Donnerstag, 21. März 2013

zufällige Begegnung beim Foto-Schnappschuss


Ich bemerkte ihn erst spät, als er auf mich zutrat. Ich bestaunte die blau gestrichenen Fassaden, die ein wunderbares Farbenspiel gegen den blauen Himmel und gegen die zerfaserte weiße Masse von Wolken pinselten. Ich machte vier bis fünf fotografische Schnappschüsse von dieser heimeligen Fassade. Mit Ecker und Stuckarbeiten waren die Fassaden wie geleckt. Im Stil nachempfundenen Fachwerks plazierten die obersten Erker ihre Ruhe und Gelassenheit auf die übrigen zwei Stockwerke.

Er zog das rechte Bein nach. Die Masse seines Körpers lastete auf einer Krücke in seiner rechten Hand. Obschon sein rechtes Bein und sein Gang durch irgendeine Krankheit gehemmt war, waren seine Gesichtszüge entspannt. Schwerfällig schritt er mit seinem durchdringenden Vollbart auf mich zu, der blaß war, aber noch nicht vollständig ergraut.

„Was machen Sie da ?“ fragte er mich direkt in mein Gesicht hinein.

Ich war irritiert und überlegte. Ich war unterwegs in meiner Identität als „rheinland-blogger“. Die Motive verdichteten sich auf dem kleinen Platz: die zusammengeklappten Tische und Stühle eines Restaurants, satte Schneereste Mitte März, die Baumkronen als Titel für meinen nächsten Wochenend-Post, das bereits beschriebene Farbenspiel.

Hatte ich etwas unerlaubtes fotografiert ? Gesichter ? Nein. In Vorgärten hinein ? Auf diesem Platz gab es keine. Die blaue bürgerliche Fassade ? Das wäre mir neu, dass ich Hausfassaden an einem Platz nicht fotografieren durfte.

„Sind Sie von der Stadtverwaltung ?“
„Nein. Meinen Sie, ich wäre ein Unheil verkündender Beamter !?!?!?“

Er war beruhigt. Wahrscheinlich hatte er mit Bürokraten von der Stadt schlechte Erfahrungen gemacht. Irgendwelche Wichtigtuer, die ihn drangsaliert hatten, ohne dass großartig etwas dabei heraus gekommen war.

„Ich bin Blogger und habe eine eigene Internet-Seite“ traute ich mich nach einigem Nachdenken zu sagen. Im Freundeskreis habe ich keine Hemmungen, mit meiner Identität als Blogger heraus zu rücken. Aber gegenüber Fremden auf der Straße ? Wusste er etwas damit anzufangen ? Oder betrachtete er es als Spinnerei, Realitätsferne oder Verdrängung ? Mit meinem Bekenntnis zum Bloggen gab ich mich eher schüchtern. Fremden gegenüber traute ich mich weniger in die Identität des Bloggers hinein.

„Ich wüsste nicht, dass ich auf diesem Platz etwas Verbotenes fotografiert habe.“
Dabei fiel mir ein Erlebnis von Weihnachtsmarkt ein.
„Hätten Sie vermutet, dass man Stände auf dem Weihnachtsmarkt nicht fotografieren darf ? …. Einen Stand, der mir besonders gefiel, hatte ich fotografiert. Der Verkäufer kam mir mit Hausrecht an. Das Innere des Standes darf nicht fotografiert werden. Er bat mich, sofort die Fotos zu löschen.“
„Typisch deutsch“ entgegnete der Mann auf der Krücke. „Die fangen direkt mit der Juristerei an. Finde ich auf einem Weihnnachtsmarkt überzogen. Die wollen ja gesehen werden. Die wollen ja auch, dass die Menschen bei Ihnen etwas kaufen. Lächerlich.“

Ich kreuzte den Platz mit meinen Blicken. Er hatte auch Stilbrüche und Gegensätzliches. Das Mulitplex-Kino streute Anzeigetafeln des laufenden Kinoprogramms auf die Frontseite. In der anderen Richtung war von der Burg nichts zu sehen, die sich wegen Renovierungsarbeiten in ein Korsett von Staubschutzwänden zwängte. Auf dem Platz mischten sich die aalglatten Fassaden von Banken in das bürgerlich-gehobene Niveau verzierter Mauern hinein. Ich bewegte mich in meinem Element als Blogger. An allen Ecken lauerten Besonderheiten auf mich. Meine Neugierde nahm kein Ende.

