Dienstag, 17. Februar 2015

Verdamp lang her, katholisches Internat, Sympathy for the Devil und Anna - Wolfgang Niedecken in Rheinbach


In der Tat, verdammt lange ist seine Zeit her, die Wolfgang Niedecken nach Rheinbach katapultiert hatte. „Verdamp lang her“, sein wohl bekanntestes Stück, erzählt weniger von Rheinbach und mehr von seinem nicht ganz krisenfreien Verhältnis zu seinem Vater, da die Gegensätze von Vater und Sohn kaum größer sein konnten. So merkwürdig wie in der Passage „merkwürdig wo so mancher haas lang lööft“ mochte es dem damals 11-jährigen erschienen sein, als ihn seine Eltern an ein katholisches Internat in Rheinbach übergaben. Er ging auf ein Gymnasium in der Kölner Südstadt, seine Schulnoten hatten sich verschlechtert, es fehlte an Zeit, dass ihm seine Eltern bei den Hausaufgaben halfen, so dass sie alles verfügbare Geld zusammenkratzten, damit seine schulischen Leistungen in der Abgeschiedenheit eines Internates wieder aufwärts gehen sollten.

So ging es nach den Osterferien 1962 in dem Opel Caravan seiner Eltern nach Rheinbach. Schon in dem Moment, als die Pallottiner-Patres in ihren schwarzen Kutten und ihren seidenen Schärpen ihn in Empfang nahmen, wurde ihm klar, dass es kein Aufenthalt werden sollte wie in den Büchern von den Fünf Freunden. Sie ging ebenso in einem Internat zur Schule, die Umgangsformen waren locker und die Sommer waren voller Abenteuer.

Ein Speisesaal, ein Studiersaal, ein Waschsaal, ein Schranksaal, sogar ein Tischtennissaal, alles war starr reglementiert. Die Patres waren wie besessen von einem Kontrollwahn. Frühmorgens wurden die sechzig Internatsschüler von einer ohrenbetäubenden Schelle geweckt, sofort mussten sie aus dem Bett springen und in den Waschsaal im Keller rennen. Die Patres kontrollierten, ob genug Zahnpasta auf der Bürste war, sie kontrollierten, ob die Ohren gewaschen waren und die Fingernägel sauber waren.

Morgens ging es über einen kurzen Fußweg am Stadtpark vorbei zum Gymnasium. Nach Schulschluss folgten zwei Stunden Mittagspause und mehrere Stunden Silentien, in denen die Hausaufgaben erledigt werden mussten. Wer vorher mit den Hausaufgaben fertig wurde, der durfte ein Buch lesen. Die Zimmer mussten wie geleckt aussehen. Die Ordnung in Spind und Schreibtisch wurden jeden Abend kontrolliert. Die Bettlaken mussten so stramm gezogen sein, dass keine Falte mehr zu sehen war. Vor dem Schlafengehen ging es in die Kapelle, wo gebetet wurde. Dass die menschliche Existenz lediglich ein Übergangszustand zum Tode ist, wurde den Schülern eingetrichtert, in dem sie allabendlich das Lied sangen „Wir sind nur Gast auf Erden“.

Die Kontrollen hatten ein System. Es wurde solange kontrolliert, bis etwas gefunden wurde, das nicht so war, wie es sein wollte. Als Strafe durften die Schüler dann Koks in den Keller schaufeln, sie wurden zur Gartenarbeit verdonnert oder mussten im Keller Kartoffeln von Keimen befreien.

Die Situation eskalierte in dem katholischen Internat, als 1964 zwei Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt wurden, davon war einer Wolfgang Niedecken, wobei Wolfgang Niedecken den Begriff „sexueller Missbrauch“ lieber vermeidet. Als es mit den Lateinvokabeln nicht so richtig klappen wollte, gab es mit dem Rohrstock eine Tracht Prügel. Um die Prügelstrafe zu ersparen, wurde ein Pater zudringlich und in dessen Folge kam es zu sexuellen Handlungen.

Als Wolfgang Niedecken am Wochenende bei seinen Eltern in Köln war, bemerkte sein Vater Striemen und blaue Flecken auf seinem Rücken, er fragte nach, und wie befreit, erzählte der Sohn seinem Vater alles haarklein, was im Internat geschehen war. Sein Vater erstattete Anzeige bei der Polizei, und der Pater verschwand von einem Tag auf den anderen von der Bildfläche und wurde nie mehr gesehen. Um seinem Sohn eventuelle Schwierigkeiten zu ersparen, sorgte er dafür, dass sein Name nirgendwo bei der Staatsanwaltschaft aktenkundig wurde. So konnten Wolfgang Niedecken Jahre und Jahrzehnte später keine Verbindungen zu den strafrechtlichen Ermittlungen nachgesagt werden. Genau das ist die eine Kernaussage in seinem bekanntesten Stück „Verdamp lang her“. Die andere Kernaussage geht in die Richtung des nicht immer harmonischen Verhältnisses zwischen Vater und Sohn, der eine war ein Buchhaltertyp und besaß ein Einzelhandelsgeschaft, der andere war mit Leib und Seele Künstler.

