Samstag, 18. Januar 2014

Städte im Rheinland (3) - Remagen

Denkmal Caracciola
Kinderreichtum bringt Segen, das dachte Johann Otto August Caracciola. Er war ein Mann der Taten. 1815 geboren, hatte es ihn mit 28 Jahren nach Remagen gezogen, wo er die Agentur der Kölner Dampfschifffahrts-Gesellschaft übernahm. Doch nicht nur im Geschäft, sondern auch im Bett war er ein Mann der Taten. So zeugte er mit seiner Ehefrau Marianne dreizehn Kinder. Er bliebt treu, seine Rheindampfer schifften Touristen aus Europas über den Rhein, er war Familienmensch mit Leib und Seele, bis das Unglück geschah: seine geliebte Gattin starb 1860. Doch das warf den dynamischen Witwer nicht aus der Umlaufbahn. Irgendwie kam er mit den dreizehn Kindern über die Runden, und danach stürzte er sich in ein neues Glück: 1864 ehelichte er seine zweite Ehefrau Adelheid. „Kinderreichtum bringt Segen“, in dieser Ehe bewahrheitete sich diese Weisheit aufs Neue, denn nun folgten sechs Kinder. Wer rechnen kann, zählt nunmehr neunzehn Kinder.

Unvorstellbar ? Nun schaut Johann Otto August Caracciola von seinem Denkmal rheinaufwärts, die Lastkähne tuckern auf dem Rhein. Der Himmel drückt tief hängendes Gewölk herunter. In der Januarblässe steigen die auslaufenden Berghänge der Eifel unvermutet an. Rheinaufwärts kanalisiert sich der Verkehr. Bundesstraße plus Einsenbahnlinie plus Rhein, alles fließt. Das Gestänge der Oberleitung frißt sich in den Berghang hinein. Die Verkehrstrassen schieben sich wie ein Fremdkörper unter die Apollinariskirche, die schüchtern oben auf dem Berg liegt.

Apollinaris-Kirche
Es waren die Verkehrswege und der Schutz des Rheintals, was die römische Siedlung „Rigomagus“ entstehen ließ. Erstmals durch den römischen Chronisten Marcellinus erwähnt, konnte sich ein „oppidum Rigomagus“ als einziger römischer Stützpunkt gegen die Germanen behaupten. Dabei kommt der Name „Rigomagus“ nicht aus dem Germanischen, sondern aus dem Keltischen. „Rigo“ bedeutet so viel wie König, „magus“ ist das Feld.

Römermuseum
Die Römer hatten sich an dieser Stelle breit gemacht. 30.000 Doppelschritte waren nach Köln zurückzulegen, das zählt ein Meilensteinrest aus dem Jahr 145 zusammen. Kaiser Trajan sollte von dem Außenlager in der fernen germanischen Provinz Notiz nehmen: „Dem Imperator und Cäsar, dem Sohn des göttlichen Nerva, Nerva Trajanus, dem besten Augustus, Germanicus …“, das hat sich auf einer Stele verewigt. Die Inschrift auf einem Altar belegt sogar, dass „Rigomagus“ im Jahr 179 einen Hafen gehabt hat. Die Überreste aus der Römerzeit sind vielfältig, wenngleich einige Bestände des Römermuseums im zweiten Weltkrieg zerstört worden sind. In der Stadt muss man schon mit mikroskopischem Blick hinsehen, um die Römerzeit zu entdecken. So sind in der Kirche St. Peter und Paul einige Steinquader aus der Römerzeit verbaut. Bruchsteine aus Grauwacke standen jedenfalls reichlich zur Verfügung, denn an dieser Stelle, wo mehrere Jahrhunderte später die Kirche gebaut wurde, war die römische Stadtmauer ein gewaltiges Monstrum. Drei Meter war sie breit und sechs Meter ragte sie in die Höhe.

