Freitag, 29. Juni 2012

Hochspannungsmasten

Die Strommasten bemerkte ich erst, als ich anhielt. Es war eine meiner Rennradtouren, die mich durch die Siegaue führte. Ich hatte Durst. Ich stoppte, mehrere Schluck Mineralwasser trinken, und dabei fiel mir der Aufmarsch von Hochspannungsmasten auf. Mehrmals im Jahr fuhr ich in diesem Abschnitt durch die Siegaue, doch welche Menge von Masten sich nebeneinander aufbäumten, fiel mir erst jetzt auf. Eine richtige Stromautobahn. Da die Siegaue sowieso schon mit Hochspannungsleitungen zugepflastert ist, sollte es im Rahmen der aktuellen Energiediskussion eigentlich kein Problem sein, die Stromtrassen an dieser Stelle auszubauen. Ein paar Strommasten mehr oder weniger fallen gar nicht mehr auf, weil es sowieso schon so viele sind.







… ein breiter Aufmarsch von Strommasten …


… Leitungen …



… Strommasten über einem Firmengelände, das Kanalrohre produziert …



… Strommasten über der Sieg …

Donnerstag, 28. Juni 2012

die Frau mit dem Einkaufstrolley

Einkaufen im Supermarkt. Am Eingang war mir diese Frau mit dem Einkaufstrolley aufgefallen, den sie mit dem Einkaufswagen hinter sich herschleppte. Ihre Schritte schlurften über den Boden, als hätte sie Blei in den Füßen. Sie atmete schwer. An dem Einkaufswagen krallte sie sich fest, als könnte sie unter der Last des Einkaufstrolleys zusammenbrechen. Ihr Bewegungsapparat zeigte das Reaktionsvermögen einer Schlaftablette.

Ihr wahres Alter versteckte sie hinter ihrem wasserstoffblond gefärbten Haar. Wahrscheinlich sollte dies die zielgerichtete Botschaft sein, dass sie steinalt war. Alt und leidend. Ein Leben zum Jammern. Von allen schlecht geredet. Verschwommen und verwischt waren ihre Gesichtszüge, doch mit ihren weichen Partien um Mund und Augen hatte sie durchaus noch etwas Mädchenhaftes. Ihr Alter war schwierig einzuschätzen, vielleicht Ende 40 bis Anfang 50. Frech war ihr Blick. Tropfen von Schweißperlen standen auf ihrer Stirn.

War sie krank ? Bandscheibenvorfall ? Asthma ? Diabetes ?

Nachdem ich an der Käsetheke meinen Käsevorrat wieder aufgefüllt hatte, entdeckte ich sie am Leergutautomaten wieder. Ich beobachtete, wie sie im Zeitlupentempo leere PET-Flaschen aus ihrem Einkaufstrolley holte. Dabei war es jedes Mal eine aufwändige Stocherei, bis sie eine leere Flasche gefunden hatte. Misstrauisch begutachtete sie dann minutenlang den Automaten, wenn sie eine weitere PET-Flasche hinein warf. Als die Meldung „ALARM“ erschien, wurde sie vollends aus der Kurve geworfen. Zu keiner Reaktion fähig, blieb sie angewurzelt stehen. Mit der Fehlermeldung erstarrte ihr Blick, bis ein Verkäufer aufkreuzte, den Automaten entleerte, der anschließend mit neuem Leergut befüllt werden konnte.

Die Frau mit dem Einkaufstrolley ließ mich nicht los, denn an der Kasse war sie einige Kunden vor mir an der Reihe.

„5,72 €“ hatte ich mitbekommen, wieviel sie zu bezahlen hatte.
Ein Seufzer überfiel sie, dann beugte sie sich zur Kassiererin hinüber, kniff ihren Bauch ein. Sie rang nach Luft und überprüfte den Preis auf dem Display, der derselbe war. Dann scharte sie in ihrer abgewetzten Geldbörse herum, suchte Münze für Münze. Zwischendurch tat sich gar nichts – entweder fand sie die Münzen nicht oder sie hatte vollends den Überblick verloren.

Die Warteschlange wuchs. Wut und Ärger machten sich bei den Wartenden breit.
„5,50 € … 5,60 € … „ stammelte die Frau vor sich hin, bis sie kapitulierte. „20 €, ich hab’s nicht klein“.

So wie beim Eintreten -  bewegte sie sich nun mit der Schwerfälligkeit eines Rhinozeros von der Kasse weg. Eine gefühlte Ewigkeit brauchte die Frau, bis sie Brot, Joghurt, Salat und ein bisschen Obst in ihrem Einkaufstrolley verstaut hatte.

Ein wenig später, staunte ich draußen nicht schlecht. Eine weitere Begegnung in der Fußgängerzone. Auf einem Poller aus Beton saß die Frau in sich zusammen gesunken und gönnte sich eine Ruhepause. Ihren Einkaufstrolley in der rechten Hand, eine Zigarette in der linken Hand, war nun Zeit für eine Zigarettenpause. Gleichgültig auf einen plätschernden Brunnen starrend, sog sie den Rauch ein, pustete ihn wieder aus und qualmte dabei wie ein Schlot. Dabei sah ich, wie sich ihre Lippen bewegten. Sie murmelte etwas vor sich hin und meditierte mit sich selbst wie Mönche in einem Kloster. Offensichtlich hatte sie sich selbst jede Menge zu erzählen.

