Mittwoch, 23. Januar 2013

Wissen


Durch Regalreihen wandern. Buchrücken steht an Buchrücken, manche Einbände haben trotz ihres Alters nicht an Anmut verloren und stammen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Sämtliche Spiegel-Hefte, beginnend in den 60er-Jahren, kann ich nachlesen. Seit eh und je haben Bibliotheken mich fasziniert. Schmökern, stöbern, Bücher in den Händen halten, dicke Wälzer von Enzyklopädien sammeln mit ihrem Gewicht das Wissen von Jahrtausenden. Blättern, Seite für Seite gleitet zwischen den Fingern, der Druck auf dem Papier hat die Vergangenheit bewahrt. Wissen kann nicht verstauben.

Google und Wikipedia sind eine höchst praktische Erfindung. Genau diese Wegezeiten spare ich: zu Bibliotheken. Mein Zeitmanagement profitiert davon. Ohne dass ich mich zwischen Regalen verirre, das richtige Buch nicht finde und Textstelle für Textstelle in einer Sisyphusarbeit durch wühlen muss, findet Google in Sekundenschnelle die eingegebenen Suchbegriffe. Irre, was Suchmaschinen können. Genauso irre funktioniert Wikipedia: Wissen poppt auf dem Bildschirm des Rechners hoch, Inhaltsverzeichnisse weisen wie in einem Buch den Weg, mit den Verlinkungen kann ich mich Begriff für Begriff schlau machen. Google und Wikipedia: beim Schreiben meiner Posts bringt diese IT-Unterstützung enorm viel. Begriff für Begriff durchdringe ich die Inhalte, ich verstehe, ich begreife sie; in der Umkehrproduktion kann ich aus dem Begriffenen Wort für Wort heraus schöpfen, einen Text zusammen fügen. Tag für Tag füllt sich mein Blog mit neuen Posts. Gäbe es kein Google und kein Wikipedia, wäre der Zeitaufwand für meine Posts so enorm, dass er exponentiell – da ich alternativ über Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Bibliotheken recherchieren müsste – vielleicht um das fünf- oder sechsfache steigen würde.

Ich eigne mir Wissen an, wobei mir bewusst wird, auf welchem engen Raum mein Wissen begrenzt ist, wenn ich in neue Wissens-Sphären vordringe. Oder umgekehrt: wie riesig meine Wissensdefizite sind, weil ich große Gebiete nicht, halbrichtig oder falsch durchdrungen habe. Wenn ich blogge, muss ich all die Worte mühsam erarbeiten, all die Formulierungen müssen stimmen, all die Inhalte muss ich richtig verstanden haben. Bei jedem Post wird mir die Grunderkenntnis des griechischen Philosophen Sokrates bewusst, die rund zweitausendfünfhundert Jahre alt ist: ich weiß dass ich nichts weiß.

Google und Wikipedia: obschon ich mangels Zeit auf deren Unterstützung angewiesen bin, betrachte ich diese Werkzeuge skeptisch. Die Suchmaschinen von Google können millionenfache Suchergebnisse ausspucken. Welches Wissen sich daraus ableitet, ist durch die Auswahl dessen, was Google findet vorgegeben. Ich erhalte lediglich einen Ausschnitt von Wissen. Das sind Puzzlestücke, die ich zu einem Ganzen zusammenfüge, Stücke von Wissen, zu denen ein durchgängiges Konzept fehlt.

Beim Stöbern durch Bibliotheken ist mir bewusst geworden, dass ein ganzheitlicher Ansatz vonnöten ist. Google und Wikipedia sind fragmenthaft. So findet Google hoch spezielle Sachverhalte – neue Krebstherapien, statische Berechnungen zur Deckentragfähigkeit oder die steuerrechtliche Behandlung von Bewirtungen – im Netz, so dass sich jedermann über solche Themen in Sekundenschnelle schlau machen kann. Ist dies Wissen ?

Wenn ich ein Buch in der Hand halte, ist das etwas Ehrwürdiges. Ich ruhe und konzentriere mich. Das Denken dringt tiefer ein, als wenn ich die benötigten Informationen auf dem Bildschirm des Rechners ablese. Aristoteles hat die Dinge in Kategorien eingeteilt. Wissen entsteht, indem Gegensätze, Verhältnisse, Vergleiche gebildet werden. Die Dinge in den Kategorien werden hinterfragt, sie werden in Beziehungen zueinander gesetzt, Widersprüche werden aufgelöst, Schlüsse werden gezogen. Fragen und Antworten springen hin und her. Stufe um Stufe dringt das Denken tiefer in die Dinge hinein. Aus dem besonderen wird das übergeordnete Allgemeine entwickelt. Dieses wird wiederum zueinander in Beziehung gesetzt. Wissen entsteht in der Gesamtheit aller Kategorien und Querbeziehungen.

So wie es normalerweise an den Schulen gelehrt wird. Die Gesamtheit der Quellen recherchieren. Auf Originalquellen zugreifen; das sind in erster Linie Bücher, Zeitschriften, Aufsätze und dergleichen. Manche Extrakte finden sich über Google – es sind nur die Ausschnitte ganzheitlicher Informationen.

Google und Wikipedia sind ein höchst praktischer Ersatz dafür, wie die richtige Methodik der Wissensaneignung funktioniert. Kant geht in seiner Kritik der Urteilskraft etwas weiter als Aristoteles. Im Zeitalter der Aufklärung nimmt der Verstand eine aktive Rolle ein. Er übernimmt eine Art von Leitungsfunktion, indem er die Dinge wahrnimmt, mit seiner Auffassungsgabe einordnet, sie zu einem Ganzen zusammenfasst und darstellt. Dabei durchläuft der Verstand Zyklen der Reflexion, indem die Dinge laufend neu angeordnet werden und Strukturen angepasst werden.

