Mittwoch, 9. April 2014

Städte im Rheinland (5) - Hennef

Place Le Pecq
Hennef ist eine Stadt der Vorstellung. Wirklich schöne Plätze muss ich mir in meiner Phantasie vorstellen. Der Ort der Vorstellung liegt 500 Kilometer weit weg, kurz hinter Paris, an der Grenze zu den blühenden Gärten der Normandie. „Le Pecq-sur-Seine“ heißt die Stadt der Träume.

Doch hier in Hennef ist die Realität anders geartet. Der „Place Le Pecq“, der der französischen Partnerschaftsstadt gewidmet ist, ist nicht behaglich und auch kein Wohlfühlfaktor. Die Realität holt mich schnell ein, als meine Eindrücke platt gewalzt werden von einem einsamen Bürogebäude, dessen Formen auf einen Bauklotz reduziert sind. Praktisch, barrierefrei und zuverlässig, schiebt sich der Fußgängerweg unter die Bahnunterführung, begleitet von Treppenstufen, die seitwärts hastig ansteigen. Die Seele Hennefs versteckt sich unter Bodenplatten, dessen viereckiges Muster in der Unendlichkeit zu zerrinnen scheint. Die orangefarbene Einrahmung des Bürokomplexes ist so starr, dass die Bewegungen von Passanten in der Langeweile stehen zu blieben scheinen. Le Pecq-sur-Seine muss viel hübscher sein, dass beschließe ich jetzt und hier für mich.

Pfarrkirche St. Simon
Hennef steckt voller Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche. Alles ist in stetigem Wandel begriffen. Es fällt schwer, sich dieser Dynamik zu entziehen. Das magische Datum, als die Aufbruchstimmung einsetzte, war das Jahr 1859. Davor war Hennef fast achthundert Jahre lang ein verschlafenes Nest, wo sich Schafe und Kühe auf den Wiesen der Siegaue gute Nacht sagten. Noch um 1800 war die Siedlung Hennef ein Bauerndorf mit 20 Wohngebäuden, die sich rund um die Pfarrkirche St. Simon mitsamt ein paar Wirtschaftshöfe versammelten. Eine Wasserburg, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde und heute eine Zahnarztpraxis beherbergt, schlief vor sich her, denn mitten auf freier Flur gab es nichts zu verteidigen.

Erstmals als „Hanafo“ 1075 erwähnt, war Hennef die unbedeutendere Ansiedlung gegenüber Geistingen. Geistingen war deutlich älter, wurde 885 in einer Urkunde genannt, in der König Ludwig III. der Jüngere dem Abt Heinrich in Geistingen einen Herrenhof schenkte („donatio Henrici abbatis de Geistinge“). Die Bürger von Geistingen – und nicht von Hennef – waren dem Landesherren, dem Herzog von Jülich-Berg, im Mittelalter zu Diensten verpflichtet. Außerdem war Geistingen eigener Gerichtsort mit eigenem Galgen. Wichtige Transportwege führten über Geistingen. So wurde Wein aus dem herzoglichen Herrenkelterhaus in Bödingen östlich von Hennef auf dem Weg zum Rhein in Geistingen ausgeladen und musste dort bewacht werden, da die Fracht kostbar war und vor Diebstahl geschützt werden musste.

Die Revolution kam mit der Eisenbahn, die weitgehend geradlinig durch die Landschaft dampfen sollte. In Aufbruchstimmung, planten die Ingenieure die Eisenbahnlinie von Köln nach Siegen. Als bedeutende Stadt aus dem Mittelalter musste die Eisenbahntrasse durch Siegburg führen. Der Bogen, um die Bahnlinie über Geistingen zu führen, wäre zu weit gewesen, so dass Hennef sich gegen Geistingen durchsetzte.

Bahnhof mit Parkhaus
1859, nachdem der Bahnhof gebaut wurde, veränderte sich Hennef grundlegend. In den Folgejahren waren es Bastler, Tüftler und pfiffige rheinische Erfinder, die sich als Unternehmer niederließen und eine Fabrik nach der anderen aus dem Boden stampften. So betrieb Carl Reuther 1862 auf dem Zissendorfer Hof eine Schlosserei und handelte mit Eisenteilen. In Schuppen und Hinterhöfen tüftelte er an der Präzisierung von Geräten zum Messen, Zählen und Wiegen herum, bis er mit seinem Partner Eduard Reisert die erste eichfähige Waage – für Schüttgut – entwickelt hatte.

