Freitag, 12. Dezember 2014

William Turner am Rhein

Hochkreuz mit Godesburg
Er war ein Meister, dessen Lebenswerk sich mit dem Licht befasste. Er schaute mitten hinein, in die Kraftfelder des Lichtes, in all die Wechselspiele, Töne, Schattierungen, Tageszeiten, Jahreszeiten. Er reflektierte das Licht in den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft, so wie Aristoteles sie geformt hatte. Er studierte das Licht in seinem Übergang vom Barock in die Moderne. Er schaute nicht nur in sich hinein, so wie die Maler von Stillleben es getan hatten, sondern er ging hinaus in die Natur. Er malte das Licht in all seinen Facetten, das satte, fette, lärmende, schreiende Licht, das die Schiffe auf ihren Fahrten über den Ozean produzierten, das in all seinen Verzögerungen aufwachende Licht im Morgendunst, das die Händler auf dem Marktplatz in einen zarten Schleier einhüllte, das erschreckende Licht eines Großbrandes, der das House of Parliament in London auffraß. Er packte das Licht in Schneestürme, Rauchsäulen und Regengüsse ein, ließ es durch Fenster fließen und über Klippen stürzen. Und er verlieh Landschaften aus Burgen, Felsen und Wasser eine spannungsgeladene Energie, die in dem Wellenspiel des Wassers einen ausgleichenden Ruhepol fand.

William Turner, 1775 in London geboren, sein Vater hatte in jungen Jahren sein Talent entdeckt, war ein Überflieger in der Malerei. Generationen von Impressionisten sollten von ihm lernen, wie man in welchen Situationen welche Formen, Varianten und Ausprägungen des Lichtes in welcher Detailtreue darstellen kann.

Drachenfels
Es gehörte zur Methodik seiner Malerei, dass seine Ideen in einer Wechselwirkung aus den Beobachtungen in seiner Heimat und in fremden Ländern sprudelten. Als sich der europäische Kontinent nach den Napoleonischen Kriegen beruhigt hatte, begab er sich ab 1815 ins Schlepptau anderer Reisenden aus England und plante gezielt Reisen in europäische Länder. In Reiseführern, die in England erhältlich waren, wählte er sorgfältig seine Reiseziele aus. „The Traveller’s Complete Guide through Belgium and Holland with a Sketch of a Tour in Germany“ von Charles Campbell wies die Touristen auf eine Route entlang von Sehenswürdigkeiten, die in Belgien das Schlachtfeld von Waterloo einbezogen und in Deutschland auf dem Landweg über Aachen nach Köln führten.

Turner gewöhnte sich einen Jahresrhythmus an, dass er von Juni bis September europäische Länder bereiste und in den Wintermonaten all seine Eindrücke in einer Vielzahl von Aquarellen und Ölgemälden abarbeitete. In mehreren Reisen durchquerte Turner Deutschland von West nach Ost, von Nord nach Süd, wobei ihn seine erste Reise 1817 an den Rhein führte. So landete Turner, nachdem er die Niederlande und Belgien bereist hatte, am 18. August mit der Postkutsche in Köln.

Da das Zeitalter der Fotografie noch nicht angebrochen war, sammelte er seine Eindrücke in Skizzenbüchern. Sie dienten als Tagebücher, in denen er zum einen seine persönlichen Erlebnisse dokumentierte. Zum anderen zeichnete er mit dem Bleistift in Kleinstarbeit all diejenigen Details, die er für seine späteren Gemälde brauchte – wie etwa das Rheinufer mit einem Grünstreifen bewachsen war, wie Boote am Kai standen, wie sich die Stege zu den Booten neigten usw. Diese Skizzenbücher führte er in unterschiedlichen Größen mit sich, da er je nach Detaillierungsgrad des Objektes in unterschiedlichen Größen zeichnete.

