Freitag, 4. Januar 2013

Frank Schirrmacher - Minimum


Beim Lesen des Buches dachte ich spontan: so etwas musste niedergeschrieben werden. Schirrmachers Gedankengänge passten genau dazu, was ich zu Familie und zu sozialen Bindungen dachte. Und umgekehrt: dass soziale Bindungen verworfen wurden, so dass ein Ersatz-Netz von sozialen Bindungen konstruiert werden musste; fehlte dieses, drohte ein Absturz ins Bodenlose.

Doch ich möchte von vorne anfangen. Schirrmacher beginnt mit der Katastrophe am Donner-Pass. 1846 bewegte sich ein Treck von 81 Siedlern, angeführt von George Donner, durch den Mittleren Westen der USA. Ende Oktober überraschte sie ein früher Wintereinbruch in der Sierra Nevada. Schneestürme und eisige Temperaturen hörten nicht auf, so dass sich die Siedler weder fortbewegen konnten, noch gerettet werden konnten. Dies geschah erst im März des Folgejahres, nachdem die Siedler unter grausamen Bedingungen überwintert hatten. Mord, Kannibalismus, keine Gräueltat wurde ausgelassen, um zu überleben. Rund die Hälfte der Siedler starb in der Hölle des Winters.

Da innerhalb der Familie überdurchschnittlich viele Menschen – inklusive Alte und kleine Kinder – überlebt hatten, schließt Schirrmacher hieraus, dass der soziale Zusammenhalt in einer Familie höher zu bewerten ist als Individualismus und Einzelkämpfertum.

Die Tragödie am Donner-Pass begleitet mehrere Kapitel – quasi als Leitmotiv. Dabei bilden sich zwei Kernbegriffe heraus. Bindungen und Netzwerke ergeben den Begriff des sozialen Kapitals. Dieses Kapital beruht auf dem Solidaritätsprinzip innerhalb der Gemeinschaft – Vorbild ist die Familie – und steht dem ökonomischen Prinzip konträr gegenüber. Der zweite Kernbegriff ist der Altruismus: Liebe für den anderen bis zur Selbstaufgabe, die in der Familie intensiver ist als bei anderen sozialen Bindungen.

Schirrmacher beleuchtet unsere Gesellschaft nach diesen Kriterien: welche Sichtweisen auf Familien vorherrschen. Der Titel „Minimum“ schwenkt zum Donner-Pass zurück. Dort war es ein Minimum an physischer Existenz, das den Menschen in der Hölle des Winters verblieben war. Heute ist es großen Teilen unserer Gesellschaft ein Minimum an sozialen Bindungen und sozialen Netzwerken. Dies liegt an individuellen Nutzenkalkülen, mit denen aus ökonomischer Sicht soziale Bindungen und soziale Netzwerke – auch Familien inklusive Kinder - bewertet werden.

Schirrmacher untermauert diese These mit einem Beispiel aus der Spieltheorie:
Ein Versandhandel hat drei Kunden dasselbe Produkt zugesandt und alle drei Kunden haben eine falsche Rechnung erhalten (der Rechnungsbetrag ist zu niedrig). Studenten aus den Fachbereichen Astronomie, Philosophie und Ökonomie müssen einen Fragebogen ausfüllen, ob sie dem Versandhandel den Fehler mitteilen oder nicht. 1.  Fragebogen ausfüllen, ohne dass die Studenten miteinander geredet haben  2.  Diskussion untereinander  3.  Fragebogen ausfüllen nach Diskussion. Bei Punkt 3 wird die Anzahl der unehrlichen Studenten bzw. Kunden immer größer sein als bei 1), da die Ehrlichkeit den übrigen beteiligten Personen schadet. Es setzt sich daher das ökonomische Prinzip durch, dass jeder seinen eigenen individuellen Nutzen betrachtet.

Diejenigen Kapitel, in denen Schirrmacher ausführt, dass in Deutschland zu wenige Kinder geboren werden, finde ich eher schwach. Er betreibt Ursachenforschung – wobei die Zusammenhänge eines überlasteten Sozialstaats, einer falschen Ausländerpolitik oder zu hohen Fernsehkonsums eher vage erscheinen. Genauso vernachlässigt er den Gegenpol des familiären Solidaritätsprinzips: wenn Familien zu sehr zusammen hocken, wenn Konflikte in der Familie nicht gelöst werden können, weil die Familie das Maß aller Dinge ist; wenn Familien eine Art von Scheuklappendenken hervor bringen.

Stark ist Schirrmacher bei seinen Analysen zum Zustand unserer Gesellschaft. Dass die Rohstoffe der Zukunft knapper werden, nämlich Beziehungen zu Freunden oder Verwandten. Dass es an Vertrauen fehlt, weil Uneigennützigkeit und Solidarität abhanden gekommen sind. Dass unsere Gesellschaft hoch individualisiert ist, wobei die einzelnen Individuen nur schwach miteinander kommunizieren. Dass, wenn die Identifizierung mit der Familie fehlt, die Suche nach dem Selbst ins Leere führen kann.

