Donnerstag, 2. Mai 2013

mit dem Rennrad nach Hennef, Neunkirchen-Seelscheid, Lohmar

Nach Wochen des Zögerns war mein Entschluss gereift, am Jedermannrennen „Rund um Köln“ teilzunehmen. Am 12. Mai – also genau in zehn Tagen – möchte ich in einem Affenzahn über Hügel und Berge über die 69 Kilometer lange Strecke flitzen.

Um nicht aus dem letzten Loch zu pfeifen, sollen Hügel und Berge geübt werden. Rauf ins Siebengebirge, welches vom Büro aus ungefähr vor meiner Nase liegt. Das Band der Steigung beginnt in Oberdollendorf. In einer Kurve wittere ich eine neue Geschichte zu Glockentürmen. Der Autoverkehr schwingt sich in großem Bogen um die Kirche, der romanische Kirchturm aus dem 13. Jahrhundert ragt fest in die Höhe. Ich staune, dass der Heilige Laurentius der Kirche ihren Namen gegeben hat. Noch mehr staune ich über vier Glocken neben dem Seiteneingang, die Rost angesetzt haben. Was haben dort die vier Glocken zu suchen ?


Ich forsche nicht nach, denn heute möchte ich Höhenmeter schaffen. Weiter durch die herrliche Frühlingslandschaft des Siebengebirges. Schlehen malen weiße Tupfer in die bewaldeten Hänge. Der Löwenzahn hat mit seinem gelben Blütenmeer die Wiesen erobert. An den Hangmischwäldern wartet das Grün in den Buchen auf den Durchbruch.

Anstieg über den Weilberg, Abfahrt nach Oberpleis, Absturz der Straße ins Tal der Pleis. Ein zweiter, mächtiger Anstieg nach Westerhausen. Dort zeigt sich das bisschen Übung in diesem Jahr oder die Rest-Kondition aus dem letzten Jahr, denn butterweich gleite ich mit wenig Anstrengung den Berg hinauf. Während sich in meinem Rücken die grandiose Kulisse des Siebengebirges aufbaut, muss ich holpriges Pflaster passieren. Der Winter hat seine Spuren hinterlassen. Tellergroße Schlaglöcher zwingen mich zu einer Slalomfahrt. Die Stadt Hennef hat offensichtlich Mühe, mit all den Flick-Aktionen an Schlaglöchern nachzukommen.



Ein Hof mit schönem filigranen Fachwerk, erneut ins Tal nach Hennef, wo ich sogar in ein Verkehrschaos hineingerate. Die geschlossene Bahnschranke stellt sich als Nadelöhr heraus, denn es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis der Regional-Express nach Siegen atemlos vorbei rauscht. Im Kreisverkehr, an der Autobahnauffahrt der A560, über die Siegbrücke und an der roten Ampel der B478 quäle ich mich mit der Blechlawine vorwärts, bis ich, links abbiegend, all diesen Lärm und Verkehr und Hektik verlasse.


„Weltfrieden“ hat jemand auf einen grauen Kasten gekritzelt. Wer will das nicht ? Meinen innigen Wunsch nach Frieden kann die Landschaft jedenfalls erfüllen. Von dem friedlich eingerahmten Schloss Allner sehe ich wenig, denn hohe Mauern verweigern den Blick in die Schlossanlage. Anstatt  dessen beginnt der dritte kräftige Anstieg, diesmal in Serpentinen. Idylle, Ruhe, Frieden, die Straße mogelt sich im Zickzack durch das Waldgebiet, das bis in die Baumwipfel ein erstes zartes Grün angesetzt hat. Langsam spüre ich in meinen Knochen, dass ich treten muss, denn die Steigung nimmt kein Ende. Nach jeder Kurve ersehne ich, dass die Steigung in flachem Gelände ausläuft, doch Fehlanzeige. Erst in Happerschoss pendelt sich die Straße in seichten Auf- und Abwärtsbewegungen ein. Ruhig und friedlich geht es auch in Happerschoss zu, denn mit der Ortsumgehung ist der Autoverkehr zu einer Rarität geworden. Ich halte an und betrachtete den optischen Telegrafen. Ich bin nicht überrascht, ihn in dieser Höhe vorzufinden. Bevor es ein heute übliches Telefonleitungsnetz gegeben hat, hat man sich optischer Telegrafen bedient, die Nachrichten in Form von Lichtzeichen gesendet haben. Das Rheinland umgibt ein Netz von solchen stumpfen Telegrafentürmen.


