Mittwoch, 3. Dezember 2014

Tünnes und Schäl

Denkmal Tünnes (Quelle Wikipedia)
Ihre Witze füllen Bücher und kursieren nicht nur in Köln, sondern über das ganze Rheinland hinweg bis ins Ausland und in die ganze Welt hinein.

Schäl trifft Tünnes, der im nächtlichen Köln etwas unter einer Laterne sucht.
Schäl fragt: „Wat hässde dann  verlore ?“
Tünnes: „Ming Portemonnaie.“
Schäl: „Wo dann ?“
Tünnes: „Hingen ahn d’r Eck.“
Schäl: „Waröm söökst de dann he unger de Latän ?“
Tünnes: „He eß het heller.“

In all ihren Witzen schält sich die trägere Variante des Verstandes heraus, der sich aber zu helfen weiß. Wichtiges und unwichtiges kann er trennen. Der Verstand darf sich erlauben, sich treiben zu lassen in einem seichteren Niveau der Gemütlichkeit. Nach getaner Arbeit formuliert er seinen Anspruch auf Ruhe. Dazu gehört das Kölsch in der Eckkneipe, der Schwatz mit den Nachbarn und Rituale wie der Karneval. Der Verstand verbohrt sich nicht Tiefsinnigkeiten, die isoliert für sich betrachtet nichts einbringen. Der Verstand kann auch aufblühen, wenn er kommuniziert und Netzwerke bildet. Insbesondere der Witz ist das treibende Moment des Verstandes, um Eingang in eine Situationskomik zu finden und messerscharfe Urteile zu bilden.
  
So gibt es manche hochkarätige und prägende Persönlichkeiten, die die Kölner Lebensart verkörpern. Witz und Humor ist all den Originalen gemein. Willi Millowitsch steht für sein Volkstheater, Trude Herr für eine deftige und offene Art von Humor, die Bläck Fööss für eine milieubetonte Art von Musik, die auf den Menschen aufsetzt. Willi Millowitsch und Trude Herr haben die Kölner dermaßen lieb gewonnen, dass sie ihnen ein Denkmal gesetzt haben.

Schäl (Quelle www.haenneschen.de)
Tünnes und Schäl, auf ihrem Bronzedenkmal in der Kölner Altstadt, im Blickfeld der romanischen Kirche Groß St. Martin, sind genauso beindruckende Kölner Originale. Beiden gemeinsam ist der treuherzige, brave, zulächelnde, etwas naive Blick. Gleichzeitig schaut Tünnes reichlich verschmitzt drein, so dass man sich in Acht nehmen muss, damit er einen nicht über den Tisch zieht.

Tünnes und Schäl, im Gegensatz zu Willi Millowitsch, Trude Herr oder die Bläck Fööss, haben nicht wirklich gelebt, sondern ihre Figuren sind auf der Puppenbühne entstanden. 1802 wurde nach mehrfachen Umzügen das Hänneschen-Theater, ein Puppentheater, in der Kölner Altstadt heimisch. Auf dessen Bühne erscheinen die Häuser in der Kölner Altstadt als „Knollendorf“. Dabei hat die Stadtbezeichnung „Knollendorf“ ihre eigene innere Bedeutung: das Stadtgebiet von Köln wuchs um diese Zeit,  die Urbanisierung schritt in ungeahnte Dimensionen voran, Felder wurden von der Großstadt einfach mal so geschluckt. Das trieb die Kappesbauern aus dem Umland in die Kölner Großstadt, die genauso Zuckerrüben ernteten, daher „Knollendorf“.

Sinnbild dafür war der Bauer, der einen blauen Kittel trug und ein rotes Halstuch. Rot und knollenförmig ist genauso seine Nase, denn er huldigt gerne einem oder auch ganz vielen Gläsern Kölsch. So wurde aus dem Vornamen „Anton“ in Köln „Tünnes“.

Gegensätze ziehen sich erwiesenermaßen an, daher tat sich der einfach gestrickte Bauer „Tünnes“ auf dem Land mit dem kleinbürgerlichen Städter „Schäl“ zusammen. In Köln ergab diese merkwürdige Kombination, dass beide nicht mit reichlich Intelligenz gesegnet waren. „Schäl“ ist schlank, mit einem Frack bekleidet und trägt einen Hut. Sein Name läßt Raum für Interpretationen, denn „schäl“ kann „schielen“, „schlecht“, „falsch“ oder „doppeldeutig“ bedeuten. Folglich ist höchste Vorsicht geboten, denn er gleitet leicht in kriminelle Verhaltensweisen ab, wenn er berechnet und sein messerscharfer Verstand ihm einen Vorteil verschaffen will.

Tünnes kommt eilig ins Lokal und ruft dem Wirt zu:
„Schnell ene Doppelte eh d’r Krach losgeiht !“
Er kippt den Doppelten.
„Noch einen, eh d’r Krach richtig losgeiht !“
Als Glas fast leer ist, fragt der Wirt:
„Wat für ene Krach denn ?“
„Ich kann nämlich nit bezahle !“

So wie die Figuren im Hänneschen.Theater geschaffen wurden, gab es einen Zeitversatz. Tünnes, der Immigrant aus dem bäuerlichen Umland von Köln, war von Anbeginn im Puppentheater des Hänneschen-Theater dabei, während es Schäl erst 50 Jahre später hinein schaffte.