Dienstag, 26. Juni 2012

Karl-May-Festspiele

Um eine Handvoll Marshmallows hatten sich die beiden Männer gezankt. Rücken an Rücken, belauerten sie sich nun vor dem Saloon der Westernstadt. Beide wollten Satisfaktion – durch ein Duell. Der eine zückte seine schwarze Weste zurecht. Der andere, der wie ein Ganove aussah, blickte grimmig und entschlossen unter seinem braunen Schlapphut. „Düll“ – ein „ü“ anstelle des „ue“, mit dieser eigenwilligen Wortschöpfung war zuvor die umstehende Menge zum Lachen gebracht worden. Alles wartete, Hochspannung, und um das Geschehen auf die Spitze zu treiben, war der Leichenwagen war bereits vorgefahren. Doch jedes Mal, wenn man meinte, das Duell käme zur Ausführung, brachen die beiden ab. Zunächst wurde aus dem Publikum eine Leichen-Vermesserin gebraucht. Viviane, eine hochgewachsene Frau, übernahm diesen Job, und mit Messlatte vermaß sie den Mann, der wie einen Ganove aussah und der offensichtlich als Verlierer feststand: er passte genau in den Leichenwagen hinein. Dann musste eine Zeugin aus der umstehenden Menge rekrutiert werden, die sofort beruhigt wurde, denn eigentlich bräuchte sie gar nichts zu machen. Das änderte sich schlagartig, denn dem Duellierenden mit der schwarzen West fiel ein, dass er an einem wichtigen Geschäftstermin teilnehmen musste und verschwand auf der Stelle. An seiner Stelle durfte nun die Zeugin stellvertretend an dem Duell teilnehmen. Zehn Schritte abzählen, umdrehen, und die Zeugin zeigte prompt Nerven und rang mit sich, den Abzug zu finden. Es machte Peng, ein Schuß, und der Ganove fiel geradlinig in den Sarg hinein.
Karl-May-Festspiele in Elspe im Sauerland. Wenn man nach Ritualen in unserer Familie sucht, die ein gewisse Feierlichkeit ausstrahlen und voller Spannung sind, dann sind es diese Karl-May-Festspiele. Sie nennen sich auch Elspe Festival: diese Beschreibung ist umfassender, denn neben Karl May werden auch Country Festivals veranstaltet oder zur Weihnachtszeit kann man bei einem ausgiebigen Dinner schlemmern.
Karl May – komplett mit 30 Bänden findet sich sein Werk in unserem Wohnzimmerschrank wieder, und komplett mit 30 Bänden hat meine Frau dieses Werk gelesen. Im Gegensatz zu mir, denn ich habe eher spärlich herumgeblättert, nur „Der Schatz im Silbersee“ habe ich gelesen. Ich erinnere mich noch an die Figur des Colonel, ein mit allen Wassern gewaschener Verbrecher, der alle gegeneinander ausspielt und bei dem Geld und Schatz und Reichtum das Ziel allen Strebens sind.
Von den Ursprüngen im Roman, wie sich Geschehen, Handlung und Personen aufbauen, ist man hier in Elspe ungefähr so weit entfernt wie das Rheinland vom Südpol – genauso wie in der Verfilmungen mit Lex Barker, Stewart Granger oder Pierre Brice, die mich als Jugendlicher ganz tief berührt haben. Winnetou I wurde in diesem Jahr aufgeführt – wenn man die Handlung betrachtet, hätte es genauso „Der Schatz im Silbersee“ oder „Der Ölprinz“ sein können. Der rote Faden der Handlung ähnelt sich von Jahr zu Jahr: der weiße Mann ist der böse Kapitalist, der eine Eisenbahnlinie durch das Gelände der Indianer bauen will. Der böse Kapitalist giert nach Geld und Schatz und Reichtum – und tötet in seiner Rücksichtslosigkeit Indianer. Der gute Winnetou und der gute Old Shatterhand versuchen, den Konflikt zwischen Weißen und Indianern zu schlichten und geraten zwischen die Fronten: die Indianer glauben, dass sie Partei für die Weißen ergreifen, und eine Art Gottesurteil – ein Kampf zwischen Winnetou und dem Ober-Indianer-Häuptling – entscheidet. Natürlich gewinnt der gute Winnetou diesen Kampf und nun werden die weißen Verbrecher verfolgt. Sie werden gefunden – mit ganz viel Rauch und Feuer und Explosion stürzen sie in eine Schlucht, in die sich ein Wasserfall ergießt.
Wenn nur die Handlung einfallslos kopiert würde, wären wir sicherlich nicht Jahr für Jahr über einen solch langen Zeitraum wiedergekehrt. Das besondere Erlebnis ist die Freilichtbühne. Im Freien ist Platz, die Handlung kann sich ausdehnen. Tische und Stühle geben ein gemütliches Plätzchen ab vor der Westernstadt. Die Beine lang auf den Tisch ausgebreitet, lassen sich die Bewohner der Westernstadt von der Sonne bescheinen, bis die Banditen aufkreuzen, die dann nach einer wilden Schießerei wieder verjagt werden. Zelte und Tipis beherbergen Indianer, jung und alt, große und kleine Kinder, Mamas und Papas, Omas und Opas. Der senkrechte Felsen, der sich heldenhaft aufbäumt, ist der Ort der Explosionen, der die Verbrecher vernichtet. Wie bei einem Urknall schießt das Feuer in die Höhe, begleitet von Rauchsäulen, die dunkel und schwarz sind wie die Nacht. Hinter dem steilen Hang kommen zuvor die Verbrecher aus dem Hinterhalt angerückt, um hinterrücks an all das Geld und den Schatz und den Reichtum heran zu kommen. Mitten hindurch rückt auf Schienen die Eisenbahn heran, qualmend, schwerfällig, keuchend, pechschwarz wie die Kohlen im Tender. Pfeilschnell, sind da noch all die Pferde, die hin und her quer über die Bühne huschen, Indianer verfolgen Verbrecher – oder umgekehrt. Dabei gerieten wir immer wieder ins Schmunzeln: wenn die spanische Senorita mit ihrer Bratpfanne entscheidend in die Schlägerei eingriff und die Feinde niederstreckte; als der Sheriff eine Ladung Dynamit ins Haus zurücktransportierte, weil er glaubte, sie sei neben den Einsenbahnschienen vergessen worden – dabei übersah er die brennende Zündschnur; das Lachen von Sam Hawkins:“ wenn ich mich nicht irre … hihihihi“, das in Phasen des Schweigens oder bei Sätzen, die zusammenhanglos daher schwebten, einen Humor der absonderlichen Art erzeugte.


