Samstag, 2. November 2013

Tandemtour

Das Erlebnis war waghalsig, als wir gemeinsam in die Pedale traten. Niemals traten wir beide gleichzeitig, die Pedale stockten, wir blockierten uns gegenseitig. Es dauerte, bis wir den richtigen Zeitpunkt für den Gleichtritt fanden. Als die Tandemfahrt endlich losging, wurde die erste Straßenecke sogleich zur Herausforderung. Der Bogen, den wir schlugen, holte weit, viel zu weit aus. Wir landeten in der Straßenmitte, was richtig gefährlich hätte werden können, doch glücklicherweise herrschte Allerheiligen Totenstille auf der Straße. Mein Fahrgefühl war so schwerfällig, als müsste ich einen LKW lenken.

E, ein paar Jahre jünger als ich, agil, dynamisch, voller Tatendrang, hatte mich zu einer Tandemtour eingeladen. E war blind. Als wir auf Wirtschaftswegen die Felder durchquerten, nahm das Erlebnis auf dem Tandem an Fahrt auf. Das Fahrgefühl blieb, dass ich mich vorneweg wie im LKW im Führerstand befand. Ich musste lenken, schalten, signalisieren, schauen, aufpassen, für zwei denken.

Ich lernte, dass Tandemfahren von Kommunikation lebte. Mit Worten beschreiben, wo wir uns befanden. Stellen ankündigen, wo wir die Richtung wechselten. Gefahrenpunkte signalisieren, so dass wir langsamer fuhren. Das Tempo dämpfen, wenn ich den richtigen Weg finden musste.

Das funktionierte. Und es war eine komplett neue Erfahrung, dass ich nicht mehr der einsame Kämpfer auf dem Rennrad gegen Höhenmeter war, sondern dass wir einen gemeinsamen Durchschnitt unseres Leistungsvermögens auf demselben Fahrrad im Gleichtakt bildeten. E’s Format der Tandemtouren lag dabei nicht einmal soweit von meinem eigenen Format entfernt. Er war nicht nur flußabwärts geradelt, sondern es waren auch Highlights wie Eifel oder Ardennen dabei.

Köln, Alter Markt, unser Ziel. Nachdem wir im Eis-Café Kaffee und Kuchen gegessen hatten, machte ein Passant ein Erinnerungsfoto. „Klasse, dass wir ein solches Foto machen können“ bemerkte E stolz – obschon er dieses Foto gar nicht sehen konnte.

Überhaupt stellte ich nach diesem Foto fest, dass Bloggen und Tandemfahren sich nahtlos ergänzten. Wir hatten uns an dem Reiterdenkmal von Jan von Werth fotografieren lassen. Ich erzählte die Geschichte von  Jan und Griet, die E nicht kannte. Ich hatte mir längst angewöhnt, mit Worten zu beschreiben, was zu sehen war. Auf der Rückfahrt ging es vorbei am Rheinau-Hafen, wo der Start- und Ziel-Bereich des Radrennens „Rund um Köln“ gelegen hatte. Dort erzählte ich von „Rund um Köln“. Ich erzählte von Kölner Brücken, von der Deutzer Brücke, der Südbrücke und der Rodenkirchener Brücke. Schließlich Wesseling, wo ich die Öl-Pipeline von Rotterdam beschrieb und wie eine Million Liter Rohöl in Wesseling im Erdreich versickert waren und die Welt danach für alle in Ordnung war.

Am Ende der Tandemtour begriff ich nicht, wie Menschen mit solch einer Behinderung im Alltag klar kommen konnten. E’s Ehefrau S war ebenfalls blind. Sauber, aufgeräumt, ordentlich war in ihrer Wohnung alles an Ort und Stelle. Putzen, waschen, einkaufen oder kochen, wie war das zu schaffen, ohne sehen zu können ?

Ich sah mich um. Bilder von ihnen, von Freunden und von Landschaften hingen an den Wänden, die sie nicht sehen konnten. Der Holzfußboden verlieh Wärme und Behaglichkeit. Der Balkon, wo große und kleine und bemalte Blumentöpfe auf einem Holzregal standen, kam mir wie eine Insel der Glückseligkeit vor.

„Schöner Balkon“ merkte ich an. „Ich genieße diese Weitsicht“ kommentierte S. Das stimmte, denn man konnte bis zum Siebengebirge schauen. Obschon S die Weitsicht gar nicht sehen konnte.

