Dienstag, 21. Mai 2013

Rückbau

Quelle: Wikipedia (creative commons license)
Rom ist nicht an einen Tag gebaut worden. Und es ist auch nicht in wenigen Jahren untergegangen. Romulus Augustulus, der letzte weströmische Kaiser, konnte im Jahr 476 auf rund 400 Jahre zurück blicken, in denen sich das römische Reich bis zur Rheingrenze gehalten hatte, bevor es zerfiel. Goten, Vandalen, Alemannen, Franken, Burgunder, Slawen, Hunnen waren längst über den Rhein, nach Gallien und bis nach Italien eingedrungen. Das römische Reich war längst in sich zusammengefallen.

Kernkraftwerke müssen so gebaut sein, dass sie beständig sind wie das römische Reich. Mehrere Jahre lang bin ich regelmäßig mit dem Zug von Bonn aus über Koblenz das Rheintal entlang gefahren. Nachdem ich zwischen den Hängen von Eifel und Westerwald die Rheinromantik bestaunen konnte, wurde ich hinter dem Andernacher Trichter aus den Träumen gerissen. Das Kernkraftwerk in Mülheim-Kärlich beherrschte das Neuwieder Becken, es platzierte sich direkt neben die Bahnlinie, der Kühlturm schoß mit seinem wuchtigen Koloss in die Höhe. Das Atomzeitalter hatte begonnen. Die neuen Kathedralen der Energieversorgung sollten für die Ewigkeit gebaut sein.

So beständig wie das römische Reich, genauso musste das Innere des Kernkraftwerks strengsten Sicherheitsvorschriften und schlimmsten Szenarien genügen. Im Umkreis musste die radioaktive Belastung gleich Null sein. Bei einem eventuellen Flugzeugabsturz mussten Reaktor und Brennstäbe bombenfest ummantelt und gesichert sein. Die Planungsverantwortlichen dachten nicht in zehn oder hundert Jahren, sondern noch länger. Das waren historische Zeiträume. Generationen von Menschen würden mit dem Kernkraftwerk leben, Revolutionen würden darüber hinwegfegen, das Kernkraftwerk würde weitere Weltkriege überdauern, von denen wir heute noch nichts erahnen.

Halbwertszeiten haben die Ewigkeit dieses Kernkraftwerks bestimmt. 28 Jahre Halbwertszeit kann ich mir bei Strontium gerade noch so vorstellen, während 24.000 Jahre bei Plutonium in Ewigkeiten von Lichtjahren verschwinden.

„Atomkraft nein danke“: der Baubeginn von Mülheim-Kärlich fiel 1975 genau in diejenige Phase hinein, als sich die AKW-Bewegung formiert hatte und erste Erfolge verbuchen konnte. Die AKW-Bewegung protestierte, besetzte, thematisierte die Risiken der Kernkraft. In Mülheim-Kärlich sezierten sie das Genehmigungsverfahren und zog vor Gericht. Die AKW-Gegner verwiesen auf die Erdbebengefährdung im Neuwieder Becken. Entlang des Rheins und in der Eifel bebte die Erde unregelmäßig – sogar kurzzeitig bis zu einer mittleren Stärke. Sie argumentierten mit dem Kratersee im fünfzehn Kilometer entfernten Maria Laach. Dort war nachweislich von 10.000 Jahren ein Vulkan ausgebrochen. Die Mühlen der Gerichte mahlten im Zeitlupentempo, doch 1988 war es soweit: in der Baugenehmigung hatten die Planenden es unterlassen, ein mögliches Erdbeben zu berücksichtigen. Dazu hätte ein neues Planungsverfahren angestoßen werden müssen. Mülheim-Kärlich hatte gerade zwei Jahre lang Strom produziert, da musste es wieder vom Netz genommen werden.

Die Kraftwerkssilhouette ist ein markantes Zeichen des Neuwieder Beckens geworden. Zwischen Eifel und Westerwald eingequetscht, läuft das Rheintal seitwärts bequem in einer Ebene aus. Industriegebiete haben sich seitwärts der B9 zwischen Andernach und Koblenz hin gepflanzt. Es ist der häufige Mix aus mittelständischen Betrieben, IT-Unternehmen und produzierendem Gewerbe. Neben dem Forschungsreaktor in Jülich ist Mülheim-Kärlich das einzige Kernkraftwerk im Rheinland.

Das gerichtliche Hickhack ging weiter. Geänderte Baugenehmigung, Klage, neue Auflagen. 1998, nach zehnjährigem Rechtsstreit, hob das Bundesverwaltungsgericht die Baugenehmigung in letzter Instanz auf. Der Kraftwerksbetreiber, die RWE Power AG, hatte sich schließlich damit abgefunden und 2004 die Genehmigung eingeholt, das Kernkraftwerk zurückzubauen, also abzureißen.

