Freitag, 30. November 2012

beim Friseur

Diesmal standen mir die Haare nicht zu Berge. Diesmal musste man nicht auf Entdeckungsreise gehen nach meinen Ohren, die von einem Urwald von Haaren zugewuchert waren. Diesmal erinnerte ich nicht an die wilde 68er-Generation, als die Haarmähne ein Zeichen von Revolution und Unbeugsamkeit war.

Die Ohren waren noch nicht ganz bedeckt, Haarbüschel meines Ponys trübten noch nicht den Blick durch meine Augen. Bei meinem Gang zum Friseur hatte ich hatte diesmal so zivilisiert ausgesehen, dass ich mich auf der Straße sehen lassen konnte.

„Was macht die Älteste ? ….
… was geht’s dem Jungen in der Ausbildung …
… was macht die Kleine in der Schule ? … „

Der Gang zum Friseur ist so eine Art von Blitzlicht, was gegenwärtig ist. Ich reflektiere frei und halte mich nicht zurück, wenn es irgendwo hakt und klemmt. Ich rede viel offener als sonst wann. Dabei spüre ich Diskretion und Zuhören und Einfühlen in die Situation des anderen. Ebenso stimmt diese Gleichzeitigkeit von Distanz und Nähe: während die Schere klappert, wird das Denken in geordnete Bahnen gelenkt. Tiefenbohrungen dringen in die Gefühlswelt ein, aber nur so weit, dass keine Grenzen überschritten werden. Die Theorie, dass Friseure exzellente Psychologen sind, kann ich nur bestätigen.

Ein Blick in den Spiegel offenbarte die wohl geordnete Struktur, die meine Haare wieder zurück gewann. Büschel ergrauter Haare waren auf den Boden gepurzelt. Die Schere schnitt Maß und Proportion zurecht. Mit meinem eigenen Äußeren begann ich mich wieder anzufreunden. Ich lehnte mich in meinem weich gepolsterten Stuhl nach hinten.

Auch die Friseuse begann, aus ihrem Nähkästchen zu plaudern. Sie setzte auf meinen Beitrag zum Thema Freundschaft auf, dass unser Freundeskreis außerhalb der dörflichen Strukturen zu finden ist. Dies war bei ihr nicht so, denn über ihren Mann und die Vereine war die Vernetzung mit dem Dorf stärker.

„Da müssen Sie aufpassen, was Sie sagen. Am nächsten Tag weiß es das ganze Dorf.“
Ich nickte.

Sie fügte hinzu:
„Als wir den Wasserschaden hatten, als die geplatzte Hauptleitung im Ort unseren Keller unter Wasser gesetzt hatte, da haben wir gemerkt, welches unsere Freunde sind. Aus dem Dorf hat sich niemand sehen lassen. Die Freunde von meiner Seite, die nicht im Dorf wohnen, haben mitgeholfen.“

Einige Zeit später, schwenkte das Gespräch zu ihrer Stieftochter über. Sie lebte in einer Patchwork-Familie, und ihr zweiter Ehemann hatte einen Sohn und eine Tochter in die Ehe mit gebracht.

„Sie können nicht ahnen, wie dumm die ist. Noch keine 18, hatte sie einen Termin beim Frauenarzt, weil sie Angst hatte, schwanger zu sein.“
„Es gibt Fälle, da kommt so etwas vor.“
„Sie überlegt nicht, was sie alles über Facebook an ihre Heerscharen von Freunden postet ….
… Was meinen Sie, was an den Tagen danach los war ? Unser Telefon hat nicht mehr stillgestanden. Das ganze Dorf und all ihre Freunde wollten wissen, ob sie nun schwanger ist oder nicht.“

Ich schüttelte den Kopf. Der Föhn pustete sein heftiges Gebläse über meinen Kopf. Meine Haare schmiegten sich in eine hintere Stellung, Bürste und Kamm brachten meinen Haarschnitt in die richtige Position. Die Bewegungen liefen wie im Schlaf ab, das war präzise, akkurat, sorgfältig. Meinen Kaffee hatte ich aus der schwarzen, sechseckigen Tasse längst ausgetrunken. Am frühen Morgen, kurz vor acht, hatte der Kaffee neben dem regen Treiben der Friseusen meine Lebensgeister geweckt.