Überall sahen wir Familien mit Kindern – die über ihre Erlebnisse in den Jahren und Vorvorjahren erzählten. Familien mit Anhang drängten sich auf dem engen Gelände zusammen, das in der Topografie des Sauerlands mittelgebirgshaft anstieg und an den flachen Stellen mit Imbissen und der Westernstadt einlud. Far West, mit seinen Häusern aus derbem Holz war der Wilde Westen originalgetreu verpackt, und im Saloon in der Westernstadt trat man ein in dieses dicht gestaffelte Holz: mit den blanken Holztischen, der hölzernen Wandverkleidung und den Leuchtern aus schwerem Eichenholz wurde man geradezu durchdrungen von einer Cowboystimmung.
                                    
Wie im Fernsehen, konnten Familien mit Kindern durch das Rahmenprogramm zappen. Bespaßung – ab ging es in die Pferdeshow. In diesem Jahr wurde so eine Art Pferderennen veranstaltet. Rote Tonnen mit dem Werbeschriftzug von Coca-Cola hatten ein Dreieck abgesteckt, in dem geritten werden musste, wobei einmal die Tonnen umkreist werden mussten. In möglichst kurzer Zeit und fehlerfrei musste dies geschehen – ohne dass die Tonne umfiel und ohne dass der Cowboyhut fliegen ging. Die Mannschaften der Ukulalas und der Cannons spielten gegeneinander – dabei war die Anspielung auf Fußball-Mannschaften eindeutig. Zwei Männer und eine Frau mussten jeweils nacheinander diesen Geschicklichkeitsritt bewältigen, dies in einer Hin- und Rückrunde und in einem Finale. Zum Schluß konnten sich die Sieger von den stehenden Ovationen der Besucher bejubeln lassen. Im Lauf der Jahre hatten sich die Veranstalter bei dieser Pferdeshow immer etwas Neues einfallen gelassen – Pferde wurden auf Szenen im Feuer dressiert, Pferde ritten in Action-Szenen mit jede Menge Schlägereien, Pferde vollzogen mit der Eleganz von Balletttänzern Dressur-ähnliche Ritte, Pferde ließen sich auf ihren Rücken mit artistischen Kunststücken ihrer Reiter verzaubern. Bespaßung – zum Rahmenprogramm gehörte noch eine Musik-Show. Ordentlich zur Sache ging es in einer Action-Show, in der ein Dorf-Sheriff und sein Deputy gegen Banditen zu kämpfen hatte.

Für unseren Sohn war es in diesem Jahr wahrscheinlich das letzte Mal, denn er nörgelte herum und verfolgte desinteressiert das Geschehen. Lustlos trottete er hinterher. Am liebsten wäre er wahrscheinlich gleich wieder umgekehrt und nach Hause zurück gefahren. Wir hätten sicherlich nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn er sich anstatt dessen im Vergnügungspark auf Achterbahnen ausgetobt hätte oder sich im Kino mit Action-Szenen hätte berieseln lassen.
Die Schauspieler standen noch auf der Bühne und ließen sich vom Publikum feiern, da zog es die ersten Besucher zum Ausgang hinaus. Die Verabschiedung dauerte schier endlos, als Winnetou, Old Shatterhand, Sam Hawkins und andere Schauspieler jeweils einzeln nach vorne traten, sich auf ihrem Pferd verbeugten, ins Publikum lächelten, zuwinkten und zurücktraten, bis der nächste an der Reihe war. Der Beifall bauschte sich auf, Wellen der Begeisterung strömten den Schauspielern entgegen, die bunt kostümiert in Reih und Glied standen. Dann flaute der Beifall ab, bis der nächste Darsteller sich mit seinem Pferd dem Publikum zuwandte.
Unser Sohn drängte zum Ausgang. Er hatte Recht, denn die Autoschlange war dabei sich zu formieren. Etwas später würden wir im Stau stecken und auf den Parkplätzen fest hängen bleiben. Danach lagen noch zwei Stunden Autofahrt vor uns. Und unser kleines Mädchen musste am nächsten Tag in die Schule.

Montag, 25. Juni 2012

Wochenrückblick #25


Personalabbau bei der Stadtverwaltung Düsseldorf
Unsere Freunde, die wir vor 14 Tagen in ihrem Schrebergarten besucht hatten, arbeiten beide in der Stadtverwaltung Düsseldorf. Angesichts der angespannten Haushaltslage sollte Personal abgebaut werden, und zwar durch die Nichtbesetzung von offenen Stellen. Sie arbeitet in einem Amt, das Führerscheinangelegenheiten bearbeitet. Das sind unter anderem der Einzug von Führerscheinen bei Fahrverboten oder neu auszustellende Führerscheine. Durch die Maßnahme, Stellen für ausscheidende Kräfte nicht neu zu besetzen, schrumpfte das Amt für Führerscheinangelegenheiten um rund die Hälfte. Weil nur noch die Hälfte an Personal verfügbar ist, rasen die Autofahrer in Düsseldorf nicht weniger. Ebenso setzen sich Autofahrer alkoholisiert ans Steuer – so dass beispielsweise die Menge an Fahrverboten nicht abgenommen hat. Die Arbeit stapelte sich und das meiste konnte nur noch auf einen Haufen gelegt werden. Die Sache eskalierte bei den vormittaglichen Bürgersprechstunden. Bei Spezialthemen (z.B. EU-weite Führerscheine, Händlerzulassungen) warteten einzelne Bürger den ganzen Morgen und wurden dann nach Hause geschickt, weil niemand zu dem Thema etwas sagen konnte. Wutentbrannt schalteten die Betroffenen die Lokalpresse ein (Rheinische Post), die über diese Missstände berichtete. Die Amtsführung lenkte ein, und seitdem sind Auszubildende eingearbeitet worden. Diese stehen allerdings nur zeitlich begrenzt innerhalb des vorgesehenen Ausbildungsabschnitte zur Verfügung.

