Freitag, 24. Mai 2013

über die Wupper gehen

Gerichtsinsel in Wuppertal; Quelle: www.wuppertal.de

… das verheißt im Rheinland nichts Gutes. Nicht Unheil verkündend, sondern verwirrend schlängelt sich dieser 119 Kilometer lange Fluß durch das Bergische Land, als habe er die Orientierung verloren. Im Oberlauf, wo die Wupper sich noch Wipper nennt, sticht sie nach Norden, dreht bei Wuppertal nach Westen, quetscht die Metropole des Bergischen Landes in einen engen Talkessel hinein, dreht dann nach Süden zurück, mäandriert sich an Burg an der Wupper vorbei, gleitet bei Leverkusen, eingekreist vor lauter chemischer Industrie, in den Rhein aus.

Dennoch: „über die Wupper gehen“ klingt Unheil verkündend. Diese Redensart ist auch im rheinischen Dialekt angekommen. So sagt der Kölner „he es üvver de Wupper“ und er meint dabei, dass jemand der Stadt verloren gegangen ist. Oder dass er sie verlassen hat.

Wie bei anderen Redensarten, sind die Erklärungen nicht eindeutig. Sämtliche Erklärungen haben mit der Stadt Wuppertal zu tun, beziehungsweise mit den Stadtteilen Barmen, Elberfeld, Vohwinkel, Ronsdorf, Beyenburg woraus 1930 die Stadt Wuppertal gebildet wurde. Andere Erklärungsansätze weisen auf die Grenze des Rheinlandes kurz hinter Wuppertal.

Aus heutiger Sicht klingt es unglaublich, dass Wuppertal im 19. Jahrhundert die größte Industriestadt in NRW war. So zählten im Jahre 1880 Elberfeld und Barmen 189.000 Einwohner gegenüber 145.000 in Köln, 95.000 in Düsseldorf oder 57.000 in Essen. Die Einwohnerzahlen kletterten, die Massen der Arbeiter lebten in Armut, die Kriminalität stieg, Recht und Gesetze wurden vielfältiger. Für die steigende Zahl von Gerichtsprozessen wurde 1852 der Neubau eines Gerichtskomplexes gebaut.

Noch heute klammern sich die Häuseransammlungen der Stadt eher unsystematisch an die Wupper. An einer Stelle – in Elberfeld – verzweigt sich die Wupper und fließt um eine Insel herum. Genau auf dieser Insel wurde 1852 dieser Gerichtskomplex gebaut, bestehend aus Amts- und Landgericht. Mit diversen Umbauten, Kriegszerstörungen, Abrissen, Neubauten ist diese Gerichtsinsel bis heute erhalten geblieben. Kläger und Beklagte mussten also über die Wupper gehen, um zum Amts- und Landgericht zu gelangen. Den Gerichtsprozess zu überstehen, bedeutete an und für sich nichts Böses und hing vom Urteil ab. Verschärft wurde diese Redewendung im Zusammenhang mit Insolvenzen. Dies war im 19. Jahrhundert nicht anders als heutzutage, dass sich in Zeiten von wirtschaftlichen Rezessionen die Fälle von Insolvenzen häufen. Wenn Unternehmer über die Wupper gingen, war dies gleich bedeutend mit einem Konkurs. „Opel geht über die Wupper“: mit diesen Suchbegriffen habe ich zuletzt in Google ganz viele Suchergebnisse erhalten, dass das Opel-Werk in Bochum dicht gemacht wird.

Mit der Exekution gingen die Gerichtsprozesse weiter als heute. Da die Straftaten stiegen, wurde 1864 jenseits der Gerichtsinsel ein Gefängnis gebaut. Über die Wupper gehen konnte auch bedeuten, über die Gerichtsinsel zum gegenüberliegenden Ufer im Gefängnis hinter Gittern eingelocht zu werden. Zu dieser Zeit war die Todesstrafe noch nicht abgeschafft, so dass in dem Gefängnis ein Henker mit einem Fallbeil auch Todesurteile vollstrecken konnte. Dies war die schlimmste Bedeutung der Redensart „über die Wupper gehen“: die Todesstrafe.

Eine weitere Herleitung dieser Redensart hängt mit der Rekrutierung von Soldaten zusammen. Im 18. Jahrhundert markierte die Wupper die Grenze zwischen dem Rheinland (Herzogtum Berg) und Westfalen (Grafschaft Mark). In der Grafschaft Mark herrschte Wehrpflicht, so dass alle jungen Männer in der preußischen Armee dienen mussten, während das Herzogtum Berg auf eine solche Wehrpflicht verzichtete. Wegen Drill, Disziplin, Willkür und absolutem Gehorsam bis zur Selbstaufgabe war der Wehrdienst in der preußischen Armee verhaßt. Die jungen Männer flüchteten vor diesem Wehrdienst, indem sie in das freizügige Herzogtum Berg wanderten und sich dort niederließen. Sie gingen über die Wupper. In dieser Bedeutung verloren sie ihre Heimat in der Grafschaft Mark, was wiederum der Kölschen Interpretation „he es üvver de Wupper“ entspricht.

