Donnerstag, 5. März 2015

mit dem Rennrad nach Bad Neuenahr und Dernau



Eärzbär in Wachtberg-Pech
Eine Woche nach Karneval sind Frohsinn und Geselligkeit verflogen. In Wachtberg-Pech ist der losgelassene Bär zahm, er kauert über dem Eingang der Gaststätte Küpper. In sich zusammengesunken, ruht er über dem Schild „Winterquartier Eärzbär“ in sich. Im Gemeindesaal hatte er durchgefeiert, durchgetanzt, durchgezecht, er hatte im Mittelpunkt des Karnevalstreibens gestanden. Die Ausprägungen des rheinischen Karnevals mögen eigenartig sein, stets lustig, ausgelassen, einfallsreich in vielen Facetten, so wie das Temperament des Rheinländers. Am Rosenmontag rückt der Eärzbär – oder auf Hochdeutsch: Erbsenbär - in Wachtberg-Pech in den Mittelpunkt des Geschehens. Brüllend und bettelnd krabbelt er auf allen Vieren mit Helfern und Musikanten durch den Ort. Nur durch wohltätige Gaben wie Bier oder Suppe ist er zu besänftigen. Der Karnevalsbrauch hat mit dem Abschied vom Winter zu tun: wenn der Bär aus der Höhle und die Erbsen aus der Schote kommen, wird es wieder warm, so die historische Ableitung.

Eine Woche nach Karneval trotze ich den einstelligen Temperaturen und schwinge mich auf mein Rennrad. Der Wind pustet auf den Höhen, hier und da reißen Streifen von Himmelsblau die betongraue Wolkendecke auf, unter meiner Fahrradbekleidung habe ich mich eingemummelt in einen Schal und einen dicken Winterpullover. Bonn, Alter Zoll, den Rhein entlang, Plittersdorf, Godesberg, Wachtberg-Pech, an der nächsten Ampel biege ich auf separatem Wirtschaftswege  nach links in Richtung Bad Neuenahr ab. Dort muss ich Farbe bekennen, denn ich habe Winterspeck angesammelt, und die Steigung zieht fulminant an. Irgendwie klappt es, ohne dass ich außer Atem gerate, gleichmäßig arbeite ich mich die Steigung hinauf, ich bin wieder drin im ambitionierten Rhythmus des Rennradfahrens. Das Landschaftserlebnis baut sich auf, als der Sträucherbewuchs aufhört. Die Straße kreist um den Wachtberg, das Siebengebirge ist zum Greifen nah, ich halte inne auf dem Wachtberg, das ist mit 259 Metern nicht ganz der höchste Berg, der der Gemeinde 1969 während der kommunalen Neuordnung den Namen gab.

Kurz vor dem Wachtberg streife ich das Ehrenmal, das ist eine etwas aufwändiger gestaltete Kriegsgräbergedenkstätte, bestehend aus jede Menge Gedenksteine und einer kleinen Kapelle.Nachdem ich mich von dem phänomenalen Ausblick auf das Siebengebirge habe berauschen lassen, geht es zurück zur Hauptstraße und dann weiter nach Berkum. Vom Prinzip her geht es immer geradeaus, vorbei an einem Traktor aus Stroh, über einen Kreisverkehr, an einem Einkaufszentrum vorbei, ich passiere die überdimensionale Kugel, die zum Fraunhofer-Institut gehört, dann geht es kurzer Hand wieder hinaus aus Berkum.

Kapelle in Werthhoven, erbaut 898
Dahinter, wage ich einen kurzen Abstecher durch Werthhoven, um eine einzige Zahl zu bestaunen. Ich biege von der Umgehungsstraße ab, schlängele mich durch den gedrungenen Ortskern, und nach einer Rechtskurve hebt sich eine kleine, charmante Kirche in prallem Weiß von dem spätwinterlichen Grün einer Wiese ab. Über der schweren, hölzernen Eingangstüre der Kirche St. Jakob entdecke ich die Zahl: die Buchstaben- und Ziffernfolge A. 898 D. dokumentiert das stolze Alter der Kirche. Die Jahreszahl hat es in sich, denn 898 schenkte König Zwentibold, das war der König von Lotharingien, diese Kirche samt einem karolingischen Gutshof dem Stift in Essen. Jahrhunderte und Jahrtausende haben die Kirche nur wenig verändert, und das ist tatsächlich einzigartig im Rheinland. Der Aachener Dom, gegründet 796, ist älter, ebenso die Grabeskapelle „ad sanctos gereos“, um 600, daraus wurde St. Gereon in Köln. Trotz der vielfältigen romanischen Kirchenbaukunst im Rheinland, fallen mir nicht allzu viele Kirchen ein, deren ungefährer Ursprungszustand sich erhalten hat und die auf eine noch längere Geschichte zurückblicken können.

