Montag, 28. Januar 2013

Im Sudhaus


Die Lösung wäre ganz einfach gewesen. Noch im letzten Jahr, zum 18. Geburtstag unsres Sohnes, hatten wir verzweifelt nach einem typisch rheinischen Restaurant gesucht. Gelandet waren in einem schwäbischen Restaurant im Rheinland. Paradoxer hätte es nicht kommen können.

Nun war der 21. Geburtstag unseres großen Mädchens gekommen. Die richtige Idee schüttelte sie sogleich aus dem Ärmel: das Sudhaus im Zentrum mit einem breiten Spektrum an rheinischer Küche. Das Restaurant kannte ich aus der Weihnachtszeit – von dienstlichen Weihnachtsfeiern und im Kreis der Familie während des Bummels über den Weihnachtsmarkt. Wieso waren wir nicht vor einem Jahr auf diese Idee gekommen ?

Die rheinische Küche, bodenständig wie andere deutsche Esslandschaften, aus heimischen Zutaten wie Kartoffeln oder frisches Gemüse oder Braten oder Wurst bestehend, fristet eher ein Nischendasein auf der Esslandkarte.

Daran sind vielleicht auch die Preußen Schuld, denn sie kontrollierten, dass „kein welsches (=französisches) Gericht über die Ufer trat“, nachdem die Rheinprovinz 1815 von den Preußen eingenommen wurde. 1878 verglich ein unbekannter Reisender aus Österreich die rheinische Küche mit seinem Heimatland – viel zu fahl und zu leicht und unpassend zum auflebenden Temperament des Rheinländers.

Grünkohl mit Mettwurst, Rinderleber mit Kartoffelpüree, Muscheln mit Schwarzbrot – die rheinische Kost ist deftig. Weißkohl („kappes“) darf auf der Speisekarte nicht fehlen. Reibekuchen („rievkooche“) gehören ungefähr zum Grundnahrungsmittel eines jeden Rheinländers. Nicht nur Erbsensuppe („ätzezupp“), auch andere Eintöpfe mit einem Berg von Gemüse findet man in einem typisch rheinischen Restaurant.

Im Inneren sah das Sudhaus rustikal aus wie ein Brauhaus in der Kölner Altstadt. Schwere Holzbalken hingen unter der Decke, die Tischplatte war aus blankgewetztem, hellen Holz; senkrecht verlaufende Holzbalken verschränkten sich zwischen den Sitzgruppen; bodenständig und solide waren auch die Stillleben von Essen und Trinken an der Wand. Weniger bodenständig hörte ich den Kellner mit der schweren Lederschürze am Nachbartisch heraus. Mit einem gerollten „r“ und Zungenlauten wie im Englischen redete er mit den Gästen in seiner Heimatsprache: er war Spanier.

Auf Deutsch bestellte ich das Essen, das zur Urmasse des Rheinlands gehörte: Rheinischer Sauerbraten, dazu Knödel und Apfelkompott. Während sich im Rest Deutschlands die Geister scheiden und Grundsatzdebatten nicht enden wollen: Rosinen sind im Rheinland maßgeblicher Bestandteil der Soße. Zum Sauerbraten wurden sie mir in einer überreichlichen Menge serviert. Sauerbraten ist ein Teil meiner Kindheitserinnerungen: meine Mutter legte selbst den Sauerbraten ein. In einem Tontopf, abgedeckt mit einem Küchenhandtuch, stand er im Keller und die Marinade musste mindestens eine Woche lang ziehen. Dementsprechend nahm der Braten den säuerlichen Geschmack an und der Braten war zart wie Seide. Wer gibt sich heutzutage eine solche Mühe ? Im Sudhaus stand der Sauerbraten meinen Kindheitserlebnissen um nichts nach. Er schmeckte vorzüglich.

