Dienstag, 7. Juli 2015

Straßenbauarbeiten bei 38 Grad

Baustellenschild
Arbeitswelten können grausam sein. In diesen Tagen der Hitzewelle schlägt mir ab den frühen Mittagsstunden die Hitze durch das geöffnete Fenster in meinem Büro entgegen. Mein Büro liegt zur Schattenseite, glücklicherweise, so dass es noch schlimmer kommen könnte. Die Hitze staut sich, sie lähmt, bremst, schnürt mich ab an meinem Arbeitsplatz. Meine Gedankengänge reißen ab, Excel-Tabellen verschwimmen auf meinem Monitor, Zahlen geraten durcheinander, das Formulieren meiner E-Mails zieht sich in die Länge.

Büroarbeitsplätze sind in den Tagen der Gluthitze wohl die harmlose Variante der Arbeitswelten. Dass Arbeitswelten auch anders aussehen, erlebe ich in diesen Tagen, wenn mein Fahrrad mir halbwegs erträgliche Momente auf dem Weg zu meinem Büroarbeitsplatz und nach Hause beschert.

Gartenarbeiter, die in der prallen Mittagshitze Unkraut jäten, Arbeiter auf dem Bau oder Arbeiter an Maschinen in Fabrikhallen zolle ich höchsten Respekt. Außentemperaturen bis zu 38 Grad bringen jede Bewegung zum Stillstand. Alle suchen danach, dem Backofen der Hitze zu entkommen.

Doch das kann noch getoppt werden. Die Hauptverbindungsstraße nach Bonn, die Landstraße L269, wird saniert. Werktags pendele ich mit meinem Fahrrad auf dem Fahrradweg zu meinem Büroarbeitsplatz. Saniert wird in zwei Abschnitten. In beiden Abschnitten muss sich der Autoverkehr in der einen Richtung über die Busspur zwängen, während die Landstraße in der anderen Richtung komplett gesperrt ist. Dort wird die Straße saniert und neu asphaltiert. Der Ferienberufsverkehr muss sich nun irgendwo zwischen Kreisverkehren, Einbahnstraßen, Verengungen , Wohngebieten und Industriegebieten von Troisdorf-Bergheim hindurch quälen. In der zweiten Bauphase wird dies an alte Zeiten erinnern, vor über 40 Jahren, bevor die Brücke über die Sieg gebaut wurde, als man das Gebiet jenseits der Sieg als „Balkan“ bezeichnete, weil dieses Gebiet verkehrsmäßig vollkommen isoliert war von früheren Bundeshauptstadt, dass man es als „Balkan“ bezeichnete. Auch in diesen Tagen nannte man die Baustelle und „Balkanisierung“ in einem Atemzug.

ein LKW schüttet den Asphalt auf die Teermaschine
Die Straßenbauarbeiter stecken in der Zwickmühle. Im letzten Jahr war es die Sanierung der Bonner Nordbrücke, die in den Sommerferien Staus und ein totales Verkehrschaos auf der Autobahn A565 lostrat. In diesem Jahr geht es weiter mit der Landstraße L269, die sich unmittelbar an die nächste Autobahnausfahrt anschließt. Nun droht das nächste Verkehrschaos. Der Zeitplan der Straßenbauarbeiten treibt die Straßenbauarbeiter vor sich her, denn bis zum Ende der Sommerferien muss die fünf Kilometer lange Strecke fertig sein.

In der morgendlichen Frühe, bevor die Hitze anschwillt, herrscht auf der Baustelle Hochbetrieb. Schwerlaster karren den Asphalt heran, kippen das zähflüssige Granulat auf die Teermaschine, während Wolken weißen Dunstes schwerfällig nach oben steigen. Die Masse aus Asphalt und Bitumen verteilt sich nun mit ihren einhundertfünfzig Grad von der Teermaschine auf die Deckschicht, die gewässert ist und an der einen oder anderen Stelle mit Teerpappe belegt ist. Nachmittags, auf dem Nachhauseweg, schlägt mir der nach Chemie stinkende Geruch der frische geteerten Straße entgegen. Die Straßenbauarbeiter haben Feierabend, während die Hitze des Teers auf den Radweg hinüber schwappt. In der Nachmittagshitze vermengen sich die Gerüche zu einem stickigen Gemisch, in der mir mein Atem stockt.

