Donnerstag, 10. Januar 2013

ein Zettel für die OGS

Ein Griff in unseren Kleiderschrank, die Winterjacke schnell übergeworfen, Rucksack über den Rücken. Ich war startklar. Die Anzeigetafel in meinem Kopf war auf die Abfahrtszeiten der Busse gepolt. Es war kurz nach 7 Uhr. Losstarten, durchstarten, ab ins Büro.

„Hast Du an den Zettel gedacht ?“ fuhr meine Gattin dazwischen.
„Ööhm … Nein.“
Hatte ich nicht.

Hatte ich wissentlich verdrängt, könnte man sagen. Gestern Abend hatte meine Gattin mich beauftragt, als Gedankenstütze auf einen Zettel zu schreiben, dass unser kleines Mädchen heute nicht zum Klavierunterricht geht.

Und ich hatte gehofft – was ihn solchen Fällen nie eintrat – dass dies im allgemeinen Chaos des morgendlichen Aufbruchs untergehen würde. Es war ein Tag wie so viele andere: Doppelt- bis Dreifachbelastung für meine Gattin; morgens 400 €-Job, nachmittags Weiterbildungsmaßnahme in unserer Kreisstadt, dann unser Mädchen beim Opa abholen, schließlich zu Hause die übliche Hausarbeit.

Heute Morgen schafften wir es nicht, uns gegenseitig zu stressen. Unsere Kleine war pünktlich aus dem Bett, sie war angezogen, ihr Schulranzen war fertig, auf dem geblümten Teller aß sie ihr Ciabatta-Brötchen, das ARD-Morgenmagazin berichtete über die anstehende Landtagswahl in Niedersachsen. Zwischen halb 8 und 8 Uhr wollte meine Gattin am Arbeitsplatz sein; unser Mädchen nahm sie mit; weil ihr Arbeitsplatz auf der halben Strecke lag, ging unser Mädchen eine Zeitlang später von dort aus zur Schule weiter.

Die Hektik hielt sich in Grenzen; ich nutzte die Zeitverzögerung, um einen Rest Kaffee herunter zu schlürfen; es sollte nichts geschehen, was uns aufwühlte.

„Wie formuliere ich das ?“ rätselte ich herum, als ich aus einer entlegenen Ecke einen leeren Zettel heraus gekramt hatte.

Mit dem Adressaten – ihrer Lehrerin in der OGS – wollte ich beginnen.
„Wie heißt Deine Lehrerin in der OGS ?“ fragte ich unser Mädchen.

Rätselraten, sie überlegte, Silben formten sich in ihrem Mund, doch der Name kam nicht heraus. Seit letzten Montag besuchte sie nach dem Schulunterricht ab viertel vor 12 die OGS – dieses Kürzel bedeutet „offene Ganztagsschule“. Ansonsten hatte sie Donnerstags um viertel nach 12 Klavierunterricht im Nachbarort gehabt. Mit der Lehrerin der OGS hatte meine Frau am Vortag verabredet, dass unser kleines Mädchen um viertel nach 12 zum Klavierunterricht gefahren wird und anschließend in die OGS geht. Doch abends schoss unser Opa quer – ihm war die Hin- und Herfahrerei zu umständlich.

„Was machen wir, wenn wir den Namen der Lehrerin nicht kennen … „
Meine Jacke hatte ich inzwischen ausgezogen, da es sich in die Länge zog, uns für den leeren Zettel einen Text auszudenken.

„Unsere Tochter nimmt im direkten Anschluss an den Schulunterricht an der OGS teil … „ kreisten erste Sätze in meinem Kopf herum. „Gut“ befand meine Frau. „Schreibe als erste Sätze davor: Gestern hatten wir mit Ihnen verabredet, dass unsere Tochter um viertel nach 12 die Schule verlässt und zum Klavierunterricht gebracht wird. Dies haben wir anderweitig organisiert, so dass unsere Tochter nicht am Klavierunterricht teilnimmt. Da kannst Du Deinen Satz dranpacken, dass sie im direkten Anschluss an den Schulunterricht an der OGS teilnimmt.“

Und der Adressat des Schreibens ?

Das war zu neu. Das war zu vieles auf einmal. Das musste unser Mädchen nicht wissen. Unser Mädchen war zum Spielball geworden, was wir alles organisieren mussten und wie wir uns drehen und wenden mussten, damit sich jemand um sie kümmert. OGS, den Tag organisieren, Abläufe gestalten, Anwesenheiten sicherstellen, ich hatte GANTT-Diagramme oder andere komplexe Gebilde aus meinem Studium im Kopf. Balkendarstellungen schwirrten in meinem Kopf herum, die Anwesenheiten und Personen und Zeiten und Puffer darstellen sollten.

Montags bis 16.30 Uhr Uhr in der OGS, Dienstags bis 16 Uhr – aber wegen des gestrigen Ergotherapie-Termins bis 15 Uhr -, Mittwochs bis 16.30 Uhr, Donnertags bis 16 Uhr, Freitags bis 15 Uhr, dazu Klavierunterricht und Montags eigentlich um 17.30 Uhr noch Turnen. Wer blickte da noch durch ? Überfrachteten wir unsere Kleine mit einem solchen Zeitmanagement ?

