Freitag, 6. Dezember 2013

Schokoladenstadt Köln

Der Hunger machte seine Vision von Schokolade lebendig.

Die Schlosserei seines Vaters lief schlecht, denn in den 1930er-Jahren grassierte die Arbeitslosigkeit, auch in der Kölner Südstadt. Wenn Hans Imhoff als Kind vor der Haustüre die Duftwolke von Kakao roch, die die Schornsteine der Stollwerck-Fabrik hinaus pustete, zog ihn die unsichtbare Hand dieses süßlichen und zähen Geruchs durch die Straßen. Von der Fleischmengergasse über die Severinstraße zur Dreikönigenstraße. Er roch sich satt, denn für Schokolade fehlte den Imhoffs das Geld. Seine Phantasie blühte, in seinem Kopf malte er sich alles in Schokolade aus.

Schokoladenmuseum Köln, Rheininsel
Ausgebombt, begann Hans Imhoff nach dem Krieg in Bullay an der Mosel neu. Er handelte mit Lebensmitteln. Auf Lastschiffen ließ er Säcke mit Kakaobohnen herankarren, in den Hinterhöfen von Lagerhallen brodelte und kochte es vor sich hin. In Blechtöpfen über Sprituskochern bereitete er die Kakaomasse auf, woraus dann Schokolade wurde. Er verwendete sogar Schokolade aus Care-Paketen der Alliierten, übergoß sie mit Zucker und stellte so die ersten Pralinen der Nachkriegszeit her. Seine Firma wuchs, die Wirtschaft brummte, der Appetit der Bundesbürger auf Schokolade stieg. Er kaufte kleine Firmen wie Toblerone oder Schoka-Kola auf,  mauserte sich zu einem mittelständischen Unternehmen.

Der Coup gelang, als der Stollwerck-Konzern in wirtschaftliche Schieflage geraten war und am Weltmarkt vorbei produzierte. Der Aktienkurs war in den Keller gesackt. Seine Vision, dass die Schokoladen-Fabrik in der Kölner Südstadt einst ihm gehören würde, hatte hartnäckig die Zeiten überdauert. Er plante eine feindliche Übernahme. Das war 1972. Damals war er fünfzig Jahre alt, und der Deal wurde perfekt, als er das Kapital für 46,5% der Aktien zusammenkratzte, die er der Deutschen Bank abkaufte. Nun hatte er die Aktienmehrheit, und mit dem Stollwerck-Konzern hatte er sich ein Königreich von Schokoladen-Marken zusammengekauft, die auf der ganzen Welt gegessen wurden und von Köln aus gesteuert wurden. Sarotti, Sprengel, Alpia, Eszet, Waldbaur, Suchard, das waren alles Edel-Marken, um die sich der Handel riss.

Schokoladenmuseum, Aufschrift
Den Konzern brachte er wieder auf Touren. Er stieß alles ab, was nichts mit Schokolade zu tun hatte, strich die Produktpalette von 1.200 Produkte auf 47 Produkte zusammen. Er durchleuchtete alle Ecken seines Konzerns auf der ganzen Welt, wo Kosten eingespart werden konnten. Er verkaufte das Fabrikgelände in der Kölner Südstadt und baute 1975 eine neue, hochmoderne Fabrik auf der anderen Rheinseite, in Köln-Porz. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere machte er Köln zur Schokoladenstadt.

Hans Imhoff wurde älter, er marschierte auf die 80 zu, und er hatte keinen Firmennachfolger gefunden. Ein Leben lang war er Unternehmer mit Leib und Seele, Tag und Nacht war er für die Firma da. Seine Tochter Annette hätte das Format gehabt, die Firma des Vaters weiterzuführen. Doch damals war sie Ende 30, sie war bereits Geschäftsführerin in einer Tochterfirma ihres Vaters, die überraschenderweise nichts mit Schokolade zu tun hatte, sondern mit Wäschereien, Berufsbekleidung und Schutzbekleidung. Ihre beiden Kinder waren noch zu klein, so dass ihr diese Firma reichte.