Im Schatten der Jahreszahl 898 radele ich weiter. Noch geht es bergabwärts, und hinter den letzten Häusern von Werthhoven biege ich nach rechts auf die Umgehungsstraße ab. Dem Straßenschild nach Bad Neuenahr  haftet etwas magisches an, seine Deutlichkeit verwischt in der Spätwinterstimmung. Die Hänge steigen an, geradeaus, nach rechts, in meinem Rücken, egal, in welche Richtung ich mich wende. Nun muss ich mächtig treten, obschon die Länge des Anstiegs überschaubar ist.

Es sind zwei Aussichtspunkte, die die Schönheit dieser Tour ausmachen. Nachdem ich die letzten Höhenmeter gemeistert habe, überwältigt mich vom Scheitelpunkt der Kreisstraße K58 ein genialer Rundumblick. In meinem Rücken verabschieden sich die korpulenten Gipfel des Siebengebirges, die weiße, futuristische Kugel des Weltraumradars von Berkum habe ich hinter mich gelassen, nun fasziniert mich der Weitblick nach vorne. Bis in die tiefen Kerben des Ahrtals kann ich hineinspähen, linkerhand türmt sich vor dem Tal der massive Bergkegel der Landskron auf, in der Ferne bäumt sich entschlossen die Mittelgebirgslandschaft der Eifel auf. Rechterhand laufen all diese Kurven und Wellen im Landschaftprofil friedlich aus, wo die Euskirchener Börde in die Niederrheinische Tiefebene unterschiedslos übergeht.



Ausblicke vom Scheitelpunkt der Kreisstraße K58
Landskrone (oben)
Blick ins Ahrtal (darunter)
In Birresdorf donnert die Straße mit 10% Gefälle ins Tal hinunter, so dass ich quer durch den Ort mächtig abbremsen muss. Hinter dem Ortsende darf ich ein Stück wieder bergauf treten, bevor ich mich über Nierendorf und Gimmingen nur noch bergabwärts tragen lassen kann. Beide, Nierendorf und Gimmingen, sind alt, etwas mehr als eintausend Jahre, was damit zusammenhängt, dass viele deutschen Könige, vom Rhein kommend, ab dem 11. Jahrhundert über die Landskron nach Aachen zur Kaiserkrönung ritten. Eine befestigte Straße führte über dieses Seitental der Ahr, die im Mttelalter als AFH – oder in Langform „Aachen-Frankfurter-Heerstraße“ – strategische Bedeutung erlangte.

Ich fahre mitten durch Heppingen und biege dann nach rechts auf die Bundesstraße B266 ab.  Dass es die Gegenwart, einen Kilometer weiter, mit dem Apollinaris-Werk nicht allzu gut meint, dass läßt sich an Kleinigkeiten ablesen. Der Schriftzug der einst noblen Mineralwassermarke ist demontiert, die Herren von Coca-Cola müssen den Betrieb erst herunter fahren. Ob sie die Marke „Apollinaris – The Queen of Table Waters“ wieder ins Rampenlicht von früher schieben können, als die Marke zum Hoflieferant der Queen von England wurde, erscheint höchst ungewiss. Da die Absatzmärkte im Ausland weggebrochen sind, ist das Werk nicht ausgelastet und von Coca-Cola aufgekauft worden.

