Donnerstag, 11. Juli 2013

Pumpspeicherkraftwerk Rursee

Rursee; Quelle: Wikipedia
Als die Römer Europa eroberten, widersetzte sich ein kleines gallisches Dorf. Miraculix einte die Kräfte mit einem Zaubertrank. Asterix und Obelix und all die anderen Krieger wuchsen über sich hinaus. Ein kleines gallisches Dorf besiegte die übermächtigen Römer und setzte Caesar und anderen Feldherren einen Nadelstich nach dem anderen.

Solche kleinen gallischen Dörfer haben sich in der Nordeifel formiert. Der Zaubertrank des schönen Rursees hat sie zusammengeschweißt. Sie sind über sich hinaus gewachsen, um das Gesamtkonzept der Energiewende vom Tisch zu wischen. In den Köpfen der Verantwortlichen dominiert nun die Ratlosigkeit.

Die kleinen gallischen Dörfer finden sich in Heimbach und Nideggen, das sind die umliegenden Gemeinden des Rursees in der Nordeifel. Niemand will Strom aus Atomkraftwerken, also hat die Bundesregierung den Atomausstieg beschlossen. Dieser Strom soll aus regenerativen Energien ersetzt werden.

Der Atomausstieg fand breite Zustimmung in der Öffentlichkeit. Um die Stromversorgung sicherzustellen, hatte die Bundesregierung ein breites Konzept ausgearbeitet: angefangen mit Gaskraftwerken, dann großflächiger Ausbau der Windenergie, Neubau von Stromtrassen und schließlich: Pumpspeicherkraftwerke, um Schwankungen des verfügbaren Stroms auszugleichen.

Als Talsperre in NRW war dafür die 203 Quadratkilometer große Rurseetalsperre optimal geeignet, so hatte es die rot-grüne Landesregierung in NRW beschlossen. Westlich des Rursees, auf der Höhe von Simmerath, sollte ein Oberbecken gebaut werden. Wenn der Wind pustet und die Sonne scheint, sollte Wasser vom Rursee in das Oberbecken gepumpt werden. Bei Windstille und in dunklen Jahreszeiten sollte das Wasser in einem Unterwasserstollen in den Rursee zurückfließen, wobei die Höhendifferenz von 260 Metern genutzt werden sollte, um Strom produzieren.

So weit, so gut. Dann kam das, was immer bei Großprojekten geschieht. Atomausstieg gerne, regenerative Energien gerne, sichere Stromversorgung gerne, aber bitte nicht vor der eigenen Haustüre. In den kleinen gallischen Dörfern Heimbach und Nideggen rüstete die Bürgerinitiative „Rettet den Rursee“ auf. Sie sammelte 6.000 Unterschriften, richtete eine Petition an den Landesumweltminister in NRW und plazierte ihre Proteste in Presse,- Rundfunk- und Fernsehreportagen.

Dabei kann man ihre Ängste durchaus verstehen. Sechs Jahre lang würde der Rursee im Baustellenchaos versinken, wenn das Erdreich mit insgesamt 200.000 LKW-Ladungen abtransportiert werden müsste. Der Rursee ist Erholungslandschaft, die Wanderer und Erholungssuchende fasziniert. Hotels und Pensionen, Ausflugslokale und Restaurants, Badestrände und Schifffahrt, Tretboot- und Segelbootverleihe verdienen am See. Solch eine Baustelle mit Dreck und Lärm würde all diese Geschäfte ruinieren.

Seit 21. Juni steht nun fest, dass Erholungssuche weiterhin die herrliche Seelandschaft genießen können. Geschäftsinhaber können sich beruhigt zurücklehnen, denn die Bürgerinitiative „Rettet den Rursee“ hat sich durchgesetzt. Bereits im Dezember 2012 hatten sich die Stadträte von Heimbach und Nideggen auf die Seite der Proteste gestellt und das Großvorhaben abgelehnt. Danach drohte die Mehrheit in der Bezirksregierung in Köln zu kippen. Auslöser dafür war eine Schwankung des Wasserspiegels um zwei Meter, wenn die Wassermassen hochgepumpt würden und später wieder zurückflossen. Das hörte sich nicht dramatisch an – an unseren heimischen Ufern des Rheins sind solche Schwankungen normal.