Ich wechselte meinerseits das Thema: auf die Vorweihnachtszeit.
„Die Zeit kommt schneller, als man denkt. Übernächste Woche habe ich bereits mit meinen Arbeitskollegen unsere Weihnachtsfeier."
Ich zögerte kurz und sah, wie sie die Länge meiner Koteletten begutachtete, um sie danach ein winziges Stückchen weg zu rasieren.

„Wann machen Sie mit ihren Kolleginnen Weihnachtsfeier ?“

Ich sah, wie ihr Blick augenblicklich auf den Boden fiel und auf dem bläulich-schwarz-gestreiften Linoleum hängen blieb. Die Inhaberin des Friseursalons, die einer Kundin gerade die Haare färbte, ließ ihren Blick ziellos zwischen den Haarwaschbecken herum irren. Ihre Blicke trafen sich nicht, beide zögerten, Worte wanderten über die Lippen, aber wurden nicht ausgesprochen.

Offensichtlich hatte ich mit meiner Frage ein heißes Eisen erwischt. Lange Diskussionen musste es gegeben haben.

„Nächstes Jahr. Machen wir bestimmt. Kümmere ich mich drum.“ beendete die Inhaberin den Stillstand und das Schweigen.

Eine Weihnachtsfeier im Januar des nächsten Jahres ? Oder noch später ? So sinnierte ich vor mich hin. Nein, in meiner eigenen Firma hatte es so etwas nie gegeben. So lange ich bei unserer Firma war – und das waren ungefähr satte 30 Jahre – hatte es im Dezember irgendeine Form des geselligen Beisammenseins gegeben, was man unter dem Begriff „Weihnachtsfeier“ zusammenfassen kann. Rein und raus ging es mit der Fragestellung, wer die Feier bezahlt. Meistens die Firma – in schlechten Jahren hat uns dies nicht davon abgehalten, das Essen und Trinken aus dem eigenen Portemonnaie zu bezahlen. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass es Jahre gegeben hat, in denen unser Chef durch Abwesenheit geglänzt hat (selbst Krankheit oder familiäre Ereignisse sind mir nicht bekannt). Es war ein beklemmendes Gefühl, mitten in eine Art von Wespennest hinein gestochen zu haben.

Als dieser Moment abgeklungen war, setzte die Friseuse ihre feinfühlige Art fort und massierte meine Kopfhaut. Das war entspannend, wie Wellness, obschon ich Wellness in eigenen Wellness-Oasen niemals kennen gelernt hatte.


„Auf Wiedersehen … schönen Tag … grüßen Sie ihre Familie … „ Als ich mich verabschiedete, war mit diesen Förmlichkeiten mein Weltbild wieder zurecht gerückt worden.

Kommentare:

  1. Tcha meine Lieber , geh zum Friseur und Du erfährst alles, ob es Dich interessiert oder nicht...

    Liebe Grüße zur guten Nacht
    Angelika

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  2. hahaaaaaaaaaaaa,,ich lach mich tot heute!!!Sehr niedlich und witzig beim Friseur....da erfährt man alles..hihi
    schade das Du uns kein foto zeigst..vorher und nachher...
    hab ein schönes Wochnende Dieter...und danke für Dein lieben kommi-))))

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  3. Hm, beim Friseur halte ich meistens den Mund, nicht, weil die Leute mir unsympatisch sind, sondern weil ich small-talk nicht besonders mag. Die erste Frage ist immer :”waren sie dieses Jahr im Urlaub?” Meistens nehme ich ein Buch mit; ich verbringe anderthalbe Sunde dort und ich wuerde viel zu viel zu hoeren kriegen , was mich nicht interessiert.