Köln
Auf Schusters Rappen, wandernd, erkundete Turner Land und Leute. Die Eisenbahnlinie entlang des Rheins sollte erst 30 Jahre später gebaut werden, aber anstatt dessen konnte er einem System aus gut befestigten Straßen aus der Napoleonischen Zeit folgen. Dabei war er mit einem Tagespensum von rund dreißig Kilometern sogar ein sportlicher Typ. Damit seine Wanderungen bequem waren, trug er möglichst wenig unnötigen Ballast. Sein Rucksack war ein sogenannter „wallet“, das war ein Beutel, der an beiden Enden geschlossen war, mit einem Schlitz in der Mitte, um die nötigen Dinge hinein zu stecken. Penibel hatte Turner in einem Skizzenbuch sogar den Inhalt seines „wallet“ notiert: 1 Reiseführer, 3 Hemden, 1 Nachthemd, ein Rasiermesser, ein Regenschirm mit Hülle, ein paar Strümpfe, ein Wams, ein halbes Dutzend Bleistifte, 6 Halstücher, ein großes Halstuch, ein Farbkasten. Mancher Leser wird schätzungsweise zweifeln, ob die Liste vollständig ist.

Während seiner Wanderungen hielt Turner inne, er nahm sich Zeit, durchleuchtete die Sehenswürdigkeiten mit mikroskopischem Blick. Er zeichnete, füllte seine Skizzenbücher, machte sich Notizen, damit seine Zeichnungen eine solche Detailtiefe hatten, um sie in späteren Gemälden verwenden zu können.

Am 19. August 1817 übernachtete er in Bonn, am nächsten Tag war er hingerissen von den Ausblicken auf den Drachenfels und das Siebengebirge. Den Drachenfels zeichnete er in sein Skizzenbuch mit dem größten Format, das war das „rhine-book“. Eine längere Weile hielt er sich am Hochkreuz und an der Godesburg auf, um Außenränder und Details möglichst genau zu skizzieren. Dann wanderte er weiter bis nach Remagen, wo er übernachtete. Auf dem Weg dorthin hielt er den Ausblick auf Erpel und Linz sowie die Aussicht in der anderen Richtung auf die Apollinaris-Kirche in einem kleineren Skizzenbuch fest, das war das „waterloo-and-rhine-book“.

Der 21. August 1817 muss ein ziemlicher Gewaltmarsch gewesen sein, denn er wanderte in einem Stück von Remagen nach Koblenz. Somit zeichnete er an diesem Tag nur eine ausführliche Skizze, das war der Felsen „Hammerstein“ auf der anderen Rheinseite des Brohltales.

Moselbrücke Koblenz
Dafür blieb er zwei Nächte in Koblenz. Koblenz war seine Stadt. Er war wie gefesselt von der Moselbrücke, dem Moseluferpanorama, der Mündung der Mosel in den Rhein und der Festung Ehrenbreitstein. Jahre später, zog es Truner immer wieder nach Koblenz zurück. 25 Jahre sollte es aber dauern, bis er eines seiner Meisterwerke malte, das war die Moselbrücke mit der Festung Ehrenbreitstein.

Im Mittelrheintal widmete er sich dann den Burgen, das waren Stolzenfels, Lahneck, die Marksburg, Katz und Maus. Bis Bingen war er wandernd unterwegs, das letzte Stück nach Mainz fuhr er mit dem Schiff. Ab Mainz ging es dann nach Köln zurück, wobei er fast durchweg das Schiff benutzte, mit einer Ausnahme: die Perspektive auf den Rolandsbogen war komplett anders, daher verließ er das Schiff. Am 29. August 1817 wechselte er auf ein Boot,  ruderte um die Insel Nonnenwerth herum. Er studierte die Vielschichtigkeit der Perspektiven, wie der Rolandsbogen in Szene gesetzt wurde. In seinem Gemälde rückte er später die Proportionen zurecht, ließ den Rhein breiter wirken, die Felsen steiler, den Rolandsbogen noch mächtiger. Solch einen Blick konnte er nur vom Rhein aus einfangen.

 Am 29. und 30. August 1817 übernachtete er in Köln, wobei der den unvollendeten Dom und das Rathaus zeichnete. Danach reiste er ab in Richtung England. Im Winter des Jahres 1817/1818 verarbeitete er eine Vielzahl seiner Skizzen zu Gemälden. Das Skizzenbuch verkaufte er anschließend an einen Kunsthändler, der Walter Fawkes hieß.