Im Fernsehen
Im März hatten wir das Vergnügen, auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd die Produktion des NRW-Duells mit Bernd Stelter Live mit erleben zu dürfen. Die Sendung mit den Promienten Til Demtröder, Maren Gilzer, Anja Kruse und Patrick Bach ist letzten Mittwoch Abend um 20.15 Uhr gesendet worden. Da die Kamera meist genau auf die Prominenten mit den Zuschauerrängen dahinter platziert war, waren wir nicht zu sehen. Wir hatten im rechten Zuschauerblock in der letzten Reihe gesessen. Bei genauem Hinsehen hatte ich uns erkennen können. Als Außenstehender hätte man aber genau wissen müssen, wo wir gesessen haben.

Abschlussgrillen mit der Grundschulklasse (1)


So wie bei unseren großen Kindern, ist es zur Gewohnheit geworden, dass die Eltern mit der Schulklasse ihrer Kinder vor den Sommerferien grillen und gemütlich beisammen sitzen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eine Referendarin verabschiedet, die zusammen mit der Klassenlehrerin den Unterricht erteilt hat. Die Zukunft der Referendarin ist noch ungewiss, da noch nicht feststeht, ob bzw. von welcher Grundschule sie übernommen werden kann. Wie bei früheren Grillfeiern, kam ich mir eher gelangweilt vor als dass ich sinnvolle Kontakte hätte knüpfen können. Die Gesprächsthemen waren nicht direkt uninteressant – Karate als Kampfsportart sorgt wohl für eine tiefe innere Ausgeglichenheit – Gefängniswärter werden unter anderem in  Kungfu geschult – in einer Gemeinschaftsanstrengung haben wir es geschafft, „Prost“ in sämtlichen europäischen Sprachen zu übersetzen. Nicht verwurzelt im Dorf und abseits jeglicher Vereinszugehörigkeit, hätte ich auch nicht den Wunsch gehabt, mich diesem Gemengelage aus Profi-Handwerkern, Fußball-Experten und Dorf-Netzwerkern zugehörig fühlen zu wollen. Bewegt hatte mich eine Mutter, deren Sohn mit einer doppelt so großen Niere auf die Welt gekommen war. Als er 6 Wochen alt war, wurde die Niere in einer Operation auf die Hälfte verkleinert. Mit mehreren Nierenspülungen war danach alles gut gegangen, und der Sohn war nun in der Schulklasse unserer Kleinen.


Abschlussgrillen mit der Grundschulklasse (2)
In dieser Woche findet noch Unterricht statt, Freitag ist der letzte Schultag, und ab Montag geht es in die Sommerferien. Die Bilanz unseres kleinen Mädchens fällt nach dem ersten Schuljahr einigermaßen durchwachsen aus. Ihre Lernfortschritte – vor allem beim Lesen – sind durchweg positiv. So nimmt sie sich selbstständig, ohne dass wir darauf achten, ein Lesebuch aus der Schule und beginnt darin (richtig !) zu lesen. Dafür dauert aber ihr Desinteresse im Unterricht an. So passt sie nicht immer auf, nicht immer schreibt sie auf, welche Hausaufgaben sie zu machen hat, oft vergisst sie tagelang, Arbeitsblätter mit nach Hause zu bringen. So hatten wir letzte Woche das Erlebnis, dass wir in einer abendlichen Aktion bis 21 Uhr Arbeitsblätter von 3-4 Tagen aufarbeiten mussten.

Fußball-EM
Mit Beginn des Viertelfinales hat sich mein Tagesrhythmus dahingehend umgestellt, dass ab 20.45 Uhr Fußball geschaut wird – meistens im Zimmer unseres Sohnes. Höhepunkt war das 4:2 der deutschen Mannschaft gegen Griechenland. Dabei hatte ich das einzigartige Erlebnis, dass ich gegen 20.30 Uhr in einem griechischen Imbiss für uns beide Gyros mit Fritten geholt hatte. War das eine Stimmung ! Als ich eintrat, bekam ich einen Ouzo angeboten (musste aber ablehnen, weil ich mit dem Auto unterwegs war). Bis auf den letzten Stuhl war alles besetzt. Der Inhaber kurvte durch seinen Imbiss und schüttete ordentlich Ouzo in die leer getrunkenen Gläser. Quer durchs Lokal hing eine griechische Flagge. Winzig, versteckte sich hinter dem Flachbildschirm eine deutsche Flagge. Bei dieser Volksfeststimmung kam ich sogar ins Wanken, ob mein Herz für Deutschland oder für Griechenland schlug. Das änderte sich zu Hause vor dem Fernseher: Gyros und Fritten in uns hinein stopfend, fieberten wir mit der deutschen Mannschaft. Und nach dem Schlusspfiff hatten wir allen Grund zum Jubeln: 4:2-Sieg, nachdem unsere Mannschaft die Griechen an die Wand gespielt hatte. Nächsten Donnerstag geht das Fußball-Fieber gegen Italien weiter.

Freitag, 22. Juni 2012

Monschau


Der Aufstieg Monschaus geschah, als die Reformation die europäische Kirche tief gespalten hatte. 1598 hatte der Bischof im katholischen Aachen protestantische Tuchfabrikanten aus der Stadt heraus geworfen. Etwa 40 Kilometer weiter südlich fanden die protestantischen Tuchmacher ideale Bedingungen für die Herstellung von Tuchen: das Wasser der Rur, und vor allem jede Menge Schafe auf den kargen Höhen der Eifel, die alles Grüne fraßen und viel, viel Wolle brachten. Monschau stieg auf und wurde im 18. Jahrhundert im Rheinland eine der führenden Städte in der Textilproduktion. Bis Napoleon das Rheinland eroberte und die Monschauer Tuchfabrikanten zwang, Textilien nach Frankreich zu exportieren, die mit wertlosen Staatsanleihen bezahlt wurden. Nach dem Niedergang Napoleons verlagerten sich die Schwerpunkte der Textilindustrie an den Niederrhein, so dass Monschau in einen Dornröschenschlaf verfiel. Abseits industrieller Ballungsräume, ist Monschau bis heute kaum aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. So ist eine Museumsstadt aus dem 18. Jahrhundert bis heute konserviert worden. Durch die Gassen Monschaus zu schlendern, ist wunderschön.


