Montag, 4. Februar 2013

de ramp

Quelle: Wikipedia

Ich habe mich selber hereingelegt. Ich ärgere mich, dass ich in der letzten Woche die Überschrift „Umweltkatastrophe“ benutzt habe. Heute schreibe ich erneut über eine Katastrophe. Dabei fällt mir auf, dass Katastrophen in den Medien inflationär vorkommen. Fast kommt es mir vor, als würde nur noch über Katastrophen berichtet. Kriege, Überschwemmungen, Hurricanes, Taifune, Dürren, Hungerkatastrophen, Erdrutsche, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Flugzeugabstürze und so weiter. Informationen sind ein globalisiertes Gut, und an irgendeiner Ecke unserer Welt geschieht immer eine Katastrophe, über die in den Medien und in den Nachrichten berichtet werden kann. So stumpft der Mensch ab – Katastrophen werden zu einem fiktiven Gebilde, das einen kurz berührt, wahrscheinlich auch sehr intensiv, das dann aber verdrängt werden kann, weil es nicht vor der eigenen Haustüre, sondern in einer komplett anderen Ecke unserer Welt geschehen ist.

Die Niederländer haben ein eigenes Verhältnis zu Katastrophen. Für unser westliches Nachbarland gibt es nur eine einzige Katastrophe, die sämtliche anderen Katastrophen in den Niederlanden überragt. Dies erklärt auch das Wort. „De ramp“ nennen sie ihre nationale Katastrophe. „Ramp“ bedeutet Katastrophe, die Vorsilbe „de“ entspricht dem deutschen Artikel „die“. Folglich gibt es in den Niederlanden nur „die“ Katastrophe und keine weitere, die gleichrangig zu betrachten ist.

Die Katastrophe ereignete sich vor fast genau 60 Jahren, am 1. Februar 1953. Sie weist einige Parallelen zur Hamburger Sturmflut am 17. Februar 1962 auf, allerdings in einer vollkommen anderen Größenordnung.

Am 31. Januar 1953 bildete sich am Rande eines Tiefdrucksystems über Skandinavien nördlich von Schottland ein Randtief, das sich rasch verstärkte und über die Nordsee zur Deutschen Küste zog. In der Nacht zum 1. Februar 1953 wurde aus dem Randtief ein Schnellläufer, der sich zu einem Sturmtief und dann einem Orkantief entwickelte. An der niederländischen Küste tobte sich ein Orkan bis zu Windstärke 12 aus, von denen Böen eine Windgeschwindigkeit bis zu 144 km/h erreichten.

Deiche haben die Geschichte der Niederlande wie bei keinem anderen Volk geprägt. Bis weit ins Mittelalter hinein waren weite Teile der Niederlande eine unwegsame Sumpf- und Moorlandschaft, so wie sie der Römer Plinius beschrieben hatte. Im Mittelalter schichteten die Bewohner in Friesland und in Groningen Erdhügel auf, auf denen sie Kirchen bauten. Dort suchten sie Schutz vor dem Wasser. Aus den Erdhügeln wurden Deiche, die Menschen gruben Kanäle, Windmühlen leiteten Wasser in die Kanäle hinein, aus der Sumpf- und Moorlandschaft wurde fruchtbares Ackerland. Wasser und Deiche – sie sind das prägende Element der Niederländer. Durch Deiche sind die Niederländer unabhängig geworden – 1648 wurde der 80-jährige Freiheitskrieg gegen die Spanier gewonnen, weil Landflächen mit Hilfe eines ausgeklügelten Deichsystems gezielt unter Wasser gesetzt werden konnten.

Im zweiten Weltkrieg hatten die deutsche Armee die Deiche bombardiert. Die Schäden waren behoben worden, doch bereits während des zweiten Weltkrieges hatte die oberste niederländische Deichbehörde – der rijkswaterstaat – auf den sanierungsbedürftigen Zustand hingewiesen. Nach Ende des zweiten Weltkrieges investierte die Niederlande vorhandene Gelder in die Poldergewinnung. Die Deiche wurden nicht generalüberholt, sondern mit Betonmauern erhöht.

Dies sollte sich am 1. Februar 1953 rächen. Ähnlich wie bei der Hamburger Sturmflut, kam die Katastrophe mitten in der Nacht. Die Wellen wuchsen in Vlissingen bis auf 4,55 Meter über Normalniveau an und unterspülten viele Deiche. Um 3 Uhr brachen die ersten Deiche in Zeeland bei Oude Tonge, Overflakkee, Kortgene und Kruinigen. Weitere Deichbrüche folgten in Noord-Brabant, in Zuid- und in Noord-Holland. In der Nacht und in den Morgenstunden des 1. Februar 1953 brachen alleine in der Provinz Zeeland Deiche an 589 Stellen. Längs der niederländsichen Küste, waren Deiche auf einer Länge von 187 Kilometern zerstört worden.

Im Morgengrauen vermittelte das Tageslicht einen ersten Eindruck vom Umfang der Katastrophe. Weite Teile Zeelands waren ein einziges Wassermeer, aus dem Hausdächer, Kirchtürme und die Flügel von Windmühlen heraus ragten. Rund ein Viertel der Niederland liegt unterhalb des Meeresspiegels, so dass weite Teile der Kernprovinz Holland und der westliche Teil von Noord-Brabant überflutet wurden. Einzige Ausnahme blieb das Gebiet um Rotterdam und Den Haag.

