Freitag, 26. Juli 2013

die Memoiren von Chateaubriand


Dichter und Politiker, eine seltene Kombination ? Die deutsche Nation kann dazu nichts beisteuern. In unseren Nachbarländern entdecke ich immerhin Vaclav Havel. Er schrieb Theaterstücke, widersetzte sich dem kommunistischen Machtapparat und  wurde nach den Revolutionen in den osteuropäischen Staaten Ende der 80er der erste Präsident der tschechischen Republik. Dichter und Politiker – mir fallen nur seltene Staatsmänner ein. In der griechischen Antike war es Perikles, der einer Rednerschule entstammte und politische Strukturen schuf, die der heutigen Demokratie größtenteils überlegen war. In der römischen Antike war es Ceasar, der fleißig sein Tagebuch über gallischen Krieg („de bello gallico“) schrieb, worin er sehr viele wertvolle Details – zum Beispiel über die Römer am Rhein – der Nachwelt überlieferte. In der Gegenwart prallen mit der Romantik von Dichtern und dem Machterhaltungstrieb von Politikern Gegensätze aufeinander, die unvereinbar aussehen, so dass ich keinen einzigen Dichter kenne, der gleichzeitig Politiker ist.

Cheateaubriand war ein solches seltenes Exemplar. Geboren 1768 , war er als Adliger dem Ruf Napoleons gefolgt, als hoher Beamter in seiner Verwaltung tätig zu sein. Dieser Ruf ereilte ihn 1800, als er nach Amerika gereist war und danach in England als Lehrer für Französisch seinen Lebensunterhalt bestritt. In England schrieb er seine ersten Erzählungen. Den literarischen Durchbruch erzielte er mit dem Abriss über das Christentum  „le génie du christianisme“, welches er in England begonnen hatte und während der Zeit Napoleons 1802 beendet hatte. In diesem Werk „le génie du christianisme“ stellt er seine eigenen Überzeugungen des Christentums dar, seine Art von Ästhetik und Philosophie, wie er das Christentum gesehen hatte, revolutionäre Ansätze des Christentums, die er in die Bewegungen der französischen Revolution transferierte. Dieses Buch wurde ein Bestseller in Frankreich. Nachdem Napoleon seinen Untergang bei Waterloo erlebt hatte, wurde er unter König Ludwig XVIII ab 1815 Abgeordneter des Oberhauses.

Aus heutiger Sicht könnte man ihn als Europa-Politiker bezeichnen, denn er war während seiner Abgeordnetenzeit gleichzeitig Botschafter, und zwar nacheinander in London, Berlin und Stockholm. 1822 war er Deligierter auf dem Kongress von Verona, auf dem die Besetzung Spaniens durch Frankreich gebilligt wurde. Von 1823-1824 war er Außenminister.

Schloß Combourg; Quelle: Wikipedia
Der Geist des Adligen Francois-René de Chateaubriand ist über Jahrhunderte hinweg im Schloss Combourg in der Bretagne konserviert worden. Chateaubriand schafft es, dass in seiner politischen Karriere seine Erinnerungen um das Schloss Combourg kreisen. So notiert er beispielsweise in Philadelphia in Amerika: „Die Straße die wir entlangfuhren und die mehr angedeutet als ausgebaut war, durchquerte ziemlich flaches Land. Fast keine Bäume, nur hier und da ein paar Farmen, weit auseinanderliegende Dörfer, ein Klima wie in Frankreich, Schwalben die über die Gewässer dahinflogen wie über die Teiche von Combourg.“ Das Schloss erhebt sich mit seinen beiden mächtigen Türmen über der Ortschaft Combourg . Im Schloss kann man das Kinderzimmer von Chateaubriand besichtigen, dessen Ausblick vom Turm aus er in seinen Memoiren beschreibt. Ein Raum ist der Pressefreiheit gewidmet, für dessen Engagement Chateaubriand einige Monate sogar im Gefängnis verbracht hatte.

Obschon Chateaubriand Adliger war, wurde er kaum reich. Als Botschafter musste er Feste veranstalten, zu denen er nur einen kleinen Obolus vom französischen Staat zurück erhielt. Seine Reisen quer durch Europa kosteten mehr als sein Abgeordnetengehalt hergab. Er musste einen Teil seiner Bibliothek verkaufen, damit er umgekehrt den Druck seiner Bücher finanzieren konnte.  

Er selbst unterteilte sein Leben in drei Abschnitte: als Reisender, als Politiker und als Schriftsteller. Seine Memoiren sind jede Menge Stoff. Insgesamt dreißig (!!!) Jahre hat Chateaubriand an seinen eigenen Memoiren geschrieben. Mit der Knappheit meiner eigenen Zeit tue ich mich schwer, dicke Wälzer zu lesen. Das waren insgesamt 782 Seiten, die ich in mich hinein gesogen habe. Mit so viel Seiten war ich rund drei Wochen blockiert. Trotz der hohen Seitenzahl:  die Memoiren haben mich in den Bann gezogen, Chateaubriand hatte viel zu sagen, es war spannend wie im Roman, seine Formulierungen waren literarisch brillant. Viele Herrscher aus Europa kannte er persönlich. Er bewegte sich quer durch die Epochen – Napoleon, Wiener Kongreß und Restaurationszeit (in der Frankreich einen unabhängigen revolutionären Weg genommen hatte). Er war ein Unruhegeist, der ständig in Bewegung sein musste. Seine Kommunikationsfähigkeit quer durch Europa mit dem direkten Draht zum französischen König muss grenzenlos gewesen sein – im prähistorischen Zeitalter ohne Handys oder Smartphones.