„Wollen Sie den Platz von oben fotografieren ?“
Ich verstand nicht. Aufs Dach klettern ? War oben eine Aussichtsplattform ?
„Ganz oben dritter Stock. Dort, wo die Erker mit den Fachwerkimitationen sind, wohne ich …
… kommen Sie !“
Dankend nahm ich seine Einladung an. Der Gang mit seiner Krücke war ein wahres Hindernis. Es dauerte eine Zeit lang, bis er diese Beeinträchtigung abschüttelte, aufrecht ging und seine Schritte sich mit einem normalen Gehtempo durchsetzten. Im Aufzug spürte ich eine Vertrautheit, als würden wir uns schon eine Ewigkeit kennen. Sein Blick wanderte locker zwischen den Wänden des Aufzugs hin und her. Unbestimmt schoben sich seine Denkfalten ineinander.

„Hinein in mein Reich !“ öffnete er mir seine Eingangstüre. Parkettboden, eine geräumige Etagenwohnung, an die einhundert Quadratmeter breiteten sich aus, eine aufgeräumte Küche. Er öffnete das große Panoramafenster und ich durfte fotografieren. Bei solch einem Ausblick musste es grandios sein, hier wohnen zu können.

„Worüber bloggt man so ?“
„Alles mögliche. Bilder vom Burgfriedhof habe ich gepostet, die Fassadenmalerei an der Bushaltestelle, die U-Bahn-Haltestelle oder die Michaelskapelle. Ich versuche, all den Dingen, die man tagtäglich sieht, etwas schönes abzugewinnen.“

Ich gab ihm meine Blog-Adresse. Er machte durchaus den Eindruck, dass ich ihn als regelmäßigen Leser gewonnen hatte.

DR. JUR. las ich, als er mir seine Visitenkarte reichte. Als Jurist hatte er ebenso eine eigene Internet-Homepage. Ich bin gespannt, ob wir in Kontakt bleiben.

Kommentare:

  1. Netter Bericht. Das hat mich so an meine "Blogger-Erlebnisse" erinnert. Vor allem die immer wiederkehrende Frage, wenn ich irgendwo was fotografiere: "Was machen Sie da?". Irgendwann antworte ich: "Kartoffeln schälen, sieht man das nicht?". ;-)

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  2. Das war eine nicht alltägliche Begegnung.
    Ich bin auch gespannt, wie sie sich weiterentwickelt.
    Einen schönen Abend wünscht
    Irmi

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  3. :-D - manchmal ist die Welt aber doch ueberraschend unheimlich nett und heimelig, oder?
    Koennte da auch stoooories erzaehlen ....

    LG, G.

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  4. Zuerst dachte ich daran dass er eventuell Angst wegen der Bäume hätte. Gerade wenn es sich um eine Veränderung handelt wird ja ebenfalls viel fotografiert, und ich habe schon alte Linden fallen sehen nur weil eine Straße verbreitert werden musste :-((( Alte Linden die Opfer geworden sind, gesund wohlgemerkt, und ärgerlich weil keine zwanzig Jahre eine Umgehung gebaut wurde und diese Straße wieder von vier auf zwei Spuren zurückgebaut wurde....hässlich zurückgebaut und ohne neue Linden.

    Seis drum, jedenfalls finde ich diese Begegnung wirklich wunderschön. Schon alleine ins Gespräch zu kommen und dann noch die Möglichkeit zu haben es sich von oben anzuschauen. Das war also das "Geheimnis" deines Fotos^^

    Übrigens wusste ich das bzw. habe ich es auch hier schonmal auf einem Handarbeitsmarkt erlebt. Da wurde ich auch gebeten keine Fotos vom Stand zu machen, allerdings war es keine Spanierin ;-) Die Tinerfeños sind immer Stolz und wollen meist mit aufs Foto :-)

    Liebe Grüssle
    Nova

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  5. Ha! Man war das spannend.Und dabei habe ich gar keine Zeit!!
    Doch ich musste unbedingt wissen, wie dein Erlebnis endet. :-)
    Jetzt muss ich mich aber beeilen...

