder überholt werden müssen.

Kinderkommunion
14 Tage nach Ostern wird in unserer Pfarre Kinderkommunion gefeiert, das war genau dieses Wochenende. In den letzten Jahren haben wir dieses Wochenende nicht beachtet, doch in diesem Jahr gibt es in der Schulklasse unseres kleinen Mädchens Geschwisterkinder, die zur Kinderkommunion gehen, ebenso in der Verwandtschaft von meiner Frau. Einzeln fielen uns immer wieder neue Kinder von Bekannten und Freunden ein, die zur Kinderkommunion gingen. Im einzigen Schreibwarengeschäft im Ort war es mir glücklicherweise gelungen, an die letzten Glückwunschkarten heranzukommen. Für Montag hat meine Frau gleich drei Einladungen erhalten, zum Kaffeetrinken vorbei zu kommen. Mit der zunehmenden Aufmerksamkeit für die Kinderkommunion ist mir klar geworden: in zwei Jahren geht unser kleines Mädchen zur Kinderkommunion. Für uns wird dies jede Masse Aufwand bedeuten, damit dies ein unvergesslicher Festtag werden wird.

Geburtstag
Letzten Donnerstag ist unser kleines Mädchen 7 Jahre alt geworden. Mit ganz vielen Mädchen von LEGO Friends war sie beschenkt worden. Das Café, die Tierklinik, allen voran im Puppenhaus können sich Stefanie, Mia, Andrea, Olivia und Emma nach Herzenslust wohlfühlen. Langsam breitet sich vor unserem Wohnzimmerschrank eine regelrechte LEGO-Stadt aus LEGO Friends aus. Letzten Freitag ist sie dann mit ihrer besten Freundin in einen Indoor-Spielpark im Nachbarort gefahren. Gleichzeitig habe ich in Köln Karten für ihren Kindergeburtstag besorgt: für das Hänneschen-Theater (Puppentheater), und zwar in 14 Tagen. Heute haben wir dann volles Haus gehabt und bei Kaffee und Kuchen mit der kompletten Verwandtschaft ihren Geburtstag gefeiert.

Fahrt mit dem Rennrad nach Köln
Mit dem Rennrad bin ich nach Köln gefahren, um die Karten für das Puppentheater abzuholen. Während der Fahrt habe ich mich schwarz geärgert, dass ich meine Digital-Kamera im Büro liegen gelassen hatte (war vom Büro aus nach Köln gefahren, ich hatte Laptop und Geldbörse aus Gewichtsgründen in einen anderen Rucksack umgeräumt und die Digitalkamera im vorherigen Rucksack stecken gelassen). So viele schöne Motive waren mir in Köln begegnet (Rheinau-Hafen, Senfmühle, St. Maria im Kapitol, Ausstellung im Hänneschen-Theater, Denkmäler, …. ), dass ich gleich mehrere Foto-Blogs damit hätte füllen können. Auf der Rückfahrt nach Hause wiederholten sich am Rhein mit meinem Rennrad Situationen, die ich typisch fand für Familien aus islamischen Regionen (Frauen waren tief verschleiert). Und zwar waren dies Familien mit mehreren Kindern, die auf dem Fahrweg neben dem Rhein herumtobten, den sich Fußgänger und Fahrradfahrer teilen mussten. Es waren 4-5 Situationen, die Kinder rannten wie wild über den Fahrweg und schauten weder nach links oder rechts. Ich fuhr langsamer, ich klingelte, aber auch die Eltern scherten sich nicht darum, dass ich als Fahrradfahrer weiter fahren wollte. Sie ließen fleißig ihre Kinder so umher rennen, wie sie wollten. Dass man Rücksicht aufeinander nehmen sollte und dass Kinder gehorchen sollten, schien ihnen fremd zu sein. Irgendwie mogelte ich mich in einem Tempo vorbei, das in etwa so langsam wie ein Fußgänger war, aber die Mentalität dieser ausländischen Mitbürger war mir fremd.

Garten des Schwiegervaters
Vor einigen Wochen hatte sich unser Schwiegervater an uns gewandt, ob wir komplett seinen Garten bewirtschaften könnten, er hätte Rückenprobleme (Wochenrückblick KW9). Daher hatte ich es während der Osterferien eingerichtet, etwa 2 Stunden nachmittags seinen Garten umzugraben. Die erste Stunde war er abwesend. Als er danach ankam, beteiligte er sich fleißig und grub mit einem zweiten Spaten auch den Garten um. Rückenprobleme oder Beschwerden habe ich bei ihm nicht erkennen können (obschon ich nicht weiß, wie er sich innerlich gefühlt hat). Außerdem hatte er bereits die Hälfte seines Gartens umgegraben. Gelegentlich werde ich höflich nachfragen, ob er Hilfe braucht. Jedenfalls entspannt sich hierdurch die Situation in unserem eigenen Garten, da ich auf uns zukommen gesehen hatten, dass wir seinen Garten bewirtschaften müssen, während wir bei uns nichts geschafft bekommen. Wir werden uns daher auf unseren eigenen Garten konzentrieren können.