Die Gassen Remagens sind eine übersichtliche Angelegenheit und bewegen sich in einem magischen Dreieck zwischen dem Bahnhof, dem Rhein und der Kirche St. Peter und Paul. Römermuseum, Kirche St. Peter und Paul, Caracciola-Gedenkzimmer, Rheinpromenade, Friedenskirche, Obelisk: in handlichem und fußläufigem Format liegt alles schön dicht beisammen. Die Gassen ergeben sich in der Januarblässe einer gewissen Trägheit. „Geschlossen vom 20. Dezember bis zum 12. Januar“ weist ein Hotel mögliche Gäste ab. Die Besitzerin tritt die Eingangstüren hinaus, schließt ab, wirft einen flüchtigen Blick über das Treppengeländer. Wie schlaftrunken, staksen ihre Schritte über die holprigen Pflastersteine. Schräg gegenüber, im Lokal „Kwartier Latäng“ stapeln sich im Hinterhof leere Getränkekästen, die Türe des Lokals steht offen, der Wirt hantiert unter schummrigen Licht an der Theke herum.

Gaststätte "Kwartier Lateng"
„Rigomagus“ hielt sich hartnäckig. Bis in das 8. Jahrhundert erschien es in den Annalen des Geographus Ravennae. Wie in anderen Römerstädten, waren es in den nachfolgenden Jahrhunderten Kirchen und christliche Märtyrer, die die Stadt zu neuem Leben erweckten. Des einen Freud, des anderen Leid. Im 9. Jahrhundert wurde die Basilika in Ravenna in Oberitalien geplündert, in der die Reliquien des Bischofs Apollinaris aufbewahrt wurden. Die Reliquien verstreuten sich in ganz Europa und gelangten auch ins Rheinland nach Remagen. Eine Kirche wurden auf den zum Rhein auslaufenden Berghängen gebaut, Wallfahrten setzten ein, wobei die heutige Apollinaris-Kirche im 19. Jahrhundert neu gebaut wurde.

Im Mittelalter erging es Remagen nicht viel anders wie so manchen anderen Städten. Der 30-jährige Krieg, der weite Teile Süd-, Südwest- und Ostdeutschlands in tiefstes Elend stürzte und regelrecht entvölkerte, erreichte das Rheinland erst relativ spät. Aber dafür um so heftiger. 1632 besetzten Truppen des schwedischen Feldherrn Wolf Heinrich von Baudissin Remagen. Dabei hatte sich der Erzbischof von Köln mit den spanischen Niederlanden verbündet. Im Januar 1633 befreiten die spanischen Niederlande unter dem General Ernst von Isenburg-Grenzau die Stadt. Doch einen Monat später, im Februar 1633, kehrten die schwedischen Truppen zurück und vertrieben die spanisch-niederländischen Befreier. Diesmal legten sie die ganze Stadt in Schutt und Asche und brannten die Stadt nieder. Die Kirche und 106 Häuser ohne Scheunen und Stallungen verbrannten. Nur 24 Häuser waren stehen geblieben, und bis auf weiteres verkrochen sich die Bewohner in ihren Kellern. Plünderungen und Brandschatzungen, Besatzungen und Kontributionszahlungen, Erpressungen und Misshandlungen hörten nicht auf. Noch 1714, als der spanische Erbfolgekrieg zu Ende ging, beklagten sich die Remagener Bürger, sie wären so ausgesaugt und der Nahrungsmittel entblößt wie zu Zeiten des 30-jährigen Krieges.

