Sonntag, 22. Februar 2015

ein Stück New York am Rhein - das Wilhelm-Marx-Haus in Düsseldorf und das Hansahochhaus in Köln

Wilhelm-Marx-Haus in Düsseldorf
Schräg und kurios, so klingt es, dass ein Gärtner den Stahlbeton erfunden hat. Folglich haben Gärtner die Architektur revolutioniert, indem sie die Grundlage für höhere Ingenieurskünste geschaffen haben, Häuser noch höher in den Himmel bauen zu können. Dass Forschungszweck und Erfindungen auseinanderklaffen, ist bei der Produktenwicklung gar keine Seltenheit.

Joseph Monier war Gärtner in den Pariser Tuilerien. In den Gewächshäusern wuchsen die empfindlichen Pflanzen, so auch Orangenbäume, die einen kräftigen Stamm entwickelten und auch eine gute Ernte brachten. Da sich der Stab aus Holz, an den er den Stamm festband, sich bei vollem Wachstum neigte, experimentierte er mit Beton. Er goß Pflanzkübel aus Beton, variierte die Mischung aus Zement, Sand, Schlacke und Wasser und fügte ein Drahtgewebe ein, damit der Beton an Festigkeit gewann. Den Stab in der Mitte formte er aus derselben Mischung, außerdem fixierte ihn in seinem Inneren mit einem Eisenstab. Dieser sackte weder ab, noch knickte er ein, wenn Massen von reifen Früchten an dem Orangenbaum hingen. Bei der Weltausstellung 1867 in Paris ließ er sich diese Erfindung patentieren.

Durch die Hände eines Gärtners war der Stahlbeton geboren. Die Erfindung aus Frankreich zog Kreise in die ganze Welt. In den USA wurden in den Stahlbau Wände und Decken eingezogen, daraus wurde dann der Stahlskelettbau. Die technischen Entwicklungen galoppierten davon, der Entwicklungs- und Erfindergeist wurde zum Leitbild der amerikanischen Nation. Neue Industrien scharten sich um die amerikanischen Städte, die mit ihren Arbeitsplätzen wuchsen und explodierten.

Erst Chicago, dann New York. In die Höhe bauen zu können, schuf komplett neue Dimensionen. Das erste Hochhaus als Stahlskelettbau maß zehn Stockwerke und wurde 1885 in Chicago gebaut. Innenstadtnahe Flächen waren knapp, und dieselbe Fläche konnte mehr Wohn- oder Büroraum unterbringen. Das revolutionierte die Bauwelt. „Wolkenkratzer“, diese Wortschöpfung versinnbildlicht die ungeahnten Größenordnungen, in denen die Hochhäuser an den Wolken zu kratzen schienen.

Hansahochhaus Köln, Quelle Wikipedia
New York sprengte nach der 1900er-Jahrhundertwende die Rekorde. 1909 wuchs der Metropolitan Tower 213 Meter in die Höhe, 241 Meter erreichte das Woolworth Building 1913. Wer vermutete, dass in den Folgejahren New York weitere Rekorde knacken würde, der irrte. Anstatt höher zu bauen, widmeten die Architekten ihre Phantasie den Verzierungen. Die Hochhäuser erhielten Klinkerfassaden aus Backstein, es wurde verschachtelt gebaut, die Farbabstufungen der Klinker wechselten, Elemente des Art-Deko-Stils hoben an prägnanten Stellen ihre Akzente hervor, man verschönerte durch Ornamente und Stuckarbeiten.

In den 1920er Jahren erreichte dieser Baustil das Rheinland, wenngleich nicht in den Größenordnungen wie in New York. Das Maß der Verstädterung ähnelte sich: wie in Amerika, waren Tüftler und Erfinder im Rheinland aktiv, der Verbrennungsmotor wurde erfunden, der Wechselstrom, Generatoren, Gleichrichter, Glühlampen, die Formgebung von Kristall in Glashüttenöfen oder der Automobilbau. Mit Fabriken, Arbeitsplätzen und Arbeiterwohnsiedlungen wucherten insbesondere Köln und Düsseldorf in die Außenbezirke.

Der Zeitgeist hatte sich in den Zwischenkriegsjahren nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg radikal gewandelt. Die Normen und Werte des „American Way of Live“ hatten sich in weiten Teilen Europas eingenistet. Die Urbanisierung hatte in den Städten zugenommen, riesige Geldströme und Kapital ergossen sich über die Metropolen, an der Schnittstelle zwischen Börsen, Banken und Fabriken. In Bürowelten wurde das Kapital gesteuert, die Masse wurde zum bestimmenden Faktor in Produktion und Konsum. In der Stadtlandschaft pulsierte das Leben schneller, Leuchtreklamen vervielfachten die visuellen Reize, mit den ersten Kinos entstand eine Art von Vergnügungsindustrie.

