Freitag, 11. April 2014

Chemie-Unfall

Die gute Nachricht vorweg: es ist glimpflich ausgegangen.

Chemie ist mir suspekt, solange ich sie kenne. Nicht in der Schule, denn ich hatte Chemie sogar als Abiturfach, und all die Experimente mit Knalleffekten und viel Rauch brachten eine Abwechslung in den Unterricht, so dass sie andere Schulfächer gelangweilt aussehen ließen.

Die Skepsis kam, als ich nach Köln gezogen war. Ich erkundete nicht nur die pulsierende Domstadt, sondern auch, wie es drum herum aussah. Das war nicht immer hübsch, denn ich erfuhr, dass linksrheinisch ein Industriegürtel wie ein Halbkreis die Millionenstadt einschnürte, so dass die grüne Lunge von Köln eher in der Parkanlagen des Militärrings zu finden war als außerhalb. Und dieser Industriegürtel steckte auch voller Chemie.

Zuerst stieß ich auf die Bayer-Werke in Dormagen. Eigentlich wollte ich das kleine Städtchen Zons mit seiner Stadtmauer kennen lernen, das liegt auf der linken Rheinseite auf halber Strecke zwischen Köln und Düsseldorf. Ich fuhr mit dem Finger über die Landkarte, wählte die B9 von Köln nach Düsseldorf, um gemächlich und in Ruhe mit dem Auto zu fahren.

Doch dann, hinter der Stadtgrenze von Köln, marschierten die Bayer-Werke auf, als künstliche Welt aus lauter Kesseln, Rohren, Dampf, Abgasen und Schornsteinen. Die geballte Ladung von Chemie schlug wie ein Hammer auf meine Gefühlswelt ein. Eisenbahngleise schlängelten sich durch das Gelände. Waggons warteten darauf, dass etwas mit ihnen geschah. Doch was geschah, war unsichtbar, versteckte sich hinter Bandwurmformeln, hatte eine Geheimsprache, die sich so abschottete wie Ärzte mit lateinischen Fachbegriffen,  und die Produktion spielte sich in all den Kesseln und Rohren ab. Ein unsichtbares Geheimnis wanderte durch ein undurchschaubares System von Kesseln, bis es zum Schluß in den Kessel eines Eisenbahnwaggons oder eines LKWs wanderte. Und in umgekehrter Reihenfolge fuhren massenweise LKWs mit Kesseln durch die Werkstore. Die Bayer-Werke in Dormagen waren ein Schock. Jahre später kam ich an den Bayer-Werken in Leverkusen vorbei, wieder später an den Chemiefabriken in Köln-Merkenich, Köln-Godorf und Wesseling.

Die Chemie-Katastrophe von Seveso im Rücken, die 1976 geschah, wähnte ich mich auf einem Pulverfaß, als wir 1988 in diese Gegend zogen, Luftlinie zehn Kilometer von Wesseling entfernt. Sollte uns eine Chemie-Katastrophe um die Ohren fliegen, hätte ein strammer Westwind eine Giftwolke geradewegs auf uns zugeweht. Skeptisch schaute ich nach Westen, ob an den rauchenden Schornsteinen in der Ferne nichts ungewöhnlich war. Mit unserem Wohnort war ich gezwungen, mich mit der Chemie zu arrangieren. Wie normal dies war, verblüffte mich. Meine Skepsis wich einer Sicherheit, dass die Schornsteine vor sich her rauchten, friedlich, ohne dass es nur einen Anschein haben könnte, dass etwas schlimmes passieren könnte. Bis zum letzten Montag. Das dauerte immerhin 26 Jahre, bis die Dinge aus dem Ruder liefen.

Sämtliche chemischen Anlagen werden in bestimmten Zyklen gewartet, darunter auch Rohrleitungen. Während der Wartungsarbeiten wurde ein Rohr beschädigt, das zur Elektrolyse führte, so dass Chlorgas entwich. Chlorgas schädigt die Atemwege und kann in hohen Konzentrationen tödlich sein. In Ersten Weltkrieg wurde Chlorgas als chemischer Kampfstoff eingesetzt. Die Vorgaben des Katstrophenschutzes zwingen die Verantwortlichen dazu, in einem solchen Fall Katastrophen-Alarm auszulösen.