... der Postkartenblick von Monschau ...





… Fachwerkhäuser …


... Treppenaufgänge ...


… ganzjährig gibt es sogar ein Weihnachtsgeschäft …

… das Rote Haus – ein repräsentatives Bürgerhaus aus dem 18.Jahrhundert …

Donnerstag, 21. Juni 2012

mit dem Rennrad durch die Eifel nach Aachen (140 km !)

Wo war ich gelandet ? Vor Dom-Esch waren es noch 7 Kilometer bis Euskirchen, einen Ort hinter Dom-Esch waren es auf einmal 9 Kilometer. Ich stand in Weidesheim, rümpfte meine Nase. Nirgendwo war Euskirchen ausgeschildert, daher musste ich fragen. Straße und Richtung zum Fraunhofer-Institut in Euskirchen beschrieb mir die junge Mama mit dem Kinderwagen in der Hand. Mitten durch Weidesheim gelangte ich prompt nach Kuchenheim – und nicht zum Fraunhofer-Institut. Euskirchen wurde mir unheimlich, denn ich hatte mich total verfranst. Egal – die B56 führte über Kuchenheim nach Euskirchen. So lernte ich die Zuckerfabrik ganz aus der Nähe kennen, dieser abstoßende Industriefleck, um den ich sonst einen großen Bogen machte.

In Euskirchen tröpfelte der Regen fleißig vor sich hin. Spätestens hier hatte ich gehofft, dass der Himmel aufreißen würde und die Regenwolken verscheuchen würde. Davon war keine Spur zu erkennen. Ich fluchte auf den Wetterbericht: dieser hatte gestern Nachmittag Regen und Gewitter vorhergesagt, daher hatte ich die Tour auf heute verschoben – Regen und Gewitter blieben aber aus. Heute hatte der Wetterbericht nach Osten abziehenden Regen gemeldet. Ich fuhr in die entgegen gesetzte Richtung nach Westen – und Euskirchen war in eine trübe Suppe eingetaucht, ein Spinnennetz von Regen. Mein Kurzarmtrikot hatte sich voll Wasser gesogen und in meinen Turnschuhen stand das Wasser. Menschen, die mich sahen, hielten mich bestimmt für verrückt.

Enzen und Schwerfen: hinter Euskirchen kannte sich mein Orientierungssinn wieder aus. Der Regen legte eine Pause ein. In Wellen stieg das Gelände an, doch der Weitblick blieb mir verwehrt, da sich der Dunst auf den Höhen fest gekrallt hatte. Ich fuhr auf Nebenstraßen, auf denen sich kaum ein Auto verirrte. In die Felder war eine bunte Mischung von Kornblumen, Klatschmohn und Kamille eingedrungen. Das war beeindruckend. 


Berg: dieses Dorf machte seinem Namen alle Ehre, denn es ging steil bergauf. Mitten hinein in die Eifel. Der Berg bei Berg buckelte sich in die Höhe, und Höhenmeter für Höhenmeter arbeitete ich mich vorwärts. Auf der B265 angekommen, tauchte die Straße in ein dichtes Waldgebiet ein. Ganz düster wurde es im Wald bei diesem trüben Wetter. Nebelschwaden bäumten sich auf, und für eine Weile fühlte ich mich in den verbotenen Wald von Harry Potter hinein versetzt.

Auf  Hinweisschildern las ich, dass dieses Stück Eifel den Status eines Nationalparks hatte. Die Bewohner der Eifel hatten diese Seltenheit geschafft, denn Deutschland-weit gab es lediglich 14 Nationalparks. Wandern auf vorgeschriebenen Wegen, Einschränkungen bei der Holzwirtschaft, anderenorts regte sich heftiger Widerstand gegen die Auszeichnung als Nationalpark – so auch bei uns im Siebengebirge.

Die B265 verlangte mir alle Kräfte ab, denn bis auf 500 Metern ging es noch mehr in die Höhe. An der Abbiegung Richtung Mariawald war es schließlich geschafft: mit 8% Gefälle stürzte die Straße nach Gemünd hinunter. Wie gut, dass ich neue Bremsen auf dem Hinterrad montiert hatte. Das war eine ärgerliche Abfahrt. Nichts zum Genießen, nur Abbremsen, Aufpassen, Konzentration. Und der Regen hatte wieder eingesetzt und plätscherte in mein Gesicht.

Einen Kaffee in Gemünd. Ohne Pause hatte ich rund 60 km zurück gelegt. An meinem Stehtisch in der Bäckerei lauschte ich den Weisheiten, die Damen älteren Semesters zum besten gaben. Dass die Zeit um so schneller vergeht, wie älter man wird. Dass man meint, es sei gestern gewesen, dass man das Baby in der Hand gehalten hat, das nun groß und erwachsen ist. Dass die Zeit so manche Wunden heilt, wenn man sich schlimmes angetan hat. Und bei jedem Regenschirm, den ich draußen vorbei schreiten sah, wuchs meine Depression. Ob man mich in der Bäckerei in meiner Fahrradbekleidung in kurzer Hose und kurzen Armeln bei strömendem Regen für verrückt hielt ?

Weiterradeln. Die Olef entlang, eben und flach schlängelte sich der Radweg neben Straße und Fluß. Einen Moment glaubte ich sogar, helle Stellen am Himmel zu entdecken. Wolken schoben sich beiseite, doch in Schleiden zog es sich wieder zu. Tristesse allenthalben, und ich bog auf die B258 Richtung Monschau ein. Aus dem Tal heraus, kletterte die Straße unerbittlich an. Zwei langgestreckte Kurven, dann wurde der Anstieg weniger bissig, meine Kraftanstrengung normalisierte sich.

