Montag, 22. Dezember 2014

Weihnachten 1914 in Nieuwkerke, Ploegsteert, Diksmuide

Nieuwkerke, eigenes Foto 1984
Regen und schlechtes Wetter machten ihnen zu schaffen, so als würde die Schlacht nicht von Granaten und in den feindlichen Stellungen entschieden, sondern von unten. Im Erdreich hatten sie sich eingegraben in ihre Schützengräben, das System hielt wie ein Bunker oder Panzer, wenn der Feind angriff. Und dann der Regen im Winter, der die Temperaturen knapp über Null drückte. Wechselweise fror es, aber er Regen kehrte zurück. Die Schlachtfelder verwandelten sich in eine Landschaft aus Morast, in der die Soldaten bis zu den Knien einsackten. Fünfzig Kilometer vom Meer entfernt, waren die Flussniederungen schlimm. Wenn es regnete, drang das Wasser von unten ein, es stand in den Schützengräben. Elektrische Pumpen, wie man sie heute verwenden würde, waren in Kriegen noch nicht einsatzfähig. Die Soldaten mussten heraus, und auf freiem Feld waren sie schutzlos Granateinschlägen, dem Feuer von Maschinengewehren oder dem Kugelhagel aus Gewehren ausgeliefert.

Flandern betrachte ich als eine persönliche Angelegenheit, seitdem ich es einst von Nord nach Süd, von Ost nach West, aus allen Himmelsrichtungen überquert hatte. Großeltern oder Urgroßeltern kenne ich nicht, die auf den Schlachtfeldern Flanderns getötet wurden. So mancher Ort in Flandern hat sich in mein Gedächtnis eingegraben, so Nieuwkerke. Ich hatte den Grenzfluss nach Frankreich, die „Lys“ oder „Leie“, überquert, und das Gelände stieg an, nach Nieuwkerke.  Auf den Hügeln spürte ich diese unermeßliche Ruhe, Ausgeglichenheit, Entspannung, Stille, Idylle, Friede, Natur, Glück. Einige Kilometer weiter kam dann der Schock, als ich den Gipfel des Kemmelbergs erreicht hatte. Das weiße Monument eines Soldatenfriedhofs baute sich auf, weiße Kreuze reichten bis zum Horizont. Meinen Blick auf so viele Kreuze gerichtet, erzeugten die Gefallenen des Ersten Weltkrieges einen Abscheu dieser Urkatastrophe. Wieso niemand die Reißleine gezogen hat und die ins blinde Verderben rennenden Soldaten aufgehalten hat, das konnte ich nicht verstehen. Selbst aus heutiger Sicht bin ich wütend, wieso Intellektuelle wie beispielsweise der Soziologe Max Weber ins Schwärmen gerieten: „ … der Krieg verleiht dem Krieger eine konkrete Sinnhaftigkeit und etwas Einzigartiges: In der Empfindung eines Sinnes und einer Weihe des Todes, wie sie ihm nur eigen ist.“

Verbrüderung von Soldaten 1914, Quelle Michael Jürgs
Und ich nehme es auch persönlich, wenn Textpassagen von Schriftstellern wie Thomas Mann oder Alfred Döblin in eine ähnliche Richtung gingen und den Krieg letztendlich befürworteten. Urteilen konnten sie nur aus einer sehr hohen Flughöhe. Zweifellos finden sich auch nach 1914 gegenteilige Stellungnahmen. Sie hatten wohl damit gerechnet – wie alle Soldaten – dass der Feldzug in wenigen Monaten entschieden sein würde. Nachdem die deutschen Truppen im September 1914 sich bis auf 50 Kilometer an Paris angenähert hatten, waren sie zurückgeschlagen worden. Im Dezember 1914 war nun die Kriegsfront auf einer Länge von mehr als 400 Kilometern erstarrt, wobei die Niederungen zum Meer hin von Kanälen durchzogen waren, um die Feuchtigkeit im Boden über Entwässerungskanäle abzuleiten.