In der Sitzung am 15. März diesen Jahres war sich die Bezirksregierung in Köln uneinig und vertagte das Thema auf den Juli. Die Bedenken der kleinen gallischen Dörfer müssten ausgeräumt werden. Danach wurde wenig geredet, nichts klargestellt und der eigentlich undramatische Sachverhalt gärte vor sich hin. Am 21. Juni stieg schließlich der Investor – ein Zusammenschluss von 36 Stadtwerken – aus, da die politische Rückendeckung fehlte.

Die kleinen gallischen Dörfer Heimbach und Nideggen hatten ihr Ziel also erreicht. Eine Studentin der Bonner Universität, die aus Heimbach kommt, hatte sich aus geologischer Sicht mit dem Pumpspeicherkraftwerk befasst. Sie beschrieb ihre Dorfbewohner so: „Sie sind wenig offen für Neues, egoistisch und denken nur an ihre eigenen Dinge, aber nicht an die Allgemeinheit.“

Dass es anders geht, dazu gibt es Gegenbeispiele in Hülle und Fülle. Autobahnen, Umgehungsstraßen, Flughäfen, Müllverbrennungsanlagen und U-Bahnen werden gebaut. Ganze Dörfer werden in der Braunkohleregion umgesiedelt. Kanalbauarbeiten ziehen sich bis zu einem Jahr in die Länge. Straßen werden aufgerissen, Pflaster wird neu verlegt, Preßlufthammer erzeugen ohrenbetäubenden Lärm. Der Eindruck verdichtet sich, dass anderenorts unsere Städte und Gemeinden in Baustellen versinken.

Wieso haben die kleinen gallischen Dörfer das feindliche Pumpspeicherkraftwerk verjagen können, so wie es Asterix und Oberlix mit den römischen Truppen gemacht hatten ? Sicherlich haben die Politiker den Überlick verloren und waren nicht bei der Sache. Wenn es möglich ist, Autobahnen zu bauen, muss es auch möglich sein, Pumpspeicherkraftwerke zu bauen. Man hätte Hoteliers oder Restaurantbesitzer entschädigen müssen, so wie dies bei U-Bahn-Projekten zum Beispiel durchgängig gehandhabt wird.

Ich selbst schwanke in meiner Meinung, ob ich den kleinen gallischen Dörfern danken soll oder ob ich über sie schimpfen soll. Wenn niemand ein Pumpspeicherkraftwerk vor seiner eigenen Nase haben will, dann will auch niemand Gaskraftwerke, Windräder oder Hochspannungsleitungen vor seiner eigenen Nase haben. Die Politik kann hier nicht zum Verschiebebahnhof werden, Entscheidungen in ein Bermuda-Dreieck zu schieben, bis irgendwann die Stromversorgung zusammenbricht.

Die kleinen gallischen Dörfer haben eine Rechnung aufgemacht. Das Pumpspeicherkraftwerk Rursee hätte sechs Stunden lang 500.000 Haushalte mit Strom versorgen können. Wenn man alle deutschen Haushalte einen Tag lang mit Strom versorgen wollte, dann bräuchte man 483 Pumpspeicherkraftwerke. Die deutschen Mittelgebirge würden also in eine Seenlandschaft rund um die Bergkuppen verwandelt, wobei es erfahrungsgemäß neblige und trübe Wetterlagen gibt, die mehr als eine Woche andauern können. Mit ihrem hohen Naturverbrauch und ihrem niedrigen Wirkungsgrad ist diese Technologie ohnehin nicht mehr zeitgemäß. Es müssen andere Technologien erforscht werden. Dort hängt der Staat mit drin, wenn er die grüne Energie will, aber nicht weiß, wie sie gespeichert werden soll.

Die kleinen gallischen Dörfer haben es geschafft, die Schwachstellen unserer Energiewende bloß zu legen. Möglicherweise ist das Thema Pumpspeicherkraftwerke nun in NRW abgehakt. Die Landesregierung hatte bereits die Standorte der Aggertalsperre, der Biggetalsperre und der Hennetalsperre geprüft. Daraus wird wahrscheinlich nichts.

