Dienstag, 19. Juni 2012

wie eine Meerjungfrau

Der Rollstuhl passte gar nicht ins Bild. Einen Augenblick dachte ich, dass er ins Schwimmbecken hinein plumpsen würde, denn von der Kante des Nichtschwimmerbeckens schwappte Wasser an die Räder, wenn herum tobende Kinder Wellen schlugen. Ihr Sohn legte sich mächtig ins Zeug: zum Schwimmen reichte es nicht, doch er ruderte mit den Armen, schlug mit den Beinen ins Wasser, das in ein unkoordiniertes Herumgespritze ausartete.

Es war ein elektrischer Rollstuhl. Lehne und Sitzfläche breiteten sich komfortabel aus, darunter versteckte sich der Motor in einem blauen Kasten. Die großen Räder ließen Leistung und PS vermuten.

Ihre Bewegungen im Nichtschwimmerbecken erinnerten mich an eine Fernsehsendung, die unsere Kleine gerne sah: H2O – plötzlich Meerjungfrau. Junge Mädchen spielten in der Fernsehsendung. Außerhalb des Wassers waren sie ganz normale Menschen. Wenn sie ans Wasser kamen, verwandelten sie sich in Meerjungfrauen mit Schwimmflossen und konnten endlos unter Wasser tauchen.

Sie war noch jung, um die 40. Ihr Gesicht trug scharf gezeichnete Züge: ihr rundes Kinn stach heraus, ihre festen Backenknochen schoben sich bis zu ihrem Mund, die Falten auf ihrer Stirn lagen dicht zusammen. Ihre langen, schwarzen Haare reichten weit über ihre Schultern hinab. Mollig war sie, fast schon dick, und ihr massiger Körper tauchte unter Wasser.

Sie hatte keine Schwimmflosse, aber beide Beine zusammengeklemmt. Auf und ab schwammen ihre Beine, sie verliehen ihr Sicherheit. Wie bei einer Meerjungfrau, verdrängten ihre Beine mit einem Minimum an Bewegung das Wasser. Die Schwimmbewegungen ihrer Arme waren glatt, geschmeidig, voller Anmut, leicht, spielerisch, schwebend über dem Wasser. Das sah routiniert aus – ihr Körper befand sich in einem Gleichgewicht. Die Situation hatte sie im Griff, denn wenn ihre Beine nicht mehr gehorcht hätten, hätte sie festen Boden unter den Füßen gehabt – schließlich befand sie sich im Nichtschwimmerbecken.

Der Kraftakt begann, als sie das Schwimmbecken verlassen wollte. Bis zu den Treppenstufen schwamm sie. Mit den Händen krallte sie sich am Geländer fest, sie griff nach einer Krücke am Beckenrand. Hell wie Silber, schillerte der Stiel der Krücke, als diese unter Wasser getaucht war. In der linken Hand die Krücke, die rechte Hand am Geländer, musste sie nun ihren Körper aus dem Schwimmbecken bewegen. Doch er weigerte sich hartnäckig. Wie betäubt blieb er im Wasser stehen, und erst jetzt realisierte ich, dass sie ab der Hüfte querschnittsgelähmt war. Es war eine Energieleistung, als müsste sie zentnerschwere Gewichte schleppen. Nach vorn gebeugt, zerrte sie ihren Körper vorwärts, Treppenstufe für Treppenstufe. Wahrscheinlich fluchte sie innerlich, dass die Beine nicht gehorchten, wieso zuvor im Schwimmbecken alles leicht beschwingt klappte und nun vollständig missriet. Aus dem Schwimmbecken heraus gekrochen, bäumte sich eine letzte Hürde auf: der Rollstuhl. Mental hatte sie sich im Griff. Ihre Gesichtszüge waren wie versteinert, Hochspannung und Konzentration wie beim Elfmeterschießen beim Fußball. Eine knappe, unscheinbare Drehung auf Krücken, und ihr Gesäß und ihr Oberkörper waren im Rollstuhl angekommen.

Sie lehnte sich zurück, und ihr fahriger Gesichtsausdruck bekam weichere Töne. Auf der Armlehne zirkelte sie mit ihren Fingern herum. Unter dem blauen Kasten begann der Motor zu surren. Eine Weile zögerten die Räder, bis sie den Rollstuhl nach vorn bewegten.