Arbeitswelten können grausam sein. So waren in den Frühtagen der Industrialisierung viele Tätigkeiten gesundheitsschädlich, weil diese nicht von Maschinen übernommen worden waren und weil niemand auf Arbeitsschutz achtete. „Die Arbeiter klagen über Mangel an Sauerstoff, Überfluss an Staub, Pulverrauch, Kohlensäure und schwefelhaltigen Gasen in der Atmosphäre der Stollen. Infolgedessen sind die Bergleute klein von Natur und leiden vom 30. Lebensjahr an fast alle an Brustbeschwerden, die später in vollständige Schwindsucht übergehen“, das stellte Friedrich Engels in Bleibergwerken in Wales um 1770 fest. Die Arbeitsbedingungen haben sich zwar seitdem verbessert. Aber nun ist es der Klimawandel, der in spezifischen Berufsbereichen die Arbeitsbedingungen auf eine andere Art und Weise unerträglich macht.

Teermaschinen
Der frische Asphalt und die 38 Grad addieren sich. Wie die Straßenbauarbeiter so etwas aushalten können, ist mir ein Rätsel. Mitten im Brennpunkt der Hitze sitzt der Arbeiter, der die Teermaschine bedient. Auf seinem Sitz dürfte sein Gesäß regelrecht gegrillt werden, wenn durch die Schüttung darunter die kochende Teermasse hindurch rutscht, um anschließend in der benötigten Schichtdicke aufgetragen zu werden. Schlimm sind auch diejenigen Arbeiter dran, die den überquillenden Asphalt an den Rändern mit Schaufeln wegschaffen. Einen heißen Job nahe am Siedepunkt haben ebenfalls die Fahrer auf den Dampfwalzen, die Zentimeter für Zentimeter ihre Spur ziehen. Nicht auszudenken, wie alle schwitzen. Bäche von Schweiß werden über ihren Gesichtern rinnen. Kaum vorstellbar, welche Massen an Mineralwasser sie trinken müssen, um die Flüssigkeitsverluste auszugleichen. Immerhin: die Gefahr, dass sie an Krankheiten leiden werden wie die Bergarbeiter in Wales um 1770, ist ziemlich gering. Da seit den 1970er Jahren Bitumen als Bindemittel verwendet wird, ist die Teermasse frei von krebserregenden Substanzen.


Seitdem die Quecksilbersäule gestern unter die 30 Grad-Marke gerutscht ist, können die Straßenbauarbeiter ein wenig durchatmen. Die Nationalitäten der Arbeiter kann nicht sehen, sondern nur erahnen. Ich gehe davon aus, dass sie aus aller Herren Länder kommen, vor allem aus Osteuropa. So wie in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder im Reinigungsgewerbe.

Kommentare:

  1. Ja Dieter, es gibt Berufe, mit denen man nicht tauschen möchte. Dazu gehören auch die Stahlarbeiter und die Mitarbeiter in den Gießereien, von denen es bei uns einige gibt.
    Bislang haben wir noch keine Abkühlung erfahren. Aber am späten Abend sollen Unwetter kommen. Hoffentlich geht alles glimpflich ab.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi

    AntwortenLöschen
  2. Ich habe bei den Temperaturen der vergangenen Woche auch an diese Arbeiter denken müssen - oder an die Dachdecker auf den heißen Dächern. Und ich hab schon hier in meinem abgedunkelten Zimmer geglaubt, keine Luft mehr zu bekommen. - Hier bei uns ist es heute mit knapp 19° recht kühl - gestern hatten wir noch 30°. Das muss der Körper auch verkraften - aber ich will nicht schon wieder meckern. Ich habs da nämlich echt gut!!! Einen schönen Abend! Martina

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Dieter
    Ja, ich bewundere all diese Menschen, die bei dieser Hitze solche Arbeiten verrichten müssen. Sie tun mir echt leid. Auch bei uns ist es sehr heiss.
    Liebe Grüsse Yvonne

    AntwortenLöschen
  4. Schrecklich... Ich bin in der Wohnung und habe das Gefühl zu schmelzen. Wie mag es draussen in der Gluthitze wohl sein?
    Hier sind bereits täglich schwerste Unwetter mit Hagel und schweren Schäden, kein Tag mehr unter 37/ 38 Grad. Ob das die kranke Umwelt ist?

    AntwortenLöschen