Goten, Vandalen, Alemannen, Franken, Burgunder, Slawen, Hunnen waren nicht in einem Schub in das römische Reich eingedrungen. Das römische Reich war in Zeiträumen von Jahrhunderten zerfallen. Es gab Provinzen, in denen sich die Römer über Jahrzehnte und Jahrhunderte behaupteten. Entscheidende Schlachten ließen auf sich warten. Die erobernden Völker sickerten schließlich durch und gründeten neue Siedlungen. In ähnlichen Zeithorizonten müssen die Verantwortlichen an ein Kernkraftwerk herangehen. Die schlacksige Gestalt des Kühlturms bröselt nicht vor sich hin. Die Arbeiter, die das Kernkraftwerk zerlegen, tasten sich vom Äußeren ins Innere. Sie haben mit nicht radioaktiv belasteten Kraftwerksteilen begonnen. Davon ist im September des letzten Jahres ein 450 Tonnen schwerer Notstromgenerator samt Turbinen demontiert worden, in haarkleiner Präzisionsarbeit aus dem Inneren geschafft worden und mittels Schwertransporter auf ein Schiff verladen worden. Turbinen und Generator sollen nun Strom in einem Gaskraftwerk in Ägypten produzieren.

Dann schreitet der Rückbau in die leicht verstrahlten Kraftwerksteile fort. Diese Phase steht Mülheim-Kärlich noch bevor. Damit die Teile wiederverwertet werden können, muss ein mehrstufiger Wertstoffkreislauf durchlaufen werden: die Teile werden demontiert, zerlegt, zerkleinert, mit Sandstrahlern gereinigt, wobei permanent die Strahlenbelastung gemessen wird. Die Reinigung wird solange wiederholt, bis die Grenzwerte eingehalten werden.

Wenn es an die stark verseuchten Kraftwerksteile heran geht, dann ziehen sich die Zeiträume zu Endlosspannen in die Länge. Das ist vor allem der Reaktorbehälter, in dem die Brennstäbe mittels Kernspaltung Strom erzeugt haben. Die Brennstäbe sind bereits 2002 abtransportiert worden. Da der Rückbau dieser Teile lebensgefährlich ist, übernehmen Industrieroboter diese Arbeit. Sägen, Seilsägen, Hydraulikscheren, Schneidbrenner werden zum Einsatz kommen, um dieses Kernstück des Atomkraftwerks zu zerlegen. Um eine Verwirbelung des Staubs in der Luft zu minimieren, müssen diese Werkzeuge in einem möglichst langsamen Tempo laufen. Dabei sind die Zeiträume begrenzt, wie lange die Teile zerlegt werden dürfen. Einer Zerlegezeit muss eine Ruhezeit folgen, in der sich der kontaminierte Staub absetzen kann. Staub und verstrahlter Atomschrott werden am Ende in doppelwandigen Metallbehältern, besser bekannt als Castoren, landen.

Diese jahrelange mühselige Kleinarbeit wird dauern – die RWE Power AG hat zuletzt einen Endtermin 2021 genannt. Und die Kleinarbeit wird Millionen oder Milliarden Euro-Beträge verschlingen. Erfahrungswerte gibt es kaum oder sie schwanken extrem. So kostete der Rückbau des Kernkraftwerks Würgassen in NRW 700 Millionen Euro, während Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern 4 Milliarden Euro gekostet hat. Mit diesen Größenordnungen könnte ein Szenario eintreten, dass Kraftwerksbetreiber infolge des Rückbaus Pleite gehen und im Endeffekt der Staat – also der Steuerzahler – diese Kosten zu übernehmen hat.

In dem Theaterstück von Dürrenmatt hatte es Romulus der Große vergleichsweise einfach, damit sein Reich zerfiel. Er stand kurz vor dem Niedergang des römischen Reiches. Er rief die Germanen, dass sie in seinen Palast eindringen sollten. Als sie eindrangen, löste er sein Imperium auf. Er ließ sein Reichsschwert sinken und übergab seine Statue den Germanen.

Ganz so einfach ist dies bei einem Kernkraftwerk nicht.

Kommentare:

  1. Ich wohne in Obrigheim. Hier wurde 1968 das AKW in Betrieb genommen und am 11.05.2005 als erstes Kernkraftwerk vom Netz genommen. Der Rückbau soll 500 Millionen Euro kosten und wird noch mehr als 10 Jahre dauern. Vor zehn Jahren waren noch 19 kommerzielle AKW in Betrieb, heute erzeugen noch 9 davon Strom. Allein am 6.8.2011 stellten 8 Kraftwerke ihren Betrieb ein. Im Rückbau befinden sich neben Obrigheim die AKW in Stade, Würgassen und Greifswald.
    Dein Vergleich mit dem Untergang des römischen Reichs ist gut. Nur hinterließen diese keinen strahlenden Müll.
    Eine schönen Restabend wünscht dir
    Irmi

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  2. Tja, die Müllfrage wird uns wohl intensiver und länger beschäftigen, wie das römische Reich.
    Ein sehr gelungener Vergleich, ich bin immer wieder fasziniert, auf was für Ideen Du kommst :-).

