Samstag, 27. Dezember 2014

Heilige Gertrud von Nivelles - doppelte Zerstörung 1940 und 1944

Unterführung mit Wandmalerei
Gäbe es nicht die Stadtwerke, dann würde die Stadtlandschaft an manchen Stellen in einer heillosen Wüste aus Beton, Blech und Plastik versinken. Unscheinbare Kästen, rechteckig, platt, emotionslos, vollgespickt mit der Technik von Stromverteilungen, werden zum echten Hingucker, wenn sie bemalt sind und die Schönheiten der Stadt zeigen. Auch an Bushaltestellen hübschen die Wandmalereien die Warterei auf – und vertreiben die Tristesse. Eine Unterführung wird zum wahren Erlebnis der Malerei - so in der Fußgängerzone. Und sie erzählt eine Geschichte vom doppelten Leid und von einer doppelten Zerstörung.

Gertrud von Nivelles, 625 südlich von Brüssel geboren, war sie Urgroßtante Karls des Großen. Ihre Mutter gründete ein Kloster in Nivelles, und nach ihrem Tode leitete sie als Äbtissin dieses Kloster. Sie war eine hoch gebildete Frau, sie befasste sich mit den christlichen Schriften, die auf der Bibel aufsetzten. Nivelles machte ihr Kloster zu einem Zentrum christlichen und abendländischen Denkens, indem sie Abschriften aus Rom kommen ließ, wie die Bibel auszulegen war, und sie gewann irische Mönche, damit das christliche Denken in neue Dimensionen vorstoßen sollte. Ihr besonderes Anliegen war, Frauen eine adäquate Bildung zukommen zu lassen, was im 7. Jahrhundert eine Art von Revolution war. Heilig gesprochen wurde sie, da sie sich um Arme, Kranke, Witwen kümmerte. Sie ließ Armen- und Krankenhäuser und auch Pilgerhospize bauen. Viel zu jung, im Alter von 33 Jahren, starb sie.

Stiftskirche St. Gertrud in Nivelles; Quelle Wikipedia
Nach einer Legende machte sie Schluß mit einer Ratten- und Mäuseplage. Überall krochen Ratten und Mäuse aus Löchern und Ritzen hervor, sie drangen in Häuser ein, und selbst Scharen von Katzen konnten die Plage nicht eindämmen. Ratten und Mäuse machten sich über die Felder her, sie fraßen das Korn, und sie fraßen die Vorräte in den Kellern. In dieser Not betete Gertrud von Nivelles: mit einem Male verschwanden Mäuse und Ratten  - und sie wurden nie mehr gesehen. Viele Heilige haben ihr Spezialgebiet – Laurentius schützt vor Feuer, Hubertus schützt die Förster, Rochus schützt vor der Pest. Und die Heilige Gertrud schützt neben Ratten und Mäusen auch vor Ungeziefer. Also können diejenigen Haushalte aufatmen, in denen eine Gertrud wohnt, denn dann haben sie keinen Ärger mit Wespen, Motten, Küchenschaben, Kakerlaken, Wanzen und all diesen Insektenschwärmen, auf die jeder gut verzichten kann. 

Die Verehrung der Heiligen Gertrud hat sich von Brabant auch in das Rheinland verbreitet, so in das Kölner Agnesviertel, nach Düsseldorf-Eller oder nach Essen. Ein Gertrudis-Verein in Wattenscheid kümmert sich um die Tradition der Heiligen Gertrudis in den Weiten unserer Republik.

1258 kam diese Heilige aus Brabant auch in die Römerstadt Bonn, als auf den Fundamenten eines Tempels der Göttin Minerva ihr zu Ehren in Rheinnähe eine Kapelle gebaut wurde. Der Baustil der Kapelle war romanisch, wenngleich die gotischen Umbauten zur Zeit des Kurfürstes Clemens August mehrere Jahrhunderte überdauerten.

Doppeltes Leid und doppelte Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. 1940 überrollte Hitler die Benelux-Staaten, um sich im Westfeldzug beim Erzfeind Frankreich zu revanchieren für die Schlappe der 1918er-Niederlage. Belgien geriet dabei zur Spielwiese des Krieges, um im Aufmarschgebiet Belgiens die Angriffslinien des Heeres frei zu bekommen. Im Mai 1940 wurde die Lage prekär, da es in Nivelles einen Flughafen der belgischen Luftwaffe gab, wo die Deutschen auch französische Flugzeuge vermuteten. Eine Aufforderung zur Kapitulation am 10. Mai 1940 ignorierten die Bürger aus Nivelles. Daraufhin bombardierte die Luftwaffe am 14. Mai 1940 die komplette Altstadt Nivelles samt der Stiftskirche St. Gertrud aus dem Jahr 1046, die andere Bauformen hatte als Maria Laach, aber mit ihrem ausladenden Westwerk im romanisch-ottonischen Stil genauso gigantisch aussah. In diesem Bombardement ging gleichzeitig der vergoldete Reliquienschrein aus dem Jahr 1298 unter, der erst 1982 durch einen neuen Schrein aus Silber ersetzt wurde.

Wandmalerei Gertrudiskapelle (1)
Freude, Joy, Joie – so optimistisch geleitet die Wandmalerei durch die Unterführung in der Bonner Fußgängerzone. Das frische Grün des Siebengebirges haftet auf sprödem Beton, das Motto „weil Flair unbezahlbar ist“ wehrt sich gegen die Ausdruckslosigkeit. Beethoven und der Rhein tun ihr bestes, die Optik dieser düsteren Stelle aufzuwerten. Es ist die Kraft der Farben, die den wild daher gekraxelten Buchstaben „Z“ „U“ „M“ Flügel verleiht, so als hätte der blaue Geist aus der Sprühdose ganze Arbeit geleistet.