Kommentare:

  1. Hej Dieter,
    wahrlich ein hochbrisantes Thema der gesamten westlichen Hemisphäre (vll der Welt), die diese Mengen an Energie braucht. Braucht sie die wirklich? Ich meine das Energieproblem steht stellvertretend für unseren Ressourcen verschlingenden Lebensstandart, von dem aber niemand abrücken will. Und wie immer, merke ich, es muss erst alles "an die Wand gefahren" werden, um Einsichten zu erlangen. Das sind die Krisenzeiten, die Chancen bergen, etwas zum Besseren zu wenden. Ein Teil davon ist weniger Energie zu brauchen.

    einen schönen Tag noch
    Beate

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  2. Hallo Dieter, das hast du schön erzählt und ich habe es in den Medien verfolgt. Mit der Energiewende haben alle ihre Probleme. Atomkraft nein danke, Braunkohle, die ganze Orte verschlingt erst recht nicht.
    Windkraft ok, doch viel Räder müssen still stehen, weil das Netz nicht ausreicht den Strom zu speichern.
    Neue Netze müssen her!

    Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist schreit wieder jeder Mensch, doch jetzt will niemand eien Änderung vor seiner Haustüre. Saubere Energie aus Wind - und Wasserkraft sind wichtig, aber nein, die Eifel hast geschafft und jetzt wird wieder ein neues Kohlekraftwerk gebaut, eine Drecksschleuder, die Menschen werden der Heimat beraubt und krank macht.

    Schlimm!

    Liebe Grüße
    Angelika

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  3. Dieter, dieses Thema wird die Gemüter immer wieder
    erregen. Als Ende der sechziger Jahre das Kernkraftwerk
    hier in Obrigheim gebaut wurde, war das auch nicht allen recht.
    Es brachte viele Arbeitsplätze und der Protest verstummte.
    Immer mal wieder flackerte er auf - jetzt wird es abgebaut.
    Die Bürgerinitiative wird sich wohl totlaufen.
    Einen schönen Tag wünscht Dir
    Irmi

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  4. Tja, so ist das; vor der eigenen Haustuer? Nein danke. Auch hier in England nicht. Obwohl es uns angedroht wird, dass wir bald nicht mehr genuegend Strom aus herkoemmlichen Quellen haben werden.

    Dein vorletzter Absatz ist ein bisschen Unsinn: nicht nur Pumpspeicherkraftwerke wird es geben muessen, alle anderen neuen Moeglichkeiten wie Wind, Wasser usw. muessen erforscht und ausgenutzt werden. Eine Machart fuer alle gibt es bei Strom nicht. Wer jetzt einen Blick in die Zukunft werfen koennte . . . . . .


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  5. Hallo Dieter, ich habe deine Zeilen mit Interesse gelesen. Ich glaube wir Menschen sind uns alle ähnlich und möchten immer am liebsten, dass nach dem Sankt-Florians-Prinzip gehandelt wird :))
    Herzlichst MnaLina

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  6. Sehr interessanter Post wieder, lieber Dieter. Wie auch schon geschrieben...es muss was passieren, aber nicht vor der eigenen Haustüre. Sicherlich kann man die Bewohner verstehen, gerade wenn es auch um ein Erholungsgebiet geht, aber wo soll etwas passieren wenn die Atomkraft abgeschafft wird.

    Ich denke mal es wird wirklich nochmal so kommen wie vorhergesagt: das große Chaos und der Blackout.

    Liebe Abendgrüsse

    Nova

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  7. Einen Post, der sehr nachdenklich macht, hast du da geschrieben, lieber Dieter! Dabke dafür!
    Astrid

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  8. Hello Dieter,
    we should invoke to Asterix magic potion with them a great insight to those who must decide. Live Obelix, going against all established codes of the world! XD
    As you have already noticed, I don't know this issue at all, but I think we should end the nuclear energy, clearly.
    Big hugs.

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  9. Das Problem mit den erneuerbaren Energien ist ja wohl auch, dass jahrzehntelang nichts dafür investiert wurde: es wurde nicht in die Erforschung von neuen, effizenteren Technologien investiert, so dass heute die Technik eigentlich uralt ist mit äußerst wenig Wirkungsgrad. Auch ein Versäumnis von Regierungen und Industrie. Technik kann sich nun mal nicht im stillen Kämmerchen weiterentwickeln. So haben wir nun den Salat: die erneuerbaren Technologien hinken Jahre hinterher. Fatal, jetzt, wo wir sie bräuchten.
    LG Calendula

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  10. Hallo rheinland-blogger,
    ja genauso habe ich auch anfangs gedacht und mich lange mit so manchem dieser ominösen BI gestritten und diskutiert. Denn alles was recht ist, dass hört sich doch prima an - weht der Wind - dieser treibt eine Windkraftanlage an und wenn der so erzeugte Strom nicht gebraucht wird...dann pumpen wir einfach Wasser den Berg hinauf.