Harperscheid und Schöneseiffen, in meinem gleichmäßigen Rhythmus musste ich in dem Vorort von Schleiden eine unfreiwillige Pause einlegen: mein Hinterreifen war platt. Diesmal war ich gewappnet: einen Reserveschlauch hatte ich in meinem Rucksack eingesteckt, und da bei Rennrädern das Hinterrad einfach herausnehmbar ist, war die Reparatur im Handumdrehen erledigt. Werkzeug einpacken, weiterradeln, wenigstens hatte Regen aufgehört. Die unfreiwillige Pause hatte sogar etwas positives: da ich im Schneckentempo unterwegs war, konnte ich anhalten und innehalten, um die kleine alte Kirche in Schöneseiffen zu betrachten. Oft sind es nicht die großen Kathedralen oder Dome, die Schönheit ausstrahlen, sondern die kleinen Kirchen. Das gedrungene Gemäuer verriet ein hohes Alter, der weiße Anstrich wirkte grazil und gleichzeitig lebendig. Die Eifel ist reich an solchen kleinen Schmuckstücken.

Eine der schönsten Abschnitte dieser Radtour versackte in den Wolken. Bis auf 650 Meter stieg die Straße an. Ich konnte kaum bis zum Ende der Straße sehen. Die Scheinwerfer der Autos tasteten sich durch die trübe Masse. Diesen Fall hatte ich nicht vorgesehen, denn ich stellte erst jetzt fest, dass meine Beleuchtung nicht funktionierte – wahrscheinlich war die Batterie leer.

In Höfen, kurz vor Monschau, nahte die Erlösung. Zuerst schälten sich die Windräder aus dem undurchdringlichen Wolkenschleier heraus. Die Wolken zogen sich in größere Höhen zurück, so dass das Licht intensiver eindrang. Es war befreiend, wie der Blick über die Eifelhöhen hinweg schweben konnte. Ich genoß die Einzigartigkeit des Heckendorfs: über das ganze Dorf hinweg verteilte sich ein Netz von Hecken, die Jahrhunderte alt waren. Auf der Hochfläche fungierten die Hecken als Schutz gegen Wind und Wetter – einige Hecken stammten aus dem 17. Jahrhundert.

Die Pause in Monschau hatte ich herbei gesehnt. Von Höfen aus ging es bergab, denn Monschau war sorgsam eingebettet in das Tal der Rur. Monschau ist ein Touristennest – und an schönen Wochenenden muss die Hölle los sein, hatten uns Bekannte erzählt. Passend zur bildhübschen Altstadt begegnete ich einem Ärgernis jeden Radfahrers: Kopfsteinpflaster. Ich schob, holperte über das Kopfsteinpflaster, querte die Rur über eine Brücke, suchte ein bequemes Plätzchen. Trappistenbier – Monschau und Aachen waren die einzigen mir bekannten Städte in Deutschland, in denen man dieses süffige und starke, mit Malz gebraute Bier aus Belgien trinken konnte. Hinter dem Roten Haus – einem stolzen Bürgerhaus aus dem 18. Jahrhundert, mit dem sich die Tuchfabrikanten in Monschau ein Denkmal gebaut hatten - wurde ich fündig: zögernd und unschlüssig zeigte sich die Sonne, und draußen hockte ich mich auf den freien Platz eines Lokals. LEFFE hieß die Biermarke mit einem Kirchturm im Logo, aus dessen Abtei das Bier stammte. Ich lümmelte mich auf meinem Stuhl und genoß die Braukunst aus einem belgischen Trappistenorden. Drei Trappistenbiere und eine geschlagene Stunde dauerte meine Pause.

Die neue Kraft, die ich mit der Pause geschöpft hatte, brauchte ich sogleich, denn mit 17% Steigung ging es aus dem Rurtal hinaus. Die 17% waren kurz und heftig. Quälen und scheuchen musste ich meine Beine. Die 17% verflachten zunehmend, und in Imgenbroich näherte sich der Schwierigkeitsgrad einem annehmbaren Niveau.

Roetgen: schurgerade und ohne Akzente stach das breite Band der Straße eine Schneise in den Wald. Wenn ich nicht kurz vor meinem Zieleinlauf in Aachen gestanden hätte und wenn die Straße nicht so schön bergabwärts gerollt wäre, hätte ich die Eintönigkeit eines solchen Straßenverlaufs gemieden. Belgien war so nahe, dass die Straße sogar eine Kilometer durch Belgien verlief. Für Autofahrer huschte eine fiktive Grenze vorbei. Für mich als Fahrradfahrer war diese Fiktion greifbarer – als Ladenlokal. Wie anderenorts in Grenznähe, konnte man Kaffee im Überfluss einkaufen. In Venlo hatten wir sogar erfahren, dass der Preisunterschied zu Deutschland signifikant ist.

In Aachen war ich am Ziel meiner Träume. Ein kurzer Abstecher zum Rathaus und zum Dom, dann zum Bahnhof mit dem Zug nach Hause zurück. Abends war ich platt und konnte kaum noch auf den Beinen stehen. Meinen Durst hatte ich gut gelöscht. Zum einen wirkten die Trappistenbier aus Monschau nach. Dann hatte ich eine Ananas, die unangerührt zu Hause herum lag, fast vollständig verschlungen. Mein Körper befand sich wieder im Gleichgewicht, und später fiel ich regelrecht ins Bett hinein. Ich war erschlagen von soviel Kilometern Fahrradfahrt.

Dienstag, 19. Juni 2012

wie eine Meerjungfrau

Der Rollstuhl passte gar nicht ins Bild. Einen Augenblick dachte ich, dass er ins Schwimmbecken hinein plumpsen würde, denn von der Kante des Nichtschwimmerbeckens schwappte Wasser an die Räder, wenn herum tobende Kinder Wellen schlugen. Ihr Sohn legte sich mächtig ins Zeug: zum Schwimmen reichte es nicht, doch er ruderte mit den Armen, schlug mit den Beinen ins Wasser, das in ein unkoordiniertes Herumgespritze ausartete.

