Montag, 16. April 2012

Hausputz

Ein Bodensatz war hängen geblieben. So wie der Rest aus einer ausgetrunkenen Flasche Rotwein, dunkel, abgestanden, dessen labbrige Flüssigkeit sich nicht vollständig aufgelöst hatte.

Der Rest an Gefühlen ließ sich nicht vollständig entsorgen. Der Rest überdauerte, ein gespenstisches Hin und Her zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter. Schnell lebte Misstrauen auf, Grabenkämpfe waren nicht vergessen, die Konstellation war unsicher. Ich neigte zur Verharmlosung, doch wenn meine Mutter zum Besuch nahte, brauchte ich geschätzte 1.000 Sinne, um diesen Rest an vergessenen Grabenkämpfen zwischen ihr und meiner Frau aufspüren zu können.

Meine Eltern wohnen etwa 100 Kilometer entfernt und ihr Gesundheitszustand wird nicht besser, daher halten sich solche Besuche in überschaubaren Grenzen. Meistens bewegen wir uns umgekehrt in deren Richtung.

Mitten in diesem Spannungsfeld, in dem ich selbst zum Akteur wurde, lag der Hausputz. Was weibliche Eitelkeit so alles anrichten konnte. Als ob es Bemerkungen geben könnte, wir hätten die Dinge nicht richtig organisiert und es wäre nicht alles blitzblank sauber.

Meine Eltern hatten aber auch so eine Art, sich auf der gefühlsmäßigen Ebene trampelig zu benehmen. Noch zu Weihnachten waren alle reich beschenkt worden – nur meiner Frau hatten sie Feigenpralinen und Pralinen in Limetten-Creme geschenkt, womit sie nichts anfangen konnte (Blog vom 30. Januar 2012). Auch jetzt – eine Woche nach Ostern – hatten sie allen etwas mitgebracht – mir beispielsweise ein Six-Pack belgisches Trappistenbier - *lechz“, meine Frau hatten sie aber vergessen. Einmal hatte unser Sohn im letzten Jahr vergessen, sie beim Besuch zu begrüßen – oder er tat es zu unauffällig – prompt bekam ich beim nächsten Telefonat wütende Äußerungen über unseren Sohn zu hören.

Vor solchen Besuchen war der Hausputz längst zum Politikum geworden. So eine Art von Bühne oder Parkett, auf dem man entweder glänzen konnte oder schwer ausrutschen konnte.

„Die Tomaten müssen noch umgetopft werden, sonst sind sie hin …“
„Auf keinen Fall Bad und Toilette vergessen …„
„Was kochen wir zu Mittag ?“
„Du musst Getränke besorgen, wir haben nichts mehr zu trinken …“
„Das Schlafzimmer kriegen wir wieder nicht geschafft …“
„Du darfst nicht vergessen, die Türe zu Gästezimmer zuzumachen, damit niemand das Chaos sieht …
„Wenn das Kinderzimmer nicht aufgeräumt ist, verschließe ich das Zimmer und lasse ich die Cousine nicht mit unserem Mädchen dort spielen … „
„Fenster putzen muss ich dort auch, den Taubenkot auf dem Fenster hast du ja gesehen ?!?! …“
„Beim Kuchenbacken muss mir jemand helfen …“
….

Wenn ich die Menge betrachtete, die ab Samstag Vormittag eigentlich hätte erledigt müssen, war das Pensum bis zum Erscheinen des Besuchs Sonntag um 15 Uhr praktisch nicht zu schaffen. Alleine für das Aufräumen unseres Kinderzimmers musste ein ganzer Tag einkalkuliert werden. So lange hatten wir jedenfalls vor Weihnachten benötigt. Sie hatte zwar aufgeräumt, der Fußboden war größtenteils auch frei, aber all der Kleinkram, an die richtige Stelle, in die richtige Dose, in die richtige Ecke, und in den entlegenen Winkeln herrschte noch zuviel Chaos.

Es half nichts. Mit Staubsauger, Putzeimer und Lappen bewaffnet, kroch ich durch die Empfindlichkeiten, wohin das Augen von argwöhnischem Besuch so schauen konnte. Wohnzimmer, Badezimmer, Toilette, Küche, Wintergarten: in gebückter Haltung streckte ich mich von Zimmer zu Zimmer, und so angestrengt, wie mein Rücken war, kam mir „Rund um Köln“ geradezu wie eine Erholung vor. In diesen Stunden verfluchte ich, dass wir so arm waren, dass wir uns keine Putzfrau leisten konnten, dass wir eine solche unbequeme Arbeit nicht outsourcen konnten.