Mich ereilte die Nachricht, als ich gegen 21 Uhr vom Einkaufen aus dem Supermarkt zurückkehrte. Türen und Fenster schließen, war meine Frau über What’s App gewarnt worden. Ob ich etwas in der Luft gerochen hätte. Ob ich die Sirene gehört hätte. Ich verneinte beides. Alles kam mir so normal vor wie an jedem anderen x-beliebigen Tag. Meinen Laptop hochzufahren, um mich über Details zu informieren, hätte ich mir sparen können, denn gleichzeitig kam die Entwarnung. Das Leck im Rohr sei abgedichtet worden und die Konzentration von Chlorgas in der Luft sei unkritisch. Zu keinem Zeitpunkt habe Gefahr für die Bevölkerung bestanden.

Es war also glimpflich ausgegangen. Die nächsten Jahre und Jahrzehnte wird sich meine Einstellung nicht ändern, dass Werksfeuerwehr und Katastrophenschutz in unseren Chemiefabriken ihren Job machen. Rohrleitungen und Kessel rosten mit zunehmendem Alter vor sich hin, und mit deutscher Gründlichkeit und peinlich genau achten die Verantwortlichen darauf, dass Schadstoffe und Giftcocktails unsere Gesundheit nicht gefährden.

Dennoch habe ich herumgeblättert, welche Unfälle sich in den letzten Jahrzehnten um uns herum in Chemiefabriken ereignet haben.
  •      1968 kommt es im DDR-Chemiekombinat Bitterfeld beim Entweichen von Vinylchlorid zu einer Explosion, bei der 42 Arbeiter sterben
  •       1974 brennt es in der Chemiefabrik Flixborough in England; der Brand erfaßt eine Rohrleitung mit Cyclohexan, die mit einer Wucht von 45 Tonnen TNT explodiert; neben den 28 Toten wird auch ein Teil der umstehenden Gebäude beschädigt
  •       1976 breitete sich eine Giftwolke von Dioxin, die aus einem Ventil in der italienischen Chemiefabrik in Seveso entweicht, auf einem 6 Quadratkilometer und dicht besiedelten Gebiet aus; die Bevölkerung wurde erst acht Tage später über den Chemie-Unfall informiert
  •       2001 explodieren auf der Deponie einer Düngemittelfabrik in Toulouse in Frankreich 100 Tonnen Ammoniumnitrat; auch hier wird neben den 31 Toten ein Teil der umliegenden Gebäude beschädigt
  •       2002 explodiert wegen eines undichten Ventils in einer Firma für technische Gase in Ludwigsburg ein Sauerstofftank; ein Arbeiter wird getötet
  •       2012 bricht in Marl auf einem Chemiegelände mit 100 Produktionsanlagen ein Großbrand aus; zwei Arbeiter werden getötet
  •       2013 reinigen die beiden Fahrer den Tank ihres LKWs in Moers, als Dibutylphthalat in den Tankraum eindringt; die beiden Fahrer sterben an Vergiftung

Ich glaube, eine gewisse Lernkurve aus der Anzahl der Toten auf der Zeitschiene heraus zu lesen. Die Verantwortlichen sind sensibilisiert, die Sicherheitskonzepte greifen. Speziell in Deutschland fehlen glücklicherweise diejenigen Fälle, dass bei Chemie-Unfällen die Bevölkerung Schaden genommen hat. Wenn eine Giftwolke aus einem Chemiewerk entweicht, dann kommen alle glimpflich davon, weitestgehend.

Die Chemie bleibt aber ein Pulverfaß. Mit dem Outsourcing globalisieren sich die Katastrophen. Die großen Chemie-Katastrophen ereignen sich nicht mehr vor unserer Haustüre, sondern auf dem restlichen Globus. So explodierte 2005 in Jilin in China  eine Ölraffinierie. Außer dass fünf Arbeiter starben, flossen 100 Tonnen Benzol und Nitrobenzol in den Songhua-Fluss. Mehrere Millionen Menschen konnten bis auf weiteres nicht mehr mit Trinkwasser versorgt werden.

Die gute Nachricht für uns in Deutschland ist: solche Umweltkatastrophen in einem solchen Ausmaß wie in China sind bei uns eher unwahrscheinlich. 

Kommentare:

  1. Stimmt Dieter, gerade in Köln und Leverkusen sind die Chemiewerke veraltet und es kann zu einem Supergau kommen. Gerade Shell sollte dringend saniert werden, habe eine Bericht im Fernseh gesehen.

