Sonntag, 1. Februar 2015

Bouvier und Carthaus

Bouvier hat im Juli 2012 geschlossen
Es war wie in der Alltours-Werbung: „Ich möchte meinen Weltuntergang heute um 18 Uhr bestellen“. Aber während sich bei Alltours alles zum Guten wendete, weil mit „Weltuntergang“ ein genialer Sonnenuntergang über dem Meer an einem sonnenüberfluteten Urlaubsort gemeint war, wendeten sich im Frühjahr 2012 beim Gang durch die Bonner Fußgängerzone die Dinge zum Bösen. Ohne Vorwarnung. Hatte ich noch in der Woche zuvor in der Buchhandlung „Bouvier“ nach Abiturhilfen für unsere große Tochter geschaut, traf mich kurz danach der Schriftzug „Wir schließen“ im Schaufenster wie ein Schlag. Dass sich Bouvier gleichzeitig für die jahrelange Treue bedankte, zog meine Stimmung noch weiter herunter, denn die Universitätsbuchhandlung konnte auf eine stolze 185-jährige Geschichte zurück blicken.

Bouvier war Familienerlebnis und prägte unsere Familiengeschichte. In meinem Studium deckte ich mich mit BWL-Fachbüchern ein. Sorgfältig wählten wir Bilderbücher aus, als unsere großen Kinder noch klein waren. Die kompletten Bände von Harry Potter hielten Einzug in unsere Familienbibliothek. Mit Wanderkarten von Bouvier bereitete ich Wanderungen vor, mit Reiseführern Urlaubsreisen. Nun sollte Bouvier unserer Großen durch das Abitur helfen. Und dann das Aus. Bouvier war bereits 2004 von der Thalia-Kette aufgekauft worden, Bouvier erwirtschaftete Verluste, Thalia wuchs mit einer neuen Buchhandlung in die gigantischen Größenordnungen des früheren Metropol-Theaters.

Räumung und Schließung vollzogen sich im Sommer 2012 wie ein Akt der Bürokratie. Abtransport, die Lichter gingen aus, die Hoffnung war gestorben, die Dankesworte an treue Kunden versperrten die Schaufenster wie eine Wand.

Carthaus schließt zum 30. Juni
Die Schließung von Bouvier traf mitten ins Herz der Fußgängerzone. Bonn blutete, was das Schmökern in Büchern betraf. Die neue Thalia-Buchhandlung wuchs in größenwahnsinnige Dimensionen, Bücher stapelten sich regelrecht. Der schmökernde Buchleser konnte sich zwar in einem eigenen Café-Bereich ausbreiten, es fehlte aber an Ecken, Nischen, Strukturen, übersichtlichen Themenbereichen, die voneinander abgegrenzt waren, so dass der Leser auf engerem Raum in diese unterschiedlichen Bereiche eintauchen konnte. Kleinere Buchhandlungen kapitulierten in der Fußgängerzone und schlossen früher oder später.

Nun schließt in der Fußgängerzone ein anderes Traditionsgeschäft zum 30. Juni 2015, das Bürobedarf verkauft. Die 160-jährige Firmengeschichte begann damit, dass Joseph Franz Carthaus 1852 eine Druckerei, einen Telefonbuchverlag und Geschäft für Bürobedarf gründete. Die Druckerei schrieb Geschichte, als sie 1875 das Bonner Tageblatt druckte, aus dem der spätere „General-Anzeiger“ entstand. 1948 druckte die Druckerei die Erstfassung des Grundgesetzes, danach waren Bundesministerien die Hauptauftraggeber. Mit dem Umzug vieler Bundesministerien nach Berlin wanderte die Druckerei nach Berlin.

So wie Bouvier, begleitete Carthaus unser Familienleben. Wir deckten uns mit Buntstiften für Kindergeburtstage ein, Carthaus prägte mit seinen Schulranzen die Einschulungen unserer Kinder. Für feierliche Anlässe wie die Kinderkommunion besorgten wir Danksagungskarten. Zuletzt hatte ich einen Füller für unser kleines Mädchen beschafft, damit sie ihren Füllerführerschein machen konnte. Carthaus half mit seinen Taschenrechnern meiner Ehefrau, dass sie sich auf ihrer Abendschule durch Potenzfunktionen oder Exponentialfunktionen durchkämpfen konnte.

Bouvier und Carthaus, das sind Beispiele dafür, dass Einzelhandelsgeschäfte mit treuen Kunden, kompetenter Beratung und einem breiten Warenangebot von einem Moment auf den anderen von der Bildfläche verschwinden.

