Mittwoch, 4. Februar 2015

Fondsmanager und strafrechtliche Ermittlungen im Alten- und Pflegeheim Bonn-Dottendorf

Im Jargon eines Fondsmanagers hört sich das alles vollkommen easy an. Unsere Gesellschaft altert, das hatte nicht erst Frank Schirrmacher in seinem Buch „Das Methusalem-Komplott“ festgestellt. Unter der alternden Bevölkerung nimmt die Anzahl der Pflegefälle zu, das war schon so vor der Einführung der Pflegeversicherung 1995. Die Methusalems unserer Gesellschaft wollen in ihren Häusern, im Schoß ihrer Familie wohnen bleiben, bis es nicht mehr anders geht: Schlaganfall, Sturz, Demenz, dann kann der Weg ins Pflegeheim von einem Tag auf den anderen drohen, schlagartig und unvorbereitet. Angehörige ? Manchmal sind es Glücksfälle, dass Angehörige in der Nähe wohnen, die sich kümmern könnten. Aber allzu oft sieht die Realität anders aus: die Angehörigen haben sich in den Weiten unserer Republik zerstreut, sie sind in sich zerstritten oder im Mittelpunkt ihres Lebens steht das eigene Ich. Also zeigt die Kurve der potenziellen Pflegefälle steil nach oben.

Alten- und Pflegeheimen sind somit Wachstumskurven beschert, von denen andere Branchen nur träumen können. Neubauten kosten, barrierefrei, schwellenfrei, mit Bewegungsflächen für Rollstühle und Rollatoren, rollstuhlgerechten Bädern, niedrigen Griffflächen in Küchen, mit Notrufanlagen und Leitsystemen, die auf alle Wechselfälle des Alltags vorbereitet sind.

Wie einen bunten Blumenstrauß, stellen Fondsmanager ihr Portfolio zusammen. Sie sammeln Geld von Anlegern ein, dass sie dann scheibchenweise investieren. Hier eine Büroimmobilie, dort ein Einkaufszentrum, hier Eigentumswohnungen, dort ein Hotel, aber bitte: alles in exklusiver und teurer Lage, damit die Immobilie von explodierenden Grundstückspreisen profitieren kann, zinsbringend und renditestark. Vollkommen easy ist das. Und seit geraumer Zeit gehören Alten- und Pflegeheime ebenso zu diesem bunten Blumenstrauß.

Im einer Verkaufsbroschüre der DPF Deutsche Pflegefonds AG hört sich das so an:

„Das Leistungsspektrum der DPF Unternehmensgruppe konzentriert sich auf die Investition, Finanzierung, Entwicklung und das Asset-Management von Seniorenimmobilien … das sind sämtliche operativen Schritte von der Markt- und Standortanalyse über den Erwerb und die Finanzierung und das langfristige Management, bis zum Interim-Management des Betriebes … nur wer das Asset richtig versteht und sich in den Märkten bestens auskennt, kann langfristig erfolgreich agieren. Dieses Spezialwissen im Bereich des Betreibens von Pflegeheimen und Betreuten Wohnungen, der nachhaltigen Ertragsoptimierung auf der Immobilien- und Betreiberseite, der Projektentwicklung sowie der Finanzierungsstrukturierung, ist die Basis für dieses erfolgreiche Unternehmen.“

Die nachfolgenden Zusammenhänge sind konstruiert, sie dürften aber nicht allzu weit weg von der Realität liegen. Zwei Todesfälle in einem Alten- und Pflegeheim in Bonn-Dottendorf hatten zuletzt Aufsehen erregt, nachdem zwei Heimbewohnern im Alter von 70 und 75 Jahren falsche Medikamente verabreicht worden waren. Ob dies ursächlich geschehen ist, damit beschäftigt sich derzeit die Staatsanwaltschaft. Nachdem eine anonyme E-Mail an den WDR die Zustände in diesem Alten- und Pflegeheim als unhaltbar bezeichnete, ja, sogar Fälle von Körperverletzung und Diebstahl nannte, unternahmen Polizei und Staatsanwaltschaft weitere Schritte. Sie ermittelten über die beiden Todesfälle hinaus, sie beschlagnahmten Heimakten und veranlassten, dass das Heim wegen einer Gefährdung der Heimbewohner geschlossen wurde.

