Freitag, 31. Januar 2014

Städte im Rheinland (4) - Rheinbach

Römerkanal
„Dat Wasser vun Kölle es jot !“ dieses Karnevalslied von den Bläck Fööss kannten die Römer noch nicht. Gleichwohl legten die Römer Wert auf Qualitätsstandards. Als ihre Hauptstadt der „provincia Germania inferior“ auf 40.000 Einwohner angewachsen war, wurde das Trinkwasser aus dem Duffesbach knapp. Ihre Idee war abenteuerlich, Wasser aus Quellen in der Eifel anzuzapfen. Es war ein waghalsiges Unternehmen, eine Wasserleitung von Nettersheim bis nach Köln zu bauen. „Dat Wasser vun Kölle es jut!“: Trinkwasser floß über eine Strecke von 90 km, davon kamen in Köln täglich 20.000 Kubikmeter besten Trinkwassers an, und der Römerkanal verlief quer durch Rheinbach.

Neubaugebiet „Römerkanal“, Haltepunkt der Voreifelbahn „Römerkanal“, Altenzentrum „Römerkanal“, „Römerkanal“-Wanderweg: unterhalb einer Frostgrenze von 90 Zentimetern eingegraben, scheint sich die Stadt Rheinbach zentral auf dieses eine Relikt aus der Römerzeit zu besinnen. Gleich viermal kann man diese aus Ziegeln gemauerten Röhren in Rheinbach bestaunen, nachdem sie bei Ausschachtungsarbeiten aus der Erde gebuddelt worden waren.

Umrauscht vom Autoverkehr, steht eines dieser Exponate an der Martinstraße. Auf hohem Sockel erhebt sich das Erbe der Römerzeit. Massives Gemäuer hat die Jahrtausende überdauert. Ziegelplatten schichten sich aufeinander. Die U-Form des Kanals krümmt sich über die Wasserrinne, die erst hinter Rheinbach die Vollendung der technischen Meisterleistung erfuhr: zuerst über das Tal des Swistbachs hinweg, dann in den ansteigende Höhenzug des Kottenforstes hinein. Erst bauten die Römer ein 1,4 Kilometer langes Äquadukt, dann gruben sie sich in den Kottenforst hinein, und das beim einem konstanten Gefälle von 0,5%.

Beim Streifzug durch Rheinbach glaube ich erkennen zu können, wo die Bomben des 2. Weltkriegs eingeschlagen sind und welche Gebäude sie verschont haben. Die Stadt ist eine sorgfältige Mischung aus Wiederaufbau in der Nachkriegszeit und liebenswürdig erhaltenen Fachwerkbauten. Stilbrüche sind selten, schockierende Fassaden aus Glas und Beton halten sich zurück.


Glasmuseum und Fachwerkhäuser in der Polligsstraße
Besonders prächtig ist der Fachwerkbau des Himmeroder Hofes, der 1686 nach einem Brand originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Er beherbergt das Glasmuseum, das Exponate von Aussiedlern aus dem Sudetenland ausstellt, die 1948 eine böhmische Glasfachschule nach Rheinbach geholt hatten.

In der Polligsstraße hat ein entkerntes Fachwerkhaus noch jede Masse Arbeit vor sich. Das Gebälk steht fest auf der Bodenplatte, dazwischen herrscht gähnende Leere. Das Fachwerkhaus denkt nicht nur an packende und helfende Hände von Freunden, Verwandten und Vereinen: „Wir bitten alle um Verständnis, die durch die schwierigen Arbeiten gestört werden“ entschuldigt sich der Besitzer und zeigt stolz ein Modell, welches Fachwerkidyll aus der Baustelle nach der Renovierung werden soll.

Trotz des Römerkanals ist Rheinbach keine Römerstadt. Eine Urkunde des Klosters Prüm belegt, dass 762 König Pippin und seine Gemahlin Bertrada dem Kloster eine „villa reginbach“ geschenkt hatten. Das war eine Ansammlung von Gutshöfen, ein sogenannter Fronhofsverband, wo die Knechte genau definierte Pflichten an die Grundherren des Klosters auszuüben hatten. „Regin“ könnte Althochdeutsch „Regen“ bedeuten, denn aus den Bergen der Eifel vereinigten sich sechs Bäche in Rheinbach, so dass Wasser reichlich floß.

