Freitag, 22. Februar 2013

Sedantag in Wassenberg 1910



Heute war er der Star in Wassenberg. Hoch zu Roß kam er auf seinem Pferd daher geritten. Voller Stolz trug er seinen Brust- und Rückenharnisch. Blank geputzt, bedeckte dieser seinen Oberkörper. Gehalten mit Ketten besetzten Lederriemen, verlieh der Harnisch seinem Körper Glanz, Würde und etwas Herausragendes. Zwei Reiter mit Pickelhauben ritten voran, und in der freien Fläche über den Pflastersteinen präsentierte sich seine Gestalt wie der Star auf einer Bühne.

Wie anderswo im deutschen Reich, feierte Wassenberg den Sedantag am 2. September 1910. Der Sedantag erinnerte an die entscheidende Schlacht im deutsch-französischen Krieg 1870/1871. Am 2. September 1870 hatten deutsche Truppen die uneinnehmbare Festung Sedan in den französischen Ardennen erobert. Napoleon der Dritte war vernichtend geschlagen und musste abdanken. Nach dem Friedensschluss fiel Elsass-Lothringen an das deutsche Reich.

Weder der Tag des Friedensschlusses, noch der Tag der Kaiserproklamation in Versailles, noch der Tag der Schlacht bei Sedan, hatten sich als Nationalfeiertag des deutschen Volkes durchgesetzt. Mancherorts wurde der Sedantag gefeiert, aber gerade im Rheinland lehnten die Kirchen größere Feierlichkeiten ab, da ein Krieg verherrlicht wurde und da sich die Aufmärsche speziell gegen den Erzfeind Frankreich richteten.

Am 2. September 1910 war der Bann gebrochen. Runde 40 Jahre lag nun die Schlacht bei Sedan zurück. Im Zeitalter des Imperialismus fielen die europäischen Staaten wieder auf ihre Nationalismen zurück. Patriotimus, die Rückbesinnung auf alles Deutsche, die Erinnerung an erfolgreich geschlagene Schlachten passten ins Bild. Der 2. September 1910 wurde fast überall im deutschen Reich gefeiert.

In Wassenberg hatten in aller Herrgottsfrühe die Glocken der Pfarrkirche St. Georg geläutet. Die Wassenberger hatten einen Festgottesdienst mit allen wichtigen Dorfpersönlichkeiten und Vereinen gefeiert. In der Volksschule sangen die Schüler Volkslieder, sie lasen Gedichte vor, die Heldentaten Kaiser Wilhelms I. wurden erzählt. Von der Wassenberger Burg wurden aus Kanonen Böllerschüsse gefeuert.

Höhepunkt des Tages war der nachmittägliche Festumzug. Warum Wassenberg  ? Wieso war gerade in dem rheinischen Provinznest zwischen Aachen und Mönchengladbach so viel los ? Das waren die Starallüren des Heinrich Stoffels. 22 Jahre jung, hoch gewachsen, 1,83 Meter, kräftige Gestalt, ein Herkules in Person, gut aussehend, rissen sich die Mädchen rund um Wassenberg um diesen charmanten Typen. Und es war das Top-Ereignis, dass der Kaiser persönlich ihn von Potsdam nach Wassenberg geschickt hatte. Denn er gehörte zur Leibgarde Kaiser Wilhelms II. Dieser ließ all seine Leibwächter in die Heimatorte, damit seine Person und der Sedantag gebührend gefeiert werden konnte.

Der Festumzug konnte sich sehen lassen. Es war weniger ein paramilitärischer Aufzug, sondern mehr ein buntes Treiben von Dorfpersönlichkeiten und Vereinen. Alle, die etwas zu sagen hatten schritten voran. Das waren der Gemeinderat, der Bürgermeister, die Pastore der beiden Konfessionen. Die Schützenbruderschaft mit ihren Fahnenschwenkern mischten den Umzug auf, in deren Mitte der Schützenkönig, begleitet von Trommelwirbeln und Querflöten des Trommlercorps. Musikverein, Kirchenchor, Junggesellenverein, Ehrenjungfrauen rundeten die Präsenz von Dorfvereinen ab.

Abschluss und Höhepunkt des Festumzugs bildete Heinrich Schuffels, den der Kaiser persönlich geschickt hatte. Sein Harnisch gehörte zur Uniform der Kürassiere. Auf seinem Helm blitzte der bronzefarbene Adler der Preußen. Kürassiere: als Reiter, durch Brust- und Rückenpanzer gegen Gewehrfeuer geschützt, hatte sie entscheidend zum Sieg in der Schlacht bei Sedan beigetragen. Mit Festball und Feuerwerk endete abends der Sedantag. Beziehungsweise mitten in der Nacht oder früh Morgens.

All die jungen Frauen in Wassenberg und Umgebung musste Heinrich Schuffels enttäuschen. Schon wenige Tage nach dem Sedantag kehrte er nach Potsdam zurück. Einige Jahre später, verlobte er sich mit einer Ostpreußin, er heiratete sie, er zog nach Ostpreußen und besaß dort ausgedehnte Ländereien.

Quelle: schriftlicher Nachlass Dr. Anton Schuffels; in: Heimatkalender des Kreises Heinsberg 1987, S. 76

Kommentare:

  1. Das hast Du schön erzählt Dieter, die Geschichte war mir nicht bekannt.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  2. Vielen lieben Dank für die Geschichte die ich auch noch nicht kannte^^ Weisst du ob dieser Tag heute dort noch immer gefeiert wird bzw. ob vielleicht nochmal so ein "Umzug" stattgefunden hat??

    Herzliche Wochenendgrüsse
    Nova

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  3. Hej Dieter,
    sehr interessant in Details der Geschichte einzutauchen, vor allem, wenn der Lebensweg einer Person damit verknüpft ist. So sah also eine Karriere zur damaligen Zeit aus. Ganz eigentümlich berührt hat mich, dass sich an den "Dorffesten" bis heute nichts geändert hat.

    Gruß
    Beate

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  4. La victoire des uns correspond à la défaite des autres, et c'est normal que le vainqueur fête sa victoire.
    Pour nous, en France, c'est la chute du second empire, ce dont on ne se plaindra pas, mais c'est surtout la perte de l'Alsace et de la Moselle... un des germes de la future guerre de 14/18 car bien sûr, la France n'avait qu'un rêve : la reconquête des provinces annexées par Guillaume II qui s'est faite dans le bain de sang qu'on a déjà évoqué ensemble.

    Bien amicalement, Dieter passe une bonne journée (sous la neige à nouveau ?)
    MamLéa

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  5. Lieber Dieter,
    toll erzählt. Mein Vater erzählte immer sehr viel von Sedan.
    Schade allerdings um die vielen gebrochenen Herzen (lach)!
    Liebe Wochenendgrüße sendet
    Irmi

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  6. hallo Dieter
    danke sehr für diese Einzelheiten die ich auch nicht kannte.Gerne reise ich in die Vergangenheit-)))
    lieben gruss
    Christa

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