Ladenlokal von Bouvier zur Vermietung
So manches ist daran der Online-Handel schuld. Shoppen auf der heimischen Couch verspricht Wachstumsmärkte sondergleichen, das freut sicherlich www.amazon.de, www.bol.de, www.kidoh.de und wie sie alle heißen. Zum Leidwesen von Buchläden und Geschäften für Bürobedarf, deren Waren austauschbar sind über ISBN-Nummern oder DIN-Normen. Der Kunde hat nur bedingt einen Bedarf, beraten werden zu wollen zu Kaufentscheidungen über Bücher oder Bürobedarf. Das Interesse am Buch hat ohnehin abgenommen. Die Aufmerksamkeit wird weniger beansprucht, wenn das Wissen aus Fernsehsendungen bezogen wird als aus Büchern – oder auch aus Wikipedia. Der Bedarf an Bürobedarf ist gesunken, weil Dokumente über Rechner und Laptop papierlos archiviert werden.

Man könnte die These aufstellen, dass Fußgängerzonen dazu bestimmt sind, sich aufzulösen. So manche Käuferscharen verlagern sich auf die grüne Wiese, wo Einkaufszentren mit kostenlosen Parkplätzen locken. Das ist eigentlich nicht neu, genauso wie dass Gartenmärkte, Baumärkte, Möbelhäuser, dessen Sortimente immer breiter werden, eine echte Konkurrenz sind, weil sie ihre eigene Erlebniswelt entwickeln.

Mit Bouvier und Cathaus dreht sich die Fußgängerzone am Beispiel Bonns in einer Abwärtsspirale. Pleitekandidaten verschwinden, andere Pleitekandidaten wie Karstadt warten. Cafés mit Stil und Atmosphäre verschwinden, anstatt dessen breiten sich Billig-Back-Ketten aus, wo man eng zusammen gequetscht in einem Nebenraum einen Kaffee trinken kann. Wenn ich durch die Fußgängerzone gehe, fühle ich mich erdrückt von Modeläden. Shops mit Smartphones sprießen wie Unkraut aus dem Boden. Die Vielfalt hat abgenommen, wenngleich das historische Umfeld dagegenhält. Käufer fühlen sich bisweilen abgestoßen von Einkaufszentren aus der Retorte, an denen alles neu und modern und künstlich ist.

Ich denke, dass ich mich noch geruhsam zurücklehnen kann. Immerhin kann die Bonner Fußgängerzone unverwechselbare Alleinstellungsmerkmale aufbieten. Die Weiten des Münsterplatzes mit dem Blick auf die romanische Kirchenkunst. Shoppen vor dem Beethoven-Denkmal. Mit vollbepackten Einkaufstüten am Rathaus vorbei flanieren, im Rücken das Denkmal von Kurfürst Max Friedrich. In Reichweite Abstecher vom Hofgarten und zum Alten Zoll. Es werden allenfalls Fußgängerzonen in kleineren oder mittelgroßen Städten sein, die sich auflösen und veröden. 

Kommentare:

  1. hmmmm....nun haste mich echt verwirrt und ich habe doch mal bei YT geschaut, Die Kids sprechen aber auch vom Sonnenuntergang um 18 Uhr, also zumindest falls du auch den Spot mit den Kindern meinst ;-)

    Tja, so wie bei dir habe ich es schon vor Jahren auch mit einigen Traditionsunternehmen in meiner Region erlebt. Leider-schade-frage ich mich heute schon fast gar nicht mehr woran es liegen mag. Da braucht man sich nur umhören und umschauen....dank Internet bekommt man alles ins Haus geliefert, oftmals sogar noch preiswerter als vor Ort gekauft. Keine Parkplatzsorgen, kein Einkaufsstress usw......tja, und die Menschen die sich dem nicht anfreunden können die bleiben oftmals auf der Strecke.

    Also ich kann mich nicht damit anfreunden. So mag ich es noch in Geschäfte zu gehen, mir die Dinge anzuschauen, sie zu fühlen oder zu riechen. Musik kommt bei mir noch aus dem Radio oder von CD (hin und wieder auch noch vom Schallplattenspieler), und beim lesen nehme ich immer noch ein Buch in die Hand.

    Bin ich dann altmodisch...wahrscheinlich ja, aber ich bin es gerne, und vor allem versuche ich auch hier immer die kleinen Läden mit zu unterstützen und kaufe dort ein. Allerdings muss ich auch zugeben das es nicht so große Preisabweichungen wie in D. gibt. Manchmal gerade zwei-drei Cent, und auf dem Bauernmarkt ist die garantiert frische Ware sogar noch günstiger als im Supermarkt.

    Einige Zukunftsfilme sind gar nicht mehr so weit entfernt was sich auf der Erde abspielt.