Wie sehr die Sichtweisen von Mann und Frau auseinander liefen, wurde mir eine halbe Stunde vorher klar, bevor der Besuch anrückte. Ich streckte meine Beine über den Sessel aus, doch meine Frau meckerte:

„Wann machen wir sauber ?“
„Die Badewanne ist nicht vernünftig sauber …“
„Die Ablage in der Toilette ist nicht vernünftig sauber …“
„Unser Schlafzimmer ist total verdreckt …“
„alles Putzen war nur Katzenwäsche …“

Ein Rest von Freude auf den Besuch hatte ich bewahren können. Eltern, Bruder, Schwägerin, Nichte, Schwiegervater, Schwager und der Taufpate unseres kleinen Mädchens nahten. Eigentlich eine bunte Mischung von Geburtstagsgästen für unser kleines Mädchen. Zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter spürte ich keinen Rest an vergessenen Grabenkämpfen auflodern. Mit Kaffee und Kuchen konnte der gemütliche Teil der Familienfeier beginnen.

Kommentare:

  1. Ach, irgendwie ist es doch überall gleich. ;)
    Also fast. Zwischen mich und meine Schwiegereltern passt nämlich kein Blatt Papier. Wie schön, dass der Ehemann genau diese Eltern hat! Das Problem in meinem Fall sind meine Eltern. Gewesen. Seit ich Mama mal geantwortet habe mit: "Ich bin eine berufstätige Mutter von zwei Schulkindern mit einem ebenfalls berufstätigen Mann und wir wollen unsere Wochenenden gemeinsam verbringen - aber nicht ausschließlich beim Putzen ... also wenn es dir zu dreckig ist, DA ist mein Putzzeug. Tu dir keinen Zwang an." Die Stimmung war unmittelbar danach zwar bombig - aber es kam nie mehr irgend eine Bemerkung. Wir haben ja sogar 450 km zu überwinden, das ist seeeeehr selten der Fall.

    Bei euch scheint ja alles gut gegangen zu sein. Deiner Frau täte ein bisschen Gelassenheit in diesem Punkt gut. Schließlich wirst du dich nicht von ihr trennen, nur weil es ein paar Bodensatzreste zwischen ihr und deinen Eltern gibt.

    Grüße! N.

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  2. da vermute ich mal die 100 km Entfernung sind nicht so schlecht. Da tut jedem etwas Abstand immer wieder mal ganz gut.
    Wenn ich deine Beschreibung so lese, kann ich den Stress richtig spüren - und das Aufschnaufen hinterher auch ;-)

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  3. Hej Dieter,

    drollig zu erfahren, dass es woanders gleichgeartete Erfahrungen gibt. Ach ja und das mit der Zugehfrau: Es gibt Leute, die putzen, wenn die Putzfrau kommt. Ja,ja das gibbet:-)
    ....und übrigens, die Art des Erzählens finde ich Klasse! Da ist Dir wirklich etwas besonders gut gelungen.

    mit Abstand (1200km und 1600km) ;-)
    Beate

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  4. Ja das kenne ich auch von früher die Schwiegermutter kam und übernahm das Komando.
    Hat sich alles gelegt obwohl der Abstand nur 50 km ist.

    Gruß
    Noke

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  5. Hallo Dieter,

    was du hier gerade geschrieben hast, ich glaube, das läuft in vielen Familien ähnlich ab.
    Nicht immer herrscht Friede, Freude, Eierkuchen und so mach anstehende Familienfeier, für die man sich vorher total verrückt machte (warum eigentlich?)endet mit kleinen Machtkämpfen.

    Geschenke sind sehr oft eine heikle Angelegenheit und hier sollte man auch über die Erwartungshaltung nachdenken.
    Ich kenne aber auch noch Sätze aus dem Verwandtenkreis, die da lauten: "Ach, so was kann man immer gebrauchen!"
    Boaaah, da hätte ich schon so manches Mal auf die Palme gehen können, gerade, weil ich mir viele Gedanken machten über ein persönliches Geschenk für den zu Beschenkenden.

    Inzwischen habe ich mir angewöhnt, wenn Besuch ansteht, das zu putzen, was ich sonst auch immer putze. Wem das nicht passt, der kann ja wieder gehen.