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  4. Guggug Dieter (◠‿◠) Sehr interessant, mal eine ganz andere Sichtweise und Interpretation des Friseurbesuchs zu lesen. (≧◡≦) Ich selbst hasse es seit jeher zum Friseur zu gehen. Einfühlsam? Gute Psychologen? So etwas konnte ich noch nie bestätigen. Eher wie ein Elefant im Porzellanladen drängen sie einem ein Gespräch auf, fragen Löcher in Bäuchen, stopfen einen in irgendwelche Schubladen und dann sehen auch noch die Haar furchtbar aus. Grauenvoll. Schon gut, wenn man private Kontakte hat oder selbst schneiden kann. In den letzten Tagen berichtete unser Regionalsender "rbb" darüber, dass der Friseurberuf zunehmend unbeliebter wurde und die Bewerberzahlen zurück gegangen sind, so dass dieses Berufsbild wohl erst wieder salonfähig gemacht werden muss. Naja, einerseits machen heutzutage viel mehr Schüler Abitur als früher, andererseits machen immer mehr Billig-Friseure auf, obwohl die Friseure früher schon immer schlecht verdient hatten.
    Danke für deinen interessanten Kommentar, über den ich mich gefreut habe. Ja, die Armutsfotografie - und das mit Würde - ist ein Interessensgebiet von mir. Reichtum und Bildung lässt die Menschen leider oft eingebildet werden oder wirken. Mit einer natürlichen, netten Art bekommt mensch leider oft keinen Respekt entgegen gebracht. Armut bedeutet, wie gesagt, nicht schmutzig, was du bei deiner Begegnung bemerken konntest. Auch Obdachlosigkeit ist nicht mit Schmutzigsein gleichbedeutend. Aber Menschen, die sich selbst aufgegeben haben, und das ist bei schwer drogenabhängigen Menschen auch der Fall, merken nicht oder es ist ihnen egal, wie schmutzig sie sind. Aber dieser Dreck ist dann auch nur das äussere Anzeichen. Das Schlimmere ist a) Du kannst reden und Hilfe anbieten wie du willst, die Leute sehen in nichts einen Sinn und bekommen auch nichts auf die Reihe und b) durch den Dreck entstehen weitere Probleme, z.B. dass sie weniger Aufenthaltsmöglichkeiten haben, weil sie überall auffallen und aus Kaufhäuser z.B. schnell rausfliegen. Für mich ist Waschen und gepflegtes Erscheinungsbild das A&O, weil es wie eine Eintrittskarte wirkt.
    Was deine Kamera angeht, wird es wohl eher an der Firma Nikon liegen - entweder generell oder sie bauen die billigeren Modelle absichtlich schlechter. Casio kannst du auch für 80, 100, ... € bekommen. Da sind die älteren Modelle auch 1a, so dass du nachts sogar ohne Stativ fotografieren kannst.
    Beste Grüße und einen schönen 1. Advent wünscht Wieczorama (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  5. Ich liebe meinen Friseur, wenn ich auch mit dem Ergebnis nicht immer zufrieden bin.
    Viele Gespräche entlockt man mir nicht, weil ich es so genieße.
    Da falle ich in eine Starre und Gespräche werden schwierig. Schade eigentlich,
    dass ich solche Geschichten verpasse.

    Lieben Gruß
    eine schöne Geschichte

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  6. *ggg* ich habe morgen Früh ein Date mit meiner Frisörin und ich freue mich auch schon darauf. Eben nicht nur, weil ich danach wieder vernünftig aussehe, sondern eben weil man sich dort gut unterhalten kann.

    Weihnachtsfeier im Januar .... hmmm. Bei uns gab es bislang auch jedes Jahr Ende November oder Anfang Dezember ein nettes Zusammensein und das nun auch schon seit mindestens 22 Jahren ... solange bin ich zumindest dabei. Kann mir das auch gar nicht anders vorstellen. Dieses Jahr musste ich jedoch leider passen, weil die Feier genau am Beerdiungstag meines Schwiegervaters stattfand. Da stand mir abends dann nicht der Sinn nach Feierlichkeiten.

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  7. Haha, nette Geschichte, hab mich schlapp gelacht beim lesen :-)

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