Samstag, 26. April 2014

Kranhäuser


Ich habe mich ertappt.

Lauthals und unverblümt hatte ich gemeckert. Die moderne Architektur fand ich gräßlich, darüber hatte ich mich in meinem Post über Hennef ereifert. Die Neue Mitte in Hennef empfand ich als nutzlos, kalt, menschen-abweisend. Einen völlig verkehrten Geschmack hatten Stadtplaner und Architekten gehabt.

Hier, im Kölner Rheinauhafen, reißen nun meine inneren Widersprüche auf. Obschon die Bürokräne komplett aus Beton und Glas bestehen, zieht mich die Gesamtkomposition an, da die Bürokräne mit den Kleckerresten von alten Hafenanlagen ein harmonisches Gebilde ergeben. Der Kölner Rheinauhafen und die Neue Mitte in Hennef – meine Eindrücke von moderner Architektur sind völlig gegensätzlich.

2010 fertiggestellt, hat die Silhouette der drei Bürokräne über dem Rhein fast den Status eines Denkmals erlangt. Dabei folgte Köln – wie bei anderen Großbauten in der Innenstadt – der Landeshauptstadt Düsseldorf mit ihren Trends neuer Großstadtarchitektur. Architekten und Stadtplaner vermieden einen Totalabriss. Sie suchten eine Kombination von Alt und Neu, wobei aufgrund der Kriegszerstörungen und dem übermächtigen Baustil der 1950er und 1960er Jahre neue Stilrichtungen überwogen.

In beiden Städten, Köln und Düsseldorf, waren Häfen in Vorstädten ausgebaut worden, so dass Hafenflächen in der Innenstadt frei wurden. Häfen genießen bei der Stadtentwicklung besondere Vorzüge: sie liegen zentral, an den Verkehrsadern von Flüssen gebaut, die Gebäude umringt von Seitenbecken. Gleisanlagen führten über Halbinseln, auf denen um- und verladen wurde. Lagerhäuser mit immensem Fassungsvermögen ragen in die Höhe.

Für Stadtentwicklungsplanern waren diese 1a-Immobilien, die sich zu Top-Standorten in Innenstadtnähe mit exzellenter Verkehrsanbindung ausbauen ließen, eine Goldgrube. So wurde der Düsseldorfer Hafen 1999 umgebaut zu einem Standort für Medien, Büros und Künstlerateliers. Köln folgte 2010.

Der Kölner Rheinauhafen wurde 1898 fertiggestellt, er liegt innenstadtnah etwa 15 Gehminuten vom Dom entfernt. Die Hafenanlagen begannen mit dem Zollhafen, dann folgten Lagerhallen, Gleisanlagen und Kranbahnen zur Entladung. Am anderen Ende des Hafenbeckens befand sich das städtische Hafenamt, das Krafthaus zum Betrieb der hydraulischen Anlagen, ein Lokschuppen und der Hafenbahnhof. Dahinter erstreckte sich ein 170 Meter langes Lagergebäude, welches wegen seiner sieben Giebeln auch „Siebengebirge“ genannt wurde.

Allzu viel ist freilich nicht stehen geblieben, doch die drei Kranhäuser spornen die Phantasie an. Bürogebäude und Wohnen vermischen sich untereinander, wobei der Luxus absolut teuer ist, sich eine solche Wohnung leisten zu können. So werden normal sterbliche nicht in der Lage sein, 3.000 € Warmmiete für 130 Quadratmeter Wohnfläche aufzubringen, trotz der umwerfenden Aussicht auf Rhein und Dom, zuzüglich Einmalbetrag von 10.000 € für einen Tiefgaragenstellplatz, wenn man denn motorisiert ist.

