Freitag, 24. Januar 2014

Formlos (3) - Schnellbus 55



Dass ausgerechnet Busfahrer übergewichtig sind, hält sich hartnäckig in meiner Erinnerung. Statistiken, wenn es sie gibt, werden das nicht beweisen können. Busfahrer ernähren sich genauso wie andere Berufsgruppen: es wird dicke und dünne geben, lange und kleine, dumme und schlaue und so weiter. Busfahrer essen nicht anders, trinken nicht anders, bewegen sich nicht anders, kurzum: biologisch unterscheidet sich ihr Körper nicht, wie viele oder wie wenige Kalorien ihr Körper verbrennt.

Trotzdem: zuletzt habe ich das lebendige Beispiel eines Busfahrers erlebt, dessen Gewicht ein Exempel statuiert hat. Wartezeiten sind öde, nutzlos, vergeudete Zeit. Die Muster des Wartens ähneln sich, wenn man mit dem Auto im Stau steht, wenn die Durchsage auf dem Bahnsteig eine Zugverspätung angekündigt hat oder, wie in meinem Fall, dass ich mitsamt den anderen Fahrgästen auf den Schnellbus 55 warte. Ein Lehrstuhl für Verkehrswissenschaften hat sogar an einer Universität kompliziert herum gerechnet, wie viel volkswirtschaftlicher Schaden in Euro entsteht, wenn Autofahrer im Verkehrsstau stecken bleiben.

Der ganz normale Büroalltag war vorbei, als die Prozedur des Wartens seinen Lauf nahm. Erst U-Bahn, dann Aussteigen, dann gemächlicher Fußweg. Ein kurzes Stück passierte ich die Grünanlage, die lang, geradlinig, entschlossen und mit schönem Blick auf das Poppelsdorfer Schloss zu lief. Der Fußweg knickte ab, ließ die barocke Pracht in der Ferne und ich näherte mich der Wartezone, dem Busbahnhof.

Busse kreisten umher, kurze Busse, Gelenkbusse, leere oder mit Menschen vollgestopfte Busse, von denen einer der Schnellbus 55 sein sollte. Erwartungsschwanger, kauerten die Fahrgäste vor sich her, blickten dumpf in den Feiertagshimmel, standen mit den Füßen wie festgewurzelt auf dem Bussteig. Dieser war nicht gerade eine Augenweide, weil er eine komplette architektonische Fehlplanung war und am Rande des Busbahnhofs Drogenabhängige in Scharen herum lungerten.

Heute hatten wir Glück, denn der Schnellbus 55 trudelte pünktlich ein. Minutengenau schob sich die Front des Busses vor die Kante des Bussteigs. Die Türen öffneten sich. Doch anstelle dass wir Fahrgäste einsteigen konnten, kam der große Auftritt des Busfahrers. Seine Sternstunde hatte geschlagen, als er ausstieg und die Türe von aussen wieder verschloss. Das irritierte uns, und unsere vereinigten Blicke hakten sich an dem Busfahrer fest, denn wir wollten eigentlich pünktlich einsteigen.

Den ließ alles kalt. Schwerfällig trotteten seine Schritte quer über den Busbahnhof. Seinen starren Körper schleifte er hinter sich her. Lahm wie eine Ente, konnte ihn niemand aus der Ruhe bringen. Er schaute nicht links, nicht rechts, und die fest gekrallten Blicke der Fahrgäste fragten sich, was er im Schilde führte. Ich dachte an die Anfangsszenen des Westerns „Spiel mir das Lied vom Tod“, in der die Bewegungen nur eine Spur schneller als der Stillstand waren. Die Handelnden konnten sich kaum aufraffen. Lethargisch waren die Abläufe. Langsamkeit wurde zum dominierenden Stilelement.

Die Umrisse, was er im Schilde führte, wurden klarer, als er den Glaskasten des gegenüberliegenden Kiosks erreichte. Der Anblick dieses Nestes, wo die Busse wild umher kreisten, war ohnehin deprimierend. Ruhelos, rastlos, schnell, anonym, auf einen Verkehrsknotenpunkt des öffentlichen Personennahverkehrs reduziert, war der Busbahnhof jeder Menschlichkeit entblößt. Grüne Flecken waren Fehlanzeige, die Augenblicke meiner Anwesenheit drückte ich schnell weg: ab in den Schnellbus 55, der mich in 30 Minuten nach Hause bringen sollte.

Als der Busfahrer aus dem Glaskasten des Kiosks heraustrat, wurde alles klar. Einen Pappbecher in der Hand, schlürfte er Kaffee in sich hinein. Und der Busfahrer hatte sich gedreht. Nun hefteten sich die Blicke der Fahrgäste auf seine Frontseite. Diese stand auf dem Präsentierteller. Theaterreif, wie auf einer Bühne, bewegte sich seine Gestalt zum Bussteig zurück. Zu einer Halbglatze hatte sich sein Haar gelichtet, klein und geduckt und kugelig war seine Gestalt zusammen geschrumpft. Je näher er zu unserem Schnellbus 55 zurück schritt, um so dominanter wurde sein Bauch.

