Samstag, 9. November 2013

Tanken für 1,45 €

Die Überraschung kam schleichend. Wochen- und Monatsentwicklungen hatten die Preise stabilisiert. Die Preise drückten sogar nach unten, so dass der Spritpreis mit 1,43 € für Super E10 in der letzten Tagen einen Tiefpunkt erreichte.

Die Fahrt zur Zapfsäule wird daher zum freudigen Ereignis, das die Haushaltskasse schont. Einmal volltanken, damit es sich lohnt. Ich tanke am Supermarkt um die Ecke, wo der Sprit ein oder zwei Cent billiger ist als sonstwo, und ich denke effektiv nicht über die Tankerei nach. Unser Auto hat Durst. Und ich denke auch ansonsten nicht nach, wenn ich Mineralwasser trinke oder sonstwie meinen eigenen Durst lösche. Tanken ist also eine Art von Instinkt, den Drang nach Mobilität zufrieden zu stellen.

Weite Teile unserer Bevölkerung sind vom Auto abhängig, was zum Teil von der Politik bewusst so gewollt ist. Die Republik ist mit Autobahnen zugepflastert. In ländlichen Gebieten ist nichts mit öffentlichem Personennahverkehr. Die Entfernungen zu den Arbeitsplätzen werden immer länger. Dieses Auf und Ab der Spritpreise kenne ich, seitdem ich Auto fahre, wobei die Tendenz der Spritpreise nur eine Richtung kennt: nach oben, phasenweise sogar steil nach oben. Ich sollte also zufrieden sein, dass die Spritpreise eine Abwärtsbewegung gefunden haben und die Fahrt zur Zapfsäule mir nicht mehr die Tageslaune vermiest.

Der Spritpreis zu einem Mythos geworden. Nicht nur wir als Autofahrer, sämtliche Industriestaaten hängen am Tropf der Öl-fördernden Staaten. Unsere Autos saufen Sprit. Öl ist bequem. Den Zapfhahn in den Tank halten, voll tanken, Auto anlassen, Gas geben, losfahren. Industriebetriebe, Logistik, Arbeitsplätze, was wir privat zu erledigen haben, wir haben uns in diese Sackgasse von Öl und Auto gefahren. Und was regenerativ ist, steigt zwar, ist aber bezogen auf die gesamte Ölfördermenge immer noch Kleckerkram.

Peak Oil, dieses Gespenst, ab wann es mit der weltweiten Ölförderung abwärts geht, treibt seit den 70er Jahren sein Unwesen. Schon 1971 hatte der Club of Rome in seinem Bericht zu den Grenzen des Wachstums ermahnt, dass die Ölvorkommen endlich sind und bald zur Neige gehen würden. In den Folgejahren irrten sich Zukunftsforscher und Geologen permanent. Ungefähr im Zehnjahresrhythmus verschob sich der Zeitpunkt des Peak Oil. Zuerst wurde diser Zeitpunkt Mitte der 70er Jahre vermutet, dann Mitte der 80er Jahre und so weiter. Neue Ölquellen unter dem Meer, im Urwald, unter Sümpfen, unter Permafrostböden oder im Eis wurden entdeckt. Der Entdeckergeist der Menschheit hält dagegen. Ihr Glaube, dass Ölquellen nicht versiegen, ist nicht zu brechen. Menschliche Rationalität gegen die Gegebenheiten der Natur. Nun sind wir in immer waghalsigere Dimensionen von Ölfeldern vorgedrungen. Ölsande, Ölschiefer, tiefste Meerestiefen, ewiges Eis. Niederländische Greenpeace-Aktivisten haben die Russen eingekerkert, weil sie gegen die Ölförderung in der Antarktis protestiert haben. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die ersten Ölbohrungen auf Mond und Mars stattfinden und wann mit Raumschiffen das Öl auf die Erde transportiert wird.

Ich tanke. Der Zähler der Tankuhr dreht sich. Bei einem Spritpreis von 1,45 € registriere ich zufrieden die Gemächlichkeit der Umdrehungen. Der 40 kW-Motor unseres VW Vento hat sich ausgeruht. Matt dämmert die silbrige Motorhaube gegen den wolkenverhangenen Himmel.  Reste von zerquetschten Insekten kratzen auf der Windschutzscheibe. Vier Räder mit schmutzig grauen Felgen haften auf dem Boden.

Der Ölpreis ist auch ein Stück Magie. Griechenland spart nicht. Es reicht aber der Wille aus, sparen zu wollen, um den Euro-Kurs in die Höhe zu treiben. Abgerechnet wird in Dollar, so dass der Spritpreis sinkt. Andere Magier wenden Taschenspielertricks an und spekulieren. Mit den Sägezahnkurven der Ölpreisentwicklung läßt sich Geld verdienen. Diese Magier wirbeln den Ölpreis durcheinander, so dass dieser nichts mehr mit Angebot und Nachfrage zu tun hat.

