Dienstag, 26. Februar 2013

die Toilettenfrau


Ihr Arbeitsbereich erstreckte sich übersichtlich auf wenigen Quadratmetern. Praktisch und bequem, könnte man meinen, passte der weiße Bistrot-Tisch neben dem Waschbecken. Eine Blumenvase mit Narzissen hob das Ambiente des stillen Örtchens. Sie sorgte dafür, dass alles blitzblank und sauber war und schön duftete. Putzmittel, WC-Reiniger und Klobürste griffbereit, stand ihr Arbeitsplatz im Zentrum menschlicher Bedürfnisse. Und ab und an klangen die Münzen auf dem flachen Porzellanteller.

Ein Arbeitsplatz als Toilettenfrau ? Es hatte sie Überwindung gekostet. Und es kostete sie Tag für Tag Überwindung. Wäre sie doch nicht so faul gewesen ! Hätte sie doch die Hauptschule nicht geschmissen ! Nun, mit Mitte zwanzig, nachdem sie nichts auf die Reihe gekriegt hatte, sah sie keinen anderen Weg als zurück, zurück, zurück. Wo andere in ihrem Alter längst eine Lehre abgeschlossen hatten und im Beruf standen, führte ihr Weg zum Arbeitsmarkt nur zurück, zurück, zurück.

Ganz unten angekommen. Die Perspektivlosigkeit war ihr zu den Ohren heraus gekommen. Ein paar Euros selbst verdientes Geld in den Händen halten. Das Außenseiterdasein aufgeben und Teil der Gesellschaft werden. Nein, den ganzen Tag herum lungern und anderen auf der Tasche liegen, das wollte sie definitiv nicht.

Bewerbungen, Praktikum, Schule, Ausbildungsplatz, wenn etwas klappte, dann nur zeitweilig. Über ihren eigenen Schatten musste sie springen, als sie das Arbeitsangebot auf der öffentlichen Toilette der Stadt angenommen hatte. 7 € die Stunde, das war nicht so viel weniger wie als Reinigungskraft oder wie im Supermarkt Regale einräumen. Als ungelernte Kraft war die Auswahl der Arbeitsangebote ohnehin begrenzt. Putzen oder Toilette sauber machen, davor hatte sie sich nie geekelt. Der Job als Toilettenfrau hatte sie Überwindung gekostet. Das war hart an der Grenze zur Selbstverleugnung. Für solch einen Arbeitsplatz musste sie ihr Gehirn ausschalten. Anfangs schämte sie sich, dort sitzen zu müssen. Am liebsten hätte sie sich versteckt. Wenn Kunden kamen, schaute sie weg, irgendwo auf den Boden oder auf das sterile Weiß der Toilettentüre.

Wochenlang musste sie sich einreden, dass ihr Arbeit einen Wert macht. Sie nahm sich ein Beispiel daran, wie sie es im Haushalt ihrer Eltern gelernt hatte. Es war unstrittig, dass saubere sanitäre Anlagen einen Wert verkörperten. Sie ekelte sich vor dreckigen Toiletten, also sollte dies ihren Mitmenschen erspart bleiben.

Irgendwann kam der Punkt, da hatte sie sich mit diesem Job arrangiert. Auf dem stillen Örtchen war sie ihr eigener Chef. Mit Klobürste, Duftspray, Wischmob und Reinigungsmittel sorgte sie dafür, dass alles so schön fein sauber war, wie sie es zu Hause kannte. Mit ihren wachen blauen Augen begrüßte sie ihre Kunden. Manche kehrten wieder, und mit manchen hielt sie ein kleines Schwätzchen. Auf der einzigen öffentlichen Toilette im Zentrum der Stadt, war sozusagen ständig etwas los. Langweilig wurde es nie.

Ganz unten angekommen ? Sie schritt ein und wischte alles schön sauber, wenn bisweilen alkoholisierte Kunden neben das Urinalbecken zielten und stinkende Urinreste hinterließen. Hauptsache, die Kunden blieben friedlich. Bei Stadtfesten knubbelten sich die Menschen auf ihrem Arbeitsplatz. Das war in Ordnung, wenn Handgreiflichkeiten oder Schlägereien ausblieben.

Ganz unten angekommen ? Beinahe war es ihr gelungen, sich mit dem miserablen Image als Toilettenfrau abzufinden. Mental stand sie über diesem Niveau, das die Gesellschaft in die Schublade ganz unten einordnete. Doch den Nerv raubten ihr die allzu feinen Damen.