Sein Übergewicht versteckte sich unter seinem blauen Winterpullover, der sich aufblähte. Die Fettmasse seines Bauches wabbelte hin und her, nahm die Form einer Kugel an. Auch hier bewahrte er diese unerschütterliche Ruhe, seine Fettmasse wurde zum Denkmal. Nicht viel hätte gefehlt, dann wäre sein nackter Bauch heraus gequollen, doch Hemd und Pullover schafften es, all diese Kubikzentimeter von Fett zu bedecken.

Häßlich und abstoßend kehrte er zu seinem Schnellbus 55 zurück. In unser aller gemeinsames Gedächtnis hatte er sich verewigt. Das ist schade für die Stadtwerke, dass der Eindruck entsteht, dass Busfahrer im Vergleich zu anderen Berufsgruppen übermäßig übergewichtig sind.

Der Busfahrer war eine Provokation. Zehn Minuten Verspätung hatte er uns Fahrgästen eingehandelt, weil er seinen wabbeligen Bier- oder Süßigkeiten- oder Freßbauch spazieren geführt hatte.  Dieser Moment, der sich zu zehn Minuten ausgedehnt hatte, habe ich in meinem Gedächtnis verewigt. Dass Busfahrer übergewichtig sind, daran werde ich mich wahrscheinlich bis zu meinem Tode erinnern.

Kommentare:

  1. Das ist ja ein Erlebnis!

    Was mich am meisten an dieser Geschichte "amüsiert" ist die Arbeitsauffassung dieses Busfahrers. An den Anblick enorm vieler übergewichtiger Menschen habe ich mich spätestens nach unserer Rückkehr nach Deutschland leider gewöhnen müssen.

    In Bezug auf Busfahrer hatte ich neulich ein genau gegenteiliges Erlebnis. Mich hat eine äußerst attraktive relativ junge Busfahrerin quer durch Köln chauffiert. Ich habe beobachtet, welche Kraft es braucht, diesen Bus durch die engen Straßen zu lenken und bewundert, wie souverän sie das mit ihrer relativ schmächtigen Figur bewerkstelligt hat. Zu allem Überfluss hat sie an jeder Haltestelle auf alle Nachzügler gewartet und superfreundlich war sie auch. Es gibt immer und überall "solche" und "solche".

    Ich weise unter meinem morgigen Beitrag auf diesen hier hin.

    Herzlichen Gruß
    Brigitta

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  2. "Ich dachte an die Anfangsszenen des Westerns „Spiel mir das Lied vom Tod“, in der die Bewegungen nur eine Spur schneller als der Stillstand waren."
    Das ist für mich der Satz des Tages. Überhaupt ist der Text sehr gut geschrieben. Alle Achtung.
    Gruß vonner Grete

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  3. Ernsthaft drüber nachgedacht kann ich vom allgemeinen Übergewicht bei Busfahrern nicht zustimmen, egal ob hier oder auch noch zurückdenkend an Deutschland. Mit der Gelassenheit, das kommt mir bekannt vor, allerdings auch nicht bei Busfahrern, denn die wollen schon ihren Fahrplan bzw. die Zeiten einhalten. Um so erstaunter war ich von deiner Erfahrung zu lesen. Das finde ich schon unverschämt, denn zehn Minuten sind kein Pappenstiel. Kein Wunder wenn er und die Situation dir immer in Erinnerung bleiben wird.

    Nun aber Wochenende lass dich nicht weiterärgern und genieße es.

    Herzliche Grüssle

    Nova

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  4. Filmreife Szene! Deinen Eindruck habe ich übrigens auch....
    Ein schönes Wochenende! ( Arbeitest du in Poppelsdorf? )
    LG
    Astrid

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  5. Oh ha das kommt mir sehr bekannt vor Dieter, beim Lesen dachte ich am Erkelenzer Bahnhof, so genau ist es dort auch oft genug passiert. Und die Fülle des Fahres passt auch. Hast du gut in Worte gefasst.

    Wünsche dir und deinen Lieben ein schönes Wochenende
    liebe Grüße
    Angelika

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  6. Herrlicher Text! *ROFL*
    Aber dem armen Busfahrer gegenüber leicht ungerecht. Er konnte ja auch nichts dafür, daß die wartenden Fahrgäste in gereizter Stimmung waren. Und wer weiß, wo ihr alle gelandet wärt (im Straßengraben vielleicht), wenn er keinen Kaffee getrunken hätte?
    Ist es nicht erstaunlich, wie sehr die Stimmung, in der wir uns befinden, unsere Wahrnehmung beeinflußt? Gereizt, genervt, sich nachhause wünschend und in zynischer Laune - der Ärmste konnte da nur verlieren. ;-)
    Davon abgesehen war es wohl auch eher ein ästhetischer overkill. (derartige Fettmassen möchte ich auch lieber nicht sehen)

