Mittwoch, 8. Mai 2013

The American Way - die USA in Deutschland

… die Ausstellung im Haus der Geschichte habe ich zum Anlass genommen, mein eigenes Weltbild von der USA zu überprüfen. In der Ausstellung läuft im Zeitraffer die Rolle der USA in der deutschen Nachkriegszeit ab: wie amerikanische Truppen Deutschland von der NS-Diktatur befreit haben, wie US-Kasernen strukturschwache Landstriche prägen, dass die USA sich über Forschung, Erfindungsgeist und Innovationen definieren, wie in Hollywood ein riesiges Film-Imperium entstanden ist oder wie die USA Aufrüstung und Abrüstung der Weltmächte entscheidend geprägt haben.

Die Ausstellung führt durch verschachtelte Gänge mit einer beeindruckenden Fülle von Exponaten: ein Wachbuch, als US-Soldaten die ostdeutsche Grenze bewacht haben; Spendendosen des damaligen FBI-Chefs Hoover; eine Auftragsbestätigung der Lufthansa, dass sie in Burbank in Kalifornien Flugzeuge im Wert von 1,6 Millionen Dollar bestellt hat; die Uniform des US-Soldaten Elvis Presley; ein Modell des M48-Panzers in Miniaturausgabe als Abschiedsgeschenk für einen US-Soldaten; ein Weltraumschuh der ersten Mondlandung 1968; das Modell des R2D2 aus dem Starwars-Film; die Sesamstraßen-Puppen Bimbo, Ernie, Bert und Kermit; eine Kopie des 2+4-Vertrages, der Grundlage war für die deutsche Wiederverienigung, mit der Unterschrift des amerikanischen Außenminsters James Baker; ein Bruchstück aus der Berliner Mauer mit den Unterschriften von Helmut Kohl, Michail Gotbatschow und George Bush; Wrackteile eines beim Terroranschlag vom 11. September 2001 verunglückten Flugzeugs und vieles mehr.

Micky Maus, Disney-Land, Mc Donald’s, Coca Cola oder Hollywood – all die Errungenschaften aus den USA habe ich als Negativ-Kultur empfunden. Ich kenne weder Amerika noch Amerikaner, den europäischen Kontinent habe ich (noch) nie verlassen,. Ich kenne Amerika nur über Dritte, aus Büchern oder Fernsehberichten oder über Deutschlands bekannteste Auswanderer nach Texas – die Reimanns (die auch in der Ausstellung zu sehen sind). Angekommen ist bei mir viel Oberflächlichkeit. Die reichen und schönen Fassaden bröckeln rasch. Gegensätze zwischen Arm und Reich klaffen wie ein Abgrund. Amerikanischer Lebensstil – das ist für mich stets Ersatz oder Unterhaltungs-Industrie anstelle einer bodenständigen Kultur gewesen.

Und ein Stück Freiheit. Es gibt sie auch, die die Weiten des Landes loben. Dem Denken sind keine Grenzen gesetzt. Die Gesellschaft ist frei von Konventionen. Das Denken kann in neue Horizonte vordringen. Die Kreativität kann sich austoben. Der menschliche Tatendrang bringt immer neue Ideen hervor. So ungefähr hatte es Ulrich Wickert formuliert. Und so hätte es auch ein Conny Reimann formulieren können. Die Harley Davidson aus dem Kinofilm „Easy Rider“ untermauert dieses Freiheitsgefühl.

In meiner These, dass die USA mit ihrem Kapitalismus-zentrierten Weltbild Deutschland erobert haben, fühle ich mich bestätigt.  Mit dem Marshall-Plan hat es angefangen. Zerstörte Industrieanlagen wurden nach dem Krieg wieder aufgebaut. Schlüsselindustrien wie Bergbau, Kohle, Automobilindustrie, Chemie, Maschinenbau, Elektronik haben geboomt, die Schornsteine haben geraucht. Unser Wirtschaftswunder haben zu einem Teil die USA finanziert und davon profitiert. Mit Samuelson hat die Ökonomie ihren Platz in der Ausstellung gefunden. Was wirtschaftlich auf dem Weltglobus abgeht, wird in den USA vor-gedacht. So hat Samuelson – wie so manch andere Ökonom – den Nobelpreis in der Volkswirtschaftslehre erhalten.