Und im Kreis der Wandmalerei rund um den Rhein, der Stadt und dem Schwung der Farben steht die Gertrudiskapelle, ein kleiner Bau in magerem Rosa, mit hohen gotischen Fenstern und nach oben gerichtetem Dach. Ratten krabbeln am Gewand, so dass die Heilige Gertrudis gleich im Gesamtpaket Schutz gegen Ratten, Mäuse und Ungeziefer aller Art anbietet. Am Fuß der Kapelle lese ich: „die Gertrudiskapelle stand bis zum 18. Oktober 1944 in Bonn am Rhein … „ 

Doppeltes Leid und doppelte Zerstörung. Am 14. Juni 1940 eroberte die deutsche Wehrmacht Paris, mit der französischen Kapitulation am 17. Juni 1940 dehnte Hitler deutsches Territorium bis zum Atlantik aus. Mit der Landung in der Normandie schlugen die Alliierten vier Jahre später zurück. Ohnehin hatte längst der Bombenkrieg auf deutsche Städte eingesetzt, der auch die Bonner Altstadt nicht verschonte. An eben diesem schicksalshaften Datum 18. Oktober 1944 ging neben der Bonner Altstadt, in der bis dahin einfache Bürger, Handwerker, Fischer, Kaufleute und Gewerbetreibende lebten, ebenso in Schutt und Asche unter wie die Gertrudiskapelle oder auch das originale Beethovenhaus.

Die Getrudiskapelle hätte mit ihren Überresten wieder aufgebaut werden können, doch die Verantwortlichen entschieden anders. Das Gelände wurde aufgeschüttet, um Hochwasserschutz zu schaffen und mit Wohnhäusern bebaut. Dabei spielte auch das Erzbistum Köln mit, das um 1950 Gelder zum Wiederaufbau der Gertrudiskapelle bereitstellte. Jahre danach wusste das Erzbistum Köln nichts mehr von diesen Geldern, die dann offensichtlich in dunklen Kanälen verschwunden waren. Im Jahr 2010 ist es der hartnäckigen Initiative des Travestie-Künstlers Curt Delander, dessen familiäre Wurzeln in die Bonner Altstadt zurückführen,  zu verdanken, dass mickrige Reste der Kapelle noch gerettet werden konnten.

Wandmalerei Gertrudiskapelle (2)
In diesem Jahr wurde die Wohnbebauung aus den 1950er Jahren abgerissen und in den Folgejahren durch einen postmodernen Wohnkomplex, den Rhein-Logen, ersetzt, der ein wenig wie die Kranhäuser im Kölner Rheinauhafen aussehen sollte, aber neben dem historischen Ambiente des Alten Zolls vollkommen missraten aussah.

Dazu musste all das, was in den 1950er Jahren als Hochwasserschutz aufgeschüttet wurde, wieder ausgehoben werden. Das waren Trümmer und der Schutt aus dem Zweiten Weltkrieg, und Curt Delander gelang es, Archäologen von der Stiftung Denkmalschutz zu mobilisieren, so dass gebuddelt werden konnte und die Steinreste seziert wurden. Die Ergebnisse zeigen, wie wenig sensibel Baubehörden und Architekten hierzulande mit historischem Kulturgut umgehen. Gesichert werden konnten Steine und Fundamente aus der Zeit von Römern, Franken und Karolingern, ebenso Überreste, aus denen ein Bildstock rekonstruiert werden konnte. Um all dies zu sichten, dazu hatten die Archäologen gerade einen Tag Zeit, nachdem die Ausgrabungen freigelegt worden waren.

Immerhin: die Suche nach dem gemeinsamen erlittenen Leid verband die beiden Städte. Curt Delander ging auf die Stadt Nivelles zu, und als Zeichen der Versöhnung erhielt er eine Kreuzrose, die zusammen mit Fragmenten aus der Gertrudiskapelle in einen Bildstock auf der Bonner Vogtsgasse integriert wurde. Und jährlich Anfang Oktober nimmt das Bonner Frauenmuseum an der Prozession der Heiligen Gertrud in Nivelles. Dann wird der Schrein der Heiligen Gertrud fünfzehn Kilometer lang auf einem historischen Wagen, der mit Pferden gezogen wird, rund um die Stadt in Brabant gefahren.

Kommentare:

  1. Ich konnte so schnell keine e-mail-adi von Dir ausfindig machen, daher auf diesem Weg alles Gute für 2015 - mit der fürsorglichen Meldung - heute, ZDF, 12.40 h - DREI MANN IN EINEM BOOT (nur für alle Fälle wollte ich es erwähnt haben) - mach's gut - und bleibe gesund und schreibe weiterhin so interessant.

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  2. Spannende Gesichten! Von St. Gertrudis habe ich schon gehört, gewusst habe ich aber nicht viel über sie, und von ihrer Rolle als "Rattenfängerin" erst recht nicht. Gerade Legenden mag ich sehr gerne. Sehr interessant fand ich, das ein Travestie-Künstler sich so für den Erhalt der Kapellen-Reste eingesetzt hat, er scheint irgendeinen Bezug dazu zu haben.

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