Daraus wurden die Chronos-Werke, die sich entlang des Siegbogens ausdehnten. Anfang der 1990er-Jahre abgerissen, ist ein Teil der alten Fabrikgebäude mit ihren Ziegelsteinfassaden stehen geblieben. Die Stadt Hennef widmet den Erfindern sogar einen eigenen Waagen-Wanderweg. Auf 26 Stationen kann sich der Betrachter schlau machen  über das Thema Zählen, Messen, Wiegen. Bereits die Bibel und der Koran berichteten über Maße und Gewichte. Des weiteren informiert der Waagen-Wanderweg über den Ursprung der Waage bei den Ägyptern oder die Erfindung der Dezimalwaage 1821 in Straßburg.

Die Produktion von Waagen lief auf Hochtouren, die Schlote rauchten. Ab 1879 wurde in Hennef Eisen und Stahl gegossen, daraus wurden Eisenbahnwaggons gebaut. Mit ihrer Randlage zu ländlichen Gebieten, das waren das Bergische Land und der Westerwald, spezialisierten sich die Hennefer Unternehmer auf den Bau von Landmaschinen, Heuwendern, Häckselmaschinen, Dreschmaschinen, Rübenschneider, Ackerwalzen oder Jauchepumpen. Der Lärm muss in den Fabriken unerträglich gewesen sein, wenn Dampfmaschinen ratterten und brodelten und ihre Kraft über Transmissionsriemen auf die Maschinen übertrugen, bevor um die Jahrhundertwende die Ära der Elektromotoren begann.

Chronos-Werke
Diejenigen Fabriken, die während der industriellen Revolution gebaut worden sind, haben entweder dicht gemacht oder haben sich in Industriegebiete am Stadtrand verflüchtigt. Eine Abrißwelle sondergleichen läutete eine neue Ära ein. So wurden 18.500 Quadratmeter in bester Zentrumslage frei, als eine Büromöbelfabrik sich jenseits der Autobahn A560 vergrößerte. Daraus entstand die Idee, einen Marktplatz zu bauen, die „Neue Mitte“. Hennef krankt daran, dass es nie einen Marktplatz besaß. Händler ließen sich auf der Frankfurter Straße nieder, wo sich Höfe mit Fachwerkbauten vermischten. So etwas wie einen lebendigen Kern muss man suchen. Ein wenig findet man ihn rund um die barocke Kirche St. Simon mit ihrem Zwiebelturm, die mit ihren fein aufeinander geschichteten Bruchsteinen viel älter aussieht als ihr tatsächliches Baujahr 1744.

In der „Neuen Mitte“ konnten sich Stadtplaner und Architekten nach Herzenslust in moderner Architektur austoben. Schaun wir mal. Mit moderner Architektur habe ich Berührungsängste. Zwischen Strichen, Linien, Quadraten, Würfeln und Rauten geht die Symbolik leicht verloren. An der einen Ecke des Platzes übersehe ich beinahe die Kreuzblume, die derjenigen vor dem Kölner Dom nicht unähnlich ist. An der anderen Ecke des Platzes stritten die Verantwortlichen jahrelang, welche Art von Kunst aufgestellt werden sollte. Ein Labyrinth sollte her, oben drauf ein Brunnen. 80.000 Euro waren bereits an Spendengeldern zusammen gekommen, doch die Stadt lehnte ab, weil die Betriebskosten von jährlich 5.000 € nicht tragbar waren. Kostengünstiger und ohne Betriebskosten sei eine Skulptur zu haben, das dachten die Verantwortlichen der Stadt. Sie führten einen Künstlerwettbewerb durch, doch niemandem gefielen die Entwürfe. Die Karnevalisten lösten schließlich das Dilemma. Sie ließen aus Bronze einen 850 Kilogramm schweren Stadtsoldaten formen, den „Stippefott“. Er streckt sein Hinterteil aus und schaut in Richtung Köln, der rheinischen Hauptstadt des Karnevals (die Düsseldorfer mögen mir diese Formulierung verzeihen). Der Vorsitzende der Hennefer Stadtsoldaten kommentierte das jahrelange Hickhack mit den Worten: „Eijentlich mööt mer uns en Denkmol setze, ävver dat määt jo keiner, also dann machen mir dat ävven selbs.“


Neue Mitte
Auch heute wächst Hennef ungebremst. Bald wird die 50.000 Einwohner-Marke überschritten werden. Während die Neubeugebiete ausufern, bleibt in Geistingen alles beim alten. Harmonie trifft auf Umbruch, Tradition auf Dynamik, Abgeschiedenheit auf Verkehrsknotenpunkt. Diesseits und jenseits der Bahnlinie fügen sich die Stadtteile Hennefs zusammen, die manches gemeinsam haben: Hennef und Geistigen wurden gleichermaßen im Zweiten Weltkrieg verwüstet. Und dann gibt es noch den Kurpark, der nahtlos von Hennef nach Geistingen übergeht.