„Da drinnen ist es nicht sauber.“

Diese allzu feinen Damen schauten in die Ecken, nichts war ihnen gut genug, die Toiletten mussten so perfekt sauber sein wie ihre Gesichtsfarbe. Entsetzen lähmte ihr Gesicht, wenn sie selbst das kleinste Schnipselchen entdeckten.

„Für so etwas müssen wir noch fünfzig Cent zahlen !?!?“

Erst betrachteten sie ihren anschmiegsamen, festen Körper bis hinunter zu den flachen Wildlederschuhen, die weder lässig noch schick wirkten, sondern irgendwo dazwischen. Dann schauten sie auf die weiße Schürze der Toilettenfrau herab. Ihrem rundlichen Gesicht mit den leichten, mädchenhaften Zügen und würdigten sie kaum einen Blick.

„Da … „
Rollte das Kleingeld auf dem Teller dahin: Sie hatten es auf eine Art und Weise dahin geschmissen, so lästig, als ob sie es am liebsten in den Mülleimer entsorgt hätten.

Das waren Situationen, da hätte sie am liebsten ihren Job hingeschmissen. Sie selbst schritt mit Achtung und Würde durch ihr eigenes Leben. Es war schrecklich, wenn Mitmenschen ihre eigene Würde mit Füßen traten.

Kommentare:

  1. inzwischen gibt es immer mehr Toiletten mit Drehkreuz und Kasten zum Geld-Einwerfen. 50 Cent wirft man rein ... und dann darf man ... auch ohne Toilettenfrau.
    Wobei ... sie ist trotzdem noch da ... zum Reinigen. Ich frage mich nur ... was verdient sie jetzt ohne Trinkgeld? oder musste sie das Geld das in den Teller gelegt wurde abgeben? Ich vermute es fast.
    Ich wünsche jeder Toilettenfrau - und jedem Toilettenmann - ein anständiges Gehalt.

    lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  2. Ich finde es absolut mies so eine Arbeit und Person mit den Füßen zu treten. Sollen die Menschen die gerade sowas machen doch froh sein das es sie überhaupt gibt. Ich glaube jeder weiß nur zu gut wie so manche Toilette aussehen kann wenn nix gemacht wird, und leider wohl auf Frauen-Toiletten geht es negativ zu (leider und unverständlich). Wer über sowas überhaupt nur die Nase rümpft der hat Missachtung verdient!!!

    Liebe Morgengrüsse

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  3. Hej Dieter,

    als ich Deinen Beitrag las, wurde ich das Gefühl nicht los: Die Frau straft sich selbst für in der Vergangenheit aus eigener Nachlässigkeit Versäumtes. Dann schmerzen solche Verhaltensweisen Anderer
    doppelt. Ich wünsche ihr die Gelegenheit zur Ausbildung für eine andere Tätigkeit.

    Grüße
    Beate

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  4. Ich bin froh das es die Menschen gibt, die die Toiletten sauber halten und dafür bezahle ich gern 50 Cent.
    Bei Sinn im Gladbach arbeitet auch ein junge Frau, die macht diese Arbeit um für ihre Kinder eine Ausbildung zu erreichen, die sie nie gehabt hat.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  5. Dieter, es wäre vermessen, diesen Ausführungen
    noch etwas hinzuzufügen.
    Was wäre, wenn wir die Toilettenfrau nicht hätten?
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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  6. Hut ab vor den Menschen, ob Frau oder Mann, die diesen Job ausführen. Mit Würde und Respekt sollte man ihnen begegnen und froh sein, dass sie den Ort sauber halten, an dem wir unser Bedürfnis erledigen können.
    So manch einer sollte lieber darauf achten, dass er diesen Ort auch wieder so verlässt, wie er ihn selbst gerne anzutreffen wünscht und das ist leider nicht immer so.

    Liebe Grüße
    Christa

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  7. Ich muss mich den Worten von Christa anschließen.
    Eine schöne Würdigung eine "Kloofrau". Ich kann mich noch erinnern, als in Bautzen in Nähe des Krankenauses ein Pissior stand und immer vor sich hin stank, bis es mal weggerissen wurde, aber kein Ersatz dafür kam. Eine Toilettenanlage, die sauber gehalten wird ist doch ok und Hut ab vor den Frauen, die das machen.
    liebe Grüße Ulrike

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  8. Du beschreibst oft Sachen, die ich so selbstverständlich finde und mir wenig bis kaum Gedanken darüber mache. Dann fühle ich mich manchmal so ignorant...
    Danke, dass Du mich auf so kleine und doch so wichtige Dinge aufmerksam machst.

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  9. Toll geschrieben und leider so wahr Dieter :-(

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