Tünnes (Quelle: www. haenneschen.de)

Dabei riss ein weiterer innerstädtischer Kölner Konflikt auf. Der Puppenspieler, der den Schäl spielte, kam aus einem rechtsrheinischen Stadtteil. In dieser Zeit, um 1850, lebte die strikte Trennung durch die Rheinlinie nach. Schon die Römer hatten linksrheinisch gesiedelt, während das Römerkastell „divitium“ – später Deutz“ - den germanischen Barbaren zugerechnet wurde. Ebenso fußte aller Reichtum im Mittelalter auf linksrheinischem Gebiet, ebenso stehen alle romanischen Kirchen linksrheinisch. Was konnten die Kölner überhaupt mit der rechtsrheinischen Seite anfangen ? Sie wurde gleich in einen Topf geschmissen mit den bäuerlichen Vorfahren vom Schlage eines „Schäl“, der schielend durch die Weltgeschichte lief und mit seinem etwas reduzierten Verstand seine eigenen Mittel entwickelten musste, um sich zu behaupten.

So fanden Tünnes und Schäl Eingang in die Stadtgeschichte Kölns. Die rechte Rheinseite wurde fortan „Schäl sick“ (also falsche oder schielende Rheinseite) genannt. Die Trennlinie ist scharf und reicht bis Düsseldorf und bis nach Bonn hinein.

Im Puppenspiel, haben sich Tünnes und Schäl bis heute mit ihrem Temperament gut gehalten. Wer möchte, kann gerne in diese höchst phantastische Welt des Puppentheaters im Kölner Hänneschen-Theater eintauchen. Die Vorstellung ist allerdings in Kölscher Sprache, so dass der Besucher nicht so ganz sprachfremd sein sollte. Genau das verleiht aber dem Puppenspiel einen besonderen Reiz.

Kommentare:

  1. Meine Aussage: nicht alles kommt 'uebersetzt' ausreichend gut und/oder genau so wirkungsvoll heraus.

    Ich kringel mich ja heute noch mit der norddeutschen 'Jungverheirateten Weisheit' (von mir danach so genannt), welche einst Frau Heidi Kabel ihreszeichens als Theater-Buehnen-Kuenstlerin unterlegt wurde; lautete in ca.:
    " 3 unruettelbare Grundregeln f. eine Frau: 1) Blutflecken waescht man nur mit kaltem Wasser aus der Waesche 2) Spinat soll man niiiie aufwaermen 3) Mit Maennern kann man nicht argumentieren/reden !"

    Nix fia unguat: Gerlinde, der 'bayer. Australier' mit liebsten Gruessen :-D

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  2. Ach...was erinnere ich mich doch zu gerne noch an die Beiden d.h. allgemein an die Kölner Urgesteine. Sie gehören einfach dazu, so wie der Dom. Schon lange nicht mehr daran gedacht haste mich hier gerade lachen hören können. Einfach nur klasse dass du von ihnen berichtet hast, auch mit dem "Schäl sik", denn das wissen bestimmt einige Leute noch nicht.

    Wünsche dir einen schönen Tag und sende herzliche Grüsse

    N☼va

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  3. Ja, die Sprache muss man schon verstehen! Und besonders schwer wird es, wenn man in einer Kinder Vorstellung landet. Deshalb kommt das Theater für mich bei schwindendem Hörvermögen nicht mehr in Frage. Aber es sind schöne Erinnerungen damit verknüpft. Und die Tünnesperücke ist ein unverzichtbarer Teil des Kostümes, wenn mein Stammdesch bei den Schull-un Veedelszöch mitgeht.
    Danke für den Post!
    Astrid

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  4. Von Kindheit an wurden über diese beiden Typen Witze erzählt - über sie gewußt habe ich aber rein gar nix. Toll, wie Du das nun berichtet hast, danke schön. Gruß von der Insel, W. - wieder mal zur Winterzeit bei (Sa)bine

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  5. Ich liebe 'eure' Sprache und 'euren' Humor. Wenn wir im Rheinland zu Besuch sind, dann gehe ich gerne durch die Kaufhäuser und schnappe zu gerne ein paar Wortfetzen auf. Herrlich!!! Ihr seid wirkliche Frohnaturen!! LG - aus dem 'kühlen' Norden! Martina

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  6. Und Tünnes und Schäl stehen in einer ganz versteckten Ecke, beide mit blanken Nasen vom vielen Anfassen ;-) Gut, dass du sie hervorgeholt hast, die beiden, nicht die Nasen ;-)

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  7. Tünnes und Schäl ... mir waren die Namen zwar bekannt ... aber jetzt weiß ich mehr :-)
    danke für die Info.
    Mir ist Willi Millowitsch noch in guter Erinnerung. Er gehörte zu meinen ersten Fernsehfreuden :-)

    herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

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  8. Lieber Dieter
    Tünnes und Schäl.... das habe ich zuvor noch nie gehört. So spannend! Danke für diesen interessanten Post.
    Herzlichst grüsst Dich Yvonne

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  9. Ich mag die beiden sehr...und die Nasen sind so blank, weil es angeblich Glück bringt sie zu reiben :)

    Einen schönen 2. Advent wünscht dir
    Arti

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