Dienstag, 19. Februar 2013

Hofladen und Bauernhof


Stolz zeigte die Hofinhaberin auf den Stein, der auf der Außenwand vermauert worden war. 1722: aus diesem Jahr stammte der Bauernhof. Zerbombt im zweiten Weltkrieg – wie viele Dörfer rund um Düren – war dieser Stein einer derjenigen tragenden Überreste, der den Zahn der Zeit überdauert hatte. Das Bruchsteinmauerwerk im zarten Braunton schmiegte sich sanft um den Gebäudetrakt des Hofladens.

Die schweren Schritte und die dicke Gestalt der 71-jährigen standen im Gegensatz zu ihrem Mundwerk, das flink war und einen schwindlig reden konnte. Selbstbewusst unterstrich sie die Bedeutung und den Erfolg des Hofladens, in dem es vor Kunden nur so wimmelte. Bis im Jahr 2010 die Ortsumgehung eingeweiht wurde. An der ehemaligen Bundesstraße positioniert, rauschten nun viele Kunden vorbei. Die Umsätze waren eingebrochen.

„Meine Produkte stammen aus der Region um Düren. Ich weiß, welchen Vorlieferanten ich vertrauen kann. Wer zuviel spritzt, von dem kaufe ich nichts mehr.“

Einkaufen auf dem Bauernhof ? Zufällig waren wir über eine Freundin in diesem Hofladen in der Dürener Gegend gelandet. Unsere Freundin hatte die 71-jährige und den 74-jährigen Hofbesitzer während eines Wochenendes im Kloster kennen gelernt. Die Bundesstraße stach unverdrossen in die Ausläufer der Nordeifel hinein. Sie marschierte den Berg hinauf, wo sie den Blick auf weitere Hügelketten offenbarte.


„Da, sehen Sie. Von diesem Hof kaufen wir die Hühner und die Eier.“
Tatsächlich. An der Wand hingen Fotos mit Seltenheitswert, die Hühner auf einem Hof mit viel Platz zeigten. Damit wurde dokumentiert, was Eier von tatsächlich freilaufenden Hühnern bedeuteten. Dagegen wurde in Discountern und Supermärkten weggeschaut, dass Eier mit dem Prädikat „von freilaufenden Hühnern“ nie und nimmer den Tatsachen entsprachen.

Die Idee, auf einem Bauernhof einzukaufen, fanden wir nicht abwegig. Es entsprach aber effektiv nicht unseren Einkaufsgewohnheiten. Einkaufen auf dem Bauernhof, das gab es genauso bei uns zu Hause um die Ecke. War es uns zu teuer ? Oder steckten wir voller Widersprüche, dass unser ökologisch bewusstes Einkaufsverhalten um Bauernhöfe einen Bogen machte ? Oder scheuten wir die zusätzliche Wegstrecke zum Bauernhof ?

Der Käse stammte aus eigener Produktion, der Weißkohl kam aus der Bretagne, die Tomaten – die 2,99 € kosteten - kamen definitiv nicht aus der Dürener Gegend. Oder zählte man niederländische Gewächshäuser zur näheren Umgebung von Düren ? Wir kauften einen Sack Kartoffeln. Zu Hause im Supermarkt mussten wir suchen, bis wir die richtige Sorte fanden. Oft war diese nicht vorrätig, und wir mussten uns mit Kartoffelsorten aus Zypern, Frankreich, Spanien, ja, sogar Ägypten begnügen. Das war schlichtweg ökologischer Unsinn, wegen Subventionen, Verbraucherwünschen oder Lobbyistentum Agrarprodukte quer durch Europa zu karren..

„Den Kuchen habe ich komplett selbst gebacken. Darum reißen sich meine Gäste.“

Bienenstich, Käsekuchen oder Kirschstreusel – das sah hinter der Glasvitrine sehr lecker aus. Treppenstufen führten sogar in ein abgetrenntes Café hinauf, in dem man es sich gemütlich machen konnte.

