Montag, 12. November 2012

Wochenrückblick #45

mit dem Trekking-Rad nach Köln
Mit dem Beginn der dunklen Jahreszeit reduziere ich gewöhnlich meine sportlichen Aktivitäten. Dunkelheit, unbeständige Witterung oder Frost, Schnee, Kälte halten mich vom Fahrradfahren ab. Trotz der ungünstigen Rahmenbedingungen habe ich letzte Woche eine Tour gewagt – mit dem Trekking-Rad, da auf diesem Rad die Beleuchtung heller als auf dem Rennrad ist. Die Radtour ging von Bonn nach Köln, eine Strecke, die ich ansonsten mit dem Rennrad nicht fahre, weil sie durchgängig flach ist. In der dunklen Jahreszeit ist diese Strecke durchaus sehr reizvoll. Bis Wesseling und Köln-Godorf führt die Strecke durchgängig den Rhein entlang, dann wieder ab Köln-Rodenkirchen den Rhein entlang bis ins Zentrum. Es war fast windstill, die Temperatur war mild und angenehm. Sonst komme ich viel zu selten nach Köln. Mit dem Dom, den romanischen Kirchen und dem mediterranen Lebensgefühl in den Stadtvierteln hat mich Köln seit jeher fasziniert. Kurz war der Abstecher bis zum Dom, dann ging es wieder nach Hause zurück. Entlang des Rheins, auf der Rückfahrt auf der anderen Rheinseite, senkte sich die Dunkelheit herab. Im Licht der Straßenbeleuchtung war dies sogar höchst romantisch. Wenn es nicht zu kalt ist und wenn es trocken ist, werde ich diese Tour sicherlich wiederholen.


Nicht gejoggt
Mit Beginn der dunklen Jahreszeit hatte ich mir vorgenommen, anstelle Fahrrad zu fahren zu joggen. Es klingt unglaublich: ich war tatsächlich zu träge. Sonntags Morgens nach dem Frühstück überlegte ich und überlegte und überlegte und konnte mich nicht entschließen loszulaufen. Seit letzter Woche weiß ich, dass ich die dunkle Jahreszeit mit einfacheren Radtouren – wie nach Köln – überbrücken werde. Außerdem habe ich über unseren Health Award bei der Arbeit gelernt, dass beim Kalorienverbrauch zwischen Joggen und Fahrradfahren ungefähr ein Faktor 2:1 liegt. D.h. man muss doppelt so viel Fahrrad fahren wie joggen. Wenn, dann wäre ich ca. eine Stunde (10 km) gejoggt. Vom Büro aus nach Köln nach Hause war ich aber 60 km in 3 ½ Stunden Fahrrad gefahren. Fahrradfahren ist somit deutlich effizienter als joggen !

Arsch huh !
Bei der Fahrradtour nach Köln kam ich zufälligerweise an den Rheinwiesen in Köln-Deutz vorbei. Ich konnte durch einen schmalen Spalt des Absperrzauns auf die Proben des Arsch-huh-Konzerts hindurch spinsen. Wolfgang Niedecken, Brings und viele andere Kölner Künstler probten dort Live auf einer Bühne für das Konzert, welches an das ursprüngliche Konzert vor 20 Jahren gegen Rassismus und Fremdenhass anknüpfen sollte. Freitags Abends im Autoradio hörte ich zufällig den Kabarettisten Wilfried Schmickler, der sein Gedicht mit dem Titel „Normal“ vortrug.
Vier Passagen fand ich besonders treffend:
Normal ist …
… wenn ein neoliberaler Politiker wie Philipp Rösler keine Sozialwohnung von innen gesehen hat und vom mitfühlenden Liberalismus schwadroniert
… wenn in einem Staat, der das Gerechtigkeitsprinzip hochhält, 10% der Bevölkerung 61% des Vermögens besitzen
… wenn es in Deutschland keinen flächendeckenden Mindestlohn gibt
… wenn der Staat die Stützen der Gesellschaft – das sind Kindergärtner, Krankenschwestern, Altenpfleger, Sozialarbeiter, Streetworker – so erbärmlich bezahlt, dass sie nicht einmal in Urlaub fahren können

Udo’s Geburtstag
Mittlerweile im vierten Jahr haben wir den Geburtstag meines geistig behinderten Schwagers Udo, der im Behindertenwohnheim lebt, bei uns zu Hause gefeiert. Dies war – wie im letzten Jahr – ein beeindruckendes Erlebnis. Sie sind ja alle behindert – vor allem beim Sprechen und in der Bewegung. Die Gespräche entwickeln sich etwas zaghafter – etwa über Fußball, Kinofilme oder gemeinsame Unternehmungen. Es wurde Kuchen gegessen und Kaffee getrunken, zwei DVD’s wurden geschaut und schließlich wurde zu Abend gegessen. Wie in den Vorjahren hat mich fasziniert, welche innere Herzlichkeit die Behinderten vermitteln. Jeder hat seine eigene Persönlichkeit, alle freuen sich sehr schnell, alle vermitteln non-verbal Dankbarkeit, dass solche Geburtstagsfeiern zustande kommen. Ein wenig gedämpft wurde die feierliche Stimmung, weil ein Behinderter kurz zuvor einen epileptischen Anfall hatte. Mehr oder weniger regungslos saß er da, er sagte kein einziges Wort. Kaffee, Kuchen und das Abendessen schienen ihm aber geschmeckt zu haben, denn er hatte ratzekahl seinen Teller leer gegessen.