    Dir noch einen schönen Sonntag und liebe Grüsse

    N☼va

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  2. Ein sehr interessanter, wenn auch trauriger Artikel Dieter.
    Ich denke auch, dass der bequeme Internetkauf Schuld daran ist und ich muss sagen, dass ich auch zu denen gehöre, die den Internetkauf schätzen ... zumindest hier wo ich wohne. Würde ich in der Stadt wohnen und hätte bestimmte Geschäfte vor der Tür, würde ich wohl auch meine Bücher im Laden kaufen gehen und sie nicht bestellen. In den Mittagspausen habe ich keine Zeit für Einkäufe in Bonn und in der Freizeit für ein Buch z. B. wieder in die Stadt zu fahren ... ehrlich, da stelle ich mir meine wenige Freizeit anders vor. Ist halt nicht auf die Schnelle erledigt. Allerdings kaufe ich noch lange nicht alles im Internet. Wenn ich keine Beratung oder hinterher vielleicht Beratung oder Reparaturbedarf z. B. benötige, dann kaufe ich meist übers Internet. Diverse Elektrogeräte ab einer gewissen Größe oder Preis kaufe ich grundsätzlich im Laden. Und wenn ich für irgendwas eine Beratung benötige, dann kaufe ich sowieso nach der Beratung dann dort auch im Laden, denn das weiß ich zu schätzen.

    LG Frauke

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  3. Hatte es gerade letzte Woche von meiner Schwester erfahren, dass nun auch Carthaus schließt. Beide - Bouvier wie Carthaus - begleiten auch mich durch meine 16 Bonner Jahre, meine Schul- und Studienzeit. Früher, bei Bonnbesuchen, gehörte ein Gang in diese Geschäfte noch immer dazu. Aber zuletzt auch nicht mehr, da zu unübersichtlich, teilweise zu geschmäcklerisch ( und dabei eben nicht unser Geschmack ) und vom Service her auch nicht mehr das, was es mal war. Ich glaube, es liegt auch daran, dass der Kunde eben nicht mehr im Mittelpunkt stand.
    Gestern habe ich mir einen neuen Füller gekauft, im kleinen Fachgeschäft gegenüber dem "Kappes" ( 3. Eigentümer seit ich hier in Nippes wohne ). Ich hatte vorher versucht, in der City, im Carthaus - ähnlichen Kölner Fachgeschäft, eine Beratung zu bekommen. Alle Mitarbeiter waren sehr geschäftig... Dann kann ich eigentlich auch bei A*mazon kaufen!
    Es liegt sicher nicht nur an der Bequemlichkeit der Kunden, möchte ich zu bedenken geben. Es liegt auch an der Arroganz des Verkaufspersonals, das sich nicht in jedem Fall herablässt, einen wahrzunehmen.
    Viele kleine Geschäfte, die es nun wieder in den Veedeln gibt, machen sich das zu nutze und behandeln einen interessiert. Da geht man dann auch gerne hin.
    Einen schönen Sonntag!
    Astrid

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  4. das war absehbar.leider.die junge generation kauft lieber online, teilweise berechtigt weil die freizeit immer knapper wird (oder empfinde ich das nur so?).
    ach was liebe ich es in buchhandlungen zu stöbern, mich beraten und inspirieren zu lassen....aber auch ich bin nicht mehr so oft dort zu finden, selbst taschenbücher sind oft sehr teuer. früher bekam man dafür (dm zeiten) bildbände.traurig. lesen muss bezahlbar sein!
    liebe grüsse

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  5. Ich wohne auf dem Land und die kleinen Städte ringsum haben es verdammt schwer. Sooo viele Läden stehen leer. Alles alte Traditionsgeschäfte, so wie du sie beschreibst. Es ist ja wirklich so, dass der Internethandel boomt. Der kleine Händler vor Ort kann damit nicht konkurrieren. Ein kleiner Buchhandel existiert aber noch - Dank eines engagierten Eigentümers. Es fragt sich nur, wie lange noch!

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  6. Lieber Dieter,
    ich sehe in meiner näheren Umgebung ähnliches. Heute musste ich wegen eines Arztbesuches nach Baden, hatte noch etwas Zeit und bummelte durch die Fußgängerzone - ein paar Läden, in deren Auslagen ich im Vorjahr noch interessiert geschaut hatte, waren nun leer. Und im Radio sagten sie, in der Wiener Mariahilferstraße, einer der besonders großen und bekannten Einkaufsstraßen, müssen immer mehr Läden zusperren - verantwortlich dafür sei (auch hier) der Internethandel. Nunja. Vielleicht müssen wir mit dieser Entwicklung einfach leben... Zumindest, solange sich noch jeder einen Computer mit Internetanschluss leisten kann, wird der Trend wohl weiter in diese Richtung gehen - denn so braucht man sich nicht mehr abzuschleppen und kann sich die Ware bequem nach Hause liefern lassen. Um die Traditionsläden tut es mir dennoch leid, sie sind ein Stück Geschichte...
    Ganz herzliche Rostrosengrüße
    von der Traude

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  7. ja Dieter ... es gibt immer weniger von den alteingesessenen Geschäften. Ich finde das auch bedauerlich.
    Du hast das wieder sehr gut beschrieben.

    Herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

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  8. Das ist aber eine traurige nachricht, wie oft stöberte ich mit einem tochterkind in diesem buchladen, wo wir oft zeit u. raum vergaßen. Aber so ist wohl der zahn der zeit, leider!

    Trotz allem aber sonnige liebe grüße,
    Bine

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