Transparenz der Nahrungskette. Der 74-jährige Hofbesitzer führte uns in den Aufbereitungsraum der Rohmilch. Aus den Eutern der Kühe wurde die Milch abgesaugt. Er öffnete die Zinkabdeckung des Bottichs, der nahezu den ganzen Raum ausfüllte. „Die holt ein LKW ab und fährt sie nach Pronsfeld bei Bitburg“ erklärte er den weiteren Weg der Milch, bis sie in den Regalen von Supermärkten landete.

Massentierhaltung ade. Wir schritten in den Kuhstall. Das war übersichtlich, wie die Reihen von Kuhköpfen scheinbar desintessiert in den Stall schauten, sich unsystematisch auf und ab senkten, tranken, fraßen, und überall fanden sich auf dem Betonboden Schichten von Heu. Zweirehig, standen sie sich mit ihren Hintertelen gegenüber, und dazwischen klaffte eine großzügige Lücke. Dort war ausreichend Platz, dass eine Katze auf Strohballen das undurchsichtige Treiben all der Kühe von einem höheren Standpunkt aus beobachten konnte. Das war eine ruhige Stimmung, in der ich Mühe hatte, aus den Gesichtszügen der Kühe Gefühlsregungen abzulesen. Sie diktierten ihren eigenen Rhythmus, Tag und Nacht, beständig untermalt mit dem Kauen ihrer Unterkiefer, das nicht enden wollte.


„Der Nachbar gegenüber ist Ingenieur bei RWE, der Nachbar daneben arbeitet bei der Stadtverwaltung, der nächste Nachbar arbeitet auf dem Bau. Bei gewissen Wetterlagen ist der Geruch intensiver. Die Nachbarn haben gelernt damit zu leben, und wir kommen bestens miteinander aus. Ab April geht es hundert Meter weiter auf die Wiese.“


Massentierhaltung ade. Im Nachbarstall hockten die Kälber noch weiter auseinander. Das war wie eine Insel. Ich dachte an den aktuellen Pferdefleischskandal. EHEC, Dioxin in Eiern, BSE, mehrere Gammelfleischskandale – hier war alles artgerecht und ich konnte vertrauen.


Der ganze Markt für Agrarprodukte war ein Tummelplatz für Betrüger, Schummler und Kriminelle, denen der Boden mit der Geiz-ist-Geil-Mentalität der Verbraucher bereitet wurde.

Was wir auf diesem Bauernhof sahen, war schlichtweg idyllisch und schön. Hier war die Welt noch in Ordnung. Mitunter bin ich froh, konservativ zu sein und an Traditionen festzuhalten. Und ich habe festgestellt, wie widersprüchlich ich selbst als Verbraucher bin.

Kommentare:

  1. Es ist schön, dass es noch Bauernhöfe gibt, die versuchen, im Einklang mit der Natur Produkte zu erzeugen, sei es mit der Erzeugung von Lebensmittel durch Anbau oder Tierhaltung.

    Schlimm finde ich die Massentierhaltungen, wenn Tier leiden müssen, sei es bei Schweinen, die in zu engen Gehegen dahinvegetieren müssen, dass sie sich Schwänze und Ohren bei aggressivem Verhalten abbeißen und deshalb oft kupiert werden oder Rinder, die eingepfercht stehen, Geflügel, das sich gegenseitig tot trampelt in überfüllten Ställen, einfach grausam.

    Aber es liegt auch an uns Verbrauchern gegenzusteuern.
    Wie sollen Tiere artgerecht gehalten werden, wenn wir das Spiel mit den Dumpingpreisen der Fleischprodukte im Supermarkt mitspielen?

    Liebe Grüße
    Christa

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    1. Deshalb ist es einfacher, das Fleisch weg zu lassen oder wenigstens extrem zu reduzieren.
      Mit den (Dumping-)preisen ist so eine Sache, weil viele von uns auch von Dumping-Löhnen leben müssen.

