Sonntag, 15. Februar 2015

Goethe im Rheinland

Die ersten beiden Begegnungen mit Bonn waren verkorkst, misslungen beziehungsweise geistesabwesend.

Verglichen mit anderen Dichtern und Denkern, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Rhein nicht zu den erstrangigen Reisezielen Goethes gehörte. Von einer Romantik des breiten Stroms mit seinen Burgen findet sich ungefähr nichts in seinen Werken. Andere Ziele trieben Goethe an. Zwei Jahre lang tingelte er durch Italien, er sog die Antike, das Mittelalter und die Renaissance in sich hinein wie kein anderer. Italien bezeichnete Goethe als seine eigene Wiedergeburt, und danach war er so randvoll mit Ideen und Inspirationen, dass Romane und Dramen nur so aus ihm heraus purzelten.

Mit dem Rhein hatte Goethe auch deswegen wenig zu tun, weil er sozusagen in seinem Zweitjob Dichter und Denker war. Er übte einen ordentlichen Beruf aus, also einen Beruf zum Geldverdienen, auf dem er sein Leben als Künstler aufsetzen konnte. Goethe hatte ab 1765 in Leipzig Jura studiert, danach war er ab 1771 in Frankfurt in einer Anwaltskanzlei tätig, ab 1775 wurde er im Herzogtum Eisenach-Sachsen-Weimar zum Minister ernannt. Dort war er für Bergbau und Wegebau zuständig, später wurde er sogar Finanzminister.

Goethes Reisen an den Rhein hatten ihn ins Rhein-Main-Gebiet geführt, als er in seiner Frankfurter Anwalts-Kanzlei tätig war, und an den Oberrhein, als er eine Zeitlang in Straßburg studierte. Der Rhein war somit für ihn eine Begleiterscheinung, kein zwingendes Muß, aber dennoch lernte er das Rheinland schätzen.

Wenn man Goethes Rheinreisen zusammenzählt, kommt man auf insgesamt acht längere Rheinreisen. "Ich sah den herrlichen Rhein", so schrieb Goethe in sein Tagebuch, und er war überwältigt von "der großartigen Landschaft, von Landesgröße und Wasserfülle". Es war weder Köln, noch Bonn, noch die rheinische Burgenromantik, die Goethe in einer gewissen Regelmäßigkeit ins Rheinland führte, sondern Düsseldorf. Fritz Jacobi war Philosoph, Jurist, Kaufmann und Schriftsteller, er bewohnte ein Landgut bei Düsseldorf und seine Freundschaft mit Goethe pflegte er über mehrere Jahrzehnte. Auf einer Reise nach Genf hatte er Jean Jacques Rousseau mit seinen Ideen der Aufklärung kennen gelernt. Um Jacobi bildete sich ein Kreis von Dichter und Denkern, die zu Denkern der Aufklärung wurden, das waren unter anderem Basedow und Lavater. Sie schrieben eigene Schriften zur Aufklärung und trafen sich in Düsseldorf in regelmäßigen Zyklen, um ihre Gedanken auszutauschen. Goethe war in diesem Kreis herzlich willkommen.

Geistesabwesend war Goethes erste Begegnung mit Bonn. Im Juli 1774 fuhr er mit eben diesen beiden Aufklärern Basedow und Lavater auf einem Schiff nach Düsseldorf. Das Schiff legte am Rheinufer an, und die beiden wollten dem 25-jährigen, der mit „Götz von Berlichingen“ einen ersten Ruhm erlangt hatte, die Stadt am Rhein zeigen. Aber Goethe war, bedeckt mit Mantel, Hut und einem Tuch, in der schwerfälligen Mittagshitze eingeschlafen. Als die beiden das Tuch anhoben, um ihn zu wecken, lautete sein einziger Kommentar: „Mach wieder zu“. Die träge Mittagssonne hatte somit Goethe vollends umnebelt.

18 Jahre später, war die zweite Begegnung mit Bonn nicht viel versprechender. Diesmal ruderte er auf einem Boot mit Fährmann und Diener rheinabwärts, um wieder einmal die Gebrüder Jacobi in Düsseldorf zu besuchen. Es geschah Ende Oktober 1792, als die drei einen weiteren Ruderer aufnahmen. Doch die beiden Ruderer stritten und zankten sich unablässig, bis der eine Ruderer den anderen ins Wasser stieß. Nur mit Mühe fischten die drei den Ruderer wieder heraus. Auf seinen Wunsch legten die drei in Bonn an, damit er sich bei klammen Herbsttemperaturen trockene Anziehsachen besorgen konnte.  Da das Boot heftig Schlagseite genommen hatte, war Goethe ebenso klatschnass geworden. Er übernachtete einem Wirtshaus, trocknete dort seine Habseligkeiten, und am folgenden Tag machte er sich so schnell wie möglich aus dem Staub.

Goethes dritte Begegnung mit Bonn verlief deutlich entspannter. 1815, als das Rheinland beim Wiener Kongreß Preußen zugeschlagen wurde, kam der Freiherr vom Stein am Hof von Eisenach-Sachsen-Weimar auf Goethe zu. Er beauftragte eine „Begutachtung des rheinischen Kunst- und Bildungswesens und der dortigen Altentümer“. Das war ein Auftrag, der ganz im Sinne des mittlerweile 66-jährigen Goethe war. Er hatte den Drahtseilakt hingekriegt, gleichzeitig Minister und Dichter und Denker zu sein, all seine Eindrücke aus seinen Italien-Reisen hatte er ausgespeichert, in seiner Freundschaft mit Schiller war er zum Sinnbild der Weimarer Klassik geworden.

Gemeinsam mit dem Freiherrn vom Stein erkundete er das Rheinland. Am 24. Juli 1815 erreichte er Köln, den 27. und 28. Juli widmeten die beiden gemeinsam mit dem Kölner Maler Heinrich Fuchs der Stadt Bonn.

Als Goethe auf  dem Alten Zoll spazierte, notierte er in seinem Tagebuch: „Man muss gestehen, dass die Aussicht entzückend ist. Der Rhein und das Siebengebirge links, eine reich bebaute und lustig bewohnte Gegend rechts, man vergnügt sich  so sehr dieser Aussicht, dass man sich eines Versuches, sie mit Worten zu beschreiben, kaum enthalten kann.“

Danach besichtigte Goethe die Kirchen, das war die Münsterkirche und die Kirche St. Gangolf, die mit dem Abbruch von Kirchen in der französischen Besatzungszeit nur noch eine Ruine gewesen sein dürfte. Er besichtigte die Überreste aus der Römerzeit, und ausgiebig viel Zeit nahm er sich, den Kunstsammler Kanonius Pick kennen zu lernen.

In seinen Tagebüchern nimmt Kanonius Pick einen breiten Raum ein: „Dieser heitere und geistreiche Mann hat alles und jedes, was ihm altertümlich in die Hände kam, gewissenhaft gesammelt, welches schon ein großes Verdienst wäre. Ein größeres hat er sich aber erworben, dass er, mit Ernst und Scherz, gefühlvoll und geistreich, heiter und witzig, ein Chaos von Trümmern geordnet, belebt nützlich und genießbar gemacht hat.“ Goethe schreibt ausführlich über Portraits, Landschaften, Kupferstiche, Münzen, Drucke, Manuskripte. Kanonius Pick hat sogar eine eigene Hauskapelle mit alten Glasfenstern besessen.

Goethe äußerte sich wohlwollend, ob Bonn der Standort einer Universität innerhalb des neuen Preußischen Staatsgebietes werden könnte. Bonn wetteiferte mit Köln, Düsseldorf und Duisburg. Wie die Geschichte lehren sollte, sollte Bonn die anderen Metropolen aus dem Rheinland überholen, wobei nicht bewiesen werden kann, welchen Anteil Goethes Sichtweise an der späteren Entscheidung hatte.

Ein Gedicht entstand als Bleistiftnotiz auf einem Zettel während seines Bonner Aufenthaltes:

„Locken, haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts.
Euch geliebten braunen Schlangen
Zu erwidern hab’ ich nichts.

Nur dies Herz, es ist von Dauer,
schwillt in jugendlichem Flor.
Unter Schnee und Nebelschauern
Rast ein Ätna dir hervor.

Du beschämst wie Morgenröte
jener Gipfel ernste Wand,
und noch einmal fühlt Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.

Schenke her ! Noch eine Flasche.
Diesen Becher bringe ihr.
Findet sie ein Häufchen Asche,
sagt sie. „Der verbrannte mir.““

Es findet sich wieder in der Gedichtsammlung des west-östlichen Divans.

Es gibt keinen Zweifel: das Rheinland hat Goethe inspiriert. Nicht alles war verkorkst, misslungen, geistesabwesend. 1818, als die Universität Bonn gegründet wurde, verschmolzen Dichtung und Wahrheit mit der ersten Generation der Bonner Professoren. Bereits alternd, hielt Goethe regen Kontakt. Viele Briefe mit den Professoren haben sich in der Handschriftensammlung der Universität erhalten.

Kommentare:

  1. Sehr interessant, lieber Dieter!
    Ich wußte zwar, dass Goethe ein sehr nahes und begeistgertes Verhältnis zu Italien hatte, aber icht, dass sein Verhältnis zum Rheinland zunächt eher verkorkst gewesen ist. Letztendlich war es aber Liebe auf den zweiten oder dritten Blick. und das ist ja auch schön! Manchmal braucht mal halt ein bisserl mehr Zeit, um eine Landschaft ganz und gar zu schätzen.
    Herzliche rostrosige Lachfaltengrüße,
    Traude
    (¸.•´..¸.•´¸.•*´) ¸.•*¨) ¸.•´¸.•*´)

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  2. Eine schöne Recherche über Goethe und sein Verhältnis zum Rheinland. Er hat es halt etwas später zu schätzen gelernt. :-)

    Liebe Grüße und dir eine schöne neue Woche
    Christa

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