    Liebe Grüße,
    Line

    PS: Das mit den Ständen auf den Weihnachtsmärkten wusste ich noch gar nicht...

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  6. Hej Dieter,

    Dein Beitrag ist für mich ein ausgezeichnetes Beispiel, wie aus einer objektbezogenen Erzählung eine sehr persönliche Geschichte werden kann, eine besondere Geschichte! Bloggen ist nicht nur Schreiben, sondern intensiver gelebtes Leben, in meinen Augen!

    Gruß
    Beate

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  7. Das ist eine der schönen Geschichten des Lebens - und wieder herrlich be- geschrieben.
    Ich kenne das Gefühl auch, wenn man misstrauisch beäugt wird, weil man etwas fotografiert. Wenn sich das dann so weiter entwickelt wie in deiner Geschichte ist der Moment ebenso festhaltenswert wie das Bild - danke :-)

    lieber Gruß zum Wochenende von Heidi-Trollspecht

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  8. Mooie ontmoeting. Echt genoten van je verhaal!

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  9. Was für interessante Geschichte! Manchmal lohnt es sich, sich auch vor Fremden zu öffnen.

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  10. Hallo,
    das ist ein schöner Beitrag unterhaltsam und ansprechend. Niedlich, wie du oft formulierst. Auch enthält deine kleine nicht-alltägliche Annekdote interessante Details: Einerseits warst du schüchtern od hast dich selbst so eingeschätzt, andererseits hast du dem fremden Mann ganz schön viel erzählt. Diesen Satz konnte ich nicht so einordnen/ verstehen: "Der Gang mit seiner Krücke war ein wahres Hindernis. Es dauerte eine Zeit lang, bis er diese Beeinträchtigung abschüttelte, aufrecht ging und seine Schritte sich mit einem normalen Gehtempo durchsetzten." Liest sich nämlich, als hätte er die Gehbehinderung draussen nur vorgetäuscht.
    Eine ähnliche Sache habe ich auch vor ein paar Wochen erlebt. Da machte ich Fotos von einem Wohnheim, was sich durch Schneefall etw schwieriger gestaltete. Dann kam ein Bewohner heraus, und ich sah nach, ob ich ihn erwischt hatte. Er kam auf mich zu, und ich rechnete schon damit, dass er die Befürchtung hat abgelichtet zu sein oder so... Für ihn sah ich aber wohl so aus, als wollte ich etwas. Er war aber auch neugierig, warum ich Fotos mache und ich war neugierig, wie das Wohnheim so ist und von innen aussieht. Der hat mich tatsächlich eingeladen, und ist mit mir wieder rein, obwohl er gerade zum Einkaufen raus war. Kurz hatte ich noch Bedenken, weil ich ja leider eine Frau bin und er ein Mann, aber da es keine Privatwohnung ist und ich viel zu neugierig war, habe ich diese Gedanken abgeschüttelt. War auch sehr interessant....

    Beste Grüße zum zum Wochenende, Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  11. Ich habe gerade deinen letzten posts nachgelesen. Du schreibst interessant und ausfuehrlich und deine Scriftsprache gefaellt mir sehr.

    Diese unverhofften Begegnungen bringen oft mehr als wenn man Bekannte trifft. Es lohnt sich immer, einen neuen Menschen naeher kennzulernen.
    Es waere doch amuesant, wenn ihr euch nun auch im internet begegnet.

    Schoene Gruesse an mein liebes Rhein- und Heimatland. Wo es anfaengt und wo es aufhoert koennte ich dir nicht sagen, ich weiss nur, dass es mich sehr an die Ufer des Flusses zieht.

    In einem Gespraech mit einer alten Kusine habe ich neulich hoeren muessen, dass es lange nicht mehr so ist, wie es mal war, dass meine schoene Samt- und Seidenstadt laengst ihren Glanz verloren hat.

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  12. Wenn dich interessiert was du aus öffentlichem Raum heraus ablichten und veröffentlichen darfst dann schau mal unter Panoramafreiheit nach. Bei Bildern, die nicht von der Straße aus (öffentlicher Raum) sondern von höheren Etagen (privater Grund) aus aufgenommen wurden wird es besonders problematisch aber auch, wenn das Bildnis/Skultur/Kunstwerk nicht dauerhaft an dem Ort bleibt.

    LG Arti

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