6 Kilometer bis Bad Neuenahr
An der nächsten großen Kreuzung biege ich nach links ab. Nachdem ich die Bahnschranken passiert habe, bin ich in Bad Neuenahr angekommen. Diesmal nehme ich nicht die gerade Strecke über die Hauptstraße nach Ahrweiler, sondern ich fahre quer durch die Fußgängerzone an die Ahr. Dort spüre ich schnell, dass das Kurleben und der Kurbetrieb die Stadt prägt. Schräg links verlasse ich die Hauptstraße in die Fußgängerzone. Der „Alte Markt“ sieht gar nicht so alt aus, wie sein Name verspricht, denn, umgeben von Einzelhandelsgeschäften, wurde die St. Willibrord-Kirche aus dem 17. Jahrhundert im Jahr 1904 einfach mal so abgerissen und durch eine neugotische Kapelle ersetzt. Dabei sieht die Kombination aus Fensterbögen, die in die Höhe streben, und dem kleinen Schieferdach, das die Kapelle in spielzeugartige Dimensionen zurecht weist, gar nicht mal schlecht aus. An der nächsten Seitenstraße biege ich links ab, und ich wurstele mich vorbei an Modeläden, Supermärkten, Reklameschildern und Schaufensterauslagen, die nicht soviel anders aussehen wie sonstwo in der Welt.

Das ändert sich schlagartig, als ich ein Stück weiter geradeaus die Ahr erreicht habe. In ihrem breiten Flußbett plätschert die Ahr gemütlich vor sich hin. Wuchtig, ausladend, verschachtelt, verziert mit Säulen und Art-Deko-Elementen begegnet mir die Fassade des Steigenberger Hotels am anderen Ahrufer.

Bad Neuenahr mag eine Ausnahmeerscheinung unter den Bäderstädten sein, von denen sich so manche mit dem Titel „Bad“ im Ortsnamen schmücken, aber keinen einzigen Kurgast beherbergen. Begonnen hatte alles mit einem verzweifelten Winzer. Nachdem der Winzer Georg Kreuzberg 1852 einen Weinberg gepflanzt hatte, der vor sich her kümmerte, bohrte er ins Erdreich hinein und stieß auf eine Mineralwasserquelle, die mit ihren Spurenelementen an Magnesium, Kalzium, Sulfaten, Chloriden, Jodiden, Flouriden alles enthielt, um gesund durchs Leben gehen zu können. Man bohrte weiter nach Heilquellen, man wurde fündig und gewann hochrangige Prominenz, die sich mit den heilenden Wassern viel Gesundheit und ein langes Leben erhofften. Georg Kreuzberg schulte um vom Winzer zum Bäder-Unternehmer. Es war Prinzessin Augusta von Preußen, die Ehefrau des späteren Kaisers Wilhelm I., die 1858 zwei Heilquellen in der Nähe der Ahr festlich einweihte, davon erhielt die eine Quelle ihren Namen „Augusta-Quelle“, die andere den Namen ihrer Schwiegertochter „Victoria-Quelle“.

Steigenberger Hotel in Bad Neuenahr
In den Folgejahren fand der Bäder-Unternehmer Georg Kreuzberg den Dreh heraus, wie sich aus den Heilquellen mehr machen ließ. Schon 1860 wurde ein Kurhotel mit einhundert Betten gebaut, das sich noch bescheiden „Der Gasthof im Bade Neuenahr“ nannte. Ein paar hundert Kurgäste zählte man damals. 1861 erbohrte man ein Loch für einen Geysir, dessen Fontäne in zwanzig Meter Höhe schoß. 1862 baute man ein Badehaus, weitere Kurhotels folgten, 1899 wurden das Thermal-Badehaus, der Ostbau und das Kurhaus gebaut.

Seit seiner Schrift, die ein Dr. Weidgen 1859 veröffentlichte, haben sich die Krankheitsbilder geändert. Damals waren es chronische Heiserkeit, Bronchialkatarrh, Erkrankungen an Lunge und Tuberkulose, Gicht, Rheumatismus, Gallensteine, Anschwellung der Leber, Krankheiten des Uterus, Hypochondrie oder Ekzeme. Heute sind es Erkrankungen an Wirbelsäulen und Gelenken, Stoffwechsel und Diabetes, Rheuma oder Krebs. Der Kurbetrieb wird so zum Spiegelbild des medizinischen Fortschritts. Krankheiten werden den Menschen stets begleiten, die Medizin hält mit Medikamenten und anderen Behandlungen dagegen. Mit den Einflüssen aus der Umwelt, dem Arbeitsplatz und den menschlichen Gewohnheiten verändern sich die Krankheitsbilder: manche werden seltener, andere bleiben, neue Arten von Krankheiten kommen dazu. Es gehört vielleicht zu den Merkwürdigkeiten der Stadtgeschichte, dass Bad Neuenahr mit Krankheiten an Größe gewonnen hat. 

