Freitag, 6. Februar 2015

Bonn, Heinrich Böll und Ansichten eines Clowns

Hauptbahnhof vom Cassius-Garten aus
Er dürfte sich in seinem Grabe umdrehen. Das Geschehen in Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ spielt in dem engen Umfeld zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt. „Ich musste mich zurückhalten, um vor dem Bahnhof in Bonn nicht ein Taxi heran zu winken: diese Geste war so gut einstudiert, dass sie mich fast in Verlegenheit gebracht hätte … „, so beginnt der Roman, in dem Hans Schnier, von Beruf Clown, als freischaffender Künstler durch die Republik tingelt und zu seiner Wohnung zurückkehrt, die ihm sein Großvater geschenkt hat. 1963, in der Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit geschrieben, dürfte sich Heinrich Böll im Grabe umdrehen, da er das seiner Zeit harmonische Umfeld des Hauptbahnhofs  mit Hausfassaden aus der Gründerzeit nicht mehr wiedererkennen würde. Seitdem hat eine Abrißwelle, dessen Ausmaß unvorstellbar ist, den Bahnhofsvorplatz zu einem der häßlichsten Flecken in der Stadt entstellt, heutzutage ein Treffpunkt von Junkies, Dealern, Drogenabhängigen und Ordnungsbehörden, die die verwahrlosten Zustände nicht in den Griff bekommen.

Aus einem Aufenthalt von zwei Stunden in Bonn einen kompletten Roman zu schreiben, der aus zahllosen Rückblenden zusammen gestrickt ist, das gehört zu den Geniestreichen des Heinrich Böll. Mit dem Literaturnobelpreis, den er 1972 erhielt, ist er vielleicht der bedeutendste Nachkriegsautor im Rheinland. In all seinen Werken kritisiert er die Gesellschaft, allen voran Egoismus, Scheinheiligkeit, Heuchelei, Oberflächlichkeit, Mitläufertum und das verkehrte Verhältnis der Gesellschaft zu Geld und Kapitalismus.

Die Handlung ist denkbar einfach konstruiert: Hans Schnier, die Hauptperson, ist von seiner längjährigen Freundin Marie verlassen worden, die mit ihm außerehelich zusammengelebt hatte. Nun ist sie zu einem ihm bekannten Katholiken namens Zupfner gezogen. Weil er bei einem Auftritt, bei dem er betrunken war, von der Bühne gestürzt ist, haben die Veranstaltungsagenten, die ihm die Tourneetermine besorgen, ihn fallen gelassen und ihm zu einer längeren Pause geraten. Ohne Geld, muss er Freunde, Bekannte, Verwandte und jede Menge weitere Personen, die er in seinem Leben kennen gelernt hat, um Geld anpumpen. In insgesamt fünfundzwanzig Kapiteln nimmt er das christliche Weltbild unserer Gesellschaft auseinander, die Stellung der Moral in der Kirche, er prangert die Denkweisen des Nationalsozialismus an, die bis in die Nachkriegszeit überlebt haben.

Die Schilderung seines Schauplatzes Bonn ist ambivalent. Einerseits lobt er die Stadt: „Die Stadt ist wirklich hübsch: das Münster, die Dächer des ehemaligen kurfürstlichen Schlosses, das Beethovendenkmal, der kleine Markt und der Hofgarten. Ich atmete in vollen Zügen oben auf meinem Balkon die Bonner Luft, die mir überraschenderweise wohltat: als Luftveränderung kann Bonn für Stunden Wunder wirken.“

Andererseits benutzt er die Kulisse der Stadt, um in seinen fünfundzwanzig Kapiteln insbesondere die Kirche, den Glauben und die dahinterstehenden Menschen an den Pranger zu stellen. Somit verliert sich Böll mitunter in diffusen Umschreibungen: „Bonn hat immer gewisse Reize gehabt, schläfrige Reize, so wie es Frauen gibt, von denen ich mir vorstellen kann, dass ihre Schläfrigkeit einen Reiz hat. Bonn verträgt keine Übertreibung, aber man hat diese Stadt übertrieben. … Es weiß ja auch ein jedes Kind, dass das Bonner Klima ein Rentnerklima ist, es bestehen Beziehungen zwischen Luft- und Blutdruck.“

Einsam, deprimiert und Marie vermissend, trifft Hans Schnier im katholischen Bonn unweigerlich auf die eigene Vergangenheit. Er stößt auf die alltägliche Unmenschlichkeit und das permanente Versagen von denjenigen, die Gottes Wort predigen, aber nicht danach handeln. Beispielhaft begegnet er einem hochangesehenen Prälaten, in dessen Haus gleich mehrere gestohlene Madonnen stehen. Sein Bruder studiert Theologie, er will Priester werden und ist Teil eines Systems, das aus Materialismus, doppelbödiger Moral, Anpassung und Gehorsam besteht.

