Mittwoch, 30. Oktober 2013

Petersberger Bittweg


Man kennt ihn als Symbol der Verschwendung. 1978 hatte bereits der Ankauf von Grundstück und Gebäuden auf dem Petersberg 17,5 Millionen DM verschlungen. In den Folgejahren wurden die ausufernden Umbaukosten des Gästehauses zum Horror-Erlebnis der Bundesregierung. Man kennt ihn auch, weil er in die Geschichtsschreibung eingegangen ist. Das war das Petersberger Abkommen, mit dem 1949 die Alliierten grünes Licht gaben für das Staatengebilde der Bundesrepublik Deutschland. Obschon Berlin längst Bundeshauptstadt ist, schreibt auch heute noch der Petersberg mit dem Weltklimagipfel oder der Afghanistan-Konferenz Geschichte.

Weniger kennt man ihn als Prozessionsweg. In meiner seltenen Rolle als Wanderer bin ich den Petersberger Bittweg bis zum Gipfel des Petersberges hoch gelaufen. Die exzellenten Tippeltouren von Peter Squentz stehen schon Jahrzehnte in meinem Bücherregal, und nun ist es das erste Mal, dass ich Live eine Tippeltour getestet habe.

Für das Leben in Meditation und Gebet suchten die Klosterorden des Mittelalters Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Augustiner hatten 1131 die Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Siebengebirges gesucht und auf dem Petersberg ein Kloster gegründet. 1189 übernahm der Orden der Zisterzienser das Kloster, allerdings nur für ganze drei Jahre, denn danach gründeten sie ein paar Kilometer weiter den Klosterneubau des Klosters Heisterbach. Das Kloster auf dem Petersberg verfiel, die Steine wurden baulich zweckentfremdet und abgetragen, so dass heute nahezu nichts von der Klosteranlage übriggeblieben ist. 1980 wurden die Fundamente der Klosterkirche freigelegt.

Es sollte vier Jahrhunderte dauern, bis dem Petersberg neues Leben eingehaucht wurde: als Wallfahrtsort. Hoch über dem Rhein gelegen, war die Stelle exponiert wie heute. Bereits 1312 erwähnen Urkunden eine Wallfahrtskirche, die nach dem Apostel Petrus benannt war und ein Vorläufer der heutigen Kapelle sein kann. 1763 wurde sie vom Abt des Klosters Heisterbach im Stil des Barock umgestaltet, wodurch sie ihr heutiges Aussehen erhielt. 

Wallfahrer pilgerten zur Kapelle auf dem Petersberg. Vier Pilgerwege aus vier Richtungen gelangten zum Wallfahrtsort, wobei der Petersberger Bittweg kurz, steil und atemlos zum Ziel führt. Steinkreuze und Prozessionsaltäre beeindrucken und lohnen die Mühe des Aufstiegs, denn auf 1,4 Kilometer sind 230 Meter Höhendifferenz zu schaffen. Mit vierzehn Wegekreuzen und Altären ist dies der einzige Prozessionsweg auf den Petersberg, auf dem sich eine solche imponierende Anzahl erhalten hat.

Es fanden nicht nur Prozessionen statt, wie wir sie heutzutage an Christi Himmelfahrt oder Fronleichnam kennen. Die Kirche veranstaltete sogar eine Art von Ablasshandel, wenn gegen einen entsprechenden Obulus bei Teilnahme an einer Prozession Schuld und Sünden erlassen wurden. Die Menschen sammelten sich verzweifelt in Prozessionen, um der Geißel der Menschheit – der Pest – zu begegnen. Dürren und Plagen waren ebenso Anlässe für Prozessionen.

1842 kam es sogar zum Streit. Es herrschte große Dürre und die Prozession zeigte sogar Wirkung: im Spätsommer regnete es wochenlang. Dies war aber den Winzern in Oberdollendorf überhaupt nicht Recht, denn für die Weinlese konnten sie keinen Regen gebrauchen. Die Teilnehmer der Prozession und die Winzer gingen aufeinander los. So mancher musste Prügel einstecken. Damals haben die Streithähne im Dialekt gerufen: „Mer schloch üch duhd, un schibbele üch, ed boversch End für gekihrd dä Pittersch-Berg erav!"

Wie gut, dass ich nichts mit Pest, Plagen und Streithähnen zu tun habe. Anstatt dessen muss ich mich über querliegende Bäume quälen, die das gestrige Orkantief Christian entwurzelt hat. Schönheit und Anstrengung prägen den Aufstieg zum Petersberg. Eine Prozession so hoch hinauf muss eine regelrechte Knochenarbeit gewesen sein.



Kreuze und Prozessionsaltäre stecken voller Mystik. Geheimnisumwittert, schart sich das Herbstlaub um deren Sockel. Herzen und Buchstaben stechen aus glatten Baumstämmen heraus. Knorriges Wurzelwerk überragt das Erdreich.