Grab von Chateaubriand; Quelle: Wikipedia
1848, als ein kleines Stückchen Französische Revolution Deutschland erreichte, sich aber nicht durchsetzte, starb Chateaubriand. Ab 1830 hatte sich Chateaubriand aus der Politik zurückgezogen. Weitere Essays über Geschichte, Literatur und Politik hatte er bis zu seinem Tod geschrieben.

Dem Meer verbunden, hatte Chateaubriand  in seinem Testament bestimmt, dass er direkt vor der Küste seiner Geburtsstadt Saint-Malo begraben werden wollte. Sein Grab erhebt sich hoch über den felsigen Klippen der Bretagne und schaut auf das Meer hinab. Die Stimmung über diesem Grab ist einzigartig.

Den Deutschen dürfte Chateaubriand übrigens weniger mit seinen Memoiren bekannt sein. Er war Feinschmecker und hatte einen eigenen Koch, der ihn während seiner Tätigkeiten im Ausland begleitete. Das Steak, wie Chateaubriand es mochte, musste von innen stets saftig sein. Sein Koch entfernte die äußeren Stücke des Fleisches, so dass der saftige Inhalt übrig blieb.

Chateaubriand ist also nicht nur eine Symbiose als Dichter und Politiker – sondern auch als Feinschmecker.

Kommentare:

  1. Also erst einmal musste ich bei dem Namen sofort an das leckere Gericht denken (man möge mir verzeihen)

    Ansonsten kannte ich die Geschichte nicht, von daher war es sehr interessant. Wieder was gelernt und dieses Grab....so ein wunderschöner Platz. Kann mir sehr gut vorstellen was für eine Stimmung dort aufkommt.

    Schönen Tag und liebe Grüssle

    Nova

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  2. Schön mitzuerleben, wie du eingetaucht bist in die Lebensgeschichte dieses faszinierenden Franzosen! Und die Grabstelle - einzigartig ( auch die Lichtstimmung auf dem Foto )!
    Immer wieder interessant & anregend, deine Posts!
    Liebe Grüße
    Astrid

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  3. Hallo Dieter, als Feinschmecker ist mir Chateaubriand auch bekannt, aber schön das du
    auch seine andere Seite zeigst, die war mit nicht bekannt.
    Wunbderbar wie du es beschrieben hast und die Fotos dazu, danke für den interessanten Bericht.

    Einen schönen Tag ohne Unwetter wünsche ich dir
    ♥ lichst
    Angelika

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  4. Lieber Dieter,
    ich merke schon, ich bin nicht die einzige, die bei der Erwähnung des Namens zuerst an das Doppellendensteak denken musste ;o)) Wobei mir klar war, dass der Name auf einen Staatsmann zurückgeht - doch viel mehr hätte ich über ihn schon nicht sagen können. Die Einblicke, die du bietest, klingen interessant - ja, und die Frage, ob heutzutage noch ein Menschenschlag existiert, der gleichzeitig zum Dichter oder Philosophen und zum Politiker berufen sein könnte, gibt einiges zu denken auf. Es ist wahrscheinlich (leider) wirklich so, wie du es anklingen lässt - manche Gedankenwelten passen nicht zu rücksichtslosen Ellenbogen.
    Du hast mich zur Musikrichtung des Konzertes befragt, bei der auch Jamie N. Commons aufgetreten ist. Ich glaube, seinen Stil kann man am ehesten beim Blues Rock und Folk ansiedeln. Weil es bis zum meinem Posting zum Thema vermutlich noch etwas dauert hier schon vorab etwas zum Reinhören: http://www.jpc.de/jpcng/poprock/detail/-/art/Jamie-N-Commons-The-Baron-10-EP/hnum/1303507
    Ebenfalls aufgetreten sind an diesem Abend:
    Depedro http://www.youtube.com/watch?v=JCjLQYEHJaQ&list=TLJLBmjXUx6Vo
    Amanda Palmer (eine ziemlich schräge Dame ;o)) http://www.youtube.com/watch?v=ea18wSkrK5g
    Calexico (der Hauptgrund unseres Konzertbesuches) http://www.youtube.com/watch?v=SejPLiszpM0

    Und eine Woche danach gab's dann Gov't Mule:
    http://www.youtube.com/watch?v=-Ad4oi9xgus
    oder hier etwas Softeres:
    http://www.youtube.com/watch?v=-Ad4oi9xgus

    Du siehst also, eine ziemlich bunte Mischung, die uns gefällt ;o))
    Ganz liebe rostrosige Grüße!
    Traude

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  5. Hallo,
    auch ich musste spontan an das Doppellendensteak denken, und finde die andere Seite von Cheateaubriand beschreibst. Sehr interessant und gut geschrieben.
    wieczoramatische Grüße zum Wochenende, Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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