Musik
Als ich nach dem Radrennen „Rund um Köln“ zu Hause angekommen war, wollte ich mit Musik das Radrennen ausklingen lassen und lauschte Radio Caroline. Guns’n’Roses liefen mit „November Rain“. Die getragene Stimme des Sängers passte zu der Nässe, die noch an mir heftete. Auf meinen Füßen spürte ich wieder Stabilität. Ich freute mich auf die Badewanne, in der ich mich ausgiebig herumlümmeln wollte. Ausgiebig, wohl proportioniert und zahm glitten die Gitarren-Soli daher. Gun’n’Roses schaltete einen Gang herunter, von dem irren Tempo des Radrennens auf ein erträgliches Maß. Mit November Rain im Ohr, genoß ich die Badewanne.



Freitag, 13. April 2012

Freiburg


Zur Wiederaufnahme des Sommersemesters habe ich letzten Mittwoch unser großes Mädchen nach Freiburg gefahren. Die Zeit habe ich genutzt, um einen Abstecher in die Innenstadt zu machen. Dies sind einige Impressionen von Münsterplatz mit den umliegenden Häusern.


 
















... Münsterkirche ...


... Gedenktafel an die Kriegszerstörungen 1944 ...
... wie Freiburg nach dem Krieg wieder aufgebaut worden ist und wie platt und häßlich manche Städte in NRW wieder aufgebaut worden sind, der Unterschied ist gravierend ...



... Häuser, Lokale usw. rund um den Münsterplatz ...


... "harte Sachen" zum Trinken ... 


... eines der vielen Bächle, die durch die Freiburger Innenstadt fließen ...

Donnerstag, 12. April 2012

Annäherungen an Frankreich: Erstein im Elsass

Ein Stau auf der A5 sorgte dafür, dass ich für einen kurzen Augenblick Frankreich kennen lernen sollte. Nach Freiburg hatte ich unser großes Mädchen zurück gebracht, und auf der Rückfahrt waren zwischen Offenburg und Achern zwölf Kilometer Stau gemeldet. Daher beschloss ich, bei Lahr die Autobahn zu verlassen und über Straßburg, Lauterbach und Landau nach Hause in Richtung NRW zu fahren.

30, maximal 45 Minuten wollte ich mir reservieren, um an einem Ort Eindrücke aus Frankreich zu sammeln. Alle Wege, die aus meiner NRW-Perspektive nach Südwesten führen, haben mich seit jeher fasziniert. Dazu zählt auch Frankreich.

Ich passierte die Grenze über eine Straße, die eine Schleuse über den Rhein abschloss. Interessierte beugten sich über die Brüstung eines Geländers, um den Schiffen zuzuschauen, die zum Warten verdammt waren.

Einige Kilometer weiter, überquerte ich den Rhein-Rhone-Kanal. So schmal, wie die Fahrrinne war, kam mir die Länge des Kanals quer durch Frankreich bis zur Rhone viel zu weit vor. Wieder ein paar Kilometer weiter, breitete sich eine Zuckerfabrik mit ihren kugelrunden Silos aus. „Sortie d’usine“ warnte ein Hinweisschild vor Werksverkehr, außerdem zerstreuten sich zwei Werksparkplätze in die umliegende Flussniederung.

Erstein war der erste größere Ort im Elsass, der in 20 Kilometern Entfernung deutlich außerhalb des Ballungsraums von Straßburg lag. Ich fuhr ins Zentrum von Erstein, um meine Eindrücke aus Frankreich zu sammeln. Ganz bewusst wählte ich keine vom Tourismus geprägten Orte wie Kaysersberg, Riquewihr, Obernai oder Wissembourg, sondern den erstbesten, stinknormal aussehenden Ort.

Was mich an Frankreich magisch anzog, war die Sprache. Sie hatte Ästhetik, war gepflegt, setzte Akzente und erzeugte Melodie. Sie war kein Kauderwelsch – wie beispielsweise Englisch. Quer durch meine Lebenslagen, hatte ich Französisch mal mehr, mal weniger, teilweise auch gar nicht gelernt – aber immer mit einer großen Leidenschaft. So wie in Spanien oder den Niederlanden hatte ich kennen gelernt, dass sich komplett neue Horizonte öffnen, wenn man – ein wenig reicht sogar – die Sprache des anderen Landes sprechen kann.

