Dienstag, 12. Februar 2013

U-Bahn-Bau in Köln oder der Turmbau zu Babel

Pieter Brueghel (1563), Kunsthistorisches Museum Wien
Beinahe hätte ich das überfallartige Grummeln des Einsturzes gehört. Am 3. März 2009 befand ich mich in Luftlinie zwei Kilometer vom Stadtarchiv in Köln entfernt. Erst zu Hause sah ich im Fernsehen, was geschehen war: zwei Bauarbeiter hatten das allerschlimmste verhindert, weil sie bemerkt hatten, dass der Boden unter dem Stadtarchiv nachgab, nachdem Wasser in die U-Bahn-Haltestelle eingedrungen war. Das Gebäude stürzte ein und versank mit Krachen und Getose ein einem Krater. Glücklicherweise konnte es dank der beiden aufmerksamen Bauarbeiter vorher geräumt werden. Mit Ausnahme von zwei Männern, die in einer benachbarten Mietwohnung schliefen. Nach rund einer Woche wurden sie tot aus den Trümmern geborgen. Zwei Tote: das war ungefähr der Tiefpunkt der Pannenserie beim Kölner U-Bahn-Bau. Verwirrung, Chaos und Skandale reihen sich serienweise aneinander.

„Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte“, so heißt es im elften Kapitel des Buches Genesis im Alten Testament. Schon Mitte der 80er Jahre herrschte Einigkeit im Rat der Stadt Köln, dem Verkehrsinfahrt mit der neuen Nord-Süd-U-Bahn die Front zu bieten. Alle wollten die neue U-Bahn-Linie, die über sieben Kilometer Länge vom Dom bis zum Verteilerkreis im Süden führen sollte. 1992 beschloss der Rat der Stadt Köln den Neubau, 1998 Aufnahme in den ÖNPV-Bedarfsplan, 2002 Abschluss des Planfeststellungsverfahrens. Der Bau der neuen U-Bahn-Linie konnte beginnen.

„Auf, wir formen Lehmziegel und wir brennen sie zu Backsteinen“ mit diesen Worten begann die Menschen den Turmbau zu Babel. Der erste Spatenstich der Kölner Nord-Süd-U-Bahn war ein Glanzlicht. Man wählte den 4. Dezember 2002, den Namenstag der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Feierlich standen der damalige Oberbürgermeister Kurt Schramma und der Vorstand der Kölner Verkehrsbetriebe bereit. Mit Spaten und Tatendrang in der Hand, genossen sie das Blitzlichtgewitter in den Scharen von Pressefotografen.

Die Menschen in Babel wurden übermütig und wollten hoch hinaus. „Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen … „. Politiker beziehungsweise Bürgermeister lieben Denkmäler. Sie werden nicht unsterblich durch einen neu gebauten Kindergarten oder das sanierte Dach einer Schule, sondern durch Großprojekte. Köln ist vollgestopft mit Großprojekten. Messe City, Rheinauhaufen, Media Park – eine neue U-Bahn-Linie fügt sich doch nahtlos in dieses Stadtkonzept hinein !?!? Die neuen U-Bahn-Stationen würden sich tief ins Gedächtnis eingraben.

St. Johann Baptist; Quelle: Wikipedia
Verwirrung, Chaos, Skandale. „Da stieg der Herr hinab, um sich Stadt und Turm anzusehen, den die Menschenkinder bauten“ so begutachtete Gott den Turmbau zu Babel. In Köln buddelten sich Tunnelbohrmaschinen mit einem Durchmesser von 7,3 Meter im Erdreich vorwärts, mitten durch die dicht bebaute Innenstadt. Nachdem das Erdreich weggefressen wurde, erhielt der schiefe Turm von Pisa eine Kopie in Köln. Ende September 2004 neigte sich der Turm der Kirche St. Johann Baptist in der Südstadt zur Seite und ging als „Schiefer Turm von Kölle“ in die Stadtgeschichte ein. Mittlerweile wurde er wieder aufgerichtet. Was der Herr danach von Stadt und Turm sehen konnte, was genauso besorgniserregend. Im November 2004 wurden Rundbögen und Gewölbedecke in der romanischen Kirche St. Maria im Kapitol beschädigt. Risse traten 2007 im Rathausturm des Historischen Rathauses auf.