Entwässerungskanäle, Wasser im Erdreich und höher gelegene Stellungen führten in diesem Abschnitt zu erbitterten Gefechten. Im Dezember 1914 hielten die deutschen Truppen Nieuwkerke und den Kemmelberg, während Engländer und Franzosen vergeblich anrannten und sich durch Schlamm und Morast in den vom  Wasser durchtränkten Schützengräben wälzen mussten. Leichen stapelten sich und konnten nicht geborgen werden. Weil die Soldaten möglicherweise beim Versuch, sterbende Soldaten zu bergen, umgekommen wären, mussten sie tage- und nächtelang das Röcheln, die Schreie und den Todeskampf sterbender Soldaten auf dem Schlachtfeld aushalten.

Nieuwkerke auf dem Kemmelberg und Ploegsteert im Tal der Leie liegen nur wenige Kilometer auseinander.  In diesem Frontabschnitt kämpften im Dezember 1914 Deutsche gegen Engländer. Es mussten deutsche Soldaten gewesen sein, die am Heiligabend begannen, Weihnachtslieder zu singen. Sie sangen: „Stille Nacht, Heilige Nacht“ und „Oh Tannenbaum“. Von irgendwo her organisierten sie einen Weihnachtsbaum, ließen Kerzen an ihm brennen und stellten ihn zwischen ihre Schützengräben.

Soldatenfriedhof auf dem Kemmelberg, eigenes Foto 1984
Sie sangen und winkten dem Feind zu, dass er nicht schießen sollte, weil Weihnachten war. Die Engländer verstanden. Die Feinde auf Leben und Tod gingen aufeinander zu, sie wünschten sich ein frohes Weihnachtsfest. Sie tauschten sich Geschenke aus, das waren Zigaretten und Alkohol. Und sie tauschten Adressen aus, um sich nach dem Krieg wieder zu sehen – doch das sollte leider noch eine sehr lange Weile dauern.

Und an einigen Orten spielten sie Fußball – so in Ploegsteert. Als Erinnerung enthüllte dort zuletzt der Präsident des UEFA-Fußballverbandes – Michel Platini – ein Denkmal an dieses historische Fußballspiel zwischen Deutschland und England im Dezember 1914.

In Diksmuide hatten die deutschen Soldaten bei ihren Eroberungszügen die Monstranz aus der Kirche geklaut. Nun äußern sie den Wunsch, die Weihnachtsmesse besuchen zu wollen. Sie gaben die Monstranz zurück und fanden einen Pastor, der ihnen die Weihnachtsmesse las.

Doch all diese wundersamen Ereignisse waren eng an das Weihnachtsfest 1914 gekoppelt. Nachdem der Zweite Weihnachtsfeiertag 1914 vorbei war, wurde an vielen Kriegsfronten wieder geschossen. Und auch in den nächsten Kriegsjahren musste man solche Verbrüderungsszenen vergeblich suchen: sie wurden nunmehr als Desertation betrachtet, aus Angst vor ihrem eigenen Leben hielten sich die Soldaten daran, und bis 1918 hatte der Krieg keine Rücksicht mehr auf das Weihnachtsfest genommen. 

Kommentare:

  1. Die Situation spiegelt die größten Extreme menschlichen Seins wider. Einerseits ist der Mensch des Menschen Wolf andererseits hat er die Fähigkeit sich "über sich selbst hinauszuheben". Das ist hoffnungsvoll, denn es ist unsere einzige Chance unseren negativen Anteilen Absage zu erteilen, nicht nur in Kriegssituationen, sondern im Alltag.

    Frohes Fest für Dich und Deine Familie
    aelva

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  2. Ich war in den letzten Tagen auch gedanklich bei den Männern in den Schützengräben und den Frauen und Kindern, die das Fest allein zu Hause verbringen mussten. So ein Krieg ist so ein Wahnsinn, dass es nicht zu beschreiben ist. Das sollte sich niemals wiederholen! LG Martina

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  3. Krieg ist immer schlimm, aber zumindest ist Weihnachten ein kleines Zeichen der Hoffnung.

    Ein besinnliches und friedliches Weihnachtsfest im Kreise deiner Lieben und alles Gute für das kommende Jahr wünscht Dir

    Arti

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