Oben angekommen, parken schwere Limousinen. Die deutsche Flagge hängt schlapp neben dem Eingang des Steigenberger Hotels herunter. Das Gelände ist so weitläufig, dass ich an den freigelegten Umrissen des Zisterzienser-Klosters vorbei gelaufen bin. Ich stoße zum Mittelpunkt des Petersberges. Das ist die besagte Kapelle des Heiligen Petrus, die dem 330 Meter hohen Berg ihren Namen gegeben hat. In der Tat ein romantischer, verträumter Fleck.

Die Queen von England, der Schah von Persien, Leonid Breschnew oder Michail Gorbatschow: über Jahrzehnte hatte der Petersberg hoch dotierte Staatsgäste beherbergt; und ich begegne sogar dem Namen eines amerikanischen Präsidenten. Abseits des Gästehauses in tiefem Mischwald hatte Bill Clinton sich bewegt und Sport getrieben. Auf einem Bill-Clinton-Jogging-Pfad kann Otto Normalverbraucher nun den Sportsgeist eines amerikanischen Präsidenten nach empfinden.

Um die Wanderung abzurunden, folge  ich der Empfehlung meines geistigen Wanderführers Peter Squentz. Ich umrunde das Gästehaus und schlendere zu den Rheinterrassen, wo mich eine überwältigende Aussicht auf den Rhein belohnt. Die Sonne ist schräg über die andere Rheinseite gesunken. Der Buckel des Drachenfelses sticht in weiße Wolkentupfer hinein. Als einsames Band zieht sich der Rhein zäh durch den Talkessel.

Der kurze und heftige Anstieg hat es in sich gehabt. Beim Abstieg den Berg hinab lasse ich gemütlich meine Schritte ausklingen.


Kommentare:

  1. Sehr kurzweiliger und interessanter Bericht über die "Besteigung" des Petersbergs! Danke dafür!
    Was für ein Glück, dass nicht jeder am Wetter rumdrehen kann, wie es ihm gerade passt: sonst gäbe es öfter mal solche Prügeleien, wie du sie geschildert hast. :-)
    LG Calendula

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  2. Der Petersberg ist mit neben der Wolkenburg der liebste der 7 Berge, seit ich als Neiuhinzugezogene dort das erste Mal im Café und auf den Terrassen war. Auch eine meiner ersten Touren mit dem eigenen Auto nach dem Führerscheinerwerb führte auf den Berg ( und herunter mit kaputtem Auspuff - welch ein Geknatter! ).
    Doch den Prozessionsweg kenne ich gar nicht. Schön, dass du mich damit bekannt gemacht hast! Bin gespannt, wo du Allerheiligen unterwegs bist, per pedes oder mit dem Radl...
    Ein schönes langes Wochenende!
    Astrid

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  3. Was für ein interessanter Bericht Dieter, den Petersberg kenn ich nur aus Geschichtsbüchern.
    Tolle Fotos hast du gemacht und bei dem letzten kommt die herbstliche Stimmung gut rüber.

    Liebe Grüße und gute Nacht
    Angelika

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  4. Danke für diesen überaus interessanten Bericht.
    Der Petersberg hat viel Prominenz Kommen und Gehen
    sehen. Aber der Plgerweg ist schon was Besonderes.
    Eine gute Nacht wünscht dir
    Irmi

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  5. Kann mich nur anschliessen, sehr interessant dein Bericht über den Berg den ich auch nur aus dem TV kenne. Muss bestimmt sehr schön sein dort zu hochzuwandern.

    Lieben Gruß

    Nova

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  6. Sehr gelungener und vor allem interessanter Berich....untermal mit sehr schönen Fotos !

    LG

    P.S.: Happy Halloween :)

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  7. Hallo Dieter,
    was für ein interessanter Bericht und als Ergänzung wunderschöne Fotos. Vor allem das letzte Bild ist Dir sehr gut gelungen!
    Lieben Gruß
    moni

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  8. Auch dir Happy Halloween, Dieter
    Dein Bericht ist interessant und die Fotos dazu schön. Las sich prima und ich danke für die interessante Unterhaltung.
    Danke für deinen cmt.: Ja, inzw habe ich sogar bei beiden Blogs die runde Zahl geknackt. Aber das Danke _00 Leser habe ich mir abgewöhnt, weil ständig Leute abspringen und neu Eingetragene dann gar nicht lesen, sogar Kommentatorinnen (oder Projektinitiatorinnen) mit Copy&Paste-cmts oder allseits passenden Floskeln kommen. Mom sind sowieso andere Dinge wichtiger als die Blogs... ;)
    Beste Grüße, Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  9. What beauty and power is this entry.
    Warm greetings.

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  10. Den Petersberg kenne ich überhaupt nicht, hab den Bericht aber total gerne gelesen, lasse mich gerne inspirieren!

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  11. So, mal ohne Radl ;-) Auf dem Petersberg war ich schon lange nicht mehr, aber man sieht ihn immer, wenn man die Rheinstrecke fährt.

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  12. Danke für die kleine Wanderung auf den Petersberg. Die Aussicht von dort oben ist wirklich toll. Wir waren letztes Jahr mal wieder dort oben, um die Aussicht zu genießen :-)

    Du ohne Rad ... kann ich mir gar nicht vorstellen :-)

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