Die Rüpel-Republik
Das Buch, welches derzeit ein Bestseller ist, hatte mein Interesse geweckt, nachdem ich auf meiner Rennradtour nach Erftstadt-Lechenich das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer als höchst rüpelhaft empfunden hatte. Der Titel erweckte meine Erwartungshaltung, dass in dem Buch jede Menge andere rüpelhafte Verhaltensweisen beschrieben werden – so wie ich sie selbst tagtäglich beobachtete. So bot zunächst der Konflikt zwischen Fahrradfahrern und Autofahrern in dem Kapitel „Wie auf deutschen Straßen das Faustrecht ausgeübt wird“ reichlich Stoff. Fußballplätze, Schulen, Nachbarschaftsstreitigkeiten, soziale Netzwerke, das waren die nächsten Tummelplätze für rüpelhaftes Benehmen. Und danach ? Das Buch trieb in eine diffuse Masse von Ursachenforschungen ab. Dass wir Deutsche viel zu egoistisch sind, dass wir viel zu viel fernsehen, dass uns in Deutschland die Mittelschicht abhanden gekommen ist (es gibt nur noch Arme und Reiche), dass der Konsum von Medikamenten explodiert ist usw. Für denjenigen, der halbwegs aufmerksam die Tageszeitung liest oder Tagesthemen / Heute-Journal sieht, war dies nichts Neues. Ganz weit hergeholt fand ich den Zusammenhang, die Verhaltensweisen von Christan Wulff auf Augenhöhe mit rüpelhaften Benehmen im Straßenverkehr, in Schulen, auf Fußballplätzen oder bei Nachbarschaftsstreitigkeiten darzustellen. Das sein Rücktritt gerechtfertigt war, will ich nicht kleinreden. Aber Vorteilsannahme oder Bestechlichkeit sind andere Ebenen als einen Gegner foulen, treten, bespucken oder von hinten umsäbeln. Nach meinen eigenen Erlebnissen ist die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln die intensivste Begegnung mit der Rüpel-Republik. Ich kann es nicht mehr hören, wenn manche Mitmenschen rund um die Uhr mit dem Handy telefonieren müssen. Insbesondere, wenn sie in ordinärem Ton über andere Mitmenschen herziehen, so dass der ganze Bus dies mithören kann. Schlimm fand ich zuletzt eine Situation, als ein greiser Mann mit Schwerbehindertenausweis in der Hand sich bis ganz hinten durch den vollbesetzten Bus quälen musste, bis ihm endlich jemand einen Sitzplatz freimachte. Davor graut mir bereits heute, wenn ich so steinalt werden sollte: dass ich auf die Hilfe anderer angewiesen bin und dass alle anderen gleichgültig darüber wegschauen.

Kommentare:

  1. Ja Dieter Köln und das Lebensgefühl der Menschen ist schon besonders. Ich habe arsch huh...im Fernseh verfolgt und es war noch besser als vor 20 Jahren.
    Musst Du denn so viel annehmen da normale bewegung wie ne halbe Stunde Joggen oder ne Stunde auf dem Rad nicht reicht? *grübel*

    Es ist doch schön, das der Geburtstag Deines Schwagers zu Hause gefeiert werden kann.
    Bei manchen Behinderten ist ein fremde Umgebung ganz schlimm, selbst die kleinste Änderung im Tagesablauf, macht sie krank. Übernächstes Wochende ist im Alexianerstift, Köln wieder Weihnachtsmarkt, da werden Bastelsachen der Behinderten verkauft und der Erlös kommt ihnen sofort wieder zu gute. Die Behinderten können dort in Gärnerei, Holzverarbeitung oder Werkstatt arbeiten. Ist immer sehr schön und spannend.

    Das scheint ja ein sehr interessantes Buch zu sein, sowas interessier mich auch.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

    AntwortenLöschen
  2. Das ist etwas was ich hier vermisse....Fahrrad fahren ;-) Ich habe mein Rad gleich in D. gelassen, denn hier würde ich es mir nicht antun. Dafür bin ich nicht sportlich genug die Berge hoch und runter zu fahren, auch wenn es das hier auch gibt. Sogar Radrennen werden veranstaltet *schnauf*

    Liebe Grüsse
    Nova

    AntwortenLöschen
  3. Köln sehe ich auch höchst selten. Ist einfach nicht meine Stadt und es gibt für mich sonst einfach keinen Grund hinzufahren. Aber die Mentalität ist genauso wie ich sie mag. Frei Schnauze, ehrlich, direkt.

    "… wenn in einem Staat, der das Gerechtigkeitsprinzip hochhält, 10% der Bevölkerung 61% des Vermögens besitzen". Da fällt mir einfach nichts zu ein ... ein Graus.

    Euer Geburtstagstisch sieht sehr einladend aus und die Gäste haben den Besuch bei euch sicherlich genossen. Ja, die vom Leben wirklich Benachteiligten sind oftmals die Herzlichsten ... eigentlich ja eher unlogisch.

    AntwortenLöschen
  4. Een heel fijne blog, dank je wel. Mijn zoon woont ook in een tehuis ;-) Ik vond het een heel mooi stukje over Udo.

    Wat je schrijft over Genova in je comment vind ik heel leuk. Ja, het is dezelfde en er moet nog wel wat te vinden zijn. Maar eigenlijk is het een legende.

    AntwortenLöschen