Die Nachsilben der nächsten Orte ähneln sich: Happerschoss, Heisterschoss, Remschoss, und das Rauf und Runter auf dem Höhenrücken kostet langsam Kraft. Ich lerne, dass ich mich auf der Deutschen Alleenstraße abstrampele. Doch wo sind die Alleen ? Stücke der Deutschen Alleenstraße habe ich bei Niederpleis, bei Lohmar und hier entdeckt. Doch von Baumalleen keine Spur. Das sieht nach einer Luftnummer aus. Ist dies etwa ein Trick der Tourismusbranche ? Oder gibt es wirklich lange, zusammenhängende Abschnitte von Alleen im Rhein-Sieg-Kreis ?

Da mir vierzig Kilometer Fahrstrecke mit drei ordentlichen Anstiegen in den Beinen stecken, beschließe ich, in Neunkirchen eine Pause zu machen. Neunkirchen-Seelscheid, das ist solch eine Bindestrich-Gemeinde, die durch das Wahnbach-Tal getrennt ist. Eine Hauptstraße, ein paar Geschäfte, zwei ausladende Kreisverkehre, die die Geradeausfahrt mächtig nach rechts zwingen, besondere Höhepunkte habe ich Neunkirchen nicht entlocken können. Schlimmer noch: es gibt zwar Gaststätten, Bistrots oder Imbißbuden, aber diese haben erst nach 17 Uhr oder 18 Uhr geöffnet. Mindestens eine halbe Stunde müsste ich warten, daher radele ich trotz müder Knochen weiter.

Dass weitere Strapazen auf mich zukommen würden, habe ich gewusst. Die Straße purzelt ins Tal hinunter, so schön, dass ich mein Rennrad gemütlich ausrollen lassen kann. Zwischen meterhohem Strauchwerk schaffe ich es sogar, einen Blick auf die Wasserfläche der Wahnbachtalsperre zu erspähen. Die Wasserfläche verflüchtigt sich rasch, denn die eigentliche Talsperre beginnt erst weiter flussabwärts, nachdem ich den Wahnbach im Tal überquert habe. Danach folgt der vierte, kräftezehrende Anstieg, aus dem Wahnbachtal heraus. Wie die Straße nach oben kriecht, demotiviert mich. Ich wage kaum hinzuschauen, so dass ich nur auf die Straße und die schwarz-weißen Begrenzungspfosten starre. Ich beiße die Zähne zusammen, bis ich die Bergkuppe erreicht habe. Die Strapaze hat mich nicht geschafft. Anschließend genieße ich die lange und ausgiebige Abfahrt auf der B507 nach Lohmar.

Pause in Lohmar ? Soccer-Arena, Jabach-Halle, Schulen, Feuerwehr: mit funktionaler Architektur und nützlichen Einrichtungen zeigt Lohmar sein erstes Gesicht. Auch mit seinem zweiten Gesicht stößt mich Lohmar ab. Längs der Hauptstraße finden sich die üblichen Geschäfte. Das Rathaus und die Raiffeisenbank demonstrieren architektonische Kälte. Als ich in Richtung Troisdorf abbiege, fahre ich mitten in eine Baustelle von drei- bis vierstöckigen Wohnblocks hinein. Die Einkaufspassage dahinter ist zwar fertig gebaut, aber vollkommen phantasielos – als Anhäufung von Bauklötzen - mit einem Drogerie-Markt, einer Bekleidungskette und einem Schuh-Markt in das zerrissene Stadtbild hinein geklatscht. Ich sehe meine Hoffnung auf eine Pause schwinden, denn die Discounter LIDL und Kaufland runden das hässliche Bild an der Peripherie von Lohmar ab.

Ich radele weiter, und kurz darauf kann ich sogar einen Hoffnungsschimmer entdecken. In der Nähe von stereotypen Wohnbauten, einem nichtssagenden Einkaufszentrum und einem emotionslosen Gewerbegebiet behauptet sich einsam und verlassen eine romanische Kirche. Wie eine Augenweide hat sie ihr Äußeres herausgeputzt. Die Gegensätze könnten nicht schärfer sein. Und es kommt noch schöner: an den Ufern der Sülz entdecke ich einen Biergarten, der geöffnet ist. Ein leckeres Weizenbier, das mir selten so gut geschmeckt hat.