    Aber wie ich so nach und nach einräumen musste ist es dann noch nicht so einfach. Pumpspeicherwerke hatten sehr wohl Ihre Daseinsberechtigung jedoch war dies noch zu Zeiten wo man auf Atomstrom gesetzt hat. Mit dem Wegfall der Atomkraftwerke oder besser mit der von uns alle befürworteten Energiewende werden sie nicht mehr gebraucht.

    Warum ist das so? Nun Atomkraftwerke haben neben den vielen Gefahren auch mehrere technische Nachteile. Einer dieser Nachteile ist die lange Zeitspanne ein AKW herauf oder runter zu fahren. Wurde also schnell Spitzenlast benötigt konnte man Wasser aus dem PSW ablassen und so Stromerzeugen. Der Umkehrschluss wenn der erzeugte Strom nicht vom Netz aufgenommen wird konnte, wurde Wasser hoch gepumpt. Man kann halt nicht so ein AKW schnell ab und anstellen.

    Soweit so gut und warum nutzt man das nicht auch ohne AKW? Auch das wird jedem klar. Möglicherweise macht hier der eine oder Andere denselben Denkfehler wie ich auch. Wind und oder Sonnen Energie gehen und sollten immer als erstes in Netz gehen. Nur für den Fall (kommt leider heute noch nicht vor..) das Wind und Sonne ohne Gas und Kohle auskommt müsste man die Energie Speichern. Weil halt Gas und Kohle schnell einspringen können.

    Ach so dann muss also doch irgendwann wieder Energie gespeichert werden!? Richtig aber nicht in PSW sondern in Gaskraftwerken. Warum ist das denn so günstig? Nun jedem ist klar das man entschieden mehr Energie verbraucht um Wasser in ein Oberbecken zu Pumpen als mit dem ablassen wieder erzeugt werden kann. Ansonsten hätte man ja auch schon ein perpetuum mobile erfunden. Gas kann ich jedoch speichern, und abrufen wenns gebraucht wird und dann sogar Strom damit erzeugen.

    Was soll das also mit diesen Pumpspeicherkraftwerken? Ich empfehle jedem mal ein Besuch beim PSW in VIANDEN. Man traut seinen Ohren nicht bei der Führung (kostet im Übrigen nix) ist der erste Satz wir sind ein Energie Vernichtungswerk. Dies belustigt den Vorträger hervorragend zumal er in die erstaunten Gesichter im Vortragsraum blicken kann. Er geht sogar noch weiter - und beschreibt dass man gleichzeitig rauf und runter pumpt weil z.B die EON zu viel Strom hat und die RWE was braucht. Schnell fand sich jemand was das denn soll worauf man zu hören bekam das man beim herauf und runter pumpen Geld verdiene.

    Alles klar?

    PS ich würds auch nicht Glauben wenn ichs hier lesen würde somit verstehe ich Ihre Bedenken. Bleibt nur eine Möglichkeit - leider Sie müssen nach Vianden und an einer kostenlosen Führung teilnehmen.

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  11. Oh, ein Thema, das Gemüter erhitzen kann und es auch tut.
    Fakt ist, dass die Regierung zu wenig und zu spät in den Ausstieg aus der Atomenergie investiert hat. Allein erhöhter Druck von Außen (potentielle Wählerstimmen) haben dazu geführt, dass endlich der Atomausstieg überhaupt beschlossen wurde. Das angepeilte Datum wird aber wohl nie und nimmer eingehalten werden können.

    Fakt ist aber auch, dass tatsächliche viele der Stimmen, die für die Energiewende sind, nur solange dafür sind, bis in ihrer Nähe ein Windpark oder ähnliches geplant wird. Energiewende ja, aber bloß nicht in meiner Nähe ;-) So gehts dann auch nicht. Ist aber auch wieder typisch Mensch. Bei meiner Spezies wundert mich langsam gar nichts mehr.

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