    Liebe Wochenendgrüße
    Angelika

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  2. An meinem Wohnort bin ich weit entfernt von derartigen Industrieanlagen - umso interessierter habe ich deinen Bericht gelesen und es schaudert mich. Gott sei Dank ist noch nicht mehr passiert - schlimm genug, dass überhaupt etwas passiert ist. Doch selbst dann, wenn die Katastrophen weit entfernt von uns geschehen, wie z. B. in China, sollten wir umdenken, denn es ist unsere gemeinsame Welt, die wir zerstören.
    Ein schönes Wochenende! Martina

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  3. Ergänzen möchte ich noch den Chemieunfall von Sandoz bei Basel: im November 1986 kam es dort zu einem der größten Chemieunfälle in Europa: bei dem schweizer Konzern Sandoz kam es zu einem Großbrand. Im Laufe der Löscharbeiten gelangten 20 Tonnen roter, giftiger Löschschaum in den Rhein. Es kam zu einem immensen Fischsterben. Der Rhein war auf lange Zeit vergiftet.
    Inzwischen gibt es, was Chemiekonzerne anbelangt, strengere Auflagen als je zuvor. Aber 100%igen Schutz gibt es nie! Wir sehen uns hier inzwischen eher durch das marode Kernkraftwerk Fessenheim im Elsass bedroht als durch die chemische Industrie in Basel. Aber bei euch kann ich mir das gut vorstellen, wie ihr mit Chemiekonzernen umzingelt seid. Nicht sehr beruhigend.
    LG Calendula

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  4. Mir machen so Dinge immer ein bisschen Angst...
    Wer weiß was in den nächsten Jahren auf uns zu kommt. Was werden unsere Kinder alles erleben und ertragen müssen?
    Der Gedanke macht schon Gänsehaut muß ich sagen...
    Ein sehr nachdenklich machender Beitrag...

    Lieben Gruß, Michaela

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  5. Hallo Dieter,

    jeder der nach Köln zieht weiß doch das vor den Toren Kölns Bayer Leverkusen und linksrheinisch Bayer Dormagen seine Werke hat. Dem Chemiepark Dormagen sind noch andere Werke angeschlossen.
    Im Januar 2013 hat die Bezirksregierung in Köln den Bayernwerken in Dormagen die endgültige Genehmigung für Bau und Betrieb einer weiteren Großanlage erteilt.
    Diese Großanlage soll Mitte 2014 den Betrieb aufnehmen.
    Auch wenn die deutschen Sicherheitsstandards gut sind, bedenklich finde ich sie trotzdem.

    Gruß Nachtfalke

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  6. Das sind die Nachteile, aber ohne geht es halt auch nicht. Die gute Frage ist dann was tun....ein Schwanz ohne Ende und man könnte endlos diskutieren.

    Denke die größer Gefahr geht von irgendwelchen Idioten aus die aufgrund ihrer Macht und Irrsinns dann Biowaffen einsetzen, und da hilft dann gar nichts mehr.

    Liebe Grüsse

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  7. Hallo Dieter,
    ich habe vor langer Zeit ein Praktikum gemacht bei Bayer in Monheim.
    Dazu gehörte auch die Besichtigung des Leverkusener Werkes - so groß wie eine Stadt und dabei nur eine Industrieanlage.
    Das war schon gruselig. In Monheim geht es ja dagegen eher beschaulich zu.
    VG
    Elke

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  8. Mir gefällt der Gedanke auch nicht, dass wir von so viel petrochemischer Industrie umgeben sind. Aber man muss mal überlegen, was die produzieren und ob man selbst nicht auch ein bisschen Anteil daran hat, wenn man zu viel unnötig mit dem Auto fährt, ständig Flugreisen macht (Kerosin), unbedenklich Plastik konsumiert, jeden Tag, bei jedem Einkauf. DAS wird z.B. am südlichen Rhein auf der rechten Seite produziert, Weichmacher ...

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  9. China kann man mit Deutschland gar nicht vergleichen. Mein Mann ist geschäftlich öfter dort unterwegs und wenn er erzählt, dann meint man, die Chinesen wissen gar nicht was Umweltschutz überhaupt ist. Kein Werk besitzt Filter für die Abluft und ins Wasser wird ALLES gekippt, wenn man es nicht mehr benötigt.
    Da kann es sich im Ernstfall in Wesseling wirklich nur um einen Unfall handeln, so schlimm er auch ausfallen könnte.

    Liebe Grüße und eine schöne Woche wünscht dir
    Arti

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