    Aber ich stimme zu: viele Bus- und LKW-Fahrer haben meiner Beobachtung nach in den letzten Jahren gewichtsmäßig schon enorm zugelegt. Die Fahrzeiten, das Essen, die minimale Bewegung, Frustration, Überarbeitung. (mir fallen leider auch keine Lösungswege ein, außer die aktiven Fahrzeiten zu verkürzen und den Herren Fitness-Training zu verordnen)

    Schönes Wochenende, viele Grüße, Sathiya

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  7. Sollte der Busfahrer " echt " sein, dann ist er wohl tatsächlich ein nicht gerade erfreulicher Mensch, optisch wie charakterlich nicht unbedingt DER Busfahrer an sich.
    Denn hier, in unserer kleinen Stadt sind wir anscheinend mit der gegenteiligen Busfahrermentalität und Optik gesegnet.
    Sportlich, freundlich und fit, humorvoll und entgegenkommend;jedoch auch hier nicht ganz von schwarzen Schafen verschont.
    Allerdings nicht betreffend ihre Körperfülle.!
    Ich denke mal, dass man dies nicht pauschalisieren kann, den Busfahrer an sich mit übermäßiger Körperfülle gleich zu setzten.
    Und ich kenne auch die Situation, die du als " großen Auftritt " beschreibst. Für ihn war das sicher nur ein ganz normaler Vorgang in einem ganz normalen Arbeitstag. Wer braucht nicht mal einen Kaffee ;-)
    Vielleicht warst du diesmal etwas unzufrieden, gereizt oder genervt von deinem Alltag, dass du so intensiv auf diesen armen Busfahrer reagiert hast.
    Denn eigentlich hat übermäßige Körperfülle ( man kann sich über Ästhetik diesbezüglich streiten ) eigentlich nichts mit diversen Charaktereigenschaften zu tun, die du in deiner Erzählung schilderst.
    Trotz alledem, interessant und flüssig geschrieben, es hat Spaß gemacht zu lesen.
    Ein schönes Wochenende wünscht dir
    Jutta




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  8. Dieser Busfahrer scheint kein erfreulicher Zeitgenosse zu sein. Allerdings kenne ich hier
    nur wenige übergewichtige Busfahrer. Meist sind es junge Frauen, die den Dienst im Ort
    versehen.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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  9. Am Übergewicht liegt es ganz sicher nicht, denn auch wenn Übergewichtige leider von der überwiegenden Mehrheit diskriminiert und übelst behandelt werden, sind es doch sehr unterschiedlich Menschen. Ebenso sind Busfahrer - zumindest bei uns - sehr unterschiedlich geformt, körperlich sowie charakterlich. Bei uns kommen viele Busse laut Plan alle 5 oder 10 Minuten, aber real kommen sie einfach irgendwann. Das liegt aber nicht an den Fahrer, sondern an den Fahrgästen, der Technik und dem Verkehr. Schlecht Fahrer haben wir natürlich auch. Dieser Busfahrer hätte in Berlin Probleme durch seine Arbeitsauffassung. Meine Art ist es, eine Beschwerde zu verfassen, andere Fahrgäste schlagen einfach zu, was dann z.T. in der Presse veröffentlicht wird.
    wieczoramatische Grüße zum Samstag, Wieczora (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  10. Beim Lesen deines Textes habe ich einen Trickfilm vor Augen gehabt. Ich habe den Busfahrer mit seinem Pappbecher sehen können wie er vom Kiosk zum Bus zurückspaziert ist.
    Du hast ja geschrieben, dass Busfahrer unterschiedliche Menschen sind - wie überall. Du hast beim Schreiben deinem Gefühl freien Lauf gelassen. Und das Gefühl kommt gut raus finde ich :-)

    lieber Sonntagsgruß von Heidi-Trollspecht

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  11. Hmmm ... im Moment weiß ich noch nicht so recht, was ich schreiben soll, denn ich finde deinen Post zumindest in Bezug auf das Äußere des Busfahrers bezogen recht unhöflich. Es gibt überall dicke und dünne, attraktive und unattraktive Menschen auf der Welt. Nicht jeder ist gleich und das ist auch gut so. Sorry, fühle mich selbst ein bisschen auf den Schlips getreten, weil ich ja nun auch nicht gerade schlank bin.

    Im Übrigen ... die Schnellbuslinie 55 wird meines Wissens nach nicht von den Stadtwerken befahren, womit es sich also auch nicht um einen Fahrer der SWB handelt

    Grüße von einer etwas missmutigen
    Frauke

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  12. Achja, das Verhalten des Fahrers geht natürlich gar nicht ! Da stimme ich 100%ig zu.

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  13. Hallo Dieter,

    mir gefällt Deine Beschreibung vom Busfahrer. Ich sehe ihn förmlich vor mir und ich hoffe, dass ich seinen wabbeligen Bauch nicht sehen muss, wenn der Pullover hochrutscht.
    Aber ich gönne ihm den Becher Kaffee. Er macht keinen leichten Job und vielleicht ist das Kaffeeholen eine kleine meditative Pause. Er muss sich unter Umständen mit greizten Menschen auseinandersetzen, die möglichst schnell nach Hause wollen.

    Liebe Grüße,
    Vera

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