„Lass …
… die drei Sätze reichen. Ist ja nur für den Fall, dass die OGS-Lehrerin unserem Mädchen dies nicht glaubt.“

Ich schnappte mir wieder die Winterjacke und schulterte meinen Rucksack. Das kam mir angestrengt und auch ein wenig hilflos vor. Nachdem unsere Kleine seit drei Tagen den Platz in der OGS hatte, musste sich erneut alles einpendeln. Rückversetzung vor Weihnachten, andere Schulklasse, nun OGS, nichts war beständig. Das kam mir vor wie all meine dienstlichen Umorganisationen, wo einmal jährlich alles umorganisiert werden musste, wo ein Riesenaufwand getrieben wurde, wo Menschen, Gesichter und Ansprechpartner wechselten und wo die Sinnfrage nie hinreichend beantwortet werden konnte.

Ich durchschritt die Haustüre, die zuschnappte. Alles wird gut, dachte ich mir. Wieder einen Tag geregelt, dass sich tagsüber jemand um unser kleines Mädchen kümmert.

Kommentare:

  1. Ja,alles wird gut.Das dachte ich schon beim Lesen.
    Ich wünsche deiner Tochter auf jeden Fall ganz viel Freude in der OGS!
    Und eine neue Klasse bedeutet auch viele neue Freunde :-)

    Meine Große musste da auch mal durch...heute ist es lange her,heute blicken wir fröhlich zurück, auch wenn es nicht immer einfach war.

    Line

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  2. Den Stress, der an diesem Tag herrschte, liest man aus jeder Zeile und es ist nicht einfach für eure kleine Tochter mit all den neuen Situationen umzugehen, klarzukommen.
    Aber sie wird es, ganz bestimmt.

    Ich wünsche ihr, dass sich ein wenig Normalität bald wieder einpendeln wird, sie neue Freunde findet und ihr der Unterricht dort auch Spaß macht. :-)

    Liebe Grüße
    Christa

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  3. Drücke euch auch mal die Daumen das es sich schnell einpendelt und ihr zur Normalität übergehen könnt.

    liebe Abendgrüsse

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  4. Hallo Dieter
    Hoffe Eure Kleine gewöhnt sich schnell an die neue Schule und der Unterricht gefällt ihr.
    Dort findet sie bestimmt schnell viele neue Freunde.
    Der morgendliche Stress wird sich auch einpendeln und der gewohnte Alltag kehrt ein.

    Alles wird gut....

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  5. Bonsoir Dieter, je vous remercie de votre commentaire sur mon blog, sur le dernier billet Gauguin.

    Malheureusement j´ai fait une erreur de frappe et il a été supprimé au lieu d´ètre publié.
    Excusez-moi, j´en suis désolée.
    Vous connaissez l´Espagne, il me semble, l´Andalousie, pays des oliviers.
    Mon bon souvenir.
    Alba

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  6. Das pendelt sich sicher schnell wieder ein. Für die schnelle Info/Entschuldigung kannst du doch ein paar vorformulierte Muster auf dem Rechner abspeichern. So Entschuldigungen im Krankheitsfall oder Organisatorisches hat man dann schnell parat und ausgedruckt.

    Liebe Grüße und noch einen entspannten Abend!
    N.

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  7. ich wünsche eurer Kleinen auch eine schöne Zeit an der Ganztagsschule - mit netten Lehrern und netten Schulfreunden.

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  8. Hallo lieber Dieter!
    Hm, klingt nach einem recht aufreibenden Alltag für euch alle. Viel zu bedenken, viel zu organisieren, viel unterzubringen.
    Ich versuche zwar, mir immer zu sagen, dass Veränderungen gut gegen Alltagsroutine sind, aber zuweilen finde ich sie auch einfach nur anstrengend. Mein derzeitiges Rezept:
    Augen zu und durch die heftigen Zeiten durch, bis wieder ruhigere kommen.
    Ich drück euch allen die Daumen, dass sich eure Tochter in der neuen Schule gut eingewöhnt!
    Herzliche virenfreie (weil virtuelle) Rostrosengrüße von der schnupfigen und stimm-losen Traude

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  9. Hallo Dieter,
    vielen Dank für deinen netten Kommentar bei mir, darüber habe ich mich sehr gefreut.
    Ich bin wirklich zu selten in Bonn, dabei muss ich noch so viel anschauen dort. Den bot. Garten natürlich und noch einmal ins Haus der Geschichte.
    Zu deinem Beitrag: Ich glaube, im Vergleich zu deiner Tochter hatte ich noch eine relativ entspannte Kindheit. Was man heute alles organisieren muss ist wirklich unglaublich.

    Schönes Wochenende!
    Elke

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  10. Tja, also frueher gab’s sowas nicht. Da war noch die gute alte Zeit; wir gingen zur Schule, brachten uns selber zurueck nach Hause und machten Hausaufgaben, wenn es welche gab. Und dann kam das Gymnasium. Ein bisschen angestrengter, aber immer noch einfach, wenn man es mit heute vergleicht. Hier in England ist es genauso.

    Aber ihr drei werdet das schon schaffen. Vielleicht waere es ganz gut, mal den einen oder anderen Tag in Ruhe zu verbringen? Allerdings wie das gehen soll, weiss ich auch nicht.

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  11. Ich sehe gerade in deiner sidebar ‘die deutsche seele’. Ich wollte es mir kaufen, magst du es?

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