Der Betreiber des Alten- und Pflegeheims, die Senator GmbH, ansässig in Lübeck, unterhält weitere Heime in NRW, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Zum Bau und zum Betrieb von Alten- und Pflegeheimen könnten Gelder aus Immobilienfonds geflossen sein. Konkret liegen dazu keine Erkenntnisse vor. Allgemein und übergreifend hatte aber das Handelsblatt festgestellt, dass die öffentliche Hand Investitionen in Alten- und Pflegeheime nicht mehr stemmen kann. Daher müssten private Investoren einspringen, zwangsläufig, die dann von Immobilienfonds eingesammelt werden.

Fondsmanager, die nur Rendite und nichts anderes interessiert, könnte man dann mit einem Aufseher in einer Galeere vergleichen. Der Aufseher musste die Sklaven antreiben. Wenn diese nicht ihr Pensum erbrachten, wurden sie ausgepeitscht. Ausgepeitscht wird heutzutage niemand in Alten- und Pflegeheimen. Dafür gibt es aber andere Indikatoren, was den Umgang mit der menschlichen Ressource der Arbeitskraft betrifft.

30.000 Fachkräfte in der Altenpflege fehlen, ein Altenpfleger verdient mit durchschnittlich 2.568 € rund 600 € weniger als ein Krankenpfleger, das hatte zuletzt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung heraus gefunden. Chronisch unterbesetzt, im Grenzbereich zum Mindestlohn, dürfte eine gehörige Portion Idealismus und Menschlichkeit dazugehören, solch einen Knochenjob auszuüben. Oftmals schaffen es auch Leiharbeiter und Aushilfskräfte nicht, den Personalmangel zu beseitigen. Der Gesetzgeber sieht einen Mindestanteil von 50% heimeigenen Kräften mit einem dauerhaften Arbeitsvertrag vor, was in dem Dottendorfer Alten- und Pflegeheim nicht der Fall war. Planbare Tagesabläufe dürften unter diesen Rahmenbedingungen die Ausnahme sein. In ständiger Zeitnot, werden dann die Methusalems unserer Gesellschaft abgefertigt wie in einer Fabrik.

Ganz easy, optimieren Fondsmanager ihr Immobilien-Portefeuille, indem sie ganze Pflegeheim-Ketten von einer Gesellschaft in die andere umhängen. Hat es der alte Eigentümer nicht geschafft, die nötige Verzinsung heraus zu peitschen, dann wird es der neue Eigentümer versuchen. Selbst wenn Todesfälle geschehen, wird sich der Fondsmanager so verhalten wie der „Prügler“ in Kafkas Roman „Der Prozess“. Die Frage nach der Schuld wird er nicht stellen. Anstatt dessen wird er die Schuld weiterreichen in die Organisation, hinter der sich ein nebulöser Apparat versteckt. Seine einzige menschliche Regung wird er zeigen, indem er die Augen verschließt.

Kommentare:

  1. Lieber Dieter,
    da hast du ein heißes Eisen angefasst. Deinen ausführlichen
    Recherchen ist nichts mehr hinzuzufügen.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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  2. Entsetzlich! Die Rendite macht’s und der Mensch und die Menschenwuerde sind Nebensache.
    Wenn die Pfleger nicht bezahlt werden, wenn ihre Arbeit nicht anerkannt wird, kann man auch von ihnen keine Wundertaten erwarten.

    Wir haben uns auch mit der Frage der Versorgung im Alter befasst. Bei uns wird wohl das ganze Haus draufgehen; in ein staatlich gefuehrtes Altenheim will ich auf keinen Fall. Man kann eigentlich nur hoffen, dass man bis zum Sterben unabhaengig und halbwegs mobil bleibt.

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  3. 'Seine einzige menschliche Regung wird er zeigen, indem er die Augen verschließt'.
    Heute legst du einen Finger wirklich direkt in die Wunde!
    Aber: Verschließen wir nicht alle - vor so vielen Dingen - unsere Augen?
    Danke, dass du diesen Missstand einmal unter die Lupe genommen hast. LG Martina

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  4. Liebe Dieter
    Danke für Deinen lieben Kommentar auf meinem Blog.
    Herzlichst grüsst Dich Yvonne

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  5. Es ist deprimierend. Ich habe seit einem Jahr auf diesem Gebiet etliche Sorgen, bin aufgrund der Umstände zu solchen Lösungen wie Heimunterbringung genötigt und hoffe ( ganz blauäugig ), dass dort alles in Ordnung ist. Die in diesem Bereich tätigen Familienangehörige würden niemanden in einem Heim unterbringen. Aber ich habe keine Alternative...
    Wie alles, aus dem man Geld schlagen kann, wird entsprechend organisiert. Vielleicht magst du dich mit deinen Fähigkeiten und Kenntnissen mal mit TISA auseinandersetzen. Das ist dann die nächste Stufe...
    LG
    Astrid

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