Technische Visionen realisieren ? Rational durchdacht, kennen technische Visionen keine Grenzen. Zwischen Frankreich und England haben die Menschen einen 50 Kilometer langen Tunnel unter dem Meer gegraben. In Dubai steht mit 828 Metern Höhe das höchste Hochhaus der Welt. Flugzeuge fliegen mit bis zu 1.000 km/h durch die Luft. „… das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen“ so beurteilt Gott die Visionen der Menschen beim Turmbau zu Babel. Anders als beim Eurotunnel, haben sich die Verantwortlichen beim Kölner U-Bahn-Bau gründlich verschätzt. Größenordnung und Risiken der Tunnelröhre lagen hier anders. Der traurige Tiefpunkt wurde am 3. März 2009 mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs erreicht. Ein Prestigeprojekt und Tote ? Wann hatte es so etwas gegeben ? Zudem gingen Jahrhunderte und Jahrtausende alte Dokumente in der Trümmerwüste verloren. Rund 300 angrenzende Wohnhäuser waren danach einsturzgefährdet und mussten zum Teil abgerissen werden.
eingestürztes Stadtarchiv
Quelle: Wikipedia

Als hätten die Verantwortlichen nicht aus Fehlern gelernt, setzten sich danach Verwirrung, Chaos und Skandale fort. Großprojekte sind hoch komplex. Eine Unmasse von Beteiligten mischen mit. Beim Turmbau zu Babel entstand die babylonische Sprachverwirrung: „Auf, steigen wir hinab, und verwirren wir dort ihre Sprache, so dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.“ Die Verwirrungstaktik ging bereits auf, um die Finanzierung des Großprojektes sicher zu stellen. Um die Kostenobergrenze einzuhalten, hatten die Planer ganz einfach einige Positionen weggelassen. Großprojekte sind so komplex, dass nur die Bauexperten mit ihrem Fachwissen die Planung durchdringen können. Die Bürokraten in den Verkehrsministerien bemerkten diese Vergeßlichkeiten nicht, weil sie die Sprache der Bauexperten nicht verstanden. Also stellten die Bürokraten die Gelder bereit – und mit dem Bau konnte begonnen werden. Ungleich schlimmer erging es dem Oberbürgermeister Kurt Schramma, der als Bauherr in Baugremien saß, dort kein Wort verstand und wegweisende Entscheidungen fällen sollte – und nach dem Einsturz des Stadtarchivs zurück trat. Andere Bürokraten – kostenbewusste Einkäufer – richteten Chaos auf der Baustelle an, indem sie nicht mit den Auftraggebern redeten. Sie nahmen stets die billigsten Anbieter, die ungefähr soviel Ahnung vom Bauen hatten wie die Kandidaten aus „Bauer sucht Frau“ von den Scholastikern des 12. Jahrhunderts. Und dann schwirrten noch die Schlipsträger der Bauaufsicht auf der Baustelle herum, die glaubten, jede Menge zu sagen zu haben. Anstelle im richtigen Moment etwas zu sagen, schauten sie weg: im Januar 2010 war Bewehrungsstahl für die Stahlbetonröhre in großem Umfang von der Baustelle gestohlen worden, so dass der Tunnel  unter der Kölner Altstadt kaum mit Stahl verstärkt war. Niemand wurde über diesen Fall für den Staatsanwalt informiert. Im nachhinein konnte nichts mehr nachgebessert werden. Stürzt die Kölner Altstadt in einigen Jahrzehnten in den U-Bahn-Tunnel hinab, so wie es das Stadtarchiv 2009 gemacht hat ? Wer weiß … Einen Monat später näherte sich neues Unheil, denn der Rhein führte Hochwasser. Ein paar Gehminuten vom Rhein entfernt, drohte Grundwasser in den Tunnel einzudringen. Erneut Verwirrung, Chaos und Skandale, doch der Rhein war gnädig gesonnen und das Hochwasser verschwand so schnell, wie es gekommen war.

