Montag, 21. Januar 2013

Glockentürme (8) - deutsch-französischer Glockenturm in Mirecourt und Bonn-Schwarzrheindorf


1957 wurden Jean Noel und André Laurent stutzig. Jean Noel war Priester in Mirecourt, einer 8.000-Seelen-Stadt zwischen Nancy und Epinal, der Hauptstadt des Département Vosges – irgendwo in Lothringen.

Der Ausläufer der Vogesen krümmen sich über die Hügellandschaft. In einem Seitental der Mosel gelegen, ragt der Glockenturm aus den engen Straßen zwischen flach herunter gezogenen Häuserdächern heraus. Die Kirche „Notre dame de la nativité“ in der Jean Noel Pfarrer war, liegt im Herzen des Städtchens Mirecourt.

Gemeinsam mit André Laurent, einem anderen Pfarrer im Département Vosges, recherchierten die beiden die Spuren des Heiligen Pierre Fourier, der in Mirecourt geboren war. Noch heute gibt es eine Inschrift aus dem Jahr 1608, dass Pierre Fourier in der Kirche „Notre dame de la nativité“ 1565 getauft worden ist. „Nativité“ bedeutet Geburt, so dass die Kirche nach Pierre Fourier benannt worden ist.


Bei den Recherchen stießen die beiden im Glockenturm auf eine Glocke, die dem Heiligen Michael (und der Kirchenpatronin Maria Magdalena) geweiht war. Der Heilige Michael ist ein Schutzpatron, der von Soldaten während Schlachten angerufen wurde. Die erste Erscheinung des Heiligen Michael auf einem Berg in Apulien in Süditalien datiert aus dem Jahr 496. Pierre Fourier wurde heilig gesprochen, da er während der Reformation den Augustiner Klosterorden gegründet hatte mit der Absicht, der Versklavung von Frauen in der Männergesellschaft entgegen zu wirken. Was haben die beiden Heiligen miteinander zu tun ? Nur soviel, dass die Glocke des Heiligen Michael in der Kirche des Heiligen Fourier zufällig gelandet war.

Als Jean Noel und André Laurent die Glocke betrachteten, rätselten sie und staunten, denn die Glocke trug die Aufschrift „Schwartzenrheindorff“. Obschon manche Dörfer und Städte in Lothringen auf „-dorff“ oder „-troff“ enden, gab es nirgends einen Ort oder eine Stadt namens „Schwartzenrheindorff“.

Woher stammte die Glocke ? In der Stadtchronik und Archiven wurden sie fündig. Die Glocke war eine Kriegsbeute der Napoleonischen Truppen, nachdem diese 1794 das Rheinland besetzt hatten. Bei Beutezügen in der damaligen Zeit war es durchaus üblich, Städte zu plündern und alles, was kostbar war, einzukassieren. Dazu gehörten auch Glocken.

Die Glocke war aus der Doppelkirche in Bonn-Schwarzrheindorf aus dem 12. Jahrhundert geraubt worden. Im Jahr 1636 war die Glocke gegossen worden und dem Heiligen Michael und Maria Magdalena geweiht worden. Die französischen Besatzungstruppen hatten offensichtlich eine Verwendung für diese Glocke. So wurden die 330 Kilogramm Glockengewicht nach Mirecourt in Frankreich geschafft, so dass die Kirche des Heligen Fourier dem Heiligen Michael Unterschlupf gewährte.

Was tun ? 1957 hatte sich das Verhältnis zwischen den Erzfeinden Deutschland und Frankreich längst entspannt. Jean Noel und André Laurent reisten nach Bonn, um die Kirche des Heiligen Michael kennen zu lernen, aus dem die Glocke geraubt worden war.

Diese Reise fiel genau in die Phase hinein, in der die Grundlagen für die deutsch-französische Freundschaft geschaffen wurden. So jährt sich Morgen der 50. Jahrestag der Elysée-Verträge, die zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle unterzeichnet wurden.

Die Glocke geriet in den Sog der Außenpolitik. Das Schicksal der Glocke wurde somit auf höchster politischer Ebene diskutiert. Es war gemeinsamer Wunsch der beiden Kirchengemeinden in Mirecourt und Bonn-Schwarzrheindorf, die geraubte Glocke von Mirecourt nach Bonn zurückzuführen und der Kirchengemeinde Mirecourt eine neue Glocke zur Verfügung zu stellen. Dafür spendierten die beiden Staaten entsprechende Geldmittel.

Kurz darauf, gründeten Bonn-Schwarzrheindorf und Mirecourt eine Städtepartnerschaft. Am 27. März 1965 war es dann soweit: die Glocke aus dem Jahr 1636 war in Bonn-Schwarzrheindorf aus Mirecourt wieder angekommen. Gleichzeitig war die neue Glocke für die Kirche „Notre-dame de la nativité“ in Mirecourt fertig gegossen worden.

Beide Glockentürme wurden mit einem großen Fest gefeiert, dabei war in Bonn Konrad Adenauer sogar persönlich anwesend. Unter den Gratulanten gehörte auch Papst Paul der VI., der mit diesen Glockentürmen all die Liebe zweier christlicher Völker verband.

So sind zwei Glockentürme zum Symbol der Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen geworden.

Bedanken möchte ich mich bei der französischen Bloggerin MamLéa, die mir die Veröffentlichung der Fotos aus Ihrem Blog erlaubt hat.

Kommentare:

  1. Sehr interessant, und genau richtig zum Deutsch-Französischen Tag^^

    Kann man mal sehen welche Reise so eine Glocke hinter sich haben kann. So möchte ich nicht wissen wieviele Dinge früher geraubt wurden. Jedenfalls finde ich die Recherche gut, und auch das durch die Glockentürme ein Symbol der Freundschaft wurden.

    Dir einen schönen Tag und herzliche Grüssle
    Nova

    AntwortenLöschen
  2. Danke schön, Dieter !
    Guten Deutsch-Französischer Tag.

    J'ai lu grâce à une mauvaise traduction Google...

    AntwortenLöschen
  3. Hallo mein lieber Dieter, das ist ja Geschichte pur.
    Danke für diese interessante Post.
    Es ist doch schön das diese Glocke eine Freundschaft besiegelte.

    Liebe Dienstagsgrüße
    Angelika

    AntwortenLöschen
  4. Interessante Geschichte, vielen Dank dafür! Man fragt sich was sich so manch Kirchenvater dabei dachte geklaute Glocken in seinen neu erbauten Turm zu hängen. Wohl nur, dass die glocke ja froh sein kann, bleibt sie doch schließlichin der Familie.

    Liebe Grüße,
    N.

    AntwortenLöschen
  5. Anlässlich dieses großen Ereignisses, 50 Jahre deutsch-französische Freundschaft, hast auch du einen Disput aufgegriffen, klasse recherchiert und uns darüber berichtet.
    Fast könnte man sagen: "Ende gut, alles gut!" Und so soll es auch sein, das wünschten wir uns doch in vielen anderen Bereichen ebenso, nicht wahr?

    Diese deutsch-französische Freundschaft ging ja gestern überall durch die Medien. Ich bin der Meinung, es ist auch wichtig, daran zu erinnern, dass zwei große Staatsoberhäupter den Mut hatten, eine lange Feindschaft auf einen anderen Weg, nämlich in Richtung Frieden und Freundschaft zu bringen.

    Liebe Grüße
    Christa

    AntwortenLöschen
  6. Eine Geschichte mit Happy End. Mögen die nächsten 50 Jahre wieder so friedlich verlaufen!

    LG Arti

    AntwortenLöschen