Sein Imperium konnten die schwedischen Truppen nicht abfackeln, denn es entstand erst 250 Jahre später. Von seinem Denkmal aus betrachtet Johann Otto August Caracciola, was von seinem Imperium übriggeblieben ist. Er war nicht nur 19-facher Vater, Inhaber der Kölner Dampfschifffahrts-Gesellschaft, agiler Geschäftsmann, sondern auch Hotelinhaber. Rheintourismus, Schifffahrt und Hotels, das war alles miteinander fest verzahnt. Er stieg in das Hotelgeschäft ein, wurde zum Bauherrn. 1858 wurde sein Hotel Fürstenberg eröffnet. 1870 kaufte er ein weiteres Hotel, das daneben liegende „Hotel von Preußen“, als sein Besitzer starb. Es ging noch weiter. 1869 gründete er in Koblenz den „internationalen Verein der Gasthofbesitzer“, das war der Vorläufer zu der heutigen „internationalen Hotelier Vereinigung“.

früheres Hotel von Preußen
Das „Hotel von Preußen“ hat die Zeiten überdauert. Heute ist es das „Ristorante da Franco“. Mit Würde repräsentiert es seine geschichtsträchtige Vergangenheit. Die Rundbogenfenster haben Form und Schönheit, der Rheinblick fügt seine eigenen Form- und Schönheitsideale dazu, an den Seitenflügeln blättert die Farbe ab, in historisch gediegenem Ambiente kann man italienisch essen, speisen und trinken.

Die übrige Rheinpromenade ist nicht häßlich, aber es wäre vermessen, sie als schön zu bezeichnen. Sommers tummeln sich die Ausflugstouristen, und nun genieße ich diese Januarblässe, in der die Rheinpromenade ausholen und atmen kann. Entweder ist im Krieg zu vieles weg bombardiert worden oder wie anderenorts haben phantasielose Stadtplaner ihr Unwesen getrieben oder alle haben ihre Ideale auf dem Altar von Kostenobergrenzen geopfert. Das ist jedenfalls platt, einfallslos, bauklotzartig und könnte genauso in der Fußgängerzonen in Hagen, Bottrop oder Düren stehen.

Die wahre Schönheit des Rheins liegt auf der anderen Seite. Unkel, Erpel, Linz, die Remagener blicken anderswo hin. Die Lastkähne arbeiten sich rheinaufwärts voran. Zum Mythos der kriegszerstörten Brücke von Remagen, die für mich heute zu Fuß zu weit ist.

Möven am Rhein

Kommentare:

  1. Vermisst habe ich jetzt nur den legendären Rennfahrer "Karratsch" in deinem Post, der mir in Kindertagen ein Begriff war aus einem Zigarettenbildchen- Album, das ich von einer alten Nachbarin geschenkt bekommen hatte. Ansonsten trifft deine Beschreibung des Ortes den Nagel auf den Kopf.
    LG
    Astrid

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  2. danke wieder für die interessanten Infos. Da war mein Geschichtsunterricht früher in der Schule im Vergleich doch sehr langweilig ;-)

    Lieber Gruß von Heidi-Trollspecht

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  3. Eine wunderbare Beschreibung der Stadt Dieter, hast du schön geschrieben, habe vor Jahren Remagen besucht. Unter anderem das Museum an der Brücke von Remagen.

    Wünsche dir einen schönen Sonntag
    liebe Grüße
    Angelika

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  4. Wüsste gar nicht ob ich schon in Remagen gewesen bin....aber jedenfalls war es siehr interessant davon zu lesen.

    Wünsche auch einen schönen Sonntag und sende herzliche Grüsse

    Nova

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  5. Was für eine Arbeit die du hier in den Text gesteckt hast. Remagen wird direkt lebendig. Ich wünschte, ich könnte auch mit so offenen Augen und Wissendurst durch die Welt gehen. Deutschland hat soviel schöne Ecken. Leider gelingt mir das nur selten. Zuviel Alltag drumherum.
    Sonntgasgruß vonner Grete

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  6. Hmmm, die Chancen stehen gut, dass das halbe Rheinland mit Herrn Caracciola verwandt ist :-D.
    Remagen kenne ich noch gar nicht, aber Dein Bericht macht mal wieder Lust, es kennen zu lernen!
    Wünsche Dir einen schönen Sonntag!

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  7. Faszinierend... in so Momenten denkt man immer wieder wiviel man doch noch nicht gesehen hat...
    Ganz lieben Gruß, Michaela

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