Die Ahr entlang, nimmt mein Rennrad die Fahrt auf. Vom Fußgängerweg durch eine Baumallee getrennt, macht die Fahrt auf dem großzügigen Fahrradweg richtig Spaß. Kurgäste spazieren, flanieren, bummeln, entspannen sich, lassen es sich rund um den Kurpark gut gehen. Nun bewege ich mich ungefähr an dem Herzstück dieses quirligen Städtchens vorbei, das ist der Kurpark jenseits der Ahr. Bei der Gestaltung des Parks hatte der Preußische Adel mitgemischt. Mit seinen Beziehungen hatte Georg Kreuzberg den Gartenarchitekten Peter Josef Lenné geholt, er war ein Meister seines Faches, denn er hatte für die Preußischen Könige den Schlosspark von Sanssouci in Potsdam geplant.

So war 1881 in einem Führer durch das Ahrtal nachzulesen: “ Am Kurhaus  im Kurgarten sprudeln die beiden Brunnen in reichstem Maße. Prachtvolle Alleen nebst überdachten Spaziergängen, die mit lieblichen Blumenbeeten bekränzt sind, umschließen das Ganze. Eine gut besetzte Kurkapelle trägt zur Aufheiterung der Gemütsstimmung bei."

Kreuzwegstation bei Walporzheim
Von der ursprünglichen Gartengestaltung aus dem Jahr 1858 findet sich nicht allzu viel wieder, denn der Kurgarten ist einige Male neu bepflanzt worden. Zu bestaunen gibt es anstatt dessen anderes: das ist zum einen die Ehrenrosengalerie, in dem Persönlichkeiten wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck, die Fürstin Gabriele zu Sayn-Wittgenstein-Sayn, der Mainzer Karl Kardinal Lehmann mit Rosen geehrt wurden, oder den Kräutergarten, der nach den Schriften der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen angelegt wurde.

Der Radweg zieht sich fort, windet sich hier und da an Häuseransammlungen vorbei, bis er die Ahr auf einem breiten Teerweg begleitet. Je mehr ich mich Ahrweiler nähere, um so mehr passe ich auf. Diesmal möchte ich mich nicht durch die Fußgängerzone von Ahrweiler zwängen, sondern ich radele an Ahrweiler vorbei, indem ich der Fahrradbeschilderung in Richtung Walporzheim folge. Vor dem Ahrweiler Zentrum wende ich mich zunächst nach links. Ich überquere über eine Hängebrücke, die mit Stahlseilen gehalten wird, die Ahr, dann überquere ich nach rechts die Hauptstraße nach Ramersbach. Einhundert Meter radele ich im Zickzack durch Neubausiedlungen, dann öffnet sich freies Feld. Konsequent folge ich der Fahrradbeschilderung nach Walporzheim, Weinstöcke bedecken die Felder, das Tal beginnt sich zu verengen, in der Ferne fallen Steilhänge hinab ins Tal.

So ruhig und besinnlich wie der Kreuzweg plätschert die Landschaft daher. Ich fahre vorbei an der sechsten Kreuzwegstation. Ich kann Einblick nehmen in die Dramatik, bevor das grausame Verbrechen einer Kreuzigung vollbracht worden ist. Jesus drohte zusammenzubrechen, die Last des Kreuzes drückte, einsam waren die Menschen am Wegesrand, die Regungen von Mitleid zeigten. „Die Heilige Veronika trocknet das Angesicht Jesu ab“, so lese ich die Inschrift, hinterlegt von einem Relief, welches diese Szene aus dem Neuen Testament zeigt.