Die Tandemtour hatte meinen Blick in eine Welt voller Geheimnisse geöffnet. In eine Welt, in der E und S übersinnliche Fähigkeiten entwickelt hatten, sich in Dinge hinein zu fühlen.

Kommentare:

  1. Dies ist tatsächlich eine Erfahrung, um die ich dich beneide.

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  2. Noch nie Tandem gefahren muss dein Erlebnis bestimmt ein ganz besonderes Erlebnis gewesen sein. Ich bin überzeugt das man dadurch noch einmal ein ganz anderen Blickwinkel und Bewusstsein bekommt. Man geht unter Garantie ganz tief in sich und die Worte werden mit viel Empfindungen ausgesprochen.

    Ich kann blinde Menschen ebenfalls bewundern wie sie ihr Leben meistern. Für einen sehenden Menschen schon unvorstellbar wie sie im Alltag so zurechtkommen.

    Danke dir dass du uns davon erzählt hast und hab einen wundervollen Sonntag.

    Herzliche Grüsse

    Nova

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  3. Hallo Dieter, Tandem fahren eine Herausforderung, kann mir vorstellen das das schwierig ist und viel Übung braucht.
    Blinde Menschen im Alltag zu erleben ist schon etwas großartiges, wie sie den Alltag meistern und zurecht kommen.
    Danke für den tollen Beitrag.

    Schönen Sonntag und liebe Grüße
    Angelika

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  4. Ich bin ganz still geworden, als ich deinen Beitrag gelesen habe, ich, die immer fürchtet, blind zu werden...
    So ein richtiger November - Post. Muss wohl deinen Musik- Tipp anhören ( der ist wohl aus einer Zeit, bei der ich nicht mehr auf dem Laufenden blieb ).
    Einen schönen Sonntag!
    Astrid

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  5. Guten Morgen Dieter
    Tandemfahren stelle ich mir ja schon grundsätzlich schwierig vor, aber als allein Verantwortlicher würde ich es mir sicher nicht zutrauen. Toll, dass Du es gemacht hast! Auch wenn ich aus Hessen schreibe, bin und bleibe ich doch Rheinländerin im Herzen :-) und fahre noch oft in die Nähe von Monschau. Da ist Radfahren auch eine Herausforderung *lach*
    Viele Grüße, Petra

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  6. Tandem würde ich auch gerne mal fahren (und hinten sitzen und die Pedalen nicht bewegen ;-))
    Danke für die wunderschöne Geschichte und deine Eindrücke!
    LG

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  7. Ein toller Bericht über eine Tandemtour die nicht ganz so einfach war aber etwas ganz normales sein
    könnte oder sollte. Da ich mich mit Bilder und Fotografie befasse kann ich mir nicht vorstellen diese nicht
    zu sehen.

    Gruß
    Noke

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  8. Ein kleiner Einblick in die Welt der Blinden. Darüber wüsste ich gerne mehr. Sehr einfühlsam geschrieben.
    LG, 'Franka'

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  9. Hallo Dieter,
    das klingt nach einer interessanten Tour und ich ziehe meinen Hut, was du dir da zugetraut hast.
    Hab noch einen schönen Sonntag. Ninja

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  10. Wie schön. Ja es ist für einen Sehenden nicht nachzuvollziehen, was ein Blinder sieht. Ich habe hier bewusst das Wort sehen verwendet, da es durchaus passt. Jeder blinde Mensch, den ich bisher getroffen habe, verwendet das Wort, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.
    Gruß vonner Grete

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  11. Guten Abend, Dieter!
    Als erstes mal finde ich es ganz große Klasse, dass du die Einladung angenommen hast, und nicht vor den Komplikationen, die sich im Umgang mit einem Blinden ergeben (könnten) zurück geschreckt bist. Dein Text ist wieder sehr schön geschrieben - einfühlsam und ansprechend. Eine blinde Kommilitonin hatte ich mal, aber nicht so fiel mit ihr zu tun und Tandem bin ich auch noch nie gefahren.
    wieczoramatische Grüße zum Sonntag, (◔‿◔) | Mein Fotoblog

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  12. ich habe von der Tandemfahrt - über euch beide - auch sehr gerne gelesen. Vielleicht gibt es eine Fortsetzung?
    ich würde mich freuen.

    herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

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  13. Wow, wunderbar beschrieben Dieter und du hast "E" sicherlich einen wunderbaren Tag beschert. Wahnsinn, dass man mit einer solchen Behinderung nicht den Mut verliert und auch noch so humorvoll dabei sein kann. Ich weiß nicht, ob ich das könnte.

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