Es ging bergab. Hans Imhoff verkaufte 2001 sein Schokoladen-Imperium an einen Schweizer Schokoladenkonzern, 2011 verkauften die Schweizer an einen belgischen Nahrungsmittelkonzern, bei dem Schokolade eine untergeordnete Rolle spielte. Die Schokoladenfabrik in Köln-Porz schloß ihre Werkstore, aber bereits viele Jahre zuvor hatte Imhoff ein Denkmal für die Schokoladenstadt Köln geschaffen: das Schokoladenmuseum, welches 1993 eröffnet wurde.

Schokoladenmuseum, Blick auf den Rhein
Quer durch Dschungel und Regenwald wird der Besucher geführt, dort, wo die Kakaobohnen wachsen, wie sie geerntet werden, wie sie zermahlen werden und wie daraus Kakaopulver entsteht. In Pralinen- und Schokoladenkursen kann sich der Besucher darüber schlau machen, wie diese Kakaomasse weiter verarbeitet wird. Das Schokoladenmuseum in Köln liefert ein breites Zeugnis darüber, was Schokolade für die Stadt Köln bedeutet beziehungsweise bedeutet hat.

2007 verstarb Hans Imhoff im Alter von 85 Jahren. Seine Vision der Schokolade bleibt in Köln lebendig. Heutzutage gibt es eine Szene von Chocolatiers, die sich in der Tradition der Schokoladenherstellung bewegt.. Die Chocolatiers haben dicke Kladden mit französischen Original-Rezepten im Gepäck. Pflanzenfett in Buttercreme geht nicht, Fertigprodukte sind tabu. Ganache, Nougat, Nüsse, Pistazien, Marzipan, ihre Zutaten beziehen sie direkt aus Belgien oder Frankreich. Das sind traditionelle Rezepturen, auf die Hans Imhoff im Urzustand der Schokolade genauso zurück gegriffen hat.

Es gibt keinen Zweifel. Köln hat eine weitere Identität erhalten: als Schokoladenstadt.

Kommentare:

  1. Fast wie ein kleiner Film läuft es ab, das von dir beschriebene Leben des Hans Imhoff. Schokolade - ein Stoff aus dem Träume sind. Hier gewiss. Gut geschrieben.
    Gruß vonner Grete

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  2. Hast du wunderbar beschrieben Dieter, ich würde das Museum gerne mal besuchen. Doch wenn wir Köln besuchen gehts immer zu Andre. Danke für den schönen Beitrag.

    Eine schönes Adventwochenende und liebe Grüße
    Angelika

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  3. Hmmm, Schokolade! Das ist ja was für mich! heheh Ich hätte nicht gedacht, dass es möglcih sein könnte, Schokolade am Weltmarkt vorbei produzieren. Interessante Beleuchtung der Bio. Dieser Karrieremensch hatte leider keine Zeit, noch ein zweites Kind zu zeugen... Das ist der Nachteil, wenn Leute so sehr in ihrer Arbeit aufgehen.
    Bringst du noch mehr über das Museum? - von innen?....?
    wieczoramatische Grüße zum Wochenende,(◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  4. Dieter, eine fesselnde Geschichte.
    Dake dafür!
    Einen schönen 2. Adventabend wünscht dir
    Irmi

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  5. Das Schokoladenmuseum ist schon eine Bereicherung für Köln und neben dem Olympia- und Sportmuseum auch architektonisch gelungen in seiner Verbindung von Alt und Neu. - Was Stollwerck und Imhoff anbetrifft, so sind meine Gefühle nicht durchweg positiv. Zu skandalös war damals die ganze Abwicklung des Um- bzw. Wegzugs und der Bedeutung für das Viertel. - Ich habe damals noch in den alten Gebäuden in den Semesterferien gearbeitet und habe mich ausgebeutet gefühlt :-(

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  6. Leider war ich noch nicht in diesem Museum...das sollte ich aber unbedingt nachholen!
    Danke für diesen informativen Post,für den Einblick in diese Lebensgeschichte!
    LG,Line

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  7. Das ist eine sehr interessante Geschichte! Im Schokoladenmuseum war ich schon zwei Mal, es hat aber keinen Bleibenden Eindruck hinterlassen. Welche Marken aber zum Stollwerk-Konzern gehören, wusste ich bisher nicht.

    Danke für den süßen Ausflug, ich werd mich jetzt wohl an meinen Lindt-Nikolaus machen :-D.
    Schönen Restsonntag!

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