    Einen Unterschied in der Wahrnehmung von Schmutz, Staub etc. scheint es aber wohl doch zwischen Mann und Frau zu geben.

    Am Samstag war ich am Staubwischen, mein Mann kehrte derweil die Treppe ab.
    Als wir am Sonntag von einem Spaziergang nach Hause kamen, fielen mein Blick auf die Ecke der 2. Treppenstufe und ich sagte zu meinem Mann: "Schatz, hattest du gestern nicht die Treppe abgekehrt?"
    Er: "Ja, hatte ich dir doch gesagt."
    Ich: "Guck mal da in der Ecke."
    Er: "Was du wieder alles siehst."

    Kicher.....

    Nehmen wir es einfach mit Humor. *g*

    Deinem Sohn drücke ich ganz fest die Daumen für die prektische Zwischenprüfung, versprochen und jetzt schnell ab ins Bett, bevor ich hier wieder Unsinn schreibe. :-)

    Gute Nacht und liebe Grüße
    Christa

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  6. Hallo Dieter, etwas belustigt habe ich Deine Schilderung von Putzen und Elternbesuch gelesen. Ehrlich gesagt kenne ich so etwas - zum Glück - nicht. Meine Schwiegermutter war zwar auch eine sehr dominante Person, kritisch und direkt, aber das hat sie sich meist "verknifffen". Ich denke, jeder hat es so sauber- oder so dreckig- wie er sich wohlfühlt. Wo mehrere Person leben, da wird eben gelebt, d.h. gekrümelt, geschlabbert,usw., da sollte jeder, besonders die Eltern, Verständnis für haben... sollte...
    Man will ja nicht NUR putzen...
    Deine Frau würde ich raten nicht soviel Energie ins Ärgern über ungeliebte oder sogar vergessene Geschenke verschwenden... man kann ältere Leute nicht ändern... Gelassenheit fängt im Kopf an.
    Ich wollte am Sonntag kurz vor Mittag bei euch anrufen, aber mir etwas Wichtiges dazwischen gekommen und am Abend habe ich ehrlich gesagt nicht mehr daran gedacht.
    Ist aber "gespeichert"!
    Viele Grüße Marita

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  7. So eine Anstrengung, nur wegen der eigenen Eltern.
    Deine Geschichte ist sehr anschaulich geschrieben, Dieter, so, dass ich mich da echt reinversetzen kann.
    Unsere Eltern kamen über Jahre hinweg, so gut wie jeden Sonntag zu uns (wir wohnten alle am gleichen Ort), alle Geburtstag und Feiertage feierten wir zusammen in unserem Haus, mit den Enkeln und allem Anhang kamen da oftmals gut und gerne 15 Leute zusammen.
    Geputzt wurde deswegen nie extra, ich hab alles so gemacht, das es mir gefiel. Ehrlich gesagt hat da auch nie jemand was moniert und wenn, hätte ich wohl gesagt, gut, dass du mich aufmerksam machst, das mach ich demnächst mal.
    Ich glaube diese Empfindlichkeit und auch das ängstlich sein, dass die Eltern was sehen könnten was ihnen nicht zusagt, rührt daher, dass man geliebt und anerkannt sein möchte.
    Ich finde da immer ein offenes Gespräch heilsamer als die vielen ungeliebten diversen Vorbereitungen. Lasst doch einfach mal alles so liegen wie es sonst auch ist und wartet ab,
    entspannt und gut gelaunt...nur so kann man auf Vorwürfe gelassen reagieren.
    ♥lichst Zaunwinde

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  8. Hallo Dieter,
    ich wünsche dir einen wunderschönen guten Morgen
    Oh wie schrecklich! Die liebe Familie. Die sieht man dann auch am liebsten beim Abschied von hinten. haha
    Ärger dich nicht, so etwas wird nicht besser.
    ¸.•´`•.¸.•´`•.¸.•´`•.¸.•´`•.¸.•´`•.¸.•´`•.¸
    Danke für deinen Kommentar, über den ich mich gefreut habe. Mochtest du Riesenhunde früher mal? Auf euer/eure Haustier/e bin ich jetzt schon gespannt. Was wünscht sich denn die Kleine?
    ¸.•´`•.¸.•´`•.¸.•´`•.¸.•´`•.¸.•´`•.¸.•´`•.¸
    Dir einen guten Start in die neue Woche
    Grüssle
    Wieczorama (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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