Google und Wikipedia sind Werkzeuge, die Methodenhoheit hat der Verstand. In unserer heutigen, schnelllebigen Zeit vervielfacht sich das Wissen in immer kürzeren Zeiträumen. Oft sind es Technologien, die in immer kürzeren Wachstumszyklen neues Wissen erzeugen. Nicht nur durch neue Technologien, auch in Alltagssituationen, beim Einkaufen oder in der Freizeit wird mein Verstand durch das ausufernde Wissen überstrapaziert, um die Dinge herauszufiltern und sie in Kategorien einzuteilen, so wie Aristoteles oder Kant es gemacht haben.

Dazu komme ich kaum. Ich muss die Bodenhaftung wieder herstellen. „Lire et écrire“, hatte Sartre einst formuliert – „lesen und schreiben“. Die Suche nach dem Weg kann zu richtigem Wissen kann auch nach Hause führen. Im Fernsehsessel lehne ich mich zurück. Zu den Höhepunkten des Tages gehört meine Abendlektüre. In diesem Ruhezustand läuft mein Verstand auf Hochtouren. Ich blättere in einem Buch. Bestimmte Textpassagen lese ich mehrfach, wenn ich sie nicht richtig verstanden habe oder auch, wenn ich reflektiere, nach Analogien suche oder Schlüsse ziehe.

Ich werde künftig auf den richtigen Wissens-Mix achten. Nicht nur Google und Wikipedia, sondern auch Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Bibliotheken. Nichts kann dieses erhabene Gefühl ersetzen, wenn ich in Büchern herum blättere.

Kommentare:

  1. Ja mein Lieber, bei Google und Wiki können wir auf der schnelle etwas nachforschen.
    Aber ein Buch bleibt ein Buch. Ich liebe das Rascheln der Seiten und den Geruch des Papieres.
    Ein Leben ohne Bücher ist unvorstellbar.
    Damit bringst Du mich auf eine Idee.
    Könnte mal eine Post schreiben über meine historischen Bücher.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  2. Als Wissensquelle für's Studium sind Wikipedia oder andere Online-Lexika nicht geeignet. Für's Srudium
    ist eine Bibliothek unerlässlich. Ich denke, dass wird auch noch eine Weile so bleiben. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse in dieser Fülle kann vorerst eine Online-Datenbank nicht ersetzen.
    Zur schnellen Recherche nutze ich dagegen sehr oft Wikipedia. Geniale Erfindung!
    Aber áuf Bücher möchte ich nicht verzichten´. Interessanter Artikel, lieber Dieter!
    lG Marita

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  3. Danke für deinen cmt. Dort habe ich ja heute morgen auch kommentiert. Die von Nova hat eine tolle Haltung. Dort wäre ich auch nicht einfach so vorbei gegangen, hätte nur die Perspektive und Ausrichtung anders gewählt. Da du jetzt schon wieder geblogt, auch beim mir kommentiert hast, habe ich jetzt extra noch mal meine eMail-Accounts und GB durchgesehen, ob da eine Nachricht von dir eingegangen ist, aber du hast es ignoriert, das sich dich getagged habe. Also deute ich das als, du willst den Tag nicht annehmen, und streiche dich wieder raus, um den Tag einer anderen Bloggerin zu geben. Damit lösche ich aber auch die Verlinkung.
    Zu deinem Post muss ich Dällerin Recht geben. Als Erwachsener kann man die eigene Neugierde aber ganz gut per Google befriedigen. Du hast auch immer wieder Ideen für deine Posts. hihi
    Gruss, Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  4. Oh ja, das kann ich gut verstehen, so schaue ich zwar auch sehr viele Dinge im Internet nach, darunter lese ich auch hiesige und deutschsprachige Tageszeitungen am Morgen, aber ein Buch kann es für mich niemals ersetzen.

    Ich habe sehr sehr viele Bücher, von-bis d.h. auch alte Bücher. Sie wegzugeben wäre undenkbar und ein Buch an einem Kindle zu lesen ebenso. Für mich muss ein Buch in der Hand gehalten werden, und was gibt es schöneres als Information auch wunderschön bebildert sehen zu können.

    liebe Grüssle

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  5. Meinen Töchtern sag ich immer: um an der Oberfläche zu kratzen, oder sich ein Bild zu machen nehmt google oder Wiki. Wenn ihrs aber genau wissen wollt: Lest ein Buch zum Thema. Auch wenn manche Wiki einträge inzwischen wirklich gut gelungen sind fehlt mir manchmal noch immer ein i-Tüpfelchen, Fragen bleiben unbeantwortet.
    Für mich gibts nichts schöneres als Bücher.

    Liebe Grüße,
    N.

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  6. Recht hast du, Google und Wikipedia alleine machen uns nicht klug. Nicht immer sind ihre einfachsten Informationen ueberhaupt richtig. Jeder kann seinen Senf dazugeben und sein Wissen als das einzig richtige vorgeben. Auch Buecherweisheit stimmt nicht immer, neue Erkentntnisse bedeuten, dass alte Fakten ueberholt sind.

    Am besten ist, man denkt sich was, informiert sich auf einer breiten Ebene und bleibt bescheiden mit seiner Meinung.

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  7. Ohja, wie Recht Du hast! Ich liebe Bücher über alles, sammle sie mit viel Leidenschaft, aber Internet ist etwas anderes. Nicht vergleichbar und doch unersetzlich. Und trotz meiner Liebe zu Büchern möchte ich meinen eBook-Reader nicht missen, bei dem ich durch einen Klick gleich die Übersetzung des Wortes angezeigt bekomme. Internet erleichtert uns vieles, aber fühle ich mich auch erschlagen von Informationen.

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