Die Begegnung von einem originalen Kran mit dem künstlichen Kranhaus ist ein wahrer Aufreger. Die Architektur ist kühn, gewagt. Die Formen erschlagen mich mit all ihrer Wucht, Vision und Wirklichkeit berühren sich in luftiger Höhe. Umrauscht vom allgegenwärtigen Verkehr auf der Rheinuferstraße, staune ich, wie ich an der Rheinpromenade meine Ruhe finde. Großstadt, moderne Architektur, Zuversicht, Bejahung, Hektik und Ruhe vereinigen sich zu einer einem seltenen Kondensat, das nur in der Vielfalt auf engem Raum in einer Großstadt entstehen kann. Jede Stelle kann zum Brennpunkt werden, zum privilegierten Ort, an dem alles die entscheidende Wendung erhalten kann. Im Sinne von Le Corbusier, der in den 1920er Jahren die moderne Architektur prägte, verwandelt sich die Stadt in ein Medium der Schnelligkeit. Ein Stück der Charta von Athen, dem Grundbuch des funktionalistischen Städtebaus der Moderne, finde ich hier genauso wieder: der Zyklus der täglichen Funktionen, wohnen, arbeiten, sich erholen, all dies unter dem Gesichtspunkt der größten Zeitersparnis.

Ich habe mich ertappt. Ich bin fasziniert.

Und dennoch, ich spüre den Drang der Architektur nach Ruhm und Ehre. Die Formen sind gewagt, sie ringen nach Aufmerksamkeit. Der Ton ist schrill, so wie die Werbung, die mit bunten Farben und schrägen Sprüchen die Masse erreichen will.

Der Geist des MIPIM-Award schwebt über dem ersten Kranhaus. „Business Centre“, das war die Kategorie, in der das Kranhaus  in Cannes ausgzeichnet wurde. So funktioniert moderne Architektur: wenn die Mischung von Alt und Neu passt, kann sie auch gefallen. Das ist aber eher die Ausnahme. Ich kenne fast nur die identitätslosen, uniformierten Baustile, die abschrecken. Die Menschen sind dann gezwungen, sich dort wohlzufühlen. Und so mancher Architekt wird nach Preisen und Auszeichnungen gieren, die er dann – berechtigterweise – nicht erhält.

Kommentare:

  1. Die Wohnungen sind echt klasse. Sie wurden mal im TV gezeigt. Ja, die Mieten sind irre hoch
    und somit für die meisten nicht erschwinglich. Aber ich schätze, die Kranhäuser werden auch
    nicht jedermanns Geschmack treffen. Interessanter Post! LG Martina

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  2. Da ist ein mehr als interessanter Post. Über die Wohnungen
    habe ich unlängst auch gelesen - und einen Bericht im Fernsehen
    angeschaut.
    Ich finde das Krankenhaus zwar gewagt, aber es gefällt mir dennoch.
    Ein schönes Wochenende wünscht dir
    Irmi

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  3. Ein interessanter Post Dieter. Ich muß dir sagen mir gefallen diese Kranhäuser nicht, egal ob ich sie von Wasser aus betrachte oder an Land. Das ist nicht mein Ding. Habe wohl einen Bericht über sie von innen gesehen, ist auch nich so mein Ding, aber gefallen macht bekanntlich schön. Doch ich kann mich damit nicht anfreunden.

    Liebe Wochenendgrüße
    Angelika.

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  4. Hallo Dieter,
    meist lese ich Deine Blogbeiträge mehr als einmal. Die Menge an Information und auch die Stimmung, die sie bei mir erzeugt, muss sich erst "setzen" :-). Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich noch weniger moderne Architektur mag, als Du. Es spricht mich einfach mehr negativ als positiv an. Sie kommt mir viel zu oft abweisend und protzig vor, nicht für den Menschen gemacht, sondern für seine charakterlichen Schwächen.

    Gruß
    Beate

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  5. Ich ertappe mich ständig dabei, hin- und hergerissen zu sein. Im Großen und Ganzen finde ich den Rheinauhafen gut gelungen, nur die Kranhäuser ... die finde ich zu klobig. Ich meine übrigens, es ist viel alte Bausubstanz gerettet worden: das 'Siebengebirge', das alte Zollamt, die Lagerhalle mit ihren Säulenräumen und die Kräne.
    LG, Franka

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