Verglichen mit anderen Regionen - wie etwa der pfälzischen, badischen oder schwäbischen Küche - fristet die rheinische Küche den Status eines Mauerblümchens. Das ist jammerschade. Anlasten kann man dies nicht nur den Preußen, sondern auch dem Rheinländer selbst. Einige Geschmackskreationen verdrehen sich gegen den üblichen Geschmack. „Flönz“, die rheinische Blutwurst: wer kommt schon auf die Idee, Blutwurst zu braten ? Da rebelliert mein Magen. Oder: ein Gemisch aus Äpfeln und Kartoffeln und Speck braten. Wie bitte ? „Himmel und ääd“ nennt dies der Rheinländer. Gegen Himmel und Erde wenden sich genauso meine Geschmacksnerven. Als wäre dies noch nicht gastronomisches Unheil genug, stiftet der Rheinländer Verwirrung. Wer „ne halve haan“ bestellt, dem serviert der Kellner nicht das heiß ersehnte Hähnchen, sondern ein ganz spartanisches Roggenbrötchen mit Käse. Insiderwissen ist hier gefragt. Die rheinische Küche hat halt ihre Exoten. 

Ein gewisser Leopold Schreiner beschrieb 1864 den Kölner so, dass er zur Beute von Schläfrigkeit und Müßiggang geworden sei. Wenn es aber um das Essen gehe, regiere eine ungezügelte Gier. Diese Zustände haben sich längst gebessert. Die rheinische Küche ist längst konkurrenzfähig und braucht sich nicht zu verstecken. Rheinischer Sauerbraten, Kassler mit Sauerkraut, Gemüsepfanne und unvermeidbare Schnitzel: im Sudhaus aßen wir unsere Teller ratzekahl auf. Dabei ist allgemein die Suche nicht einfach – nach typisch rheinischer Küche. Zu sehr ist die Gastronomie des Rheinlandes in italienischer, griechischer oder chinesischer Hand.

„L’addicion por favor“ wollte ich gegenüber dem spanischen Kellner imponieren, doch meine Spanisch-Kenntnisse bestanden nur noch aus Bruchstücken.
95 € bezahlten wir für sieben Personen. „Noventa cinco“ half mir der Kellner weiter, denn zu den spanischen Zahlen fand ich die Worte nicht.

Das machte nichts. Im Sudhaus hatte wir uns von der rheinischen Küche verwöhnen lassen.

Kommentare:

  1. Hej Dieter,
    das hab ich jetzt davon ... mein Magen knurrt.

    :-)
    Beate


















    Ich hab Hunger :-(

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  2. Hallo Dieter
    Die rheinische Küche ist nicht für jeden Geschmack geeignet, doch der Sauerbraten sah gut aus. Ich mach für mein Familie auch Möhreneintopf mit Pannas, oder Himmel und Erde mit Blutwurst, ich muss es aber nicht essen.

    Hauptsache das Essen war gut und lecker und vom Preis kannste nicht meckern.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  3. Also ich mag gebratene Blutwurst (Flönz) und wegen des haalven Hahns musste ich früher öfters lachen wenn Gäste mit offenen Augen auf ihren Teller guckten :-) So finde ich es superschade dass sich wenige Restaurants noch der einheimischen Küche widmen.

    Ich finde es wichtig dsa jede Region auch ihre Spezialitäten behält, aber das ist ja meist überall so. Ganz zu schweigen dass einige junge Frauen auch gar nicht mehr kochen können und wenn dann nur auf Fertigprodukte zurückgreifen.

    Mir ist jedenfalls auch das Wasser im Mund zusammengelaufen :-)))

    Übrigens...beim nächsten Mal sagste dann besser: "La Cuenta por favor" (falls er dich nicht vestanden haben sollte) oder reibst nur Zeigefinger und Daumen...das versteht jeder *gg*

    Liebe Grüssle

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  4. Hatte ich doch hier zu Weihnachten echt Schwierigkeiten RICHTIGEN Grünkohl zu bekommen ... Westfalenspeise halt.
    Grüße! N.

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  5. also den Rheinischen Sauerbraten würde ich dort echt probieren. Liest sich sehr lecker :-)

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  6. Im Stiefel in der Bonngasse kann man auch sehr gut rheinländisch essen ... kann ich nur empfehlen. Wir gehen öfter mit Kollegen nach der Arbeit mal hin und lassen es uns schmecken.
    Die Leber mit selbst gemachten Kartoffelpüree dort ist ein Gedicht *jamjam*

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