Einkaufswagen sind bequem: die Ausstellung zeigt, wie das Konzept der Supermärkte aus den USA übernommen wurde. Unvorstellbar heutzutage, die Menschen würden nur in Tante-Emma-Läden oder direkt beim Hersteller einkaufen. Jeans der Marke LEVI’s und lässige Bekleidung haben ebenso unseren Alltag erobert.

Amerikaner sind Tüftler, innovativ und geniale Erfinder. Bildschirme und Tastaturen rahmen den jungenhaften Bill Gates ein, der den Kopf auf seine Hand stützt und nachdenkt. Einige Vitrinen weiter, demonstriert die Ausstellung, was die USA mit ihrem Erfindungsgeist gemacht haben: ein Geschäftsmodell. Alles ist gut, woraus man Geld quetschen kann. Die Schriftzüge „Big business“, „joint venture“ und „hire and fire“  begleiten das Logo von Mc Donald’s. Globalisierte Untenehmen müssen an allen Ecken der Welt präsent sein. Mit dieser Präsenz hat hierzulande die „hire and fire“-Mentalität Einzug gehalten. Mit einer Freihandelszone auf der ganzen Welt bröckeln historisch gewachsene Standards des Sozialstaats. Wie in der damaligen DDR, finde ich, dass die Bezeichnung „US-Imperialismus“ durchaus einen wahren Kern trifft.

Es bröckelt, hakt, klemmt, knirscht in den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Die Amerikaner haben Deutschland geholfen – so bei der Berlin-Blockade 1948. Spätestens 1977 – das war in meiner Schulzeit – verabscheute ich das weltpolitische Gehabe, als Jimmy Carter Präsident wurde. Deutschland fühlte sich durch die Übermacht von sowjetischen SS20-Raketen bedroht und suchte ein Gleichgewicht, das nur über Rüstungsverhandlungen zwischen den USA und der UdSSR hergestellt werden konnte. Helmut Schmidt und der französische Präsident Giscard Valéry d’Estaing taten sich zusammen, um gemeinsam mit der USA die nötigen Schritte einzuleiten. Doch Jimmy Carter verpulverte seine Energie auf Nebenschauplätze. Das war vor allem der Iran. Dem kranken Schah von Persien gewährte die USA gegen den Willen des Iran Exil, daraufhin besetzten Iraner die amerikanische Botschaft und nahmen US-Amerikaner als Geiseln, deren Befreiung scheiterte. Indes stockten die Rüstungsverhandlungen, die Aufrüstung und Rüstungskontrolle beinhalten sollten. Jimmy Carter zeigte sich ignorant, als er die atomare Bedrohung in Mitteleuropa als „Theater Weapons“ bezeichnete. Da die USA weit genug entfernt waren, war es ihm letztlich egal, wenn Deutschland bei einem atomaren Szenario von der Landkarte ausradiert würde. Die Rüstungsverhandlungen kamen zwar danach mit dem NATO-Doppelschluss voran, doch mit seinem Präsidenten-Nachfolger Ronald Reagan und seinem irrsinnigen SDI-Raketenabwehr-Projekt war mir genauso mulmig zumute. 2003 knirschte es abermals gewaltig. Der damalige Außenminister Joschka Fischer und George Bush gerieten aneinander, weil Deutschland sich nicht am Irak-Krieg beteiligen wollte.

Den jetzigen Präsidenten Barak Obama schätze ich, weil er Deutschland und das übrige Europa auf Augenhöhe sieht. Iren, Engländer, Deutsche, Franzosen, Niederländer, Italiener haben den neuen Kontinent besiedelt, woraus die USA entstanden sind. Zu lange habe ich auf politischer Ebene den Eindruck gehabt, dass die USA auf Europa von oben herab schauen.

Am Ende weckt die Ausstellung treibende Erinnerungen. In einer runden Nische werden die Besucher nach ihrem Gesamteindruck befragt. An Bildschirmen werden unter der Decke typische Fotos aus den USA eingeblendet. Das Rushmore Memorial mit den in Stein gemeißelten Präsidenten Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln ist zu sehen. Im Geiste sehe ich das Cover der LP „Deep Purple in Rock“. Obschon sie Engländer sind, verbinde ich Roger Glover, Jon Lord, Ian Paice, Ritchie Blackmore und Ian Gillan, die in dieselben Steine gemeißelt sind, mit den USA.

Eine wunderbare Symobiose. Es knirscht und zischt und raucht. Ich summe „Smoke on the Water“ vor mir her.