Es war ein elektrischer Rollstuhl. Lehne und Sitzfläche breiteten sich komfortabel aus, darunter versteckte sich der Motor in einem blauen Kasten. Die großen Räder ließen Leistung und PS vermuten.

Ihre Bewegungen im Nichtschwimmerbecken erinnerten mich an eine Fernsehsendung, die unsere Kleine gerne sah: H2O – plötzlich Meerjungfrau. Junge Mädchen spielten in der Fernsehsendung. Außerhalb des Wassers waren sie ganz normale Menschen. Wenn sie ans Wasser kamen, verwandelten sie sich in Meerjungfrauen mit Schwimmflossen und konnten endlos unter Wasser tauchen.

Sie war noch jung, um die 40. Ihr Gesicht trug scharf gezeichnete Züge: ihr rundes Kinn stach heraus, ihre festen Backenknochen schoben sich bis zu ihrem Mund, die Falten auf ihrer Stirn lagen dicht zusammen. Ihre langen, schwarzen Haare reichten weit über ihre Schultern hinab. Mollig war sie, fast schon dick, und ihr massiger Körper tauchte unter Wasser.

Sie hatte keine Schwimmflosse, aber beide Beine zusammengeklemmt. Auf und ab schwammen ihre Beine, sie verliehen ihr Sicherheit. Wie bei einer Meerjungfrau, verdrängten ihre Beine mit einem Minimum an Bewegung das Wasser. Die Schwimmbewegungen ihrer Arme waren glatt, geschmeidig, voller Anmut, leicht, spielerisch, schwebend über dem Wasser. Das sah routiniert aus – ihr Körper befand sich in einem Gleichgewicht. Die Situation hatte sie im Griff, denn wenn ihre Beine nicht mehr gehorcht hätten, hätte sie festen Boden unter den Füßen gehabt – schließlich befand sie sich im Nichtschwimmerbecken.

Der Kraftakt begann, als sie das Schwimmbecken verlassen wollte. Bis zu den Treppenstufen schwamm sie. Mit den Händen krallte sie sich am Geländer fest, sie griff nach einer Krücke am Beckenrand. Hell wie Silber, schillerte der Stiel der Krücke, als diese unter Wasser getaucht war. In der linken Hand die Krücke, die rechte Hand am Geländer, musste sie nun ihren Körper aus dem Schwimmbecken bewegen. Doch er weigerte sich hartnäckig. Wie betäubt blieb er im Wasser stehen, und erst jetzt realisierte ich, dass sie ab der Hüfte querschnittsgelähmt war. Es war eine Energieleistung, als müsste sie zentnerschwere Gewichte schleppen. Nach vorn gebeugt, zerrte sie ihren Körper vorwärts, Treppenstufe für Treppenstufe. Wahrscheinlich fluchte sie innerlich, dass die Beine nicht gehorchten, wieso zuvor im Schwimmbecken alles leicht beschwingt klappte und nun vollständig missriet. Aus dem Schwimmbecken heraus gekrochen, bäumte sich eine letzte Hürde auf: der Rollstuhl. Mental hatte sie sich im Griff. Ihre Gesichtszüge waren wie versteinert, Hochspannung und Konzentration wie beim Elfmeterschießen beim Fußball. Eine knappe, unscheinbare Drehung auf Krücken, und ihr Gesäß und ihr Oberkörper waren im Rollstuhl angekommen.

Sie lehnte sich zurück, und ihr fahriger Gesichtsausdruck bekam weichere Töne. Auf der Armlehne zirkelte sie mit ihren Fingern herum. Unter dem blauen Kasten begann der Motor zu surren. Eine Weile zögerten die Räder, bis sie den Rollstuhl nach vorn bewegten.

Die Frau hatte bemerkt, dass ich sie beobachtet hatte. Für einen kurzen Augenblick trafen sich unsere Blicke. Wahrscheinlich haben wir uns blind verstanden. Achtung und Bewunderung habe ich ihr entgegen gebracht, das war eine enorme körperliche Höchstleistung. Zufrieden lächelte sie, und in ihrem Rollstuhl schlich sie sich leise in die Umkleidekabine. Brav, diszipliniert, ohne ein Wort zu sagen, trottete ihr Sohn hinterher.

Montag, 18. Juni 2012

Wochenrückblick #24

Im Fernsehen
Gestern Abend wurde auf ARTE an den 40. Todestag von Margaret Rutherford erinnert;  ihr wurde ein kompletter Themenabend gewidmet. Durch die Verfilmungen von „Miss Marple“ war sie in den 60er Jahren bekannt geworden. Ihre Schlagfertigkeit, Entschlossenheit und Geistesgegenwart, mit der sie als Hobbydetektivin ihre Kriminalfälle gelöst hat, habe ich seit jeher bewundert. Gezeigt wurde unter anderem die Verfilmung von „16 Uhr 50 ab Paddington“. Von dem Themenabend habe ich leider nicht allzu viel mitbekommen, da parallel das EM-Spiel Deutschland gegen Dänemark gezeigt wurde. Fußball genießt in einem solchen Fall doch eine höhere Priorität.

Erdbeeren
Bei schönem Wetter ist derzeit auf den Feldern hinter unserem Ort die Hölle los, denn die Erdbeeren sind reif und dort kann man selbst Erdbeeren pflücken. Wegweiser mit einer Erdbeere führen von weithin zu den Feldern. Bei schönem Wetter sorgen Einweiser dafür, dass jedes Auto einen ordnungsgemäßen Parkplatz findet und dass man den richtigen Weg zu den Erdbeeren findet. Körbe- und eimerweise tragen Familien mit Kind und Kegel die leckeren Köstlichkeiten wieder nach Hause. Am Verkaufsstand – ohne selbst zu pflücken – holen wir uns die Erdbeeren. Wir genießen aber auch Erdbeeren aus unserem eigenen Garten. Im Handumdrehen ist eine Tagesportion Erdbeeren aufgegessen !