Die Frau hatte bemerkt, dass ich sie beobachtet hatte. Für einen kurzen Augenblick trafen sich unsere Blicke. Wahrscheinlich haben wir uns blind verstanden. Achtung und Bewunderung habe ich ihr entgegen gebracht, das war eine enorme körperliche Höchstleistung. Zufrieden lächelte sie, und in ihrem Rollstuhl schlich sie sich leise in die Umkleidekabine. Brav, diszipliniert, ohne ein Wort zu sagen, trottete ihr Sohn hinterher.

Kommentare:

  1. Ich finde Menschen mit Handcap, die ein selbständiges Leben führen ihrer Funktionsdefizite gemäß, unglaublich mutig und stark. Obwohl ich viel damit zu tun habe, fällt mir der Umgang mit Menschen mit Behinderungen manchmal schwer. Es ist oft - eben weil sie so beherrscht sind - als Außenstehender ganz schwer zu erahnen, wie sie sich eine Reaktion ihrer Mitmenschen erhoffen. Da hilft Erfahrung und ein ausgeprägtes Bauchgefühl nicht immer. Ich sage mir dann, dass ich ja auch auf "Normale" nicht immer angemessen reagiere. Aber bei Menschen mit Behinderungen schleicht sich ganz leicht ein schlechtes Gewissen ein.

    Grüße! N.

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  2. Hej Dieter,

    neben dem wie Nelja Menschen mit körperlichen Behinderungen erfährt, habe ich, allerdings bei Kindern/Jugendlichen mit Mehrfachbehinderung Seelenstärke erlebt. Eine Schülerin hat mich beeindruckt, als mir sagte: ach, weißt Du, ich könnte mich in den Rollstuhl setzen und weinen, aber es hilft mir nicht, also lache ich lieber. Und sie hatte tatsächlich fast immer gute Laune. Die Gedanekn helfen mir viel, wenn es mir selbst mal weniger gut geht.

    Gruß
    Beate

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  3. Hallo Dieter,

    es ist wirklich mehr als bewundernswert, wie manche Menschen mit einem Handicap ihr Schicksal annehmen, es meistern. Hochleistungen, die sie vollbringen, wie sie für uns kaum vorstellbar sind.
    Vor diesen Menschen ziehe ich meinen Hut!

    Ich kenne auch einen ganz lieben Menschen, der nach einem Autounfall ab Halswirbelsäule gelähmt ist. Stellt man sich das einmal wirklich vor, was dies bedeutet......auf andere angewiesen sein für alles, was man sich nur vorstellen kann und trotzdem nimmt er am Leben teil, ist jeden Tag im Rollstuhl sitzend in seinem eigenen Betrieb und steht seinen Mitarbeitern mit seinem Wissen zur Verfügung. Seine positive Lebenseinstellung trotz dieses enormen Handicaps ist mehr als bewunderswert.

    LG Christa

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  4. Hallo Dieter,

    eine wunderbare Geschichte um eine bemerkenswerte Frau! Ich habe hin und wieder auch Menschen mit schweren Handicaps kennengelernt unr vor allen den Hut gezogen! Viele von ihnen meistern ihr Leben so selbstverständlich und gut, dass manwirklich ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man selber wegen Kopfweh oder einem verstauchten Fuß, etc... rumjault. Ich halte mir das immer wieder vor Augen!

    Danke fürs erzählen!
    LG viella

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  5. Excellent erzählt Dieter, Du bist der ideale realistische Erzähler, toll.
    Hast Du schon einmal daran gedacht ein Buch oder größere Geschichte zu schreiben?Ich könnte es mit gut vorstellen.
    Bei uns regnet es, ich genieße noch die zwei Tage Urlaub, liebe Grüße an alle, Ulrike

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  6. eine sehr anschauliche Beschreibung von dieser bewundernswerten Frau

    Man kann gar nicht dankbar genug sein, wenn man gesund ist und ohne Hilfe durch's Leben gehen kann. Da werden viele "Sorgen" unerheblich.

    LG Arti

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