Freitag, 3. Juli 2015

Abrisswüste Niederkassel

Abrisswüste Niederkassel
Das Elend begann im Jahr 2008, als im drei Kilometer entfernten Stadtteil Ranzel ein Einkaufszentrum mit REWE, ALDI, LIDL, dm, Takko und Deichmann in die Landschaft gepflanzt wurde. Das Areal, in das drei bis vier Fußballplätze hineinpassen, zog nun Käuferscharen bis weit nach Porz oder Troisdorf an. „Negative Auswirkungen auf Versorgungsbereiche im Zentrum von Niederkassel sind nicht zu erwarten“ so urteilte vor Baubeginn eine Kölner Unternehmungsberatungsfirma, dessen Gutachten Bestandteil der Machbarkeitsstudie war.

Die Unternehmensberatungsfirma hatte sich mächtig geirrt, denn das Einkaufszentrum saugte wie ein Staubsauger die Einkaufsströme der Umgebung ab. Drei Kilometer weiter ereilte das Zentrum der Stadt Niederkassel nun ein bedrückendes Szenario, denn Geschäftsinhaber suchten das Weite, im Zentrum kehrte gähnende Leere ein. Eine Geisterzone mit verlassenen Ladenlokalen, heruntergelassenen Rolläden und einer zusammengebrochenen Grundversorgung breitete sich wie die Greifarme einer Krake im Herzen der Stadt aus. Metzger, Bäcker und all die kleinen Geschäfte verschwanden, nur ein EDEKA-Supermarkt überlebte.

Und es kam noch schlimmer. Die Idee reifte, im Stadtzentrum ein weiteres Einkaufszentrum zu bauen. Planung und Phantasie beflügelten die Größenordnung, die Stadtplaner taten sich mit einer Immobiliengruppe zusammen, die immer mehr Geschäftsinhaber mobilisierte, ihre Häuser zu verkaufen, die in sich zusammenhängend immerhin eine Fläche von ein bis zwei Fußballplätzen ergaben.

Perspektivlosigkeit in der Metzgerei
Nun klafft im Zentrum eine riesige Lücke, nachdem an die zehn bis zwölf Häuser abgerissen worden sind. Der Depression ist die Häßlichkeit gefolgt. Der Blick auf das Phantasiegebäude des Einkaufszentrums endet vor einem Bauzaun. In der Abrisswüste ist alles platt gemacht worden, Unkraut wuchert zwischen Sand und Kieselsteinen, an einer Häuserwand zeichnet nacktes Gemäuer den Umriss des abgerissenen Nachbarhauses.

Die Niederkasseler sehen das Einkaufszentrum gelassen. 8.000 Quadratmetern sollen bebaut werden, das ist rund ein Drittel der Fläche im drei Kilometer entfernten Einkaufszentrum in Ranzel. In drei Geschossen plus Staffelgeschoss soll der Gebäudekomplex in die Höhe wachsen. Ladenpassagen im Erdgeschoss, bestehend aus einem REWE-Markt, Drogeriemarkt, Reisebüro, Modeladen, Optiker, Apotheke, sollen Schluss machen mit dieser Geisterzone, die Geschosse darüber sollen vierzig Wohneinheiten und Büroräume beheimaten.

Wie gelassen die Niederkasseler das sehen, das belegen Reaktionen in Facebook. „Natürlich brauchen wir ein Einkaufszentrum in Niederkassel“, „sei doch froh, dass er (der Bürgermeister) endlich mal etwas gescheites hier aufbaut“, „sollen se das Ding einfach einfach da hin ballern und gut is“, dies sind einige der Reaktionen. Sprich: das Meinungsbild zweifelt nicht an der Notwendigkeit, zumal feststeht, dass der EDEKA-Supermarkt schließen wird und danach Totenstille einkehren wird, was die Einkaufsmöglichkeiten betrifft. 

Bauzaun
Der Blick auf die Abrisswüste Niederkassel wird allerdings noch eine Weile lang so bleiben, denn die Planungsverantwortlichen haben sich mit ihren Planungshorizonten verschätzt und ihnen scheint auch die Zeit davon zu rennen. Zuerst schoß ein Mieter quer, der in einem der abzureißenden Gebäude wohnte. Als ihm wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde, weigerte er sich auszuziehen. Schier endlos dauerte es, ihn heraus zu klagen. Da stellt sich zusätzlich die Frage, ob unser Rechtsstaat nur Handlanger ist, um letztlich Geschäftsinteressen zu dienen.

Ursprünglich sollte das baurechtliche Bebauungsplanverfahren im März 2014 angestoßen werden. Nun sind endlich vor einer Woche die Verträge unterschrieben worden – das war der Kaufvertrag des 8.000 Quadratmeter großen Areals und der städtebauliche Vertrag. Im Herbst diesen Jahres, also mit anderthalbjähriger Verzögerung, kann nun das Bebauungsplanverfahren eingetütet werden. Anfang 2016 sollen dann endlich Bagger aufmarschieren und mit ihren Bauarbeiten beginnen. Im Frühjahr 2017, wenn alles gut läuft,  könnte in der schönen neuen Einkaufswelt eingekauft werden.