1968 wechselte der Betreiber des Internates, und gleichzeitig hatte in kleinem Umfang die Lässigkeit und die Rebellion der 1968er-Generation Einzug gehalten in den Schulbetrieb. In weiten Teilen verharrte die Lehrerschaft in einer stock-konserativen Denkweise, mit Ausnahme des Deutschlehrers, der als jüngerer Lehrer nachgerückt war. Als Hausaufgabe mussten die Schüler in der Oberstufe eine Interpretation erarbeiten, welches Gedicht sie in ihrem Leben am stärksten beeinflusst hätte. Viele Schüler schrieben über Goethe, Schiller, Herder, Lessing. Die Rolling Stones hatten zu diesem Zeitpunkt das Album „Beggars Banket“ heraus gegeben, und als Rebell schrieb Wolfgang Niedecken über das Stück „Sympathy for the Devil“. Er sinnierte, dass der Mensch gleichzeitig mit den Göttern den Teufel erfunden hat. Er betrügt, hasst, lügt, verrät, mordet und begeht Verbrechen. Der Teufel verkörpert eine Sehnsucht, für das Böse im Menschen eine Erklärung zu finden, und Mechanismen zu finden, das Böse auszurotten. Den Teufel werden wir nie ganz klein kriegen. Der Teufel vertrieb uns aus dem Paradies, er zündete Rom an, er ließ die Soldaten auf den Schlachtfeldern von Verdun sterben, er war Lagerkommandant in Auschwitz. Der Deutschlehrer weigerte sich, die Interpretation zu bewerten. Sollte jemand anders aber eine Bewertung fordern, würde diese positiv sein.

Schon bevor der Betreiber des Internates gewechselt hatte, war Wolfgang Niedecken in ein Privatquartier in Rheinbach ausgezogen, da die Zustände in dem katholischen Internat unzumutbar waren. Je mehr es auf das Abitur zuging, um so häufiger erhielt er Damenbesuch. Es war Hille, die aus Ramershoven kam, zwei Kilometer entfernt von Rheinbach. Sie hatte ein Jahr zuvor ihr Abitur gemacht. Sie ließen es sich gut gehen, träumten in den Tag hinein, und manchmal holte sie ihn mit ihrem Simca ab und brachte ihn zur Schule. Sie war launisch, begleitete ihn, und trotzdem wollte es mit seinem Abitur in Rheinbach nicht so richtig werden. Die zwölfte Klasse musste er wiederholen, und als er zwei Fünfen hatte, eine in Mathe und eine in Latein, musste er das Rheinbacher Gymnasium ohne Abitur in der Tasche verlassen. Und auch Hille blieb ihm zwar treu, eine richtige Beziehung wurde es aber nie, weil sie einfach nur launisch und dauernd unterwegs war.

Ihr wechselhaftes Temperament lieferte ihm die Inspiration für das Stück „Anna“, das 1980 auf der LP „Affjetaut“ erschien:

„Moondachs besste ne Friedhoff
diensdaachs besste ne Puff
mittwochs dräumste dich früh
donnersdaach stirvste em Suff
friedaachs isste kei Fleisch
Sabbat arbeitste nie
spaars ding Kräfte für sonndaachs
Annamarie.“

Auch in etwas betagteren Jahren ist Wolfgang Niedecken Rheinbach treu geblieben. Es ist wie so oft mit der Vergangenheit, dass die dunkle Zeit im katholischen Internat ausgeblendet wird, während die positiven Eindrücke überwiegen. Sein Freundeskreis in Rheinbach wird nicht klein sein. Unter anderem ist es Hille in ihrer Rechtsanwaltskanzlei und die Musiker aus seiner ersten Band „The Troop“, mit denen er des öfteren in der Rheinbacher Stadthalle gespielt hatte.

Und wenn Wolfgang Niedecken auf Tour geht, dann ist auch Rheinbach dabei.



Quelle: Wolfgang Niedecken mit Oliver Kobold - Für 'ne Moment (Autobiografie)

Kommentare:

  1. Sehr interessant und das wusste ich auch noch nicht. So einige Platten, ja noch Schallplatten *gg*, hier im Schrank stehen mochte ich BAP schon als Kind und auch heute höre ich mir die Platten hin und wieder an.

    Viele Grüsse

    N☼va

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  2. Interessant, denn diese Rheinbach - Episode kannte ich nicht so genau. Wir waren nämlich Kommilitonen an der Kölner Werkschule. Noch gestern habe ich an ihn gedacht, als ich beim Rosenmontagszug auf sein Elternhaus mit dem Laden zuging.
    Verdamp lang her, verdamp lang...
    LG
    Astrid

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  3. Lieber Dieter,
    ich bin begeistert von deinen Ausführungen. Ich mag Niedecken und BAP sehr gern.
    Ich glaube, dass ich wohl alle Tonträger habe. Leider war es mir nicht möglich, einmal
    Live bei einem Konzert dabeizusein.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi

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  4. Ich mag die Musik auch sehr gern.
    Danke für die Infos. Da war auch für mich viel Neues dabei.

    Herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

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  5. Diese Zeit in dem Internat muss schrecklich gewesen sein. Wenn ich denke, was man den Kindern da angetan hat - und auch vielleicht heute noch antut, dann kann ich mich nur schütteln. Danke für diesen Post! Martina

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  6. Ich kann ich noch genau an eines der ersten Konzerte in Rheinbach erinnern. Damals waren sie noch gar nicht so bekannt. Meine Leibk´lings LP ist immer noch "Für Uszeschnigge". Seine Biografie habe ich auch irgendwann mal gelesen.
    Danke fürs Erinnern.
    Gruß vonner Grete.

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  7. W. N. war mir nie bekannt. Da hast du mir etwas interessantes erzaehlt.
    Ich habe Verdamp lang her kaum verstehen koennen, obwohl Koelsch mir ja eigentlich nicht fremd ist. So weit entfernt von Krefelder Platt isset ja nich, und dat kann ich oemmer noch.

    Ich hoffe, du hattest Spass anne Freud inne Karneval.

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