Gasthaus St. Peter in Walporzheim
Dieser Kreuzweg weckt seine eigene Geschichte wieder auf, er beginnt am östlichen Stadttor von Ahrweiler und endet auf dem Kalvarienberg. Zuerst war der Kreuzweg, dann kam das Kloster. Die sechste Station, auf der die Heilige Veronika auf die Bühne trat, besaß einen älteren Vorläufer, bevor der gesamte Kreuzweg 1627 saniert wurde. Die Geschichte der sechsten Station reicht zurück ins Jahr 1542, sie wurde zum musealen Besitz der Stadt Ahrweiler, solch ein Kreuzweg mit Elementen der Renaissance ist eine Seltenheit im Rheinland. Erst nach dem Kreuzweg kam das Kloster, das 1678 fertiggebaut wurde. Seit der Jahrhundertwende um 1900 hat hier Klosterorden der Ursulinen das Sagen, die Klosterschwestern betreiben ein Gymnasium und eine Realschule samt Internat.

Kurz darauf erreiche ich Walporzheim, indem ich auf die Hauptstraße nach links abbiege. Im Ortskern nennt sich auf der linken Seite das Gasthaus St. Peter mit der Jahreszahl 1246 stolz „das älteste Gasthaus der Eifel“. Seine Entstehungsgeschichte reicht sogar noch weiter zurück, bis ins 6. Jahrhundert. 1246 war schließlich das Jahr, in dem die Kölner Erzbischöfe das Gasthaus für ihre Zwecke entdeckten. Das Gasthaus ging in das Eigentum das Kölner Domkapitels über, und dort verkosteten die Geistlichen die Ahrweine. Der weißgestrichene Bau mit der namensgebenden Petrusstatue in der Nische über dem Eingang beeindruckt, nicht nur mit den Fensterläden, die in rot-weiße Dreiecke gefasst sind, sondern auch mit den Wortschöpfungen der Menüs auf der Speisekarte. Hier scheinen sich die hohen Künste des Kochens im Ahrtal versammelt zu haben. Die Speisekarte klingt wie eine Sonate im Konzertsaal: das Carpaccio vom Black Angus Rinderfilet ist garniert mit Grünpfeffer-Creme, der Seeteufel harmoniert mit asiatischen Gemüsenudeln, das Blutorangen-Sorbet ist eingetaucht in Rosé-Sekt, das Salzwiesen-Lammrücken verziert provencalisches Gemüse, den Rohmilchkäse gibt es vom Holzbrett, das Kokosnußparfait ist perfekt wie seine Wortherkunft aus Frankreich. All das kann man für 82 € verspeisen – mit sechs Gängen klingt das Menü gar nicht mal so teuer. Mir reicht die Vorstellung dieser kulinarischen Genüsse. Das treibt mich voran, und lautlos schleiche ich mich weg von diesem Gourmet-Tempel, der das Ahrtal mit seinen Genüssen in das rechte Licht rückt.

Felsen der Bunten Kuh mit Gasthaus
Unter der Bahnunterführung biege ich nach links auf die B266 ab, wo mich alsbald die tief in das Ahrtal eingegrabene Felsenlandschaft erwartet. Felswände ragen senkrecht hinauf, und auf diesem spektakulärsten Teil der Radtour kommt es mir sogar wie ein Wunder vor, dass sich das Gasthaus „Bunte Kuh“ inmitten dieses Felsenmeeres behauptet, unversehrt, unbeschädigt und ohne Steinschlag. Kühe im Ahrtal ? Und dazu noch eine bunte Kuh ? Vielleicht sogar lila gestrichen wie die Milka-Kuh aus der Werbung ? Die Erklärung ist im Prinzip einfach: derjenige Felsvorsprung, der sich in der Höhe zum Gasthaus „Bunte Kuh“ neigt, soll die Gestalt eines Kuhkopfes haben. Dass dieser Kuhkopf zudem noch bunt angemalt sein soll, dazu gehört einiges an Phantasie, dass der schräge Einfall des Sonnenlichtes die Felspartien in ein glitzerndes Farbspektrum verwandelt. Einer der Erklärungsversuche, wie die Bunte Kuh zu ihrem Namen kam, stammt aus der Napoleonischen Besatzungszeit. Im Gasthaus hatten die Soldaten reichlich Ahrwein getrunken, der ihnen auch vorzüglich schmeckte. Diese Wertschätzung kommentierten sie mit dem Satz: „Le vin a bon goût“. Der Wirt, des Französischen nicht mächtig, wusste mit „bon goût“ nichts anzufangen.  Kurzer Hand verdrehte er einige Buchstaben um und machte daraus „bunte Kuh“.