Ich bin skeptisch. Die Stadt und die Investorengruppe waren sich bis kurz vor Toresschluss uneinig, ob die Verträge überhaupt unterschrieben werden sollten. Verhandelt wurde streng geheim hinter verschlossenen Türen. Man munkelt, dass es Differenzen über die Verkaufspreise einzelner Grundstücksinhaber gegeben habe. Ich kann mir auch vorstellen, dass Banken kritisch nachgefragt haben, denn die 12 Millionen Euro, die das Einkaufszentrum kosten soll, sind kein Pappenstiel. Dazu kommt der Kaufpreis für die 8.000 Quadratmeter Grundstücke, und von irgendwo her muss der zweistellige Millionenbetrag ja kommen.

Vor allem der REWE-Koloss im Einkaufszentrum muss die Kurve kriegen. Es gibt bereits einen REWE in dem anderen Einkaufszentrum, und wie der Zufall es will, haben die beiden REWE-Märkte denselben Besitzer. Dabei haben die Betreiber des neuen Einkaufszentrums die Herausforderung zu bewältigen, dass die Einkaufsströme – auch aus dem drei Kilometer entfernten Einkaufszentrum -  wieder in das Zentrum zurück gelenkt werden müssen.

ungastlicher Marktplatz
Delikat wird die Konstellation für REWE. Der Inhaber der beiden REWE-Märkte muss nämlich darauf achten, dass sich seine beiden Filialen nicht gegenseitig kannibalisieren. Sprich: die Käuferströme dürfen nicht alleine umgelenkt werden von dem einen REWE-Markt auf den anderen REWE-Markt. Schlimmstenfalls verteilt sich derselbe Umsatz nun auf zwei REWE-Märkte, während REWE auf den Kosten für den zweiten Supermarkt hängen bleibt. Sollte sich irgendwann REWE mit der größten Verkaufsfläche wieder zurückziehen, wäre dies fatal. Leerstände könnten den Businessplan kaputt rechnen. Und Leerstände gibt es auch an deren Ecken von Niederkassel genug. Wegen Leerständen wurden sogar Ladenlokale wieder zurück gebaut.

Ich bin skeptisch, weil das ganze Umfeld – trotz der Vision eines Einkaufszentrums – einfach unattraktiv ist. In der Stadtentwicklung hat sich Niederkassel rund um die Kirche St. Matthäus entwickelt, dessen romanischer Turm noch aus dem Mittelalter stammt. Gesiedelt wurde in Rheinnähe, und dort befinden sich auch die Wohlfühlzonen in dieser Stadt. Nicht am Marktplatz, der in seiner heutigen Lage erst später dran geflanscht wurde, vielleicht in der Wilhelminischen Epoche. Niemand hat sich Mühe gegeben, auf dem Marktplatz Wohlfühlzonen oder Verweilzonen zu etablieren. Der Marktplatz ist lieblos dahin geklatscht, nüchtern, kalt, abweisend, ungastlich und letztlich zum Parkraum verkommen. Entspannung kommt am Eiscafé auf dem Marktplatz kaum auf, wenn man auf parkende Autos schaut, karge Mauerwände und Poller, die die Durchfahrt von Verkehr zum Rathaus verhindern sollen.

Ich mutmaße, dass sich in diesem Umfeld das Einkaufszentrum schwer tun wird, aufzublühen. Aber möglicherweise haben die Verantwortlichen der Stadt noch einen Trick in der Hosentasche: sie schieben das Risiko von Leerständen auf den Steuerzahler ab. „Die städtebaulichen Fördermittel sind alle schon bewilligt“, das berichtete der Rhein-Sieg-Anzeiger am 23. Januar 2014. Also ist zu erwarten, dass der Steuerzahler solch ein Einkaufszentrum zu einem gewissen Teil subventioniert. Damit tue ich mich sehr schwer, zumal die Stadt Niederkassel an einer anderen Ecke unter ihrer Ausgabenlast stöhnt. Mit einer dreißigprozentigen Erhöhung der Grundsteuer hat sie die Hausbesitzer zuletzt ordentlich zur Kasse gebeten.

Kommentare:

  1. Oha, das hört sich wirklich alles nicht besonders schön an. Ich kenne Niederkassel selber nicht (nur dem Namen nach), aber die Bilder sprechen Bände. Warst du schon mal in Meckenheim - Neue Mitte? Das ist für mich ein tolles Beispiel, wie man es richtig machen kann. Allerdings ist dort wohl der ganze Stadtteil neu geplant worden. Ich war neulich durch puren Zufall dort und hin und weg. Nur 2 Läden standen leer.
    Gruß vonner Grete

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  2. Hallo Dieter, da habe ich doch glatt meinen Kalender zu spät auf den neuen Monat eingestellt und schon ist es passiert: Ich habe glatt deinen Geburtstag übersehen. Deshalb heute nachträglich - und an dieser Stelle -: Herzlichen Glückwunsch und alles Gute für das neue Lebensjahr! Martina

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  3. Lieber Dieter,
    oje, solche Entwicklungen snd derzeit ja leider überall gang und gäbe... und mich wundert nicht, dass du ihnen skeptisch gegenüber stehst. Ich glaube sogar, Skepsis ist die einzige gesune Reaktion darauf. Denn in jenen Ländern oder Landesteilen, wo man bereits ein paar Schritte voraus ist, zeichnet sich schon ein Weilchen ab, was du befürchtest...
    Hab noch einen schönen restlichen Sonntag (und offenbar hattest du - nach Martinas Kommentar zu schließen - eben erst Geburtstag; dazu gratuliere ich dir herzlich!)
    Alles Liebe, Traude

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