Es bleibt dabei: „über die Wupper gehen“ klingt Unheil verkündend. Die Redensart hat man sogar mit dem Buch Josua aus dem Alten Testament in Verbindung gebracht. Nach dem Tod von Moses wollen die Israeliten den Jordan überschreiten, um ins Himmelreich zu gelangen. „Über den Jordan gehen“ bedeutet zu sterben, um über den Tod in den Himmel zu kommen. Dies hat man mit „über die Wupper gehen“ gleich gesetzt.

Redensarten müssen angepasst, gedehnt und interpretiert werden. Sie leben mit der Überlieferung und der Sprache. Im Umfeld der eigenen Umgangssprache ist die Redewendung "über die Wupper gehen" seit langem aus der Mode gekommen.

Vielleicht ändert sich dies in der nächsten wirtschaftlichen Rezession. Dann kreist der Pleitegeier. Konkursverwalter bekommen alle Hände voll zu tun. Firmen werden über die Wupper gehen.

Kommentare:

  1. über die Wupper gehen ... den Spruch kenne ich auch ... und ich habe noch nie darüber nachgedacht ...
    ... bisher :-)

    danke für deine Info
    lieber Wochenendgruß von Heidi-Trollspecht

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  2. Da hast du wieder einen tollen Post verfasst! So was macht Spaß zu lesen...
    Ein schönes Wochenende!
    LG
    Astrid

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  3. Hej Dieter,
    Durch den geografisch festgelegten Flussnamen (Wupper) wird "über den Jordan gehen" ein regionales Sprichwort mit zusätzlichen Bedeutungen. Sprache ist flexibel und es liegt in der Deutung des Einzelnen, wie er sich für eine bestimmte Situation Begriffe zurecht legt.

    Hier kommen interessante Dinge zutage.

    Gruß
    Beate

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  4. Vielen lieben Dank für den Post und die Erklärung. So kenne auch ich den Spruch und habe ihn immer so "hingenommen" wenn er ausgesprochen wurde. Wirklich sehr interessant wie sowas entstehen kann.

    Wünsche dir ein schönes Wochenende und sende liebe Grüssle
    Nova

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  5. Hallo Dieter,

    die Anlehnung an 'über den Jordan gehen' war mir bekannt, doch die Hintergründe und die weitere Bedeutung nicht, darum vielen Dank für den informativen, interessanten Beitrag.

    Liebe Grüße und noch ein schönes, entspanntes Wochenende für dich und deine Familie!
    N.

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  6. Danke Dieter für die Erklärungen, man sagt diesen Spruch einfach so daher und ist sich gar nicht seiner Geschichte bewusst.
    Ja Wuppertal waren 1884 mehrer einzelne Städte, wie Elberfeld, die Größte und Barmen. Erst 1929 wurden sie zur Stadt Wuppertal zusammen geschlossen.
    Wuppertal hat ein tolles Opernhaus, was ich Anfang der 80iger Jahre oft besucht habe. Von Hagen nach Wuppertal war ein Katzensprung. Auch mit der Schwebebahn bin ich als Kind oft gefahren.

    Liebe Wochenendgrüße
    Angelika

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  7. Vielen Dank für die Erklärung dieses berühmten Spruches, lieber Dieter. Es erstaunt immer wieder, wie eine solche Redensart entsteht und wie sich auch mit der Zeit die Deutung ändern kann.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Christa

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  8. Lieber Dieter,
    diesen Spruch benutzten wir tagtäglich. Er war
    uns so geläufig wie das tägliche Essen.
    Als ich im Badischen landete, war er unbekannt.
    Ein schönes Wochenende wünscht
    Irmi

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  9. Interessanter Artikel! Den Ursprung des Spruchs kannte ich auch nicht!
    LG Calendula

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  10. Ein interessanter Bericht. Ich mag Redensarten und es ist immer wieder erstaunlich, zu erfahren, wo sie herkommen. Bei Burgenbesichtigungen gibt's auch immer welche, weil wohl vieles aus dem Mittelalter kommt und heute immer noch gebräuchlich ist.
    LG, 'Franka'

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  11. Bei mir heißt "über die Wupper gehen" nicht nur Unheilverkündendes, sondern ich verbinde damit sogar das Sterben.

    Der Artikel ist sehr interessant und beim Lesen schien mir die Asoziation mit der Gerichtsinsel am Einleuchtensten :-)

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