Quelle: Wikipedia
Das Großprojekt der Nord-Süd-U-Bahn hat einige Verantwortliche schwitzen lassen und in ein Krisenmanagement gestürzt. Den Größenwahnsinn stoppen ? Beim Turmbau von Babel war dies möglich. „Der Herr zerstreute sie über die ganze Erde, und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen.“ Nach dem Einsturz des Stadtarchivs mochte dies so mancher gedacht haben. Doch es war schon zu viel in das Großprojekt hinein gesteckt worden. So wie man es beim Dom getan hatte – ihn über mehrere Jahrhunderte als Bauruine stehen lassen – das wollte niemand. Die Kosten waren längst aus dem Ruder gelaufen. Hier verfolgen alle Verantwortlichen eine Duckmäuser-Strategie, indem sich wie beim Turmbau zu Babel ihre Aussagen verflüchtigten und über die Erde zerstreuten, so dass niemand ein Gesamtbild konstruieren konnte.

Nachdem im Dezember die erste U-Bahn-Haltestelle am Alten Markt feierlich eröffnet worden ist, ist die U-Bahn  sogar in den Heiligen Sphären des Doms angekommen. Es rauscht, vibriert, zittert, wenn eine U-Bahn den Dom unterquert.

Verwirrung, Chaos und Skandale nehmen kein Ende. „Do laachste dech kapott“, mag der Kölner diese Angelegenheit mit seinem rheinischen Humor kommentieren. Wenn nicht alles so bitterernst wäre. Und wenn nicht das zum Fenster heraus geschmissene Geld an anderen Ecken fehlen würde. Bibliotheken oder Schwimmbäder müssen geschlossen werden. Vereine können nicht mehr unterstützt werden. Wenn der Winter vorbei ist, wird die Rumpelei über Schlaglöcher zum Dauerthema. Und so weiter.

Kommentare:

  1. Hej Dieter,

    1A Bericht, einfach Klasse,
    danke

    Beate

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  2. Ja mein Lieber ich denke die Deutschen sind nicht mehr in der Lage vernüftige Abläufe in Grossobjekte zu bringen, viel weniger sie auch noch vernüftig fertig zu stellen.
    Beispiele gibts genug: Köln, Stuttgart, Berlin.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  3. Es reicht langsam mit so viel Unvernunft. Über solche Großprojekte sollte man in der Planungsphase etwas gründlicher nachdenken und was mir absolut nicht in den Kopf will, ist, wie man sich derart mit Kosten verschätzen kann.
    Werden stets nur Dumpingpreisangebote abgegeben, um mit aller Gewalt ein Projekt durchzuziehen? Gibt es denn überhaupt noch eine Baustelle, die im Rahmen der ursprünglich festgelegten Summe zu Ende wird? Wohl kaum und das sollte doch den Verantwortlichen mehr als zu denken geben.

    Hoffe, du hast die närrisch Zeit gut überstanden. :-)

    Liebe Grüße
    Christa

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  4. Klasse Post, und auch mich lässt er wieder den Kopf schütteln. Das mit dem Dom-Witz habe ich nämlich von dem Udo gehört und konnte damit nicht wirklich etwas anfangne, aber nun isses klar. So rumpelt es wirklich im Dom. Da fragt man sich wann dort was passiert und die ersten Schäden kommen.

    Fragt man sich ob sowas wirklich sein muss. U-Bahn ist ja schön (kenne noch einen kleinen Teil aus meiner Kindheit) aber es ging doch auch so mit der Straßenbahn überirdisch.

    Dinge zu bauen und woanders fehlt es an Ecken und Ende kenne ich auch von hier....einfach nur zum Kotzen.

    Liebe Grüssle

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  5. Het ingestorte stadsarchief, dat was ook hier in het nieuws, Dieter. Van de scheve toren wist ik niets. Treffend, die vergelijking met de toren van Babel.

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  6. Danke, dass du mit deinem Beitrag an diese düsterste Kapitel der Stadtgeschichte der letzten Jahre erinnerst. Meine Chefin meinte immer, wenn das passiert wäre, als sie am Rosenmontag dort vorbeigezogen sind...
    Schön, dass deine Frau auch Karnevalsverkleidungen selbst herstellt. Da gibt es ein echtes Potential in dieser Stadt, dem ich auch mal ein Forum bieten wollte.
    LG
    Astrid

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  7. Erschreckend und krass! Vor allem, dass er schon so viel früher Anzeichen auf die Unstimmigkeiten gab. Wer billig kauf, kauft doppelt und in dem Fall auch noch tragisch.
    Und der Vergleich mit Babel ist soooo passend!!!

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