Wilde Müllkippe
Erst waren es Porzellanscherben auf der Straße, auf die ich als Fahrradfahrer sensibel reagiere. Dann traute ich meinen Augen nicht, als ich in das schmale Waldstück hineinschaute: ein Zeitgenosse wusste wohl nicht so richtig, wohin er seinen Bauschutt entsorgen wollte. Möglicherweise fehlte das Geld für einen Container, wahrscheinlich dauerte es ihm auch zu lange, um den Bauschutt stückchenweise – verteilt über mehrere Monate – in den Restmüll zu entsorgen. Mitten vor das Waldstück hatte er seinen Bauschutt entsorgt. Sonst kenne ich so etwas eigentlich nur von früheren Spanien-Urlauben (selbst dort ist es im Verlauf der Jahre immer seltener geworden). Das werde ich mit Foto und Standort im Verlauf des Tages dem Ordnungsamt mitteilen  - hoffentlich können die den Verursacher herausfinden.

Schwimmkurs
Seit April läuft der Folgekurs für unser kleines Mädchen. Der Kurs macht ihr sehr viel Spaß, und wahnsinnig gerne plantscht sie im Wasser herum. Zuletzt hatte mir der Schwimmlehrer gesagt, dass sie den Dreh, mit den Beinen richtig zu schwimmen, noch nicht herausgefunden hat. Dreimal findet der Kurs noch statt, danach müssen wir sehen, wie es mit der Schwimmerei weiter geht. Inwieweit es uns als Eltern gelingt, ihr schwimmen beizubringen, vermag ich nicht einzuschätzen. Momentan betrachte ich dies nicht als tragisch, da unser Mädchen ja erst sieben Jahre alt ist und irgendwie bestimmt demnächst schwimmen lernt.

Rasenmäher
Als das Frühjahr begonnen hatte und wir unseren Rasen das erste Mal mähen wollten, ist unser Benzin-getriebener Rasenmäher nicht angesprungen. 2 Jahre alt ist unser Rasenmäher, und die Ursache hatte ich bei meiner allgemeinen Schludrigkeit schnell gefunden: unser Rasenmäher war noch nicht gewartet worden. Mit Hilfe der Gebrauchsanweisung glaubte ich, selbst die Wartung durchführen zu können. Als erstes musste der Zustand der Zündkerzen überprüft werden. Um die Zündkerze heraus zu schrauben, stieß ich schnell auf Probleme, da ich keinen Zündkerzenschlüssel besaß. Für eine einmalige Aktion wollte ich mir dieses Werkzeug nicht kaufen, daher habe ich in unserer Autowerkstatt nachgefragt. Daraufhin stellte mir der freundliche Junior-Chef eine passende Nuß zur Verfügung. Als ich mit der Nuß zu Hause die Zündkerze herausschrauben wollte, fehlte mir aber ein passender Maulschlüssel (die Größe war zu groß und ich besaß nur Maulschlüssel, die zu klein waren). Diesen erhielt ich bei unserem Nachbarn, der mir freundlicherweise die passende Größe zur Verfügung stellte. Zündkerze gewechselt, der Rasenmäher sprang immer noch nicht an. Der nächste Arbeitsschritt bei der Wartung war ein Ölwechsel. Im Baumarkt besorgte ich mir Motoröl (für Rasenmäher, ist anderes Motoröl wie für PKW). Richtig durchdacht hatte ich aber nicht, wie ich genau den Ölwechsel durchführen wollte und wohin mit dem Alt-Öl. Diskussion mit meiner Frau: „in welches Behältnis ?“ … „leere Dosen haben wir genug“ … „die Dose ist aber offen“ … „dann muss ich etwas geschlossenes nehmen“ … „nein, du brauchst so ein Art Ölwanne, die flach ist … wie ich dich kenne, fließt etwas daneben und dann versaust du die ganze Garage“ … „hmmm“ … „aus dieser Ölwanne musst du das Öl in das geschlossene Behältnis so umschütten, dass nichts daneben läuft …“. Bei dieser Diskussion habe ich kapituliert. Zumal ich kein geborener Handwerker bin. An manches traue ich mich heran. Aber wenn der Plan, wie ich es machen will, so viele Lücken aufweist, lasse ich es lieber sein. Ich habe den Rasenmäher in das Geschäft gebracht, wo wir ihn gekauft haben. Letzten Samstag sind wir angerufen worden, dass der Rasenmäher wieder läuft.

Song der Woche
Als nach dem Fußballspiel Deutschland gegen die Niederlande bei Markus Lanz getalkt wurde, war auch Wolfgang Niedecken als FC-Fan dabei. Danach hatte ich Lust bekommen, in einige Stück von BAP hinein zu hören. Meine Auswahl fiel auf „Ne schöne jroooß“:

Ne schöne Jrooß ahn all die, die unfählbar sinn,
vun nix en Ahnung hann, die ävver, immerhin
su dunn als ob,
weil op Fassade, do stonn se halt drop.

Ich kenne etliche Zeitgenossen, die genau in dieses Bild hinein passen.



Samstag, 16. Juni 2012

Antiquitäten-Schmiede

Gelegentlich macht es uns Spaß, über Flohmärkte zu bummeln. Gerne besuchen wir den Flohmarkt in der Rheinaue - da dieser jeden dritten Samstag im Monat stattfindet, kollidiert dies mit dem Schwimmkurs unseres kleinen Mädchens. Daher haben wir in diesem Jahr noch keinen Flohmarkt geschafft. Auf Flohmärkten an Baumärkten oder Supermärkten fehlt uns die Atmosphäre. Als ich zufälligerweise an der Antiquitäten-Schmiede vorbei gekommen bin, war ich fasziniert. Im Innenhof war ich mittendrin in einem Flohmarkt ...


Eingangsschild ...







Innenhof ...