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  3. Wir haben hier ja den maroden Reaktor in Fessenheim im Elsass vor der Nase. Und der ist ja immer noch allen Protesten und dort immer wieder vorkommenden Reaktorpannen zum Trotz am Netz. Wird Zeit, dass sich die Gallier mal auf Asterix und Obelix besinnen und die Römer bekämpfen. Denn hier in der Region (und inzwischen auch im Elsass!) ist Fessenheim ein Damoklesschwert.
    Aber auch hier ist die Frage, wohin mit dem radioaktiven Müll und wohin mit den noch Jahrtausende strahlenden Reaktorbestandteilen!
    LG Calendula

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  4. Lieber Dieter! Da hast du ja wieder gründlich recherchiert & anschaulich geschildert! Ich erinnerte mich an die unendlichen Diskussionen in den 70ern mit Forschern aus Jülich, die wir als intelligente Menschen bei Veranstaltungen im Bildungsbereich kennengelernt hatten, und die die geschilderten Probleme immer wieder klein geredet haben. Mein Mann, ein Physiker, hatte glücklicherweise auch so seine Kenntnisse und Schlussfolgerungen.
    Was mich richtig aufregt ist, dass wir hier in unserem Land seit dem avisierten Ausstieg ja wohl gut ohne die Dinger mit Strom versorgt werden können.
    Ein heißes Kapitel!
    LG
    Astrid

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  5. Hi Dieter,
    zu diesem Thema halte ich mich immer zurück, verfolge nur in den Nachrichten, wo der Mainstream und die Diskussion hingeht. Dein Vergleich mit dem Untergang des römischen Reichs finde ich gelungen.
    Danke für deinen cmt: Sonntag war der Umzug der Erwachsenen mit ca. 75 Wagen (früher waren es knapp 100) und Samstag ist immer der Umzug vom Kinderkarneval der Kulturen....und wie gesagt mit dem Motto: Meeresschildkräten retten.
    Grüssle zum gemütlichen Feierabend, Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  6. Das ist eine Sache, die uns noch lange beschäftigen und Kopfzerbrechen bereiten wird.
    Glaubst du daran, dass man diese Meiler wirklich so bombenfest bauen kann/wird, dass sie allen Widrigkeiten Stand halten?
    Genauso verhält es sich mit dem Müll!

    Deinen Vergleich zum Römischen Reich finde auch ich gelungen!

    Liebe Grüße
    Christa

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  7. Sehr interessant Dein Beitrag. Das isrt nicht einfach und auch nicht billig.
    Eigentlich müssten die Kraftwerksbesitzer das bezahlen. Aber sie machen es nicht, so wenig sie die Entsorgung der brennstäbe übernommen haben, das bezahlte mis jetzt auch immer der Steuerzahler. Wenn es mit den AKW´s so weiter gegangen wäre, ständen diese Kosten eben auch zu Buche und den Gewinn strich immer nur das AKW ein.
    Man könnte also aich sagen, lieber ein Ende mit Schrecken, sprich hohen Kosten, als ein Schrecken ohne Ende, wenn ich an die vielen bekannten und unbekannte AKW Unfälle denke.
    Natürlich , das relativ kleine Deutschland kann nicht die Welt retten und die Polen bauen ein neues AKW auf, vielleicht geht der Brüter dorthin gleich mit glühendem Brennstab?
    Mensch besinne Dich, die Erde ist nicht nur für Dich da, und wenn es keine Menschen mehr gäbe, die erde würde noch weiter existieren, bis sich das Universum neu formatiert.
    Liebe Grüße Ulrike
    und Grüße an Deine familie

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  8. Ein interessanter Artikel. Ich gestehe, ich bedaure diese Rückbaumaßnahmen. Soll niemand glauben der Strom den wir dafür aus dem Ausland kaufen müssen, weil die landeseigne Versorgung nicht genügt stammt nicht aus Akw's. Nur dass unsere wohl höhere Sicherheitsstandarts erfüllt haben.

    Liebe Grüße,
    N.

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  9. Vielen Dank für den tollen informativen Bericht Dieter.
    Der Reaktor verschandelt wirklich die ganze Gegend. Ich bin froh, dass dort nicht mehr prodziert wird. Atomstrom - nein danke ! Da schließe ich mich an und zahle gern ein wenig mehr, um in den Naturstrom zu investieren. Ich hoffe, dass wir das Thema Atomstrom in Deutschland zumindest bald mal abschließen können.

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