Das Kloster Prüm kümmerte sich intensiver um seinen Fronhofsverband, denn 1178 beauftragte es einen “Emelricus de Reynbag“ als Kastellan. Daraus ging das Rittergeschlecht „de Reinbach“ hervor, die ein eigenes Siegel führten. Als „dominus de Reinbach“ stiegen die Ritter sogar zu einem Adelsgeschlecht auf. Im Schutz der Nordosthänge der Eifel, auf den fruchtbaren Lößböden der Zülpicher Börde, erkannten die Ritter die strategische Bedeutung. Wichtige Handelsstraßen kreuzten sich, so dass sie 1189 mit dem Bau einer Stadtmauer und einer Burg begannen. 1289 wurde Rheinbach „oppidum“ genannt, das war eine befestigte Stadt mit Burg.

Wasemer Turm mit Überresten der Stadtmauer
Zwei Stadttore und sieben Türme hatte Rheinbach einst, dies zeigen alte Stadtansichten aus den Jahren 1659 und 1673. Somit hatten die Ritter von Rheinbach ein mächtiges Bollwerk in die flache Ebene gepflanzt. Der Wasemer Turm, Reste der Südmauer, das Neutor, der Hexenturm und der Kallenturm können noch heute bestaunt werden. Die Überreste des Mittelalters sind fulminant, sieben Meter ragt der Wasemer Turm in die Höhe. Transporter drängeln sich unter die Toreinfahrt, denn auf der Rückseite des Tores schließt der Wochenmarkt. Die Händler bauen ihren Stände ab, sie rufen sich Wortbrocken zu, deren Inhalte ich nicht identifizieren kann. Es rappelt, klappert, schleift in offene Ladeflächen. Die Geschäftigkeit im Rücken des Wasemer Turmes verstummt, als Gesichter die Toreinfahrt durchschreiten, sich unbestimmt anschauen, mit einem prüfenden Blick in ihre Transporter einsteigen. Schüler mischen sich in die Ungeduld der Abfahrt hinein, indem sie Mountain-Bikes vor sich herschieben und ihre Rucksäcke auf ihren Rücken baumeln lassen.

Die Rheinbacher profitierten davon, dass sie sich mit den Erzbischöfen von Köln zusammen taten. Als 1342 der letzte große Herrscher von Rheinbach, Tilmann, starb, fiel die Erbfolge an das Erzbistum Köln. Rheinbach markierte die Außengrenzen des Erzbistums. Jenseits der Festung waren die Feinde - das waren die Herzöge aus Jülich oder aus Aremberg in der Eifel - heiß auf eine Eroberung. Doch das sollte ihnen lange Zeit nicht gelingen, denn die Ritter von Rheinbach verteidigten tapfer ihre Festung. Dies belohnten die Kölner Erzbischöfe, denn 1440 durfte die Stadt  zwölf Bedienstete zur Verwaltung von Burg, Stadt und  Einnahmen bestimmen. Außerdem erhielt Rheinbach eine eigene Gerichtsbarkeit und durfte zweimal jährlich einen Jahrmarkt abhalten. Die Zugehörigkeit zum Erzbistum Köln endete erst 1802, als Rheinbach von Franzosen erobert wurde. Rheinbach und das Erzbistum Köln waren eng miteinander verflechtet, obschon das Erzbistum zwischenzeitlich Rheinbach an andere Fürstentümer verpfändete.

Brunnen auf dem Rathausplatz
Wo einst das Zentrum Rheinbachs mit Leben erfüllt wurde, klafft heute eine Lücke. Einen Hauch von Vergangenheit wehen die beiden Fachwerkhäuser herüber, von denen eines das heutige Stadtarchiv beherbergt und das andere das Restaurant „Raths am Bürgerhaus“. Auf der gegenüberliegenden Seite rahmt die Pfarrkirche St. Martin diesen Platz ein, dessen Vorgängerbau übrigens älter als die Stadtgründung war. 943 steht diese Kirche in einer Urkunde der Abtei in Prüm. Diese hatte eine weitere Abtei in Bad Münstereifel gegründet, wozu eine „ecclesia sita in villa reginbach“ gehörte („eine in Rheinbach gelegene Kirche“).

Cafés, Einzelhandel, Geschäfte gruppieren sich entlang der Hauptstraße. Auto an Auto schleicht über die Einbahnstraße. Dieser Platz, eine ungewollte Kombination von Alt und Neu, hat ein Übermaß an Zerstörung erlebt. Im 17. Jahrhundert hatten niederländische Truppen das östliche Stadttor, das Voigtstor, verwüstet. 1944 haben Fliegerbomben die Kirche St. Martin bis auf den Turm einstürzen lassen. Ein Stück half der Mensch auch nach, als 1902 das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert abgerissen wurde. Mager wirkt der Brunnen, der nun die Mitte des freien Platzes einnimmt. Die grauen Steinquader bemühen sich, Größe zu zeigen. Eine Markierung in der Pflasterung soll das Alte Rathaus nicht ganz vergessen machen.