Kommentare:

  1. Eine interessante Ausstellung Dieter, da lohnt sich ein Besuch.
    Ich habe das Haus der Geschichte auch schon besucht, als die Deutsche geschichte ausgestellt war, fand ich richtig spannend.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  2. hut ab für den gut geschriebenen post!!!
    grüssele

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  3. Ich muss gestehen, dass ich noch nie im Haus der Geschichte war, auch wenn das schon lange auf meinem Plan steht. Die Ausstellung klingt wirklich sehr interessant und abwechslungsreich.

    Wünsche Dir einen schönen Feiertag morgen, liebe Grüße!

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  4. Ein toller Artikel, einfach toll!
    Nun diese Ausstellung werde ich zwar nicht besuchen können, wäre ein bisschen zu weit weg aber dein Einblick war sehr interessant, Danke!

    LG, Michaela

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  5. Ich glaube, dass es eine gute Ausstellung ist.
    Ich habe eine etwas andere Einstellung zu den USA.
    Ich mag die Oberflächlichkeit vieler Mensche auch nicht,
    aber es gibt auch andere.
    Und dann gehöre ich zu der Generation, die an der
    Quäkerspeise teilnehmen durfte. Das war für viele von uns
    damals wirklich die Rettung, damit wir nicht ernsthaft
    krank wurden. Das vergißt man nicht.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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  6. Ich mag diese Verherrlichung alles Amerikanischen hier in Dummiland nicht. Dein Bericht über die Ausstelung ist aber gut. (◠‿◠)
    Schönen Vatertag. Was wirst du denn so anstellen?
    wieczoramatische Grüße (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  7. Danke für deinen Einblick in das neueste Ausstellungsthema des Hauses der Geschichte! Amerika ist so gar nicht mein Thema, und wenn ich hinwollte, dann zu den Küstenindianern.
    Irgendwie bin ich den USA aber auch dankbar dafür, dass sie unser Land damals vom selbst gewählten Übel befreit haben und sich auch Gedanken gemacht haben, was DANACH geschehen soll ( das ist ihnen ja in vielen folgenden Kriegen nicht geglückt ).
    Ein Zwiespalt bleibt. Aber hier wie dort gibt es sehr verschiedene Menschen & Meinungen, so dass ich kein Pauschalurteil fällen will.
    Liebe Grüße & morgen einen schönen Tag!Astrid

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  8. Ein sehr interessanter Artikel Dieter!!!!
    Besuchen kann ich das Haus der Geschichte nicht,obwohl ich will.
    Ganz liebe grüsse
    Christa

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  9. War bestimmt wirklich interessant aber noch interessanter finde ich den Post und deine Meinung dazu.

    Die Vorstellung mit den Tante-Emma Läden kann man hier sehr gut bekommen, denn es gibt sie noch, und das in jedem kleinen Ort mehrfach. Da ist die Versorgung auf dem Land garantiert, und die Preise, zumindest für Obst und Gemüse ist oft auch preiswerter als im Supermarkt. Von der Frische ganz abgesehen. Von daher mag ich auch so die Landwirtschaftmärke der Selbsterzeuger an den Wochenenden)

    Amerika-das Land der Freiheit- ich denke mal es kommt auch schon alleine durch die riesigen Entfernugen die man zurücklegen muss. Denn gerade dort sind doch die Einschränkungen immer schon sehr groß gewesen bzw. die Verbote. So frei sind sie wahrlich nicht, aber ich muss dennoch sagen dass ich es ein faszinierendes Land finde bzw. mehr Kontinent, denn mich würde es immer zuerst nach CDN ziehen ;-)

    Liebe Nachtgrüsse

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  10. Nach deinem Bericht scheint es mir fast, als ob dieses Land in jeglicher Hinsicht so vielgestaltig ist wie seine Landschaften. The American way of life - der gefällt mir überhaupt nicht, die Politik schon gar nicht. Aber sicher gibt es auch Positives anzumerken ...
    Und 'Easy Rider' fand ich damals auch ganz toll. Ach ja, die Flower Power kommt ja auch von dort ...
    Einen schönen Feiertag,
    Franka

    P.S. Witzig, dass du auch eine Liste hast ;-)

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  11. Hallo Dieter
    Danke für diesen sehr interessanten Post. Leider werde ich diese Ausstellung nicht besuchen können.
    Einen gemütlichen Abend wünscht Dir Yvonne

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