Um die Familie aufrecht zu erhalten, kommen Frauen Mehrfach-Rollen zu, bei denen sie über sich hinaus wachsen müssen. Eigene Kinder müssen sie groß ziehen. Da unsere Gesellschaft immer älter wird, müssen sie sich mit zunehmender Intensität um die eigenen Eltern kümmern. Dazu kommt ihre Rolle im Beruf, dass es zum Normalzustand geworden ist, dass Frauen mit ihrem eigenen Einkommen zur wirtschaftlichen Basis beitragen. Am Donner-Pass: dort war bewiesen worden, dass es die Frauen waren, die den familiären Zusammenhalt herbei geführt hatten. So manche Frau gibt es genauso heutzutage, die als Übergröße alles managed und dafür sorgt, dass alles in der Familie in geordnete Bahnen gelenkt wird.

In vielen Passagen hat mir Schirrmacher aus der Seele gesprochen. Obschon die Kapitel über die Kinderlosigkeit in Deutschland etwas kürzer hätten abgefasst werden können, ist vieles essenziell und lesenswert in diesem Buch. Schirrmacher, der übrigens Mit-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist, hat mich fasziniert.

Kommentare:

  1. Hallo Dieter, zum neuen Jahr noch alles Gute!
    Na, da hast Du die Zeit ( Urlaub? Ferien?) ja gut genutzt, ein interessantes aktuelles Buch zu lesen!Ich habe Payback vor zwei Jahren gelesen und ich habe viele Denkanstöße daraus mitgenommen. Obwohl es mir auch sehr angstmachend vorkam... und das wo ich doch einen Google-Blog betreibe und Schirrmacher gerade Google so verteufelt.... und die ganze Medienlandschaft...
    Hab gar nicht mitbekommen, dass er ein neues Buch veröffentlicht hat. Manches scheint auch in seinem neuen Buch sehr in die Länge gezogen zu sein wie in Payback über das Thema Google und Facebook- wie eben die demografische Entwicklung unseres Landes, welche jedem halbwegs gebildeten Bürger bekannt ist.
    Danke für die Buchvorstellung!
    Marita

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  2. Interessante Darstellung des Buches, mein Lieber. Hört sich spannend und kritisch an.
    Ich habs nicht gelesen bisher, aber das Methusalem-Komplott habe ich gelesen.

    liebe Grüße
    Angelika

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  3. Es scheint ein interessantes Buch zu sein; vielleicht ein bisschen zu ausfuehrlich fuer mich. Ich habe schon gesagt, dass ich sehr wenig ueber Deutschlands Gegenwart weiss. Meine gesamten Kenntnisse kommen aus Fernsehprogrammen. Ich freue mich, dass wohl bald die neue Reihe des WestArtTalk am Sonntag beginnt. Viele der Sendungen befassen sich mit zeitkritischen Buechern, die zum Nachdenken anregen.
    Hier bei dir lerne ich auch einiges. Danke dir.

    Und ein gutes und friedvolles neues Jahr wuensche ich dir auch; deiner Familie ebenfalls.

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  4. Meiner Meinung nach sind die Thesen, die Schirrmacher hier aufstellt, ja nicht neu und wir erlebens ie ja tagtäglich in unserem Umfeld oder durch Berichterstattung der Medien.
    Aber wahrscheinlich greift dieses Buch einfach die Themen auf und beleuchtet sie näher, sei es nun die Rolle der Frau in Familie und Beruf oder das Knappwerden von Rohstoffen etc.
    Auf jeden Fall gibt es wohl Denkanstöße.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünsche ich dir
    Christa

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    1. Noch ein kleiner Nachtrag, die Gegend südlich von Frankfurt ist landschaftlich und auch von der Bebauung her nicht gerade schön, gerade das von dir zitierte Dietzenbach, in meinen Augen einfach grässlich.
      Wir liegen zwar schon dicht an Frankfurt, aber bekommen von der Großstadt nichts mit und es ist sehr ländlich und hügelig. :-)
      Du brauchst aber, um in die Innenstadt zu kommen mit dem Auto gute 45 min.

      LG Christa

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  5. Ich finde die Familie auch wichtig und gut....aber was sollen die vielen Menschen tun, die keine haben. Soziale Bindungen kann man auch zu Freunden haben oder zu nichtleiblichen Kindern.
    Irgendwie ist unsere Gesellschaft schon immer einem Wandel unterworfen, schon die alten Philosophen schreiben von Dingen die uns heute nicht fremd sind.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch wieder Zeiten geben wird, wo viele Kinder geboren werden.

    Man sollte sich nicht so viele Gedanken machen was wohl kommen wird. Schwere Zeiten haben die Menschen bisher gemeistert und werden sie auch in Zukunft meistern....Männer und Frauen.
    Herzlichst Zaunwinde

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