Noch einmal waren es Napoleons Truppen, die ein paar Kilometer weiter, in Marienthal, einen Blickfang von morbider Schönheit hinterlassen haben. Mit meinem Rennrad fahre ich an besten Steillagen vorbei, die Böden aus Löß und Lehm haben die klingende Namen von Weingütern geschaffen haben. Klostergarten und Stiftsberg, Rosenberg und Jesuitengarten, die Weinlagen führen um das Seitental herum, und wenn ich zur Ortsmitte von Marienthal schaue, stelle ich zufrieden fest, wie schön doch Ruinen sein können. Efeu rankt sich um die Vorderfront, die hohen Fenster greifen ins Leere, das Dach ist amputiert, im Zeitalter der Säkularisation hatten die Französischen Truppen ganze Arbeit geleistet, Kirchen zu entblößen, zweck zu entfremden oder ganz nieder zureißen. Die Wurzeln von Marienthal reichen ins Mittelalter zurück, 1137 hatten die Grafen von Saffenburg ein Augustinerinnenkloster namens „Mariae vallis“ gestiftet. In der Napoleonischen Ära gingen nun die Franzosen mit allem rabiat um, was der Kirche gehörte. 1811 wurde mit dem Abbruch begonnen. Es ist den Preußen zu verdanken, dass dieses Stück Ruine stehen blieb, als sie Napoleon aus Deutschland vertrieben.






Dernau, Ausblicke über die Weinberge hinweg
in Richtung Rech (oben)
Tunnel zum Regierungsbunker (darunter)
Weinköniginnen (darunter)
direkter Blick auf Dernau (unten)
Ich fahre weiter nach Dernau. Der Blick trügt, dass ohne Touristen hier der Hund begraben zu sein scheint. Die Lokale haben entweder geschlossen oder sie sind menschenleer, doch dieses Bild wird sich mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen ändern. Und zu Herbstzeiten, wenn das eine Weinfest das nächste jagt, wird man hier bis auf die Straße Schlange stehen. Dernau beweist im übrigen, dass die Römer das Ahrtal besiedelt haben, denn 1934 grub man beim Bau des Kellers des Winzervereins auf Überreste eines römischen Gutshofes. Diese liegen im Ortskern, während ich mit unvermindertem Tempo die Hauptstraße passiere.

Hinter dem Ortsende von Dernau biege ich nach rechts ab, das Straßenschild weist nach Esch und steigt unvermittelt an. Dort strebe ich auf den zweiten Aussichtspunkt zu, der die Schönheit dieser Tour ausmacht. Die Steigung hat es in sich, steil schraubt sie sich in die Weinberge hoch. Ich halte dagegen, indem meine Beine ihr Pensum abarbeiten. Die wechselnden Ausblicke machen die Faszination des Anstiegs aus. Zunächst ist es das Ahrtal, das sich in einen engen Schlauch in Richtung Rech hinein preßt, dann ist es ein Aussichtsturm auf der anderen Seite der Ahr, dann ist es die Öffnung zum Regierungsbunker, der mit Sperrholzplatten verrammelt ist und trotz aller Geheimniskrämerei eigentlich nicht zu übersehen ist.