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  2. Find ich toll das mIhr nun auch den passenden Bauernhofladen gefunden habt. Ich kaufe den Großteil dort ein. Von Eiern, Gemüse über Kartoffeln und Obst. Ich mag nur noch das nötigste im Supermarkt kaufen, da steckt mir zu viel Betrug hinter vielen Dingen. Ich will Eier aus Deutschland steht auch auf der Verpackung und was ist drin... Eier aus NL.
    So kann ich ein Beispiel nach den anderen aufzählen.
    Regional und ich weiss wo die Sachen herkommen. ich brauche weder Ananas aus Chile oder Madagaska noch Datteln aus Tunesien.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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    1. Das ist der Vorteil bei euch draussen. Mich würde es fertig machen, mir einen Bauern zu suchen und zum Einkaufen an den Stadtrand zu fahren. Ds wäre schnell ein halber Tag vorbei...

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    2. Ja liebe Wieczora, hier auf dem Land kannst du schneller und besser im Bauernladen kaufen als in irgendeiner Kette.

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  3. Ich finde es erst einmal klasse dass sie diesen Stein als Zeitzeugen immer noch haben^^ So isses doch eine sehr schöne Erinnerun.

    Persönlich habe ich in D. immer gerne bestimmte Dinge in Hofläden eingekauf bzw. bestellt. So ist das im Norden von D. oft zu finden, und frischer geht's nimmer.

    Im Grunde so wie hier mit den "Bauernmärkten" am Wochenende. Einige Gemeinden haben schon eigene Gebäude gebaut wo die umliegenden "Bauern" ihre Produkte verkaufen können. Ich liebe diese Märkte und bin oft am WE in La Guancha zu finden.

    Toll finde ich dort auch die vorherigen Preisabsprachen untereinander, und vor allem dass die Produkte sogar noch günstiger als im Supermarkt sind.

    Wundere mich immer wenn auch im Supermarkt so manche Leute auf z.B. holländische, bekannte, eingeschweißte Gurken zurückgreifen, und bei den Nudeln muss es Barilla sein :-((( Die heimischen Gurken sehen zwar nicht so glänzend und glatt aus aber schmecken drei Mal besser...

    Liebe Nachtgrüssle
    Nova

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    1. Bei uns gibt es nur die genormten Gurken in den Supermärkten.
      Die natürlich gewachsenen Gurken vlt. auf Markständen oder sie gelangen i-wie in die Suppenküchen, wo dann ein Salat draus gemacht wird...

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  4. Hej Dieter,
    das vermisse ich, einkaufen auf dem Bauernhof. In D war der Hofladen im Nachbarort unser Lebensmittelgeschäft. Am Ortsrand wohnend, war ich so oft es ging mit dem Fahrrad zum Einkaufen dort, sogar im Winter. Das war mehr als nur "sich mit Lebensmitteln versorgen": die Tiere, das Gespräch über den Ladentisch, das Hoffest neben den Waren, ich vermisse das!

    Gruß
    Beate

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  5. Hallo Dieter,
    einkaufen auf dem Bauernhof... so etwaqs spricht mich auch sehr an. Leider gibt es hier bei uns so etwas -fast- gar nicht. Eier beziehe ich aus dem nahen Westerwald, alle 14 Tage werde ich beliefert. Zum Glück habe ich ja einen kleinen Nutzgarten, Noch immer ernte ich Feldsalat.. so schön.
    Dein Post hat mir gut gefallen. Düren ist nur sooo weit weg.... (lach)
    lG Marita

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  6. Hallo Diter, zu diesem Thema fiel mir meine Beitrag von Dez. 09 ein, den ich in unserer Dorfzeitung mal veröffentlicht habe, ich habe ihn Dir per Mail geschickt.
    LG Marita

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  7. So gut wie alle Verbraucher sind widersprüchlich. Da stehst du nicht allein da. Und auch ich muss mich da leider einreihen.

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  8. So ein Hofladen ist großartig, leider ist es - gerade, wenn du eine junge Familie bist - finanziell oftmals schwierig umzusetzen, ausschließlich so einkaufen zu gehen.

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  9. Wat een mooie blog. Zo'n oude steen is geweldig.

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  10. Das ist ja spannend. Wäre der Bauernhof nicht auch etwas für natürlich heimat? Da wird das einkaufen auf dem Bauernhof beworben?!

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