Die betroffene Bevölkerung konnte nur aus der Luft oder über Boote versorgt werden. Mit dem Gang der Gezeiten wich am 1. Februar tagsüber die Flut wieder zurück, in den Abendstunden und in der Nacht stieg sie aber wieder an, und zwar bis zu 5 Metern.

Die Menschen harrten auf Dächern aus. In den Morgenstunden des 1. Februars hatte die niederländische Regierung bereits den Notstand ausgerufen. Armee und Katastrophenschutz waren rund um die Uhr im Einsatz. Belgische, französische, englische und amerikanische Soldaten halfen genauso.

1.835 Tote war die verheerende Bilanz, dazu Sachschäden in Millionenhöhe, Obdachlose, ertrunkene Tiere.

Quelle: Tourist-Information Zeeland
Ähnlich wie bei der Hamburger Sturmflut, wurden die Ereignisse in mehreren Fernsehdokumentationen sorgsam aufbereitet. Alljährlich ist der 1. Februar in den Niederlanden ein nationaler Gedenktag. Läßt sich so die eine Katastrophe heraus filtern, die wirklich eine Katastrophe ist ? Ich denke ja, denn bei dem Umfang dieser Katastrophe werden viele Niederländer noch Bekannte oder Verwandte kennen, die davon betroffen waren. Diese Katastrophe war Auslöser für den Delta-Plan, das gesamte  Deichsystem an der niederländischen Küste neu zu bauen. Technische Denkmäler des Deichbaus sind so entstanden. Neeltje Jans ist eine künstlich angelegte Insel, die den „zeeuwsen“ (seeländischen) Inseln vorgelagert ist. Neeltje Jans ist eine viel besuchte Touristenattraktion und Mahnmal an die Katastrophe zugleich. Die Sturmflutwehr mit hydraulisch absenkbaren Toren kann bei einem heranziehenden Super-Orkan in einer Stunde das gesamte Oosterschelde-Gebiet komplett abriegeln. Dem Super-Orkan Kyrill hat Neeltje Jans jedenfalls stand gehalten. Wasser und Deiche – in diese Ur-Elemente tauchen die Niederländer ab. Damit sich die eine einzige Katastrophe nicht wiederholt. 

Kommentare:

  1. danke für den interessanten post.

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  2. Das hast Du interessant geschrieben, Dieter.
    Ich habe die neue Sturmflutabwehr besichtigt und bin davon sehr beeindruckt gewesen.
    Bisher hat sie allen Wassern getrotzt.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  3. Lieber Dieter
    Ein sehr interessanter Post. Vielen Dank dafür!
    Danke auch für Deinen lieben Kommentar auf meinem Blog.
    Eine glückliche Woche wünscht Dir Yvonne

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  4. Danke dir auch für den interessanten Post, so mag man sich sowas gar nicht vorstellen d.h. davon betroffen zu sein.

    Allerdings wie immer bei solchen Überschwemmungen ist bzw. war der Mensch der Auslöser. Denkt man an diese ganzen Begradigungen muss man sich nicht wundern wenn Flüsse "überlaufen", Wiesen wurden bebaut und schon standen die Häuser im Wasser.

    Die Sturmflutwehranlage muss sehr interessant sein, gewaltig was da geschafft wurde^^ So können sich die Menschen wenigstens in Sicherheit wähnen, auch wenn das Wasser seine Gewalt hat.

    liebe Grüsse
    Nova

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  5. Hej Dieter,
    inflationär ist das richtige Wort. Katastrophe hat etwas "Magisches"(Quoten erhöhendes), wie sonst könnte man sich die Gaffer bei Unfällen etc erklären. Wir werden also magisch vom Negativen angezogen, sind entsetzt und gleichzeitig ... ja was? Vielleicht froh, das es "uns" nicht trifft.

    Gruß
    Beate

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  6. Das ist ein sehr interessanter Beitrag über die schweren Überschwemmungen der Niederlande, danke, ich wußte bisher darüber nur sehr oberflächlich Bescheid (genau genommen nichts).

    Das Wort "Katastrophe" wird in der Tat immer häufiger benutzt, um als Kauftrigger zu wirken oder jemanden zu einer Handlung zu bewegen. Ich stelle für mich fest, daß ich auf das Wort Katastrophe allein schon abwehrend reagiere, weil damit fast alles belegt wird, ob es katastrophal ist oder nicht, Hauptsache, die Nachricht/Zeitung/Sendung/Meinung verkauft sich damit besser.

    Ein schöner, guter, informativer Blog, Kompliment!

    Viele Grüße, Sathiya

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  7. Hallo Dieter,
    ja, ich schließe mich an, sehr interessant und wie immer gut aufbereitet! Was die Einzigartigkeit der Katastrophe betrifft - möge das tatsächlich so sein. Ich mache mir, seit ich vom Schzmelzen der Pole, vom Steigen der Meere höre, doch so meine Gedanken über manchen Landstrich, manche Insel dieser Welt, die unter oder nicht weit über dem Meeresspiegel gelegen sind...
    Herzliche Grüße, Traude

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  8. Uih, da galt es tatsächlich eine wichtige Bildungslücke bei mir zu schließen. Diese Katastrophe war mir nicht bekannt.

    Ich danke dir für den ausführlichen Bericht.

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