Hexenturm
Man könnte Rheinbach zum Ort des Aberglaubens erklären, denn es gibt ja schließlich den Hexenturm, einen wichtigen Teil von Mauer und Stadtbefestigung. Das läßt schlimmes erahnen, denn das Verließ des Hexenturms diente als Gefängnis, in das von 1631 bis 1636 Hexen eingekerkert wurden, davon wurden 130 Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Diese 130 Hexenverbennungen war in Rheinbach nicht überproportional im Vergleich zum übrigen Rheinland, doch sie spaltete die Ratsherren. Der Hexenkommissar Franz Buirmann verdächtigte Ehefrauen einiger Ratsherren, Hexen zu sein. Buirmann war promovierter Jurist, selbst hatte er sich zum Hexenjäger ernannt. Er redete er auf die Ratsherren ein, Haftbefehle gegen die verdächtigten Ehefrauen zu erlassen. Als sie sich weigerten, betete er so lange die Vorschriften der Kurkölnischen Hexengerichtsordnung rauf und runter, bis sie die Haftbefehle erließen. Schließlich kam es, wie es kommen musste: die Ehefrau eines Ratsherren starb, weil der Hexenkommissar sie über das erlaubte Maß foltern ließ. Die Ratsherren waren außer sich – und jagten den Hexenkommissar aus der Stadt. Danach wurde er nie mehr in Rheinbach gesehen. Anstatt dessen trieb er Jahre später in Siegburg sein Unwesen.

Hexenslam
Aberglaube und Hexen haben die Zeiten sogar überdauert, wenngleich in einer harmlosen und schönen Variante. An vielen Ecken, in Schaufenstern oder auf Plakatwänden, las ich:„Hexenslam“, das war eine Intiative des Vereins „Rheinbach liest“. „Dichtkunst vom feinsten – politisch, schräg, witzig und amüsant“ – so hatte der General-Anzeiger, unsere Tageszeitung, von der Veranstaltung im letzten November berichtet.

In der Buchhandlung, die fleißig für den „Hexenslam“ warb, stöberte ich herum.
 „Dass Schnecken so interessant sind, hätte ich nicht vermutet“ meinte eine Kundin.
… 80 Seiten habe ich gelesen
… ich bin gefesselt, wie spannend das Buch ist.“

Nicht nur Hexen, sondern auch Schnecken machen neugierig. Die ungewöhnlichen Verbindungen hatten mich in Rheinbach fasziniert.

Kommentare:

  1. Da ist auch an Rheinbach der letzte Krieg nicht spurlos vorüber gegangen, aber schön, dass es doch noch viele alte und historische Gebäude gibt, so auch Reste der alten Stadtmauer, der wunderschöne Brunnen auf dem Marktplatz, der Wasserturm und ganz imposant die Zeugen des Römerkanals. :-)

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Christa

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  2. Wieder einmal sehr interessant und klasse recherchiert. Schon alleine zu Anfang mit dem Wasser, denn man sollte sich immer überlegen zu welcher Zeit das gemacht wurde^^ Rheinbach ist eine Stadt die es zu besuchen lohnt und gerade mit den Fachwerkhäusern sprüht sie einen besonderen Reiz aus.

    Liebe Grüsse

    Nova

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  3. Lieber Dieter, autsch, die Hexengeschichte... da hat man wohl auch einige politische Gegner mundtot gemacht, indem man deren Frauen verdächtigte, nehme ich an... Dabei sieht der Ort heute so friedlich aus; ich liebe ja Fachwerk und bedaure es, dass man bei uns davon so wenig sieht. Wie gut, wenn die fürs Stadtbild Verantwortlichen nicht wahllos hässliche Häuser hinstellen lassen, wie das in unserer Gegend leider recht häufig passiert ist udn immer noch passiert...
    Alles Liebe, Traude

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  4. deine Texte animieren mich oft nach den Orten auf der Landkarte zu suchen. Ich merke wieder wie wenig ich von Deutschland kenne.
    Danke wieder für deine interessanten Informationen und die Bilder

    Lieber Wochenendgruß von Heidi-Trollspecht

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