Kurhaus
Industriestadt und Kurort ? Der Gegensatz könnte kaum krasser sein, denn aus der „Neuen Mitte“ befinde ich mich in fünf Minuten Fußweg in der Ruhe des Kurparks. Ruhe und Abgeschiedenheit, die der Kurpark ausstrahlt, verblüffen in der Tat. Großzügig angelegt, mit Wildpark und Teichanlage, im Sinne des Sebastian Kneipp die heilenden Kräfte des Wassers beschwörend, erlebte der Park nach seiner Eröffnung 1912 ein reges Auf und Ab. 1914 wurde der Kurbetrieb mit dem Ersten Weltkrieg eingestellt, 1927 wieder eröffnet, 1930 lobte der Deutsche Kneipp-Bund die Hennefer Kuranlagen: „In Hennef, dem Wörishofen des Rheinlandes, barfuß in Sandalen zu gehen“. Das Datum des 20. April 1934 würden alle Hennefer allerdings am liebsten aus ihrer Stadtgeschichte streichen. Dann wurde nämlich zum 45. Geburtstag des Führers eine Adolf-Hitler-Eiche gepflanzt. In der Nachkriegszeit bescheinigte ein Helklimagutachten, dass das therapeutisch einsetzbare Klima vorzüglich sei. Folglich ging es mit dem Kurbetrieb bergauf, doch 1984 kam das Ende. Die Krankenkassen mussten sparen, und auf ihrer Liste der Kureinrichtungen wurde Hennef gestrichen. Das frühere Kurhaus hat nichts von seinem Stil verloren. Ein halbrunder Balkon schwingt sich über den Eingang. Heute ist dort ein Alten- und Pflegeheim untergebracht.

Nachdem der Bahnhof gebaut wurde, überholte Hennef rasch Geistingen in seiner Entwicklung. Rund um die wieder aufgebaute romanische Kirche hat sich ein kleines Stück des alten Geistingen erhalten. Fachwerkhäuser säumen enge Gassen, die sich krümmen und die Zeit scheint still zu stehen. Die Kirche tut mir leid, denn in der vorletzten Kriegswoche wurde sie am 8. März 1945 komplett zerstört.

Geistigen, romanische Kirche
Trotz so mancher platten Ansätze der modernen Architektur, ist es wie sonst wo in Hennef, dass man die Mühe erkennen kann, das Alte zu bewahren. So hat man  an der romanischen Kirche St. Michael den romanischen Torbogen wieder zusammengeflickt. In Hennef selbst sind es die Überbleibsel der Industriearchitektur, die nicht komplett abgerissen worden sind. Bewundern kann man die Ziegelsteinfassaden der ehemaligen Chronos-Werke und der Meys Fabrik. Während in der Meys Fabrik das Stadtarchiv, die Stadtbibliothek und die Feuerwehr eine neue Bleibe gefunden haben, beherbergen die Chronos-Werke ein Sport-Studio.

Dennoch war nach dem Teilabriss der Chronos-Werke die industrielle Brachfläche überdimensioniert, und zwar so riesig, dass sie bis heute nicht vollständig wieder bebaut worden ist. Ich bin überrascht, dass ich auf dem „Central Park“ verweile, der auf dem früheren Gelände entstanden ist. New York in Hennef ? Assoziationen steigen in mir hoch von einer Flut von Grün, dass aus der einstigen Industriefläche eine grüne Lunge inmitten der Stadt geworden ist. Doch das erweist sich als Irrtum, denn die vermutete Parkanlage fällt eher bescheiden aus. Auf dem kargen Mittelstreifen hocken sich zufrieden ein paar Bäume und Sträucher zusammen, in den Ritzen von Pflastersteinen fühlt sich Löwenzahn wohl. Wie schön, dass er hier sauber ist. Das verspricht auf jeden Fall der Aufkleber „Hennef bleibt sauber“ auf einer blauen Mülltonne aus Plastik. Hennefs Vergangenheit als Kurstadt wird hier doppeldeutig: eine Kneipe heißt „Kneippen an der Sieg“, und unter dem Oberbegriff „Kneippen“ könnte ich bei einer 80er-Jahre-Party mitfeiern. In derselben Lokalität könnte ich auch zocken und pokern. New York ist weit weg, aber nicht viel weniger weit weg ist auf diesem Platz der Zungenbrecher der polnischen Partnerschaftsstadt: Nowy-Dwor-Gdanski.