Die Visionen, wie es mit knapper werdendem Öl weitergeht, sind ständig über den Haufen geworfen worden. Mein Szenario, dass die ganze Weltwirtschaft bei einem explodierenden Ölpreis abstürzt, hat sich nicht bewahrheitet. Glücklicherweise. Um Öl sind Kriege geführt worden:  „kein Blut für Öl“ – ich erinnere mich noch lebhaft an all die Demonstrationen und Plakate 1991, als der irakische Diktator Saddam Hussein die Ölquellen Kuweits einkassiert hatte. Und es gibt sogar Visionen eines Dritten Weltkrieges, wenn die arabischen Staaten die Ölförderung als Waffe einsetzen.

Tatsache ist, dass es bisher mit Öl weiter gegangen ist. Politiker denken zu kurz, wenn sie den Bürgern weismachen wollen, dass alles in Ordnung ist und dass die Märkte alles richtig zurecht rücken. Ein Spritpreis von 1,45 € ist sogar schlecht, weil Elektroautos oder andere Mobilitätsvarianten unrentabler werden.

Das Brummen der Zapfsäule ist verstummt, ich verschließe den Tankdeckel, ich latschte in den Glaskasten, wo ich meine Tankrechnung bezahlen darf. Danach starte ich, ich trete das Gaspedal, der Motor steckt voller Tatendrang. Ich starte durch und mache mir keine Gedanken darüber, wie hoch der Spritpreis in den nächsten Tagen sein wird.

Kommentare:

  1. Was für ein riesiges Thema. Interessant aufbereitet und klasse geschrieben (mit diesen literarischen Einschüben).
    Sich letztlich nicht um den Preis "zu kümmern", sondern einfach zu tanken oder eben auch nicht ist wohl das Klügste ... solange es "noch geht" ...

    leben Gruß
    Brigitta

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  2. Ein sehr guter beitrag, lieber Dieter. Es ist aber so, die nachfrage regelt den preis, wenn ich da an die ferienzeit denke, oder der autoverkehr zu den großen (familien)festen, da wird an den tankstellen wieder zugeschlagen, doch DIE verdienen daran kaum....
    Ach, ich will mich nicht aufregen .... wünsche hier ein schönes wo.ende, schwingt Euch aufs rad, oder lauft paar takte - das tut guuut ;)

    Liebe grüße
    Bine

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  3. Wie immer ein guter Text. Diese Mischung aus Erzählung und reiner Information gefällt mir immer sehr gut bei dir. Sie macht da sLesen zum Vergnügen.
    Samstäglichen Gruß vonner Grete
    P.S. Hohe Spritpreise sind ärgerlich, aber ich gehöre auch zu denen, die tanken müssen. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich vorher noch nichtmal geschaut habe, wie der Preis liegt.

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  4. Leider muss ich tanke,denn wir wohnen hier auf dem Land und bis zur nächsten Stadt und den Geschäften sind es 12 km.
    Solange wir alle brav tanken wir der Spritpreis ein ständiges Thema bleiben.
    LG
    Nicole

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  5. Moin Moin...

    das mit den Spritpreisen ist wirklich so ein Sache... Der absolute Tiefstpreis den ich gestern gesehen habe lag bei 1,41€ Super E10 !!

    Ich wünsche Dir ein tolles Wochenende

    Grüße aus Berlin
    Timur

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  6. Ein interessanter beitrag Dieter, der Spritpreis wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

    Liebe Abendgrüße
    Angelika

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  7. ich habe deine Gedanken auch wieder sehr gerne gelesen. Und den Schluss fand ich auch sehr gut ... :-)
    Lieber Samstagabendgruß von Heidi-Trollspecht

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  8. Hallo Dieter
    Ja, der Spritpreis wird wohl ein ständiges Thema bleiben. Das ist auch bei uns in der Schweiz so.
    Einen gemütlichen Sonntag wünscht Dir Yvonne

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  9. Hallo Dieter, mit Interesse habe ich deine Ausführungen gelesen. Ich frag mich auch, wie wir Menschen reagieren, wenn alle Ölquellen leergepumpt sind. Hoffentlich wird unsere schöne Welt nicht noch restlos zerstört mit diesen Bohrungen nach Öl, Gas und anderen Bodenschätzen.
    Über Benzinpreise bin ich schlecht informiert, weil ich fast all meine Wege laufe oder mit dem Rad fahre. Aber klar, so wie du schreibst müssen Berufstätige heute große Strecken zur Arbeitsstelle zurücklegen, da schluckt der Autotank etliches und jeder freut sich über eine kleine Ersparnis.
    Herzlichst MinaLina

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  10. Tja, bin Berufspendler und der derzeitige Benzinpreis macht ich doch sehr zufrieden. Fahren muss ich sowieso, auch wenn es mehr kostet, leider sind öffentliche Verkehrsmittel keine realisierbare Alternative für mich.

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  11. Dag Dieter, Boeiende bedenkingen bij onze verslaving aan olie. Ik werk thuis en gebruik al twintig jaar geen auto, maar ik leid dan ook een onpraktisch leven. Mijn mans auto rijdt op gas. Soms denk ik dat onze maatschappij op economisch drijfzand is gebouwd...

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