Boulangerie … coiffeur …ambulances … mercerie … assurances … So wie sonst, studierte ich zuerst aufmerksam Schilder und Aufschriften mit ihren Bedeutungen. „Rue de Gaulle“ hieß eine Straße in Erstein. In Deutschland passte dies zu all den Adenauerstraßen und Adenaueralleen und Adenauerplätzen, denn der deutsche Kanzler und der französische Staatspräsident hatten ja die deutsch-französischen Einigung eingeleitet.

Im Elsass vermied ich es grundsätzlich, Deutsch zu reden. Dabei ging ich davon aus, dass der Franzose seine Grundeinstellung auch im Elsass beibehält, dass er nämlich außer Französisch keine andere Fremdsprache spricht. Elsässisch ist letztlich Dialekt – und auch im Deutschen würde ich es nie und nimmer auf die Reihe bekommen, schwäbisch oder bayrisch reden zu können. Ebenso registriere ich in den Niederlanden abschreckend, dass sämtliche Deutsche von den Niederländern Deutschkenntnisse erwarteten, während sich Deutsche niemals mit Niederländisch abquälten.

Verglichen mit badischen Orten auf der anderen Rheinseite, ähnelte sich der Baustil der Häuser, doch bei näherem Hinsehen, kamen mir die Häuser in Erstein mit mehr Ecken und mehr Kanten vor. Es war nicht signifikant, aber Häuser, Plätze und öffentliche Bauten waren nicht so herausgeputzt, alles war eine Spur blasser. Anstriche schillerten nicht so intensiv, schreiende Farben bevorzugten es, sich zurückzuhalten, exponierte Stellen waren ohne Farbtupfer. Anstatt dessen fielen die dezenten, hellen, braunen oder zartgrünen Fensterläden auf, die an kaum einem älteren Haus fehlten.

Ein besonderes Juwel waren die Fachwerkhäuser: während deutsche Fachwerk-Städte wie Meersburg, Büdingen in Hessen oder Bernkastel-Kues sich makellos herausputzten, beeindruckte mich in Erstein die Geschlossenheit und Vielfalt auf der rue de Gaulle, als ich Erstein verließ. Vordächer lockerten zwischen den Etagen das Fachwerk auf, der Verlauf der Balken wechselte zwischen schräg, diagonal, waagerecht, senkrecht, große Vierecke, kleine Vierecke, Kreuzmuster, Raute und Zickzack. So dicht, wie sich die Fachwerkhäuser zusammenscharten, auf der Straße ruppiges Kopfsteinpflaster, ein Mann mit einer Papiertüte von Baguettes unter dem Arm, das war eindeutig Frankreich und nicht mehr Deutschland.

Wenn mir nur wenig Zeit zur Verfügung stand, ein fremdes Land kennenzulernen, dann kannte ich ein Ritual: ich kaufte mir eine ausländische Zeitung, ich trank einen Kaffee und ich las dabei die Zeitung.

Ich betrat die Librairie, die sich kurz vor der Parkfläche befand, wo ich mein Auto geparkt hatte.

„Bonjour …
… vous avez le Nouvel Observateur ?“

Ich schielte schräg zum Zeitungsstand herüber, doch ich war verwirrt vor lauter französischen Computerzeitschriften und ich sah es als kritisch an, dort den „Nouvel Observateur“ – welches ungefähr das Pendant zum deutschen SPIEGEL ist - zu finden.

Eine gedrungene Frau mittleren Alters begrüßte mich. Ihre kleine Gestalt verschwand beinahe hinter der hohen Kassentheke. Ihr kurzes, braunes Haar hatte sie glatt heruntergekämmt. Ihr ansonsten ovaler Schädel rundete sich mit ihrem Kinn ab. Ihre Haut war weich und widersetzte sich den Falten.

„Bonjour ...
... le Nouvel Obs ?“
„Oui.“
„Ca se trouve là.“
„Ca coute combien ?“
„3,50 €.“

So wie mich die französische Sprache faszinierte, hätte ich gerne weiter gequasselt, doch ich war mir zu unsicher bei dieser Stippvisite von weniger als einer Stunde. Zu schnell wären Passagen gekommen, die ich nicht mehr verstanden hätte oder mir hätten die Worte gefehlt.