Nachdem ich neue Kräfte aufgetankt habe, kann ich den fünften längeren Anstieg meistern – durch die Wahner Heide. Bei einem knackigen Anstieg, der weniger anspruchsvoll ist wie die vier vorherigen, bleibt mir die Puste weg. Danach gleite ich an sandigen Böden vorbei, zwischen denen Schilder „Vorsicht – militärisches Übungsgelände“ die Vergangenheit dokumentieren. Ich erschrecke, denn ich höre einen Schuss. Muss ich damit rechnen, von Soldaten im Kampfanzug gefangen genommen zu werden ? Nein, denn die militärische Nutzung ist seit 2004 vorbei. Der Schuss kommt aus einem Schützenheim, das am Stadtrand von Troisdorf liegt. Danach zerreißt ein weiterer Schuss die Stille. Die Schützen üben fleißig.

Die Fahrt lasse ich nun gemächlich bis nach Hause ausklingen. Rund um Köln kann kommen.

Kommentare:

  1. Boh was für eine Strecke, Respekt Dieter und das mit dem Rad. Landschaftlich wunderschön gelegen. Die Glocken auf der Wiese sind wohl eine Seltenheit, hab ich noch nie gesehen.
    Na dann kann Köln ja kommen, fit bist Du...viel Erfolg.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  2. Das ist eine Leistung - mir wird schon beim Lesen
    ganz schwummerig. Ich wünsche dir auf jeden Fall
    für Rund um Köln alles erdenklich Gute.
    Liebe Grüße
    Irmi

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  3. Das klingt sehr anstrengend, bin gestern 20 km geradelt und war schon ganz schön stolz auf meine Leistung :-). Mir ist übrigens auch schon mal aufgefallen, dass es an dem Stück der deutschen Alleenstraße in der Nähe von Paderborn auch recht wenig Bäume gibt. Ohne Schild wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass diese Straße den Namen Allee verdient. :-)
    Liebe Grüße und einen guten Start ins Wochenende!

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  4. Oh weia...da hast du dir aber etwas vorgenommen....mein Respekt. Allerdings aber auch eine sehr schöne Tour wo es viel zu sehen gibt, und ich hoffe auch noch einmmal etwas wegen der Glocken zu erfahren^^. War ich ja ganz erstaunt drüber...einfach so am Boden stehend^^

    Hab einen schönen Tag und liebe Grüsse
    Nova

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  5. Dieter das Jedermannrennen schaffst du doch mit Links ;-)

    Danke, dass du uns mit auf deine Tour genommen hast. Die Glocken sehen toll aus. Warum sie wohl dort liegen ? *grübel*

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  6. Danke,dass du deine Eindrücke und Gedanken mit uns geteilt hast!
    Es war mir, wie immer wenn ich dich hier besuche, eine Freude.
    Für das Rennen drücke ich dir natürlich ganz fest die Daumen und hoffe,
    dass du dabei viel Spaß haben wirst!

    Line



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  7. Puh, das klingt nach Schwerstarbeit, aber du bist mit tollen Ausblicken und leckerem Bier belohnt worden, so soll es sein!

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  8. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  9. *lol* Sorry alten Nick verwendet..

    Wenn ich diese Strecke mit dem Bike radeln müsste würde ich nach Luft japsend am Boden krabbeln -lach- Aber die Bilder sind Hammer!

    Lieben Gruß zum Wochenende, Michaela

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  10. ... so eine lebendige Beschreibung - ich hatte wieder richtig Spaß am Lesen. Dazu die schönen und interessanten Bilder. Da bin ich beim weiteren Üben für das Jedermannrennen gerne (virtuell) dabei :-)

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  11. Deine Kondition ist wirklich bewundernswert! Ich wäre nie angekommen!
    Du schilderst das so hautnah, dass ich wenigstens virtuell mal die Strecke mithalten konnte... ;-)
    Aber es ist auch eine schöne Landschaft durch die du gefahren bist.
    LG Calendula

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