Autobahn A61 vor Gelsdorf
Er ist ein Relikt des Kalten Krieges. Ich erkenne die tunnelartige Konstruktion, wo tatsächlich 1910 der Bau einer Eisenbahntrasse aus dem Ahrtal nach Rheinbach und Liblar begonnen wurde, um hauptsächlich Braunkohle zu transportieren. Später, ab 1914, rückte die militärstrategische Bedeutung in den Vordergrund. Der Tunnel wurde gebaut, doch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verboten die Alliierten den Weiterbau. Zu Zeiten des Kalten Krieges gab es zwischen den NATO-Staaten ein Abkommen, dass ein Ausweichsitze der Regierungen bereitzuhalten waren, wenn der Verteidigungsfall ausgerufen worden wäre. In Zeiten atomarer Bedrohung wurde der Regierungssitz unter die Erde verlegt, wozu das vorhandene Tunnelsystem aus der Zeit des Ersten Weltkriegs bestens geeignet war. Das war Top-secret, wie neun Jahre lang unter der Erde gebuddelt wurde, von 1962 bis 1971. 5,7 Milliarden Mark verschlang der unterirdische Bunker, über insgesamt siebzehn Kilometer erstreckte sich das unterirdische Tunnelsystem, das reichte nicht ganz bis zur Hardthöhe, aber immerhin: der Bundeskanzler hätte dort seine 3.000 wichtigsten Mitstreiter aus seiner Regierung und den Ministerien unterbringen können, dreißig Tage lang hätte diese Besatzung bei einem atomaren Ernstfall mit dem Proviant von Fertig-Nudeln, Leberwurst aus der Dose oder abgepackter Salami überleben können. Doch diesen Fall hätte ohnehin niemand zu denken gewagt.

Bäume und Wald lösen die Weinberge ab, während der Anstieg nicht nachlässt. Mit zunehmenden Höhenmetern legt die Schönheit dieses Ausblicks nochmals zu: nach einer 360 Grad-Kurve habe ich die volle Sicht auf das Ahrtal mit einem Postkartenblick auf Dernau, dessen Häuser ganz unten im Ahrtal nun so klein wie Spielzeug aussehen. Ich fahre weiter, der Anstieg dauert noch ein Stückchen an, und nun verschwinde ich aus dem Ahrtal in die Grafschaft. Esch ist der erste Ort in diesem künstlichen Gebilde der Grafschaft, wo die Mittelgebirgsränder der Eifel auslaufen. Seicht kann ich mich den Berg hinunter rollen lassen, in Esch halte ich mich rechts, dann folgen die Ortsteile Holzweiler, Vettelhoven und Gelsdorf.

Den Wind im Rücken, lasse ich mich zu meinem Ausgangspunkt zurück treiben. Ich spule die restlichen Orte Meckenheim und Witterschlick wie in einem Akt der Routine herunter. Ich folge der Bundesstraße B56 bis in die Bonner Innenstadt zum Alten Zoll.

Strecke (73 Kilometer):


Höhenprofil:


Kommentare:

  1. Wow, das ist wieder einmal eine Mammuttour und eine Beschreibung
    vom Allerfeinsten.
    Eine tolle, interessante Tour. Viel Kultur hast du uns nähergebracht.
    Einen sonnigen Donnerstag wünscht dir
    Irmi

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  2. Aha, das Radeln hat wieder begonnen. Da wirst du dich ja über die demnächst angesagten Temperaturen freuen.-
    Danke für deinen Blog - Tipp. Habe mich sofort "heimisch" gefühlt, weil dort alles versammelt war, was ich liebe: Paris, Monets Garten, Venedig, der Peleponnes ( uns dann noch die Erwähnung des SOE - Agenten Fermor, dessen Domizil & Buch über die Mani ich sehr gut kenne ), Südfrankreich, Kunst...Im Netz wird die Welt wirklich zum globalen Dorf...
    Ganz liebe Grüße!
    Astrid

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  3. Puh, was für ne Tour....da biste ja schon wieder voll im Training *gg*, hast wieder viel gesehen und danke für die interessanten Impressionen in Wort und Bild.

    Herzliche Grüsse

    N☼va

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  4. boah ... das war eine lange Strecke ... und du hast sie wieder toll beschrieben.
    Da ist nicht nur der Erbsenbär interessant :-) ... es macht Spaß bei deinen Fahrradfahren so viel miterleben zu können.
    Die Fotos sind auch sehr schön.

    Herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

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  5. Ich kenne die Strecke und war gerade sowas von froh, dass ich in einem Pkw unterwegs war. Ansonsten hätte ich es lebend nicht überstanden! :-) LG Martina

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  6. Hallo
    Du fährst nicht nur , du nimmst alles auf.
    Sehr gut geschrieben.
    Gruß

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