Zum Kaffeetrinken kam ich nicht mehr, denn ich fand schlichtweg kein Café, das mir zusagte. Stehplätze in einer boulangerie gab es nicht, um Kaffee zu trinken. Ich entdeckte alleine ein Eiscafé, das war lediglich eine Kopie deutscher Eisdielen. Ich stieß auf eine „Bierstub Tivoli“, doch die war nachmittags geschlossen. Auf Bistrots und Cafés, die für mich der Inbegriff französischer Lebenskunst waren, musste ich hier in Erstein verzichten. Dazu war es wohl auch nicht typisch französisch genug. Restaurants, die sonst in Frankreich in jedem Provinznest mitten im Ort zu finden waren, vermisste ich auch hier.

Ich war wohl zu sehr an der Peripherie Frankreichs angelangt. Das Herz Frankreichs lag wahrscheinlich irgendwo zwischen der Loire-Gegend, Burgund und Paris. Im Nouvel Observateur blätterte ich später herum – bei einem sündhaft teuren Kaffee auf der Autobahnraststätte Hunsrück. Es dominierten die Wahlen zum Staatspräsidenten. Themen, die mich interessierten, betrafen die Arbeitslosigkeit in Frankreich, regenerative Energien oder spanische Literatur im Spiegel der Wirtschaftslage.

Gemeinsam mit den Eindrücken aus Erstein, werde ich die interessanten Themen aus dem Nouvel Observateur später aufarbeiten.

Dienstag, 10. April 2012

Rund um Köln

Das Daumendrücken hatte nichts genutzt. 13 Blogger hatten in ihren Kommentaren die Daumen gedrückt, dass ich „Rund um Köln“ ohne Regen erleben sollte, dazu jede Menge Freunde und Bekannte und weitere Blogger. Doch, im Fachjargon ausgedrückt, war der „Worst Case“ eingetreten. Oder auf Deutsch: schlimmer hätte es nicht kommen können.

Vom Start hinweg bis in den Zieleinlauf hatte unerbittlicher Regen das Radrennen begleitet. Dichte, wasserundurchlässige Regenbekleidung war da gefragt. Am Start bekam ich mit, wie andere Radrennfahrer dem Regen zu trotzen versuchten: im Zwiebelschalenlook, drei bis vier Jacken und Regenjacken übereinander, über die Hose eine zusätzliche Regenhose übergestülpt, die Schuhe mit einem Regenschutz gesichert. 

Regen bei „Rund um Köln“ hatte ich nicht eingeplant, denn üblicherweise ließ ich mein Rennrad in der Garage stehen, wenn es regnete. Daher sah mein Regenschutz eher stümperhaft aus: eine Regenjacke hatte ich angezogen, das war alles, zumal ich den Aufwand gescheut hatte, mir auf den letzten Drücker eine Rund-Um-Regenbekleidung zu besorgen.

Begeistert war ich trotzdem, gemeinsam mit etwa 2.200 Teilnehmern diese Strecke fahren zu dürfen, die in diesem Jahr genau 69,3 km lang war. Vor dem Start war bei allen anderen Teilnehmern die Begeisterung genauso groß. Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland, und auf ihren Trikots las ich, dass sie aus Aldekerk am Niederrhein kamen, aus Nottuln in Westfalen oder vom Kaiserstuhl in Baden-Württemberg. Alle fieberten dem Startschuss entgegen. Die Spannung stieg. Ein Knall zischte in den regenverhangenen Himmel hinein. Die 2.200 herausgeputzten Rennmaschinen rollten los, die durch alles Regenwasser und Spritzwasser schnell wieder verschmutzten.

Wie zu erwarten war, drang die Nässe rasch durch den dünnen Schutz der einzigen Regenjacke ein. Das war irgendwo zwischen Köln-Mülheim und Köln-Höhenhaus. Hände, Arme, Oberkörper, Kopf, Gesäß, diese Körperteile sogen sich mit Wasser voll. Das war ein Punkt des Gleichgewichtes, den ich von anderen Rennradtouren kannte, wenn ich klatschnass geworden war: mein Körper, der schwitzte und eigene Körperwärme produzierte, hielt dagegen, und ab diesem Punkt gewöhnte ich mich an die Nässe, so dass ich mich voll auf das Rennen konzentrierte. Zwischendurch hatte ich die Hoffnung, der Himmel würde aufreissen, doch der Regen zeigte keine Gnade und ärgerte mich und die 2.200 anderen Rennradfahrer weiter. Spätestens auf den Höhenzügen des Bergischen Landes bei Kürten wurde mir klar, wie fest der Regen die Landschaft im Griff hatte: ganz klamm, Grau in Grau, senkte sich der Regen über die Kammlagen, die Wolkenpakete waren düster, sie zerfaserten und aus ihnen lösten sich schleierhafte Gebilde heraus, die in die Täler wanderten.