Radweg über die Sieg
An der Sieg angekommen, stelle ich fest, dass Hennef, die Stadt voller Abbrüche, Umbrüche und Aufbrüche auch reichlich chaotisch sein kann. Längs der Sieg passt nichts so richtig zusammen. Während der Feuerwehrturm der Chronos-Werke aufblüht in seiner morbiden Schönheit, wuchert auf Freiflächen Unkraut. Ladenlokale stehen unter schnell dahin geklatschten Wohneinheiten leer. Glas, Beton, Unkraut. Alleine das Radwegnetz beeindruckt an dieser Stelle. Ich kann zum „Central Park“, längs der Sieg und über die Siegbrücke hinweg radeln, ungestört und ohne jeglichen Autoverkehr.

Hennef hat äußerst viele Facetten, die so uneinig sind, dass ich sie nicht unter Oberbegriffe zusammengefasst bekomme. Ich beschließe, dass Hennef nicht hübsch sein muss, aber durchaus anziehende Seiten hat.


Kommentare:

  1. Hallo Dieter,
    es gibt sehr viele Städte in Deutschland, in denen Neues und Altes nebeneinander besteht, jedoch ohne Verbindung ist und deshalb mich als Betrachter da stehen lässt mit dem Gefühl des "Zerfließens". Die moderne Architektur spricht mich selten an, ich empfinde sie als interessant, doch meine architektonischen Vorlieben wurden in anderen Jahrzehnten gebaut. Am wenigsten spricht mich "Schuhschachtelformat" an. Großzügige Flächen, die sich verlieren und die ohne erkennbare, nennenswerte Funktion, sind mir ein Greuel. Sie sind einfach nur öde. Ja ich glaube, jeder sucht sich die Nische in der Stadt, die seinem Wohlbefinden am zuträglichsten ist. Das sind die Altstädte mit der ursprünglichen Bausubstanz, gerne restauriert.
    Das Stadtbeispiel "Hennef" ist sehr gut nachvollziehbar in Deiner Beschreibung!!!

    Gruß
    Beate

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  2. Das ist der Lauf der Zeit, lieber Dieter. Altes geht, Neues entsteht und jede Zeitepoche bringt ihren eigenen Architekturstil mit sich. Nicht immer passten die früheren Stile optimal zusammen.
    Es ist natürlich schon gewöhnungsbedürftig, wenn moderne Bauten aus Glas und Stahl vor alten Gebäuden stehen oder mit ihnen kombiniert werden. Wobei ich selbst aber auch kein Freund von Schuhkartons bin.

    Du machst dir sehr viel Mühe, alle diese Infos der verschiedenen Städte zusammenzutragen. :-)

    Liebe Abendgrüße schickt dir
    Christa

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  3. Hallo Dieter (◠‿◠)
    es ist schade, wenn eine Stadt so hässlich ist, wie es Hennef zu sein scheint. Ich finde allerdings das Gebäude „Neue Mitte“ interessant und wäre gespannt, wie es real mit allem Drumherum auf mich wirkne würde. Du hättest vlt etwas von den Neubaugebieten dazu zeigen können. Manche Neubausiedlungen sehen gar nicht schlecht aus und ich würde nicht alles, was neu ist ablehen wollen… Bei uns wurde auch neu gebaut, bzw. neu eröffnet nach umfassender Sanierung. Ich denke der Post über das Bikini-Haus könnte dich interessieren.
    Danke für deinen Cmt.: Ja, durch die Einstellung „Supermakro“ in der Kamera wird der Hintergrund unscharf. Bei einer Spiegelreflex würde mensch am Rädchen drehen. hihi
    Gruss, Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  4. Kein Wunder, dass ih noch nie dort war ( ist mir jedenfalls nicht bewusst )...
    LG
    Astrid

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  5. Zum Glück hat jeder Ort irgendetwas Schönes, wenn man danach sucht, aber wenn der Gesamteindruck nicht stimmt ...

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  6. Es ist in vielen Städten so: je nachdem welche Stadtplaner gerade am Werk sind, entsteht Ansehnliches oder Hässliches! Vom Gebäude her finde ich allerdings jetzt nicht nur die historischen Gebäude wie das Kurhaus interessant, das Haus der "Neuen Mitte" hat für mich auch was Spannendes!
    LG Calendula

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  7. Hennef ist ein ruhiges beschauliches Städtchen. Wir haben mal in H-Allner direkt an der Sieg gewohnt. Zum Rad fahren echt schön, aber bei Hochwasser... nein danke!

    LG Arti

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