Sieben Jahre später, 1824, verschlug es Turner abermals an den Rhein. Er reiste nach Lüttich, fuhr von dort aus die Maas aufwärts. Bis Verdun, von dort aus ritt er nach Metz, wechselte dort auf das Schiff und fuhr die Mosel entlang. Mehrere Tage verweilte er in Trier und in Cochem, wo er detailtreue, ganzseitige Skizzen fertigte. Zwei Tage blieb er vom 1. bis zum 3. September in Koblenz. Auf der Rückreise nach Köln befasste er sich abermals mit dem Felsen Hammerstein, mit dem Drachenfels, dem Siebengebirge und mit der Stadt Köln selbst. Erstmals fertigte er auf dieser Reise eigene Skizzen von Düsseldorf und von Aachen an. 1839 unternahm Turner eine weitere Reise an die Mosel und an den Rhein.

Seine künstlerische Ausbeute war überwältigend. 150 Jahre lang blieb diese Ausbeute allerdings nahezu unbekannt. Bis diese Bilder in der Londoner Tate Gallery ausgestellt wurden. Erst dann sind die Rheinländer auf diese Kostbarkeiten aus ihrer Gegend in der englischen Malerei aufmerksam geworden.

Quelle: Cecilia Powell, William Turner in Deutschland

Kommentare:

  1. Der Besuch der Tate Gallery war seinerzeit nur wegen der Turnerschen Kunstwerke geplant & durchgeführt worden. Seine Art der Landschaftsdarstellung ist einfach grandios!
    LG
    Astrid

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  2. Jetzt muss ich schmunzeln. Tate Gallery, ja, Turner oh ja, und noch dazu einer MEINER Maler, deren Kunst ich hoch schätze. Es stimmt, bei mir war das auch seinerzeit und das heißt ein paar Jahrzehnte! Ein Buch über sie Ausstellung habe ich mir damals auch gekauft und ich nehme wirklich noch immer in die Hand, um die Gemälde in Erinnerung zu rufen. Wunderbar!

    Gruß,
    Beate

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  3. Wie gut, dass es auch die dunklere Jahreszeit gibt, in der es dich nicht so sehr nach draußen zieht. So bleibt dir mehr Zeit für deine ansprechenden Posts! LG und einen gemütlichen 3. Advent! Martina

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  4. Lieber Dieter, große Kunst präsentierst du uns heute! Ich bin in Sachen W. Turner nicht so firm, soll heißen, ich weiß zwar, dass er viele andere große Künstler beeinflusst hat, aber nicht, dass er so viel in Europa rumgekommen ist und hatte daher auch keine Ahnung von seinen Rheinbildern und seiner Liebe zu Koblenz. Sehr interessant, darüber zu lesen! Auch wenn ich selbst gerne (jedoch nicht so begnadet) male, bin ich doch sehr froh, dass es inzwischen die Möglichkeit der Fotografie gibt, um Landschaften, die mich faszinieren, einzufangen. Freut mich übrigens sehr, dass die mein Beitrag zu Vivian Maier interssiert hat!
    Herzliche Samtstagabend-Grüße,
    Traude

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  5. Das sind schon tolle Bilder.
    Ich finde deine Informationen auch wieder sehr interessant.

    Herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

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  6. Ich mag Turner sehr - und trotzdem wusste ich nichts von seinen Rheinlandbildern. Das muss sich ändern! Ein guter Tipp von dir.
    LG, I.

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  7. Wie schön.... Ich bin ja ein ganz großer Turner Fan und hab viele seiner Bilderorte schon bereist. Die Ausstellung in der Tate hab ich auch gesehen, aber wir hatten auch mal eine zwar recht kleine aber sehr interessante Ausstellung "Reisen mit Turner" in Paderborn, dort wurden auch einige Bilder aus dem Rheinland gezeigt.

    http://altesteine.blogspot.de/2012/05/reise-nach-wales-mit-william-turner.html

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