Die Begeisterung konnte der Regen indes nicht bremsen. Vor Kürten-Bechen kam der erste kraftraubende Anstieg, der steiler hinaufführte, denn die Strecke war im Vergleich zum Vorjahr eine andere. In Scharen waren die Menschen ausgeschwärmt, um uns anzufeuern. „Weiter“ … „Allez“ … „noch 50 Meter, dann ist es geschafft“ rief es von allen Seiten. Die Quälerei den Berg hinauf wurde zum freudigen Ereignis und zu einem noch größeren Glücksgefühl, es oben auf dem Berg geschafft zu haben. In Kürten-Bechen war gleichzeitig eine Kirmes aufgebaut. Ein Kreisverkehr war belagert von Zuschauern, die uns Radrennfahrer nochmals ein Stück voran peitschten.

Die Zuschauer wurden zur ständigen Begleitung. Die B506 glitt in Kurven ins Tal hinab, eine entspannende Abfahrt. In Bergisch Gladbach-Sand kam ein vehementer Anstieg, das waren mehr wie 12% Steigung. Zäh und langsam tastete ich mich Meter für Meter den Berg hoch, die Zuschauer belagerten die Straße, dabei kamen mir ihre Anfeuerungen noch härter, noch energischer vor, und ich beobachtete sogar, wie einzelne Fahrer ihr Rennrad den Berg hochschoben. Nicht so bei mir: so viel Luft, so viel Kondition hatte ich noch, und da bemerkte ich all die Übungsfahrten quer durchs Siebengebirge oder die 12% Steigung vor Hennef-Uckerath.

In Bensberg fuhr ich dann mitten in eine Volksfeststimmung hinein. Das war vielleicht das tückischste Stück des Radrennens, nämlich ein irrer Anstieg etwa 100 Meter lang über Kopfsteinpflaster. In Bensberg standen Bierbuden und es war sogar eine Bühne aufgebaut, auf der Musik gespielt werden konnte. Mit Kuchen und Würstchen vom Grill konnten sich die Zuschauer verpflegen. Als das Kopfsteinpflaster begann, kam ich mir regelrecht ausgelaugt vor. Über das Pflaster kroch ich mehr als ich fuhr. Auch hier wirkte der Motivationsschub der Zuschauer, der mich den Berg vergessen ließ. Stück für Stück schob sich mein Rennrad über diesen unbequemen Straßenbelag, den ich in diesem Moment verfluchte. Den Berg hinter mir gelassen, dachte ich an das legendäre Radrennen Paris-Roubaix, wo etwa 60 km der Profi-Rennstrecke über Kopfsteinpflaster gefahren wurden. In Bensberg hatten mir jedenfalls 100 Meter dicke gereicht.

Hinter Bensberg näherte sich Köln immer mehr, und auf den Verkehrsschildern schrumpfe die Kilometerzahl zusehends zusammen. 18 Kilometer ab Forsbach, die Stadtteile Königsforst und Heumar gehörten bereits zu Köln.

Die Severinsbrücke, der Zieleinlauf. Spätestens dieser Moment ließ die Strapazen und all den Regen vergessen. Glanz und Größe und Gotik schwebten mit dem Kölner Dom über dem Rhein, und das Panorama der Kölner Altstadt beflügelte mich auf diesem allerletzten Stück. Der Zieleinlauf: Massen von Zuschauern rasselten, jubelten, erzeugten Lärm, feuerten mich an, bliesen in Tröten hinein. Im Zieleinlauf wurde mit klar, dass ich besser die Berge hochkam als dass ich sprinten konnte. Ich hatte noch Reserven, doch nach der Kurve zur Rheinuferstraße dauerte es, bis ich zur Höchstgeschwindigkeit auflief.

Durch das Ziel hindurch. Geschafft. Als ich von meinem Rennrad abstieg, ging ich wie auf Eiern. Den Regen, der in schmalen Bindfäden vom Himmel fiel, bemerkte ich kaum.

In 2 Stunden und 23 Minuten hatte ich die 69,3 Kilometer geschafft, das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 29 km/h. Genau 17 Minuten war ich langsamer wie im letzten Jahr. Die Strecke war etwas länger und der erste Berg schwieriger. Auf regennasser Fahrbahn bei durchaus gefährlichen Straßenverhältnissen. Ich bin immer noch mächtig stolz auf mich.