Wilhelm-Marx-Haus
Seit Anfang der 1920er Jahre beschäftigte man sich in ganz Deutschland mit der Frage, ob Hochhäuser in Deutschland benötigt wurden und ob man dem Trend der US-amerikanischen Großstädte folgen sollte. Im Rheinland wollten die Stadtplaner mit Hochhäusern ein Zeichen des Fortschritts setzen, nach Kriegsende wollte man damit eine Grundlage für einen wirtschaftlichen Aufschwung legen, Unternehmen sollten daran gehindert werden, in fremde Städte abzuwandern. 1921 wurde die „Düsseldorfer Bürohausgesellschaft“ gegründet, die die Bürokratie bis zur Baugenehmigung vereinfachen sollte. Die ersten Hochhäuser im Rheinland ahmten den Baustil in New York nach, insbesondere mit der rotbraunen Klinkerfassade. Die Formen von Fenstern bezog man in die Fassadengestaltung ein, die Hochhäuser bestanden aus mehreren Gebäudeflügeln, die vorweg standen oder in sich verschachtelt waren. Die Spitze des Hochhauses schlossen Turmelemente mit einer Aussichtsplattform ab. Arkaden umgaben das Erdgeschoss. Dreizehn Etagen zählte das Hochhaus, und ein Jahr lang war es das „höchste Eisenbetonwerk in Europa“. 1924 bezog die Börse die Büroräume.

Während der Bauzeit hatte das Wettrennen mit der Nachbarstadt am Rhein, Köln, längst begonnen. Die Kölner bauten das Hansahochhaus, das sie nach der Zugehörigkeit der Domstadt zur mittelalterlichen Hanse benannt hatten. Der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer war eitel und wollte seine Stadt auf Augenhöhe sehen mit anderen Städten an Rhein und Ruhr. Er suchte Zeichen und Symbolen der Größe. Genau das konnten Hochhäuser ausdrücken, den Himmel kratzend, zähl- und messbar mit der Anzahl der Stockwerke und dazu noch schön. Das Hansahochhaus wuchs um weitere vier Stockwerke in die Höhe, und für ein paar Monate, nach der Fertigstellung 1925, überholte es Düsseldorf. Es heimste den Titel des „höchsten Eisenbetonwerks in Europa“ ein, es wurde danach von einem noch höheren Wolkenkratzer in einer anderen europäischen Metropole überflügelt, dessen Namen ich nicht recherchiert habe.

Wilhelm-Marx-Haus
Den Stolz konnten sich die Architekten des Hansahochhauses nicht verkneifen. Sie schwärmten 1926: „Das mächtige Bauwerk, sowohl im Gesamtgebilde der Stadt wie aus nächster Nähe betrachtet, hinterlässt einen schönen Eindruck. Seine wuchtige, schlichte Form passt sich außerordentlich gut seiner Zweckbestimmung ab und verträgt sich überraschend gut mit den in nächster Nähe aufragenden Türmen des Kölner Doms …“, so beschrieben sie im Zentralblatt der Bauverwaltung des Deutschen Reiches, wie harmonisch sich der Monumentalbau in die Umgebung einfügte.

Schräg und kurios, so klingt es tatsächlich, was ein Gärtner aus Paris in der Architektur bewegt hat. Es war nicht die Schönheit der Pflanzen oder der Gartengestaltung, sondern die Schönheit des Betons, die, aus heutiger Sicht, paradoxerweise schöne Formen gezeigt hatte. Glatt, unterschiedlos und voller emotionaler Kälte sind heute die Formen von Bürotürmen, die sich in die viereckige Schachbrettform der Düsseldorfer Innenstadt einfügen oder entlang der Kölner Rheinuferstraße. Die Architektur hat sich überdreht und wuchert unsystematisch in die Höhe. In Hast und Eile schieben sich die Menschenmassen durch die Häuserfluchten. 
Augenblicke verflüchtigen sich so schnell, dass sie nicht mehr greifbar sind. Ein wenig komme ich mir dort vor wie „der Tramp“ aus dem Film „Lichter der Großstadt“ von Charlie Chaplin. Mit Bündeln von Geldscheinen in der Hand fühlte er sich abgestoßen von den Menschenmassen, ziellos flüchtete er in die Häuserschluchten hinein und aus den Häuserschluchten hinaus, er rang um menschliche Zuneigung, bis er verhaftet wurde.

Er wurde freigelassen, und ein blindes Mädchen, das Blumen verkaufte, verliebte sich in ihn und schenkte ihm ihre menschliche Wärme.

Kommentare:

  1. Manchmal können sie schön aussehen, aber was ich absolut nicht mag sind Bettenburgen an der Playa ;-)

    Wünsche dir einen schönen Wochenstart und sende herzliche Grüsse

    N☼va

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  2. Ich mache mal den Banausen - mir schlägt das Herz seit Jahrzehnten höher, wenn ich den "Klosterfrau-Saturn"-Turm sehen, weil ich da früher jährlich zu meinen LP-Beutezug ausrückte. Zu CD/DVD-Zeiten ist es schwächer geworden, dennoch: Zweimal im Jahr ist "Pilgerreise" angesagt - damit Geld unter die Leute kommt - jeder hat so seine Kultstätten.
    Ich wünsche eine gute Woche, hier momentan ganz große Winter-Rückkehr - war schon schippen!

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  3. Vom Gärtner aus den Tuilerien habe ich noch nie etwas gehört, wie befremdlich, von ihm hätte ich eher etwas im Jugendstil erwartet. Ich liebe ja Schnörkel und alles Florale, aber auch Hochhäuser haben manchmal etwas schönes an sich. Funktionalität und Schönheit ist schon seit dem 19. Jahrhundert ein wichtiges Thema für Künstler, Designer und Architekten.

    Wobei im Ostblock wurden Plattenbausiedlungen auch als die Krone des Fortschritts und der Modernität verkauft. Die Wohnungen damals waren total begehrt - heut will sie keiner haben.

    Wünsche Dir einen guten Start in die neue Woche!

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