Tristesse des Bahnhofsvorplatzes
1963 geschrieben, hat die Allgegenwart der Kirche bis heute sicher eingebüßt. Die Nachwehen des Nationalsozialismus sind hingegen bis heute aktuell, aber anders. Das Verhältnis von Hans Schnier zu seinen Eltern ist vergiftet, seitdem seine Eltern seine Schwester als Flakhelferin in den letzten Kriegstagen zu Hitlers letztem Aufgebot geschickt hatten. Prompt wurde sie von den Alliierten überrollt und starb. Dabei gehört es zur Perversion des Weltbildes seiner Eltern, dass sie die US-Amerikaner als "jüdische Yankees" bezeichnen.

Sein Elternhaus, das in Rheinnähe liegt, beschreibt er so: „Die Stämme der Buchen in unserem Park waren schwarz, noch feucht, der Tennisplatz frisch gewalzt, rot, vom Rhein her hörte ich das Hupen der Schleppkähne.“

Hans Schnier verzweifelt an der Unbelehrbarkeit seiner Eltern. Sie stehen zu ihrem Verhalten, ihre Tochter für das Vaterland geopfert zu haben, und sie würden sich in derselben Situation nochmals so verhalten. Seine Eltern sind durch den Krieg sogar reich geworden, weil sie Braunkohleaktien gehortet haben, deren Wert in Kriegs- und Nachkriegszeiten gestiegen ist. Sein Vater, ein Unternehmer, hält sich eine Geliebte und ist Mitglied der CDU, wobei er seine christliche Weltanschauung nach vorne kehrt. Seine Mutter verkehrt zu regelmäßigen „jour fixen“ in einem dubiosen „Zentralkomitee zur Versöhnung rassischer Gegensätze“, dessen Name versöhnlich klingt, aber von dem niemand so richtig weiß, welche Art von Versöhnlichkeiten dort ausgeklüngelt werden.

Die einzige glaubwürdige Person inmitten all der Scheinheiligkeit ist Hans Schnier, der Clown. In aufrechter Haltung schwimmt er gegen den Strom, konsequent. Er läßt sich nicht verbiegen, trotzt allen Widrigkeiten, als Künstler behauptet er sich wie ein Fels in der Brandung. Seine Kunst, die Dinge in seinen Formen als Clown auszudrücken, treibt ihn an, mit einem Spaßfaktor als Motivationsschub.

So rund wie der Roman ist, endet er auch, wo er begonnen hat, nämlich am Bonner Hauptbahnhof. Weggeflutscht ist die letzte Mark des Hans Schnier aus dem Fenster auf eine daher fahrende Straßenbahn. Er findet niemandem, der ihm als brotlosen Künstler zu Geld verhilft. Also setzt er sich auf die Treppenstufen vor dem Bonner Hauptbahnhof, legt seinen Hut auf eine Stufe, er spielt auf seiner Gitarre, singt über den Papst und wartet, bis die erste Münze in den Hut fällt.

Kommentare:

  1. Eine schöne Reminiszenz an meine Jugend in dieser Stadt, an diesen Roman, an meinen eigenen Kampf mit der Bigotterie ( katholisches privates Mädchengymnasium. In der auf den Bahnhof führenden Poststraße habe ich zum Umsteigen in die Straßenbahn gewartet und mircden Clown auf den Stufen sitzend vorgestellt...Später, bevor die Gründerzeithäuser abgerissen wurden, habe ich in den dort ansässigen, damals neuartigen WGs verkehrt. Mein altes Bonn..
    LG
    Astrud

    AntwortenLöschen
  2. Ja, immer schlimm wenn man sowas sieht, und Böll würde sich wahrscheinlich auch im Grab umdrehen wenn er sehen würde dass das angeblich doch so "gewürdigte" Erbe (Wohnung samt Einrichtung und Bücher) von seinem Enkel doch nicht so gewürdigt wurde, und der "Platz" den er auf Teneriffa so geliebt hat so "heruntergekommen" ist. Keine schöne, ansprechende Gegend mehr.

    Viele Grüssle

    N☼va

    AntwortenLöschen
  3. Ein für mich wegweisendes Buch - es gehört zu den einhundert ersten, die ich las, denn bis zum 17. Lebensjahr las ich nur Comics: und dann auf einmal kam in er Schule die Sprache auf Lenz, Borchert, Langgässer, Kaschnitz...und Heinrich Böll, den ich zu verehren lernte! Hier wurde die von mir zu erfahrende Welt so gezeigt, wie ich es noch nicht ausdrücken konnte. Das ganze Zeug der Literaturgeschichte war einfach viel zu früh - und das ist mein Vorwurf an die Schule - die Geschichte der Literatur gehört von heute zurückerzählt, und nicht umgekehrt - ein Unfug sondergleichen. Aber egal, Hauptsache, die Bücher sterben nicht.
    War ein nettes Wiedersehen, Dieter, danke dafür. (Das Buch muß ich unbedingt noch mal zücken...die herrlichsten Probleme, die es gibt: wo lasse ich alles, wie konsumiere ich alles!)
    Zu erwähnen noch die großartige Verfilmung mit dem unvergessenen Theatermann Helmut Griem.

    AntwortenLöschen
